Mittwoch, 26. Oktober 1983
Nach einer unbequemen Nacht auf dem harten Boden des Campers fuhren Lee und Amanda weiter. Diesmal lenkte Amanda den Caravan. Sie fuhren weit ab von den normalen Reiserouten und kamen am frühen Nachmittag in Charlotte, North Carolina, an. Sie hatten bereits unterwegs schon wieder tanken müssen und auch nun hielten sie notgedrungen an einer Tankstelle.
„Der verbraucht doch definitiv zu viel, oder?" bemerkte Amanda.
„Vielleicht wurde er manipuliert. Ich habe nur leider keine Ahnung von Motoren."
„Ach, du gibst zu etwas nicht zu können." Grinste Amanda und schaute ihn mit einem Augenklimpern an.
Lee lächelte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Habe nie behauptet, alles zu können."
„Du trittst immer so selbstbewusst auf, als könntest du alles bewerkstelligen, was von dir gefordert wird."
„Kann wohl meine Schwächen gut verbergen.", meinte Lee mit einem etwas hochmütigen Gesichtsausdruck.
Sie standen neben dem Caravan in der warmen Herbstsonne und Amanda boxte ihm kichernd leicht in die Seite.
Ihre Berührung sorgte bei ihm für ein wolliges Kribbeln. Er schluckte schwer und brachte schnell Abstand zwischen sie indem er sagte, dass er mit dem Mechaniker mal kurz sprechen wollte.
Amanda blieb zurück und bewachte das auftanken, während ihre Augen ihm folgten. Sie dachte an die Küsse, die sie miteinander geteilt hatten. Das kam ihr gerade so weit entfernt vor. Im Moment waren sie wie gute Freunde, Kumpels unterwegs. Wollte sie das? Nur gute Freunde sein. Sie musste sich eingestehen, dass dieser Gedanke ihr nicht gefiel. Sie wollte mehr, auf jeden Fall. Sie hatte zwei Nächte in seinen Armen verbracht und da hatten sie sich gerade ein paar Tage gekannt. Sie hatten dort in dem Haus in der Betsy Ross Estates nur aneinander gekuschelt geschlafen, aber es war der Himmel auf Erden gewesen. Sie merkte gerade, dass sie von ihrem Vorsatz, keinen Mann in ihrem Leben zu brauchen, abwich. Sie wollte ihn und wie sie ihn wollte. Ihr Magen krampfte sich zusammen und es kam ihr vor wie Schmetterlinge. Sie legte ihre Hand unbewusst auf ihren Bauch und ihre Augen wanderten über den Körper von Lee, während er mit dem Kfz-Mechaniker sprach.
Der Mechaniker schaute während Lee ihm etwas erklärte zu dem Caravan und musste breit grinsen, als er Amandas Blick sah.
Sie kaute auf ihrer Unterlippe, starrte Lee an, also wollte sie ihn ausziehen.
„Eh, Mann. Mit deinem Caravan liegen zu bleiben sollte dir doch mit deinem Mädchen gefallen. So wie sie dich ansieht."
Lee blickte ihn verwirrt an, drehte sich um und konnte gerade noch sehen, wie Amanda zuckte und schnell den Blick abwendete. Sie drehte sich ab und kontrollierte, ob der Tankvorgang beendet war.
Lee blinzelte und beschloss das genauer zu erkunden. Dann wandte er sich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen wieder dem unverschämt grinsenden Mechaniker zu:
„Trotzdem wäre es gut, wenn wir das klären könnten. Es ist etwas viel was er verbraucht, können sie mir da zustimmen?"
„Auf jeden Fall, aber das kann man nur bei einer ausführlichen Kontrolle genau untersuchen. So einfach hier in kurzer Zeit ist das nicht möglich. Und ich bin auf so was Großes nicht spezialisiert. Da müssten sie schon zu einer Spezialwerkstatt."
„Ok. Auf jeden Fall danke für ihre Meinung."
„Gern, und viel Spaß noch auf der Reise." Bekam Lee die anzügliche Antwort.
Er schüttelte grinsend den Kopf und verabschiedete sich von dem Mechaniker.
Lee trat leise an Amanda heran, die gerade die Tankklappe schloss. Er legte eine Hand auf ihre Hüfte, mit der anderen strich er ihr ganz leicht über den Unterarm. Sie erschreckte sich etwas, da sie in Gedanken gewesen war. Über den Mann, der nun ganz nah bei ihr stand, so dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte.
Gänsehaut bildete sich auf ihrem Arm, über den er federleicht strich.
„Fertig mit tanken?"
Sie hob ihr Gesicht zu ihm und etwas atemlos: „Ja, fertig."
„Gut, dann gehe ich noch bezahlen. Brauchst du noch irgendwas?" Seine Lippen streiften fast zufällig über ihre Stirn.
„Nein, ich brauch nichts."
Er nickte ihr mit einem Lächeln zu und entfernte sich von ihr, um zum Bezahlen zu gehen.
„Lee", stoppte ihn Amandas Stimme auf halben Weg „Bring mir bitte einen Kaffee mit."
Er wendete sich halb zu ihr um und machte ein bestätigendes Zeichen mit der Hand an seiner Stirn.
Sein Gehen wird von ihrem Kichern begleitet.
Während Lee beim Bezahlen und Kaffee holen war, fuhr Amanda den Caravan zur Seite, damit andere Kunden tanken konnten. Kurz danach kam Lee mit zwei Kaffee zurück. Sie saß auf den Stufen im Einstieg zum Campingwagen und wartete auf ihn.
„Wir sind hinter unserem Zeitplan und wenn wir weiter nach Süden fahren, werden wir es wohl zum genannten Zeitpunkt nicht bis Phonix schaffen.", gab Amanda ihm zu bedenken, als sie aufstand.
Sie ging vor ihm die Treppe hinauf und Lee schloss die Tür hinter sich. Er stellte die Kaffeebecher auf eine Ablage neben sich und drehte sich zu Amanda um.
Sie schaute auf die ganzen blinkenden Lichter der Computer und meinte: „Wenn wir die ausschalten könnten, dann würde vielleicht der Benzinverbrauch sinken."
Lee speicherte sich diese Worte im Hinterkopf für später ab, trat nun aber näher an sie heran. Ihm waren der Zeitplan und der Benzinverbrauch gerade so was von egal. Ihm ging ihr Blick von eben nicht aus dem Kopf. War sie doch an ihm interessiert? Könnte sein Herz bei ihr eine zu Hause finden?
Er schob eine Haarsträhne, die sich aus ihrem lockeren Zopf gelöst hat, hinter ihr Ohr zurück.
Seine Berührung und da er ihr nicht antwortete, veranlassten Amanda, ihn anzusehen. Sie begegnete seinem brennenden Blick. Während sie ihn ansah, wanderten seine Augen zu ihrem Mund, unbewusst benetzte er seine trocknen Lippen mit seiner Zunge. Es lag eine Spannung zwischen ihnen. Amanda spürte die Schmetterlinge von vorhin wieder in ihrem Bauch. Als seine Augen zu ihren zurückkehrten, legte er eine Hand auf ihre Hüfte und kam ihr langsam näher, bis sich ihre Lippen fast berührten. Ihr Atem vermischte sich. Er wartete, wollte sie die letzte Entscheidung treffen lassen.
Sie wurde von ihm angezogen wie ein Magnet. Sie wankte leicht und dabei fanden ihre Lippen seine. Es war erst ein Hauch von einer Berührung, die Amanda dann aber vertiefte, als sie sich an ihn schob und ihre Lippen fester mit seinen verband. Lee strich mit seiner Zunge neckend über ihre Unterlippe und sie öffnete sich sofort für ihn. Ihre Arme lagen im nächsten Moment um seinem Hals, ihr ganzer Körper bündig an seinem. Seine linke Hand lag in ihrem Nacken, seine Rechte fest auf ihrem unteren Rücken, als er den Kuss mit einem zufriedenen Stöhnen vertiefte. Ihre Antwort war genauso leidenschaftlich und sie ließ all ihre Gefühle in diesen Kuss fließen. Die Tage, die sie sich seit ihrem Kuss in der Krankenstation der Agentur nicht mehr gesehen hatte, erschien ihnen beide wie eine Ewigkeit zurückzuliegen. Ihr Kuss wurde gierig, wie als ob sie am Verhungern wären.
Als Luft zu einem großen Bedürfnis wurde, brachen sie den Kuss. Schwer atmend streichelte Lee über ihr Gesicht und liebkoste sie:
„Du gibst mir so viele unterschiedliche Zeichen, dass ich nicht klar denken kann." Presste Lee leise atemlos hervor. Während er weiter benötigte Luft in seine Lungen pumpte, liefen seine Gedanken und Gefühle durcheinander. Er beschloss alles zu verschütten. Egal zu welchen Konsequenzen. Wenn sie ihn nicht in ihrem Leben so haben wollte, wie er sie, dann würden sie das jetzt und hier gemeinsam klären. Seine Augen wanderten nervös von ihr über den Raum und wieder zu ihr zurück.
Schwer schluckend meinte er: „Ich kann nicht in Worte fassen, was mich bewegt. Ich weiß nur, dass ich noch nie … so tief gefühlt habe. Du bist anders als jede Frau, die mit jemals begegnet ist. …. Du weckst etwas in mir, was ich noch nie gefühlt habe. Und ich kann … es nicht ignorieren, nicht wegschieben. Es ist einfach …." Er kam wieder ins Stocken.
„Es ist einfach zu intensiv." Vollendete Amanda seinen Satz. Amanda hatte seinen Worten atemlos gefolgt.
Lee schluckte: „Es ist da …. und dieses Gefühl, ich will es behalten."
Amanda nickte und meinte mit leiser etwas zittrigen Stimme: „Ich spüre es auch. Einerseits will ich es auch, andererseits macht es mir etwas Angst."
Sie spürte, dass Lees Hand auf ihrem Rücken fester wurde, ihre Worte hatten ihn erschreckt. Er wollte etwas sagen, aber sie hinderte ihn daran, indem sie ihm einen Finger über die Lippen legte.
Sie lächelte ihn beruhigend an: „Ich bin vor etwas mehr als einem Jahr geschieden worden. Ich habe gerade die Möglichkeit ein unabhängiges Leben aufzubauen. Und das will ich mir nicht nehmen lassen. Was ist, wenn wir zusammen sind und uns nach einer Zeit nicht mehr verstehen?"
Lee strich ihr wieder über die Wange und ein leichtes Lächeln lag auf seinen Zügen: „Du versuchst vernünftig zu sein." Seine Stimme neckte sie.
Amanda kicherte und die Spannung im Caravan legte sich etwas.
„Ich verstehe deine Bedenken. Aber ich stimme nicht zu. Das hier ist anders. Auch wenn wir als Paar scheitern könnten, diese Freundschaft, die wir in den letzten Wochen aufgebaut haben, die kann uns niemand mehr nehmen. Ich habe das Gefühl, das ist für das ganze Leben. Und wir zusammen, wir werden nicht scheitern."
„Du bist davon überzeugt? Du klingst sehr überzeugt." Amandas Augen strahlten ihn voller Hoffnung an. Tief in ihrem Herzen hoffte sie, nein sie wollte genauso fest daran glauben. Kurz dachte sie an Dean, wie er ihr am Vortag aufgelauert hatte. Sie sollte ihn erst aus ihrem Leben habe, bevor sie mit Lee irgendetwas beginnen konnte. Aber andererseits hatte sie ja Schluss gemacht, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Sie beschloss, dass sie dieses Problem erst wieder an sich lassen wollte, wenn sie zu Hause war.
Sie nestelte nervös an seinem Hemdkragen. Sie spürte seinen wartenden Blick auf ihrem Gesicht. Ihren Mut zusammennehmend hob sie den Kopf und schaute ihm in seine Augen.
„Gib mit bitte noch ein wenig Zeit."
Sie sah kurz seine Enttäuschung, dann verschloss er dieses Gefühl. Lee nickte und schloss kurz kapitulierend die Augen und wollte sie aus der Umarmung entlassen.
Als sie sah, dass er sich vor ihr verschloss, eine Maske auflegte, wollte sie ihn davon abhalten. Das letzte was sie wollte, war das er Schmerzen hatte. Auch wenn ihre Handlung ihren Worten widersprach. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, um ihn daran zu hindern, von ihr wegzutreten, legte eine Hand an seinen Hinterkopf und küsste ihn. Er verweigerte sich ihr nicht, keine Sekunde, aber er war grenzenlos verwirrt.
Amanda brach den Kuss und sah seine Verwirrung: „Sorry, ich weiß jetzt was du meinst, dass ich dir unterschiedliche Zeichen sende. Ich bin selbst völlig verwirrt."
Lee lächelte sie beruhigend an, trat dann von ihr zurück, fuhr sich durch die Haare. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Seine Unsicherheit zu überspielen, blickte er sich im Caravan um, betrachtete die vielen blinkenden Lichtern auf den verschiedenen Computereinheiten und meinte:
„Lass uns dieses Teil hier schnell los werden. Wir fahren weiter." Wenn erstmal die Belastung mit diesem Waffenarsenal von seine Schultern wäre, würde er sich mit dem Problem Amanda King befassen.
Amanda ging auf seine Ablenkung ein: „Wir brauchen noch ein paar Lebensmittel, auch hätte ich schon gerne mal wieder eine warme Mahlzeit und" sie unterbrach sich kurz „eine Dusche wäre auch nicht schlecht."
„Da muss ich dir zustimmen."
Er ging nach vorne und setzte sich ans Steuer. Amanda folgte ihm mit den beiden Kaffeebechern und brachte sie sicher unter. Als sie sich auch gesetzt hatte, ließ er den Motor an: „Wir fahren zu einem Campingplatz, dort können wir duschen und hoffentlich gibt es dann auch wo ein Restaurant oder ähnliches."
Amanda nickte nur und schaute ihn von der Seite an. Er hatte ihr seine Gefühle gestanden und sie hat ihn erst weggestoßen, nur um in danach zu küssen. Sie verstand sich selbst gerade nicht. Eigentlich hätte sie ihm am liebsten die Wahrheit gesagt, dass sie genauso fühlte wie er, aber wollte sie sich auf eine Beziehung einlassen? Sie war sich unsicher, ob sie die Freundschaft mit Lee dadurch gefährden wollte. Oder wäre es wirklich so wie er meint. Dass ihre Freundschaft nicht zu gefährden war?
Während sie fuhren, war Amanda tief in ihren Gedanken versunken. Eine Beziehung mit Lee musste doch nicht bedeuten, dass sie ihre neue Selbständigkeit aufgeben müsste. Nein, wenn sie zusammenarbeiten würden, hätte sie ihn und die Arbeit. Aber wenn sie sich zerstritten, dann würde sie ihre Arbeit verlieren, da er der hochrangige Agent war und sie nicht. Aber was wäre, wenn Lee ihre Zukunft wäre und sie würde sich dem verweigern nur aus der Angst heraus, ihre Arbeit zu verlieren. Dann hätte sie vielleicht ihr Lebensglück mit Füßen getreten. Sie war völlig verwirrt und verunsichert. Was sollte sie nur tun. Ihrem Herzen folgen oder der Vernunft.
„Amanda, wir kommen gleich nach Spartanburg. Kannst du auf der Karte einen Campingplatz finden?"
Amanda zuckte zusammen, als Lee ihre Gedanken unterbrach. Sie hob die Karte auf, die ihre dabei vom Schoss gefallen war und vertiefte sich. Einen Blick zu Lee vermied sie.
Einen Campingplatz fanden sie für den Abend nicht, aber einen größeren Rastplatz, bei dem auch Trucker Halt machten. Dort bekamen sie ihre Dusche und holten sich ein warmes Abendessen, welches sie aber im Caravan einnahmen. Lee wollte den Wagen auf keinen Fall alleine lassen. Beim Essen schafften sie, zu ihrem gewohnten Geplänkel zurückzukehren, wie als ob es das Gespräch am Nachmittag nicht gegeben hatte.
Wie in der Nacht zuvor hatten sie sich mit ihren zwei Schlafsäcken auf dem Boden des Caravans niedergelassen. Amanda ging in Gedanken das sehr persönliche Gespräch vom frühen Nachmittag nochmals durch. Er hatte ihr seine Gefühle offenbart. So wie er es getan hatte, waren diese Worte das erste Mal in seinem Leben über seine Lippen gekommen. Und sie, was tat sie, sie schob ihn zurück. Sie zweifelte an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Ihre Sehnsucht nach ihm, seinen Berührungen war unendlich groß. Sie warf sich von einer Seite zur anderen, in der Hoffnung, Lee nicht zu wecken, aber sie konnte nicht still liegen. Am liebsten wäre sie aufgestanden und gelaufen, bis ihre Beine und Lungen geschmerzt hätten. Aber sie hätte nicht ohne, dass er es merkte aus dem Wagen gelangen können. Sie hatten die Alarmanlage scharf geschaltet. Hoffentlich hat sie ihn nicht durch ihre Handlung für immer verloren.
Plötzlich stand Lee, der aufgrund ihrer Unruhe, noch nicht geschlafen hatte, auf und legte seinen Schlafsack neben sie. Schlüpfte wieder hinein und zog sie dann fest an sich. Bettete ihren Kopf auf seiner Brust. „Schlaf bitte. Ich bin hier."
Amanda fühlte sich sofort geborgen und schaffte es, ihre Gedanken zu stoppen. Seine Wärme, seine Nähe brachte sie runter von ihrer Nervosität. Er strich ihr beruhigend mit einer Hand über die Haare und sie entspannte sich gegen ihn. Bevor sie der Schlaf übermannte, spürte sie noch seine Lippen an ihrer Stirn und seine leisen Worte: „Ich gehe nicht fort, ich werde auf dich warten."
