Montag, 10. Oktober 1983
Lee und Amanda nahmen von den Möbelpackern am Montagmorgen pünktlich um 9 Uhr die Umzugskisten und Möbel in Empfang und zogen in das kleine Haus in einer Straße der Betsy Ross Estates ein. Amanda hatte sich für mindestens drei Tage von zu Hause verabschiedet, mit der Ausrede, mit zu einem Film Ort fahren zu dürfen. Ihre Mutter fand dies als Einstieg in eine neue Arbeit doch gleich als einen tollen Anfang. Sie hatte ihr noch mit auf den Weg gegeben, sie sollte sich doch mal umschauen, ob es einen netten Regisseur geben würde. Amanda hatte schmunzeln müssen, da ja Lees Tarnung bei der IFF tatsächlich die eines Regisseurs war.
Nun stand sie mit Lee vor dem Haus und wunderte sich über den einen oder anderen Einrichtungsgegenstand. Hauptsächlich fand sie diesen großen Büffelkopf unmöglich.
Später im Haus, während sie alles einrichteten überlegte Lee, wie sie nun in Kontakt mit den Nachbarn kommen würden. Da ihm die Idee fehlte fragte er Amanda:
„Wir müssen uns nun etwas überlegen, wie wir die Nachbarn kennen lernen werden."
„Nein, brauchen wir nicht."
„Aber, das ist unsere Aufgabe."
Amanda kicherte und ging zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, das wird von selbst geschehen, warte nur einfach. Es dürfte nicht mehr so lange dauern."
Lee sah sie verständnislos an.
„Du wirst sehen, wir werden noch nicht mal Zeit haben, hier uns einzuleben, dann sind die Nachbarn schon da."
Sie zog ihm eine Spinnenwebe aus den Haaren, der sich dort verfangen hatte, als er diesen furchtbaren Büffelkopf im Wohnzimmer angebracht hatte.
Er nahm ihre Hand und gab ihr einen Kuss auf die Handfläche: „Diesbezüglich muss ich mich ganz auf dich verlassen."
Seine Augen blitzten vor Übermut und er fragte mit leiserer Stimme: „Ob wir genug Zeit haben, damit ich meiner Ehefrau im neuen Haus einen Kuss geben kann?"
Er verringerte dabei den Abstand zu ihr und strich ihr zärtlich den Arm hoch.
„Versuche es." Bekam er atemlos zur Antwort.
Lächelnd beugte er sich zu ihr und ihre Lippen trafen sich vorsichtig. Aber bevor sie irgendetwas weiterführen oder vertiefen konnten ging die Hausklingel.
Amanda zog sich von ihm zurück: „Vermutlich unsere Nachbarn."
Damit hatte sie recht und Lee musste sich dann eingestehen, dass er von dieser Sache des Lebens in einem Vorort wirklich keine Ahnung hatte.
Lee hatte sich dem Trubel im Wohnzimmer entzogen. Er mixte lieber Erdbeer-Daiquiris in der Küche. Ihm war klar, dass er so nicht an die notwendigen Informationen von den Nachbarn kam, aber irgendwie waren ihm das gerade zu viele Nachbarn. Zwar passte ihm das mit dem Mixen auch nicht unbedingt, aber so konnte er wenigstens kurz durchatmen. Und irgendwer musste es ja machen. Amanda lief die ganze Zeit geschäftig mit dem Tablett, beladen mit Knabbereien und seinen gemixten Daiquiris, zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Ihr schien dieser Trubel aber nicht das geringste auszumachen. Er war so froh, dass sie da war.
Amanda kam in die Küche zurück.
„Hast du schon eine Harriet Rosemont unter unseren Gästen gefunden?" fragte er sie.
„Ja, ich glaube schon. Muss aber noch mal genauer aufpassen, wer das war. Warum?"
„Ihr Name stand auf dem Zettel, der bei dem Toten gefunden worden ist. Und Betty Bodine war die Anruferin."
„Mr. Bodine ist im Wohnzimmer. Ihn habe ich schon kennen gelernt. Er ist gekommen, obwohl Betty vermisst wird."
Sie drehte sich zu Lee um.
„Ich brauche noch zwei Erdbeer-Daiquiris. Gieß nicht so viel Rum rein, dann reicht es länger. Wir wollen doch unsere Nachbarn nicht betrunken machen."
„Dann werden sie vielleicht geschwätziger." Meinte Lee grinsend, setzte aber den Rum sofort ab und verschloss die Flasche. Dann mit einem amüsierten Seitenblick zu Amanda:
„Wo steht in meinem Vertrag, dass ich Daiquiris mixen muss? Ich hasse das. Ich will die Scheidung."
Während er lachend den Deckel auf den Mixer machte, trat Amanda mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht näher an ihn heran.
„Es gibt keine Scheidung. Das du nicht gerne Daiquiris mixt ist kein Scheidungsgrund. Glaub mir, ich kenne mich damit aus."
Er spürte ihren warmen Atem an seiner Wange und drehte sein Gesicht zu ihr. Ihre Blicke trafen sich und verbanden sich miteinander. Ohne darüber nachzudenken hob er seine linke Hand, fuhr ihr damit in ihre lockeren Haare am Hinterkopf und zog sie zu einem festen Kuss an sich ran. Amanda erwiderte den Kuss. Als sie den Kuss dann brachen meinte er grinsend:
„Wir sind hier verheiratet. Und du gibst mir keine Scheidung."
Amanda lachte amüsiert auf und ging dann mit ihrem Tablett in Richtung Wohnzimmer. An der Küchentür blieb sie noch einmal stehen:
„Die Daiquiris hole ich gleich. Und die Scheidung bekommst du nun bestimmt nicht." Kichernd verschwand sie zu den Gästen und ließ einen vergnügten Lee in der Küche zurück.
Kurz darauf kam Lee nun mit den beiden Daiquiris selbst ins Wohnzimmer. Er sah Amanda mit drei Frauen reden und ging zu ihr.
Das Tablett mit den Getränken balancierte er mit der linken Hand während er den drei Frauen gutgelaunt die Rechte reichte und sich vorstellte. Bei seinem freundlichen Lächeln kamen seine Grübchen zum Vorschein.
„Hallo Judy," begrüßt er Judy Wainwright mit einem breiten Lächeln. „Wir hatten uns ja bereits kennen gelernt."
Dann wand er seine Aufmerksamkeit den beiden anderen Frauen zu:
„Lee Morton. Schön, dass sie uns besuchen."
Die drei Frauen reagieren sofort auf sein auftreten und die zwei ihm noch nicht bekannten Damen haben nichts Eiligeres zu tun, als ihm die Hand zu reichen und sich vorzustellen:
„Karen Turkell"
„Harriet Rosemont"
„Schön sie kennen zu lernen. Wir hoffen uns hier schnell einzuleben. Aber wenn wir von allen so freundlich aufgenommen werden, dürfte das ja schnell geschehen."
Er erntete nur vergnügtes Lachen und er konzentrierte sich als nächstes auf Amanda:
„Liebes, für wen waren die zwei Daiquiris?"
„Da bist du hier genau richtig. Sie waren für Karen und Judy."
Amanda gab ihm einen Kuss auf die Wange und Lee legte einen Arm um ihr Taille, während er das Tablett den beiden Frauen hinhielt, damit sie sich jeweils ein Glas nehmen konnten.
Da läutete nochmals die Türklingel. Lee nahm das Tablett in die rechte Hand und ging zur Tür, nachdem er Amanda angedeutet hat, dass er sich darum kümmern würde.
Während er weg ging hörte er noch Judy sagen:
„Amanda, wenn du wirklich einen Job suchst, dann werde ein Connie Beth Girl…"
Nachdem die Polizei vor der Tür stand und die traurige Mitteilung für Mr. Frank Bodine hatte, dass seine Frau Tod aufgefunden worden war, hatte sich die Willkommensparty auch schnell aufgelöst. Mr. Bodine war mit den Polizisten in sein Haus hinüber gegangen. Harriet Rosemont und ihr Mann waren mit gegangen, um ihm beizustehen.
„Dumm, dass wir nicht mit gehen können. So erfahren wir nicht, was geschehen ist." Brummte Lee unwillig.
„Ruf Mr. Melrose an, damit er sich Einblick in die Untersuchungsakten der Polizei holen kann, oder geht das nicht."
„Schon, aber dann ist denen bekannt, dass der Geheimdienst Interesse hat. Dann wird das Ganze zu aufgebauscht und kommt womöglich noch in die Presse."
„Verstehe. Was für Möglichkeiten haben wir dann?"
„Wir sollten beobachten, ob Bodine die Nacht im Haus bleibt. Wenn nicht, schauen wir uns dort mal um. Ansonsten werden wir ihm morgen einen freundlichen Beileidsbesuch abstatten. Immerhin war er bei uns, als die Polizei kam."
„Ok, aber jetzt noch was anderes. Karen, Harriet und Judy haben mir von ihrer Arbeit als Connie Beth Girl erzählt. Sie verkaufen Kosmetikartikel sozusagen an der Haustür. Und zu diesen Kosmetikartikeln gehören auch Haartrockner. Und Betty Bodine war auch ein Connie Beth Girl. Du hattest mir doch erzählt, dass sie bei diesem Abgeordneten angerufen hatte und irgendein Problem mit gefährlichen Haartrocknern hatte."
„Ja, das hatte Francine so herausbekommen. Sie hatte auch einen anderen Mann genannt, an wen Betty Bodine dann verwiesen worden war. Am besten sollte das Francine morgen noch einmal überprüfen. Aber das könnte etwas sein. Zumindest hätten wir bei beiden einen Haartrockner. Wir sollten bei Bodine nach Haartrocknern suchen.
Während sie sich unterhalten hatten, räumten sie die Küche und das Wohnzimmer auf. Dann ging Lee kurz ins Badezimmer.
Amanda hatte sich im Wohnzimmer auf einen Stuhl gesetzt. Ihr taten nun doch die Füße nach dem anstrengenden Tag weh. Sie zog ihre Schuhe aus und fing an, einen Fuß mit den Händen zu massieren. Sie hatte ihn sich auf den Oberschenkel gelegt.
Lee kam gerade zurück ins Wohnzimmer und sah Amandas Bemühungen.
„Zuviel heute auf den Füßen gewesen?" Er setzte sich auf die Couch ihr gegenüber und hielt ihr die Hände einladend entgegen.
„Las mich deine Füße massieren, dann geht es gleich wieder besser."
Amanda stockte in ihren Bewegungen und schaute ihn verwundert an:
„Du meinst das ernst?"
„Ja, wieso nicht. Mir werden magische Hände nachgesagt." Lee zwinkerte ihr vergnügt lachend zu.
„Na gut. Wir werden ja sehen." meinte Amanda und streckte ihm einen Fuß entgegen. Sie hatte noch ihre Strümpfe an, daran änderte Lee nichts. Er ließ seine Finger mit ausreichend Druck über ihre Fußsohle wandern.
Oh Gott, dachte Amanda, das war ein Fehler gewesen. Von ihren Füßen aus ging ein Kribbeln durch ihren Körper. Sie hätte ihn nicht so nah kommen lassen dürfen. Nur mit Anstrengung konnte sie ein Stöhnen des Vergnügens unterdrücken. Um sich abzulenken begann sie ein Gespräch:
„Glaubst du wirklich, ich sollte diesen Job annehmen, über den Judy gesprochen hat?"
Lee war das Gespräch auch sehr recht. Er fühlte sich unwohl, da das berühren ihrer Füße, das spüren ihrer Wärme, seine Gedanken und Gefühle in ganz andere Sphären gelangen ließ:
„Amanda, der Verkauf von Connie Beth Cosmetics von Tür zu Tür ist perfekt! Du wirst in jedes Haus in dieser Gegend kommen."
Amanda stöhnte auf, als Lee eine empfindliche Stelle an ihrem Fuß erwischte:
„Ja. Von Tür zu Tür. Zum Blasen an den Füßen bekommen. Blasen habe ich heute keine, aber die Füße tun mir trotzdem weh. Im Moment ist das für mich nicht verlockend."
Lee meinte lachend: „Jetzt kannst du dich erst mal ausruhen, bis wir nachsehen, ob Bodine zu Hause ist."
„Wann sollen wir das Haus durchsuchen?"
Lee machte ihr ein Zeichen, dass er jetzt noch den anderen Fuß wollte. Amanda kam seiner Aufforderung schweigend nach.
„Wir können dort nicht vor drei oder vier Uhr nachts rübergehen. Ich möchte nicht, dass jemand zuschaut, wie wir einbrechen. Die Zeit sollten wir bis dahin nutzen und etwas schlafen. Erholt neigt man weniger dazu getötet zu werden."
„Wie nett, aber da gibt es noch ein Problem, Stetson."
Lee zog eine Augenbraue nach oben und schaute sie grinsend von unten an:
„Welches?"
„Ich habe Hunger. Und wir haben nichts im Haus."
„Wir können noch die Reste von der Party essen."
„Wah, nein, ich habe genug von Knabbereien. Ich will was richtiges."
Lee beendete seine Massage und Amanda zog ihre Füße zu sich.
„Das war gut, danke."
Lee lächelt nur verschmitzt:
„Gern. Nach was gelüstet es dich denn."
Amanda lachte glücklich auf, vertrieb ihre Gedanken, dass er es war, nach dem es sie gelüstet und meinte dann, sich auf etwas zum Essen beziehend:
„Nach etwas, in was ich meine Zähne beißen kann, warm mit Tomate, Käse und Salami. Eine ordentliche Pizza. Was Handfestes, keine Chips, Nüsse und ähnliches."
Lee lachte über ihre Worte: „Ok, da muss ich mal sehen, was in der Nähe ist. Ich habe oben Unterlagen von hier." Lee stand auf und ging die Treppe ins Schlafzimmer hinauf, wo er ihre privaten Sachen und Akten von der Agentur abgelegt hatte.
Nach kurzer Zeit kam er zurück:
„Hier gibt es einen Lieferservice. Wäre das OK? Also Pizza mit Salami und?"
„Paprika, Oliven und Zwiebeln."
Lee lachte begeistert. Endlich mal eine Frau, die richtig isst, nicht nur einen Salat. Er ging zum Telefon und gab die Bestellung auf.
Als er dann auflegte: „Du musst dich leider 30 Minuten gedulden."
Amanda zuckte mit den Schultern:
„Ist gut, ich weiß ja, dass es kommt."
Lee setzte sich wieder auf die Couch um sofort wieder nervös aufzuspringen, er hatte es so genossen, ihre Füße zu massieren, seine Fantasie war weiter gewandert, nicht nur ihre Füße wollte er berühren. Er musste sich von diesen Gedanken ablenken, sie hatten ja einen Fall zu bearbeiten:
„Was zu trinken?"
Er ging zu der kleinen Bar in der Ecke vom Wohnzimmer.
Amanda folgte ihm und blickte über das Angebot.
„Das rechts ist ein Likör? Den kannst du mir einschenken."
Lee griff nach der bewussten Flasche und kam ihrer Aufforderung nach.
Als er ihr das Glas reichte berührten sich ihre Finger und sein Herz fing an noch schneller zu schlagen und seine Gefühle verwirrten ihn. Er hob dann sein Glas:
„Auf einen guten Einzug." Meinte er mit etwas rauer Stimme.
„Einen Grund zum Trinken gefunden?" kicherte sie und Lee schmunzelte mit ihr.
Er stürzte den Brandy dann auf einmal runter und stellte das Glas ab. Es brannte in seinem Hals, aber brachte nicht die gewünschte Ablenkung. Er roch ihr leichtes Parfüm, sie stand so nah bei ihm.
Um auf andere Gedanken zu kommen fragte er:
„Wie ging es dir heute dabei?"
Sein Fehler war, dabei seine Hand auf ihre Schulter zu legen.
Amanda schaute von dem Glas in ihrer Hand zu ihm auf. So ohne ihre Absätze war er doch ein gutes Stück größer als sie.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich so gut in die Rolle kommen würde, wie ich dann bin. Es war überhaupt nicht komisch vorzutäuschen jemand anderes zu sein. Es könnte zwar als Lügen ausgelegt werden, aber wir wollen dadurch ja Menschen retten."
Sie war sich seiner Nähe sehr bewusst und trank schnell den halben Likör aus.
„Es ist gut, dass es dir nicht unangenehm war. Und ich hoffe, meine Anwesenheit ist auch für dich OK?" seine Frage klang leicht unsicher.
Sie schaute ihn wieder an und konnte die leichte Unsicherheit auch in seinen Augen sehen.
Das sie dicht beieinander standen, wirkte sich auf sie aus und sie sagte mit leiser Stimme:
„Ich bin gerne mit dir zusammen."
Seine Augen hingen an ihren Lippen. Sie fuhr sich nervös mit der Zunge über die Unterlippe. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Lee nahm ihr das Glas aus der Hand, stellte es auf die Bar und beugte sich zu ihr. Wie Magnete voneinander angezogen fanden sich ihre Lippen. Kaum hatten sich ihre Lippen berührt, läutete es an der Tür.
Lee zog sich aufstöhnend zurück und fuhr sich genervt durch die Haare. Amanda fing an zu lachen. Einmal wegen der Situation und dann wegen seiner Reaktion. Sie fand es auch nervig, dass sie gestört worden waren. Lee ging zur Tür und bezahlte den Pizzaboten. Er kam mit den beiden Pizzen und einer Flasche Wein zurück. Amanda hatte Gläser geholt und auf den Wohnzimmertisch gestellt.
„Abendessen auf der Couch? OK für dich?"
„Klar, so bin ich es eigentlich gewohnt." grinste Lee gut gelaunt.
Sie teilten sich die Pizzen und redeten über das was sie an dem Tag erfahren hatten. Nach einiger Zeit änderte sich das Thema. Lee erzählte von seinen Erlebnissen die er in Europa hatte. Von den Fällen genau konnte er nicht erzählen, aber trotzdem war alles sehr interessant.
Als Amanda zu gähnen begann, schlug sie die Beine unter und kuschelte sich einfach an Lee. Er legte ihr einen Arm um die Schulter. Er genoss das Gefühl und wollte nur kurz den Kopf auf die Rückenlehne legen. Aber er schlief dann auch ein und träumte von der Frau in seinem Arm.
