Samstag, 15. Oktober 1983

Einen Tag brauchten sie noch für die detaillierte Planung, aber am Samstag wurde Lee und Guthrie im Galilee General Hospital aufgenommen. Guthrie für ein paar Nachuntersuchungen und Lee für seine Routineuntersuchungen. Da Lee den Schwestern als unleidlicher Patient bekannt war und er sie bereits nach einer Stunde alle nervte, waren sie sehr froh darüber, diesen unerwünschten Patienten der ehrenamtlichen neuen Helferin zu übergeben, die an diesem Tag ihren ersten Tag als Bedside-Bluebell im Krankenhaus hatte. Die Krankenschwestern hofften nur, dass sich Amanda King nicht von ihm verjagen ließ, sonst hätten sie ihn ja wieder zu betreuen.

Amanda lehnte entspannt an der Tür von Lee's Krankenzimmer und beobachtete ihn mit ihren ruhigen braunen Augen. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
Lee saß auf dem Krankenbett und nörgelte über das Mittagessen, die Untersuchung am Vormittag, bei der er als „Nadelkissen" missbraucht wurde, das eingesperrt sein in dem Krankenzimmer und überhaupt über die Situation, dass er in dem Krankenhaus sein musste. Dabei fuchtelte er mit den Armen und ließ seinen wütenden Blick durch das Zimmer schweifen. Bis er dann mit seinen Augen auf Amanda hängen blieb. Er stockte mitten im Satz und kräuselte seine Stirn. Ihr amüsierter Blick hatte ihn in seiner Litanei gestoppt und machte ihm sein kindisches Verhalten bewusst. Er musste kichern und fuhr sich irritiert mit einer Hand durch seine Haare. Amanda fiel kopfschüttelnd in sein Lachen ein.
„Hast du heute Nachmittag noch Untersuchungen?"
Als Lee auf Amandas Frage nur den Kopf schüttelte meinte sie:
„Gut, dann lass uns Spazieren gehen. Du darfst dein Gefängnis nämlich auch verlassen." Neckte sie ihn.

Sie verließen nebeneinander das Krankenhausgebäude und gingen in die Gartenanlage, die das Krankenhaus an zwei Seiten umgab.
Als sie alleine waren, erzählte Lee von seinen bisherigen Behandlungen und seinen Beobachtungen. Amanda nahm das Gespräch mit einem kleinen Aufnahmegerät in ihrer Schürzentasche auf. So hatte sie alles, ohne sich Notizen zu machen, was ja auffällig gewesen wäre. Das Vorgehen war mit Lee und Mr. Melrose abgesprochen. Sie würde später noch Guthrie besuchen und es dort ebenso handhaben.

Als Lee mit seinem kurzen Bericht fertig war: „Ist dir etwas aufgefallen?"
Amanda antwortete ihm: „Nichts den Fall betreffend" Sie schaute ihn feixend von der Seite an: „Das einzige ist, dass die Schwestern sehr froh darüber waren, dass ich ihnen einen gereizten Patienten abnahm." Sie lachte und beendete dann die Aufnahme des Gesprächs. Lee grinste und seine Hand wanderte wieder durch seine Haare:
„Ich hasse einfach Krankenhäuser." Dann holte er tief Luft, blickte sich kurz um:
„Und das Ganze hier gefällt mir nicht im Geringsten. Die anderen Agenten wurden manipuliert. Und wenn das hier war …. Der Gedanke, dass man mir das auch antun könnte, das macht mich nervös, ich will gar nicht daran denken …"
Seine linke Hand fuhr über seine Stirn und er blieb stehen. Amanda stand ihm gegenüber.
„Im Allgemeinen wird ja gesagt, dass ein Mensch nicht zu etwas gebracht werden kann, was nicht in ihm steckt, aber …" Lee stockte und redete dann leise weiter, mehr zu sich: „aber ich habe schon Menschen umgebracht. Zwar nicht mit Absicht, aus Notwehr, um selbst zu überleben. Aber vielleicht reicht das, dass man mich zu einem Mörder umkrempeln könnte." Sein Blick weilte in den nahen Büschen, dann schaute er Amanda mit großen Augen, in welchen seine Angst spiegelte, an: „Amanda, der Gedanke macht mir wirklich Angst."
Amanda musste schlucken. Sie verstand ihn und sie hatte so etwas bereits vermutet, bevor er es laut ausgesprochen hatte. Wie gerne hätte sie ihn jetzt in die Arme genommen, aber das konnte sie hier nicht tun. Ohne das Lee es bemerkte, hatte sie einen Teil seiner Worte mit ihrem Aufnahmegerät aufgenommen. Es war ihr kurz der Gedanke gekommen, dass sie das Gesagte noch gebrauchen könnte. Warum war sie sich nicht im Klaren, es war einfach nur so ein Bauchgefühl.
Lee legte seine Hände auf ihre Schultern und sprach angespannt: „Bitte Amanda, wenn ich mich nicht mehr benehme wie du mich kennst, hol mich hier raus. Ich will mich nicht verlieren" und wieder mehr flüsternd „Ich habe gerade wieder einen Sinn in meinem Leben gefunden, lass ihn mich nicht verlieren."
Amanda hatte die wechselnden Gefühle auf seinem Gesicht gesehen. Von Panik, Angst über Unsicherheit bis Zärtlichkeit. So offen hatte sie ihn, in der kurzen Zeit seit sie ihn kennengelernt hatte, noch nie gesehen.
„Das werde ich, ich passe auf und hole dich hier raus. Versprochen." Sagte sie mit leiser gefühlvoller Stimme.
Lee drückte ihr auf die Schultern und ein dankbares Lächeln wanderte über sein angespanntes Gesicht.

„Lee, wir müssen zurück. Ich habe bald Feierabend und muss noch zu Guthrie."
Lee holte tief Luft und nickte zustimmend. Sie gingen zurück und in seinem Krankenzimmer verabschiedete Amanda sich bei ihm:
„Mr. Stetson, ich bin dann morgen wieder hier und ärgern sie die Schwestern bis dahin nicht so sehr."
Lee grinste sie amüsiert an und reagierte so, wie sie gehofft hatte, aber als sie dann gegangen war, versank er wieder in seiner schlechten Stimmung.

Lee war ein Mann der Tat, ein erfahrener Agent, der sich immer überall durchgekämpft hatte. Aber er wusste, wie wenig ein Mensch gegen Medikamente, Drogen und Spritzen tun konnte, wenn er mit diesen betäubt oder manipuliert werden sollte. Er wusste zwar, wie er gegen eine Wahrheitsdroge ankämpfen konnte, aber er hatte immer großen Respekt vor den Drogen gehabt. Seine Situation hier im Krankenhaus verunsicherte ihn, er stand hier eventuell einem Feind gegenüber, gegen den er nicht mit seinen Fäusten und einer Waffe kämpfen konnte. Er befürchtete gegen die Drogen, die ihm hier gegeben werden könnten nicht anzukommen. Er hatte Walt gesehen. Dieser Auftrag gefiel ihm immer weniger. Und er hoffte, dass Amanda nicht in Gefahr kommen würde.

XXXXX SMK XXXXX

Amanda fuhr vom Krankenhaus zur Agentur. Sie blieb im Auto sitzen und dachte an das Gespräch mit Lee zurück. Seine Worte: „ …ich habe schon Menschen umgebracht. Zwar nicht mit Absicht, aus Notwehr, um selbst zu überleben …" hallten in ihrem Kopf wider. Das war ein Punkt der Arbeit, über den sie sich bisher verboten hatte Gedanken zu machen. Wenn sie wirklich das Angebot von Mr. Melrose annehmen würde, dann müsste sie bestimmt auch eine Waffe in die Hand nehmen. Allein um sich und Kollegen zu schützen. Wollte sie das? Sie beschloss erst einmal das Gespräch mit Lee abzutippen und dann ein kurzes Gespräch mit Mr. Melrose zu führen. Einmal über Lee's Befürchtungen und dann vielleicht auch noch über ihre eigenen. Wenn sie dann in der richtigen Stimmung wäre.

Nachdem sie ihren Bericht fertig hatte, überspielte sie den inoffiziellen Teil ihres Gespräches mit Lee auf eine andere Kassette und steckte diese in ihre Handtasche. Diesen Teil löschte sie auf dem anderen Band und legte dann das Band zu ihrem Bericht. Nach einem kurzen Stopp bei Francine, um zu erfahren, wann sie ihren Besuch im Krankenhaus für den nächsten Tag geplant hatte, ging Amanda zu Billy Melrose Büro.

Er bat sie sofort rein.
„Hallo Mrs. King. Wie macht sich Lee im Krankenhaus." Er versuchte mit einem Lächeln ihrem sehr ernsten Gesicht entgegen zu wirken.
Amanda schüttelte den Kopf und runzelte leicht die Stirn: „Er fühlt sich nicht besonders wohl. Und das hat weniger mit dem Krankenhaus als mit dem Auftrag zu tun."
Billy nickte und blickte kurz zu Boden: „Ich weiß. Er hatte sich sehr gegen den Auftrag gesträubt."
Billy wusste, dass Lee diesen Auftrag sehr kritisch gegenüberstand. Er hatte die Angst in Lee's Augen gesehen. Das lag vermutlich mit seinem Alkoholkonsum von vor ein paar Monaten zusammen. Damals versuchte er seine Gefühle, das Bewusstsein im Alkohol zu ersäufen. Jetzt hatte er sich wieder im Griff und Angst, dass ihm das wieder genommen werden könnte.
Billy ging auf das Thema mit Amanda nicht weiter ein: „Gab es irgendwas besonderes?"
„Nein, weder Guthrie noch Lee haben heute irgendwas Ungewöhnliches bisher beobachten können"
„Naja, ist ja auch der erste Tag." wiegelte Billy ab.

Amanda reichte ihm den Bericht und ging wieder zur Tür. Als sie sich gerade Verabschieden wollte nahm sie doch noch ihren ganzen Mut zusammen:
„Sir, ich kenne die Antwort eigentlich schon, aber ich möchte sie von ihnen doch hören. Wenn ich mich zur Agentin ausbilden lassen würde, müsste ich dann auch die Verwendung einer Waffe lernen?"
Amanda hatte während sie redete zu Boden geschaut, aber als sie nun auf die Antwort wartete, blickte sie Billy direkt und überraschend selbstbewusst an.
Billy konnte sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen: „Ja, Mrs. King. Das würde dazu gehören. Sie würden auch Selbstverteidigung lernen."
Amanda lächelte kurz und nickte ihm knapp zu: „Einen schönen Abend, Sir. Bis morgen."
Mit diesen Worten verließ sie sein Büro und er schaute ihr hinterher, als sie mit flotten Schritten den Bullpen verließ.

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Amanda kam recht spät zu Hause an. Die Jungs waren gerade noch wach. So konnte Amanda sie noch ins Bett bringen und gute Nacht sagen. Als sie dann in die Küche zurückkehrte, wartete ihre Mutter mit einer heißen Schokolade auf sie.
„Danke, Mutter." Amanda wartete gespannt auf die Worte ihrer Mutter. Sie hatte ihr die Schokolade nicht so einfach gemacht. Sie hatte etwas auf dem Herzen.
„Dean war da." Dotty schaute ihre Tochter gespannt an.
„Was wollte er?" fragte Amanda mit harmloser Stimme und wagte nicht ihre Mutter anzusehen.
„Er wollte mit dir reden. Ich habe zwar euer Telefonat vor ein paar Tagen nicht ganz mitbekommen, aber ich hatte eigentlich das Gefühl, du hättest die Beziehung beenden wollen."
„Ich hatte es am Abend zuvor beim Abendessen persönlich beendet. Aber er will es nicht wahrhaben. Er will mich umstimmen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es kommt mir so vor, als wolle er mich bedrängen bis aus meinem nein ein ja geworden ist."
„Hoffentlich wird er nicht aufdringlich. Wolltest du nicht letztens einen Selbstverteidigungskurs machen?"
Amanda lachte freudlos auf: „Ja, den wollten Dean und ich zusammen besuchen."
Dotty schnaubte auf: „Amanda, irgendwie ist in den letzten Tagen bei dir recht viel los. Du hast den neuen Job bei einer Filmgesellschaft und heute warst du den ganzen Tag im Krankenhaus als Bedside-Bluebell. Haben sie doch keine Arbeit bei der Filmfirma für dich?"
„Doch, doch, Mutter. Das war ja Arbeit. Ich habe einen Auftrag über die freiwillige Arbeit einen Artikel zu schreiben, der dann für eine Reportage verwendet werden soll."
„Aha, interessant und was ist mit dem Kollegen, mit dem du letztens abends aus warst?"
„Das war doch nur ein Geschäftsessen. Um sich kennen zu lernen, wenn man dann zusammenarbeitet."
„Ist er nett?" fragt Dotty neugierig.
„Oh, Mutter, bitte. Ich brauche keinen Mann zum glücklich sein. Jetzt muss ich erst mal Dean los werden. Seine Hartnäckigkeit bereitet mir ein wenig Sorge." Amanda verkniff sich ein gähnen. „Mutter, ich bin müde. An das Arbeiten muss ich mich erst mal gewöhnen. Und dir nochmal Danke, dass du mir hilfst."
Dotty nahm ihre Tochter in die Arme: „Immer, Kleines. Ich helfe dir gerne mit den Jungs, damit du deinen Weg gehen und Fuß fassen kannst."
Sie trat einen Schritt zurück und schaute ihre Tochter liebevoll an: „Und ich will einfach das du glücklich bist. Ich war mit deinem Vater sehr glücklich und merke jetzt eben, was mir heute fehlt. Sehr fehlt. Ich bin glücklich mit dir und den Jungs, aber irgendwas fehlt. In einer Weise bin ich trotzdem einsam. Und ich will nicht, dass es dir eines Tages auch so geht. Die Jungs werden älter, selbständig und irgendwann gehen sie ihren eigenen Weg."
Amanda lachte: „Ja Mutter, ich weiß, das dauert aber noch."
„Die Zeit vergeht schneller als dir lieb ist." Dottys Stimme klang wehmütig.
Amanda biss sich leicht auf die Unterlippe und lächelte ihre Mutter an. Nun zog sie sie kurz in ihre Arme, drückte sie fest und entfernte sich dann wieder. „Gute Nacht, Mutter."
„Gute Nacht, Amanda."

Der Schlaf wollte an diesem Abend nicht kommen. Auf ihrem Herzen lag ein schwerer Stein. Sie machte sich Sorgen um Lee, hoffte, dass es ihm in der Nacht im Krankenhaus gut ging. Außerdem plagten sie die Gedanken wegen der Arbeit. Sollte sie das Angebot von Mr. Melrose annehmen oder nicht. Das war nun ihr zweiter Fall und er hatte ihr bis zu drei Fälle Bedenkzeit gegeben. Und ein weiterer Grund für ihre Schlaflosigkeit war Dean. Warum konnte er sie nicht einfach gehen lassen?
Am meisten ließ sie aber die Erinnerung an zwei haselnussbraune Augen nicht schlafen. Ein paar Augen, die sie abwechselnd voller Angst und dann voller Begierde, wie vor ein paar Tagen in ihrem Hause in der Betsy Ross Estates, anblickten.