Donnerstag, 27. Oktober 1983

Amanda wurde vom Duft von frischen Kaffee und warmen Brötchen geweckt. Als sie sich genüsslich streckte:
„Na, Schlafmütze." Lee kicherte und setzte sich neben sie auf den Boden, als er ihr den Kaffee reichte. Dann wurde er aber ernst:
„Als ich unser Frühstück holte, sah ich die Nachrichten. Auf der Bahnlinie von Washington nach Sankt Louis ist die Nacht ein Zug in die Luft geflogen. Es heißt, dass eine Terrorgruppe versucht habe eine US-Geheimwaffe an sich zu bringen, die dann aber dabei beschädigt wurde und explodierte."
„Das war der Zug mit der Kopie oder bzw. mit dem Original und dann doch nicht Original?"
Lee nickte ihr zustimmend zu: „Wir brauchen ein Telefon. Wir müssen mit Billy Kontakt aufnehmen."
„Ob die Überlebenden ahnen, dass das nicht das Original war?"
„Das hoffe ich von Billy zu erfahren. Aber ich will den Wagen losbekommen. Am liebsten dem FBI in Atlanta übergeben. Wir beide gegen diese Gruppe, das ist nicht zu schaffen. Wenn wir sie wirklich auf den Fersen haben."
„Ja, wobei ich eigentlich nicht hier sein dürfte. Ich habe nicht die Freigabe für das Original."
„Das ist nun wirklich das kleinste Problem. Wenn diese Überlebenden sich uns anschließen, müssten wir eventuell uns mit den Waffen des Caravans verteidigen und das will ich nicht."
„Ok, also ein Telefon."
Amanda stand voller Tatendrang auf.
„Kann ich mich noch schnell frisch machen gehen?"
Lee bestätigte es ihr mit einem Nicken.

Eine halbe Stunde später parkte der Caravan an einer Straße in der Nähe einer Telefonzelle. Amanda stand neben dem Caravan an der geöffneten Tür. Lee war gerade dabei mit Billy zu telefonieren.
Plötzlich wurde auf Lee geschossen. Die Kugel streifte seinen Oberschenkel. Zwei weitere Schüsse verfehlten ihn gerade so, da er sich duckte. Er ließ den Hörer fallen und versuchte humpelnd zum Caravan zu gelangen. Dabei stürzte er. Amanda eilte zu ihm und versucht ihn in den Bus zu schleppen.
„Komm schon!"
Lee: „Nein."
Amanda: „Steh auf." Ihre Stimme wird etwas schrill.
Lee: „Mach weiter, fahr weg."
Amanda: „Nein." Sie schaute ihn böse an. Seine Worte ergaben für sie keinen Sinn. Sie machten sie sehr wütend. Wie könnte sie ihn zurücklassen.
Lee: „Lass mich gehen!"
Amanda zog weiter an ihm und er half dann doch mit seinem unverletzten Bein. Kaum waren beide im Caravan schloss Amanda die Tür hinter ihnen.
Amanda: „Lass mich, sagst du." Sie geht wütend zum Fahrersitz und startet den Wagen.
Lee: „Wird uns in der Ausbildung beigebracht. Gott sei Dank, hörst du mir nicht zu.", versuchte er über die Schmerzen zu scherzen.

Der Caravan verließ mit quietschenden Reifen den Parkplatz und sie rasten über die recht schmale Straße in Richtung Atlanta. Lee wurde im hinteren Teil des Caravans bei Amandas rasantem Fahrstiel gegen die Einrichtung geworfen. Mit seinem verletzten Bein tat er es sich schwer beim Fahren auf den Beifahrersitz zu gelangen. Amanda war so wütend auf ihn, dass sie diese Wut gerade auf ihren Fahrstil übertrug, was ihrer Flucht vor den Schützen aber sehr zu Gute kam. Ihr rasanter Abgang hatte sie etwas zurückgeworfen.
Als Lee dann endlich schnaufend auf dem Beifahrersitz angekommen war, schaute sie kurz zu ihm und fragte etwas besänftigt: „Bist du schwer verletzt?"
„Streifschuss, hatte schon schlimmeres." Sie hörte Stoff reißen. Lee machte sich aus dem Ärmel seines Hemds einen festen Verband am Oberschenkel.
Dabei warf er immer wieder einen Blick in den Rückspiegel:
„Wir haben zwei Verfolger."
„Wie soll ich sie abhängen?"
„Hier gar nicht. Dazu haben wir auch das falsche Fahrzeug. Wir müssen auf belebte Straßen und Vollgas."
Lee griff nach der Karte. Nach kurzer Zeit meinte er mit einem Blick auf die Umgebung: „An der nächsten Kreuzung rechts. Dann kommen wir auf die 85.
Im halsbrecherischen Tempo fuhr Amanda die Straße entlang. Nach fast einer halben Stunde merkte sie, dass ihre Konzentration stark abnahm. Sie war solche Aktionen nun wirklich nicht gewohnt. Das Adrenalin raste zwar noch immer durch ihr System, aber ein Blick auf Lee, dessen Bein stark am Bluten war, verstärkte nur ihre Angst. Sie fuhr nur einfach, war von der Situation aber grenzenlos überfordert. Lees aufmunternden Worte, dass sie gut fuhr und es alles gut machte, halfen zwar immer wieder, aber sie wünschte, sie wäre nicht dort.

Lee beugte sich plötzlich nach vorn und spähte in die Luft und im nächsten Moment konnte auch sie die zwei Armee-Hubschrauber sehen, die nun über ihnen kreisten.
Einer senkte sich hinter dem Caravan und brachte so die Verfolger von der Waffeneinheit ab. Herannahende Polizeieinheiten stoppten die Verbrecher und nahmen sie in Gewahrsam.

„Was mach ich?" fragte Amanda, die im Rückspiegel sehen konnte, dass ihre Verfolger nicht mehr folgen konnten, da die Straße durch den fast am Boden fliegenden Hubschrauber versperrt wurde.
„Weiterfahren." Gab Lee die Anweisung. „Wir halten erst, wenn sicher ist, dass Staatseinheiten bei uns sind. Ich konnte zwar am Telefon nicht viel mit Billy klären, aber er hat mir noch gesagt, dass er das FBI in Atlanta alarmiert hat. Das waren eben auf jeden Fall zwei FBI-Hubschrauber, aber ich würde gerne abwarten."
Amanda drosselt ihre Geschwindigkeit und passte sie etwas ihrem Wohlbefinden an. Knappe 2 Kilometer weiter wurden sie durch eine FBI-Straßensperre gestoppt.
Die Agenten zielten mit Gewehren auf den Caravan und senkten erst ihre Waffen, als Lee sich ausweisen konnte.
Sie wurden zum FBI-Quartier in Atlanta eskortiert.

Nachdem Lee's Verwundung behandelt, nötige Gespräche mit dem FBI geführt waren, telefonierten sie mit Billy. Zu ihrer beiden Fassungslosigkeit, forderte er sie auf, den Caravan in der vorgesehenen Zeit nach Phonix zu bringen. Billy hatte in Washington Hold, den Assistenten des Kongressabgeordneten und den Anführer der ‚Überlebenden' festnehmen können. Somit war niemand mehr hinter dem Caravan her und sie sollten sich eine angenehme Zeit nehmen.

„Hat Mr. Melrose nicht verstanden, dass du am rechten Bein verletzt bist? Du kannst nicht fahren."
Lee fuhr sich müde mit beiden Händen über das Gesicht: „Dann muss ich dich wohl bei Laune und wachhalten." Zwinkerte er ihr zu.
„Aber Lee, das sind über 1.800 Meilen."
Lee nickte: „Und wir sollen am Samstag um spätestens 20 Uhr dort sein."
„Vergiss es." Schnaubte Amanda verächtlich. „Ich fahr dir das Ding da hin, aber in meinem Tempo. Und ohne übermüdet am Steuer zu sitzen."
„Beruhig dich, ich kann auch fahren."
„Mit dem Bein?"
„Ich habe schon schlimmeres getan. Sei dir sicher." Er schaute sie zuversichtlich an. „Ich schau mal, ob ich noch etwas Zeit herausschlagen kann. Immerhin hatten wir ja eine Verzögerung und sind gezwungen gewesen einen Umweg zu fahren."
„Hattest du schon öfters solche Aufträge? Kommt mir so verkehrt vor."
Lee kicherte: „Nein, eine Waffeneinheit auf Rädern musst ich auch noch nicht durch Land kutschieren. Aber immerhin haben wir es gut."
„Wieso?", fragte sie irritiert.
Lee setzte sich auf, stütze die Ellenbogen auf den Tisch, verschränkte die Hände und legte sein Kinn mit einem vergnügten Lächeln darauf: „Wir sind in sehr angenehmer Gesellschaft unterwegs."
Amanda grinste über das ganze Gesicht und kam ihm näher, imitierte seine Haltung und fragte mit einem verführerischen Augenaufschlag: „Ach, kommt doch noch jemand mit?"
Erst verzog Lee irritiert das Gesicht, dann fiel er in ihr amüsiertes Kichern ein.
Wie gern hätte er jetzt sie einfach an sich gezogen, diese kleine Frechheit mit einem leidenschaftlichen Kuss gerügt und ihr gezeigt, wer die angenehme Gesellschaft ist. Aber sie saßen in einem Konferenzraum, der nur Glaswände hatte. So musste er diesen Scherz so spielen, wie sie wollte.
Amanda bemerkte das leidenschaftliche Flackern in seinen Augen und speicherte sich ab, dass ihr kleiner Scherz nicht so ganz gut bei ihm angekommen war. Er nur mitspielte, da sie in einem Glashaus saßen. Aber sie war sich gewiss, dass sie in sehr angenehmer Gesellschaft nach Phonix fahren würde. Es würden interessante Tage werden, nun nicht mehr auf der Flucht vor Verbrechern…