Gähnend drückte Harry die Tür zu seiner Abteilung auf. Er hätte gestern nicht so lange mit Ron und Hermine zusammensitzen sollen, nicht wenn er eine so frühe Schicht hatte. Allerdings dachte er das jedes Mal, wenn er es mal wieder übertrieben hatte und änderte sein Verhalten bei der nächsten Gelegenheit dennoch nicht. Kurz versuchte er sich selbst für seine Schwäche zu entschuldigen indem er sich daran erinnerte, dass sie gestern eine deutlich größere Runde gewesen sind. Immerhin waren Oliver und Ginny nicht so häufig abkömmlich. Außerdem hatten sie es auch noch geschafft Angelina, Alicia, Katie, Luna, Neville, Dean und Seamus zusammenzukriegen, sodass sie am Ende kaum noch in Ron und Hermines Wohnzimmer gepasst hatten ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Es war schön gewesen so viele von seinen Freunden mal wieder auf einem Haufen zu haben. Doch wem wollte er hier etwas vormachen? Er wusste genau, dass auch Ron und Hermine alleine gereicht hätten um ihn lange vom Schlaf abzuhalten. Hermine hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben ihn oder Ron daran zu erinnern, dass sie am nächsten Tag zu Arbeit mussten. Inzwischen gab sie sich damit zufrieden ihm am nächsten Tag einen wissenden Ich-habs-ja-gewusst-Blick zuzuwerfen, wenn sie sich sahen. Ron kam sicher nicht so glimpflich davon.
Sofort drehte er nach rechts ab und in die Küche. Er brauchte unbedingt einen Kaffee, bevor er irgendetwas zu Stande bringen würde. Müde stolperte er also zum Schrank, um sich eine Tasse zu holen und zückte seinen Zauberstab, als ein Kollege ihn ansprach.
„Harry!", rief er und sprang mit einem breiten Grinsen auf ihn zu.
„Hey Aleius.", begrüßte Harry seinen Kollegen, während er mit einem Schlenker seines Zauberstabs dafür sorgte, dass die ausgewählte Tasse sich mit Kaffee füllte.
„Lange Nacht?", fragte der andere Zauberer. Er hörte nicht auf zu grinsen und lehnte sich gegen die Küchenablage. Er war um einiges älter als Harry und ihm damals zur Seite gestellt worden, als Harry dieser Abteilung der Auroren zugeteilt worden war. Sie hatten sich von Anfang an direkt hervorragend verstanden. Und vor allem hatte er ihn wie eine normale Person behandelt. Nicht wie viele der anderen, die ihm manchmal fast ehrfürchtig begegneten oder sich nicht trauten ihn anzusprechen. Sein letzter Vorgesetzter hatte sich nicht getraut ihm Anweisungen zu geben. Oder es nicht gewollt? Was auch immer sein Problem war, er schien sich Harry untergeordnet zu fühlen. Deshalb war Harry versetzt worden.
„Du hast was verpasst. Oliver und Ginny waren beide da.", informierte er seinen Freund. Sofort gefror dessen Grinsen auf dem Gesicht.
„Was, wirklich?", wollte er wissen. „Da sage ich einmal ab, weil ich die Frühschicht habe und verpasse gleich zwei Quidditch Stars? Sollte Karma nicht andersrum funktionieren?", beschwerte er sich schon fast beleidigt.
Lachend nahm Harry seine Tasse an sich. „Karma hat anscheinend Sinn für Humor."
„Yup, das offenbar.", stimmte Aleius zu und sie verließen zusammen die Küche. „Wobei wir bereits beim Thema sind. Da ist wieder jemand verschwunden. Ein Familienangehöriger ist hier um die Vermisstenmeldung aufzugeben. Sitzt für dich in Befragungszimmer 3.", informierte er Harry mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen. „Du kannst den Vielsafttrank an der Stelle übrigens lassen und viel Spaß.", wünschte er ihm dann noch, klopfte ihm auf die Schulter und bog dann in Richtung seines Büros ab.
Etwas überrumpelt sah Harry ihm nach. Viel Spaß? Und kein Vielsafttrank? Dann war seine Identität vielleicht ein Vorteil bei der Befragung? In vielen Fällen nutzte er einen anderen Namen und ein anderes Aussehen, wenn er als Auror tätig war. Wie sollte er schon als Bezwinger Voldemorts unerkannt inkognito arbeiten?
Seufzend drehte Harry sich also in entsprechende Richtung, schnappte sich auf dem Weg für seine Notizen etwas zu schreiben. Besser er brachte das so schnell wie möglich hinter sich.
Die Reaktion seines Freundes hatte ihm ziemlich klar gemacht, dass es keine gewöhnliche verschwundene Person war, sondern wieder einer der ehemaligen Todesser. Es hatte angefangen sich in den letzten Monaten zu häufen. Familien und Freunde hatten Vermisstenmeldungen aufgegeben, aber keiner wusste, was vor sich ging. Sie verschwanden einfach. Zugegeben, die Auroren überschlugen sich nicht gerade damit dieses Problem aufzuklären. Viele waren der Ansicht, dass es ihnen nur Recht geschah. Für gewöhnlich gingen seine Kollegen dem Verschwinden ein paar Wochen eher alibimäßig nach und legten es dann zu den Akten. Zumal keiner auch nur die geringste Ahnung zu haben schien, was da vor sich ging. Möglicherweise weil eben keiner richtig nachforschte.
Harry war bisher davon verschont geblieben. Zumal er ja noch nicht so lange in der Abteilung war. Doch anscheinend war er jetzt an der Reihe und er hatte auch bereits einige Vermisstenfälle alleine untersucht. Aus eigener Erfahrung wusste er inzwischen, die Vermissten tauchten für gewöhnlich entweder ziemlich bald wieder auf oder waren tot. Häufig genug blieben sie einfach verschwunden.
Das hier würde eine gewöhnliche Befragung werden, wie er es inzwischen Duzende von Malen durchgeführt hatte. Mit dem einen Unterschied, dass er weniger Mitleid mit der Familie und den Freunden haben würde.
Tief durchatmend, griff er nach der Klinke zum Befragungszimmer und schob sie auf. Er war schon dabei, eine Begrüßungsfloskel von sich zu geben. Doch der Anblick ließ ihm jegliche Worte im Halse stecken. Die einsame Gestalt, die auf dem Stuhl saß, war in einen schwarzen Anzug gekleidet, platinblonde Strähnen, ein blasses Gesicht, helle graue Auge, die Harry anstarrten.
„Malfoy.", war das Einzige, dass Harry für den Augenblick fähig war zu sagen. Er hatte seinen Rivalen seit der Schlacht um Hogwarts nicht mehr persönlich gesehen. Er war danach selbst völlig überfordert gewesen mit seinem Abschluss den er nachholen musste -was am Ende ohnehin über den Haufen geworfen worden ist- mit den Wideraufbauten, nicht zu vergessen, dass ihm die Presse und das Ministerium dermaßen auf die Nerven gegangen waren, dass er ernsthaft eine Weile darüber nachgedacht hatte auszuwandern. Er hatte nur nebenbei noch mitverfolgt, was aus den festgenommenen Todessern wurde. Ron hatte sich einige Zeit lautstark darüber eschauffiert, dass die Malfoys mal wieder davongekommen waren. Offenbar hatte Lucius Malfoy es geschafft einen Deal auszuhandeln, der seine Familie vor Azkaban schützen würde. Erst später erfuhr Harry, dass es sich dabei um einen Informationsdeal gehandelt hatte. Er verriet, was er wusste und half bei der Verfolgung der Todesser und dafür durfte er seine Reichtümer, seine Familie und seine Freiheit behalten. Lucius Malfoy selbst war bereits vor einem Jahr spurlos verschwunden. Doch die meisten glaubten, er hatte einfach irgendwann die Nase voll nach der Pfeife anderer zu tanzen, hatte sich ins Ausland abgesetzt und genoss nun in einer seiner Auslandsresidenzen das Leben.
Harry hatte sich keine Gedanken darüber gemacht. Es half nichts und die Malfoys waren definitiv kein fröhliches Thema für ihn. Doch da Draco Malfoy nun vor ihm saß und offenbar eine Vermisstenmeldung aufgeben wollte, war es ziemlich klar, wer verschwunden sein musste.
Etwas unsicher -wer zur Hölle war auf die Idee gekommen ausgerechnet ihm diesen Fall zu geben?- trat er in den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Malfoy gab ein abfälliges Geräusch von sich und wandte den Blick nach unten, auf den Tisch. „Ich wusste das hier würde reine Zeitverschwendung werden.", murmelte er kaum vernehmlich. In einer fast verzweifelt wirkenden Geste fuhr er sich mit beiden Händen über das Gesicht und dann in die Haare, bevor er aufstand. Ein wütender Blick traf Harry, als der Mann auf ihn zuschritt. Aus reinem Reflex heraus legte Harry seine Hand an seinen Zauberstab. Doch Malfoy blieb zwei Meter vor ihm stehen, seine Augen folgten den Bewegungen und sahen dann zu Boden. Mit einem neutralen Gesichtsausdruck sah er wieder hoch. Seine Hände waren zu Fäusten geballt.
„Du stehst im Weg, Potter.", wies er ihn darauf hin, dass Harry den einzigen Ausgang versperrte. Doch der rühre sich nicht einen Millimeter. „Du wolltest eine Vermisstenmeldung aufgeben.", informierte er den Blonden. „Es ist deine Pflicht das zu tun, wenn jemand verschwindet."
Die Neutralität auf dem blassen Gesicht bröckelte kurz. Es schien, als würde er wieder wütend werden. Doch es kam kein Wort über seine Lippen und sie starrten sich nur einige Sekunden gegenseitig an, bevor Malfoy sich wieder umdrehte, zurücklief und hinsetzte.
Langsam näherte Harry sich und setzte sich auf den Stuhl gegenüber, mit dem Tisch zwischen ihnen. Er legte das Pergament, den Federkiel und das Tintenfässchen darauf, ließ Malfoy dabei aber kaum aus den Augen. Zwar glaubte er nicht, dass dieser so dumm sein würde direkt in der Zentrale der Auroren etwas derart Dummes zu tun, wie ihn anzugreifen, aber seine innere Unruhe ließ sich dadurch nicht beruhigen.
„Wer ist verschwunden?", fragte Harry und drehte das Tintenfässchen auf. Es gefiel ihm nicht, dass er dazu seinen Zauberstab loslassen musste. Allerdings wollte er Malfoy auch nicht die Genugtuung geben zu glauben er würde ihm Angst machen.
„Narcissa Malfoy.", antwortete Malfoy knapp und etwas gepresst. Wenigstens war es offensichtlich ihnen beiden unangenehm miteinander zu tun zu haben.
„Seit wann?", wollte Harry als nächstes wissen.
„Vor drei Tagen.", kam es als nächstes.
Überrascht hob Harry die Augenbrauen an. „Und dann kommst du erst jetzt her?"
„Ich hätte gar nicht herkommen sollen. Dass sie ausgerechnet dich damit beauftragen, zeigt ja eindeutig, dass es nichts weiter als ein Witz für euch ist.", zischte Malfoy ihm entgegen.
„Sprichst du immer so mit Leuten, von denen du Hilfe willst?", entgegnete Harry genervt. „Oh, wieso frage ich überhaupt? Ich weiß ja, dass alle für dich nur Bedienstete und Untertanen sind."
„Als ob die Auroren eine Hilfe wären!" Malfoy stand ruckartig und deutlich wütend wieder auf. Harry konnte sich nur knapp davon abhalten nach seinem Zauberstab zu greifen. „Wahrscheinlich schließt ihr bereits Wetten darüber ab, wer als nächstes verschwindet. Ich weiß wirklich nicht, was mich dazu gebracht hat anzunehmen, dass sich irgendjemand hier dafür interessieren würde.", murmelte er danach nur und drehte sich erneut der Tür zu.
„Colloportus." Bevor Malfoy die Tür auch nur erreicht hatte, machte ein gut vernehmbares Klicken klar, dass sie sich verschlossen hatte. „Wir sind nicht fertig.", erklärte Harry, behielt seinen Zauberstab aber in der Hand. Er beobachtete Malfoy, der ihm den Rücken zugewandt hatte. Vor allem aber beobachtete er seine Hände, die an seinen Seiten zu Fäusten geballt herunterhingen. Es dauerte einige Sekunden, bevor er sich erneut umdrehte. Sein Gesichtsausdruck war wieder neutral.
„Wirklich, Potter?"
„Du bist hier, weil deine Mutter verschwunden ist. Es ist deine Pflicht das zu melden und du gehst nicht, bevor du meine Fragen dazu beantwortet hast.", erklärte Harry ihm in hoffentlich nicht allzu genervtem Tonfall, wie das hier ablaufen würde. Schließlich würde er ja den Bericht auch irgendwie abgeben müssen. Er konnte keinen Bericht mit nur zwei beantworteten Fragen abgeben!
Tief durchatmend setzte Malfoy sich wieder hin. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sein Gegenüber unverhohlen ablehnend an.
„Also.", ergriff Harry erneut das Wort. „Vor drei Tagen. Was ist da passiert?"
„Mutter war zu Besuch bei ihrer Schwester. Als sie am Abend nicht zurück war, ging ich davon aus, sie habe spontan bei ihr übernachtet. Erst am Abend darauf stellte ich fest, dass dem nicht so war."
Während Harry sich Notizen machte, wurde er langsamer. Misstrauisch sah er hoch bei den Worten als ihm klar wurde, was sie implizierten.
„Deine Mutter war bei Andromeda?", hakte er nach.
„Sie sind Schwestern.", sagte Malfoy daraufhin nur in einem Tonfall, als würde er einem Minderbemittelten das Offensichtliche näherbringen wollen. Gefolgt von einem: „Ich sehe, Dromeda hat davon abgesehen dir zu erzählen mit wem sie wieder Umgang pflegt."
Das hatte sie wohl und Harry machte sich gedanklich eine Notiz später bei ihr vorbeizuschauen. Außerdem gefiel ihm nicht, dass sein Gegenüber ihren Spitznamen nutzte. Sollte das bedeuten, dass nicht nur Narcissa sondern auch Draco Malfoy mit Andromeda zu tun hatten? So gerne er das auch hier und jetzt ausdiskutieren wollen würde, das würde nur zur Malfoys Belustigung führen.
„Und was hast du den übrigen Tag gemacht, anstatt das Verschwinden zu melden?", fragte Harry also weiter.
„Sie gesucht. Ich war überall, wo ich auch nur die Möglichkeit sah sie anzutreffen und bei jedem von dem ich dachte, dass er sie gesehen haben könnte."
„Hast du es bei deinem Vater versucht? Vielleicht ist sie ihn bloß besuchen gegangen?", schlug Harry vor. Es war das erste Mal, dass er etwas anderes als Wut oder Ausdruckslosigkeit in Malfoys Gesicht sah. Schmerz war ihm ins Gesicht geschrieben. Als hätte ihm jemand ein Messer zwischen die Rippen getrieben. Doch der Ausdruck war so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war und die neutrale Maske verbarg jegliche möglichen weiteren Emotionen. Das reichte Harry allerdings, um sich seinen ehemaligen Rivalen etwas genauer anzusehen. Der Anzug, den er trug war offensichtlich maßgeschneidert, die weißblonden Haare ordentlich zurückgegelt. Er war blass. Aber anders blass, schon fast etwas grau. Seine Augen waren rot unterlaufen und dunkle Ringe deuteten deutlich auf Schlafmangel hin. Seine Mutter war verschwunden. Und er hatte keine Ahnung, wo sie war. Harry glaubte ihm, dass er alles was ihm eingefallen war, versucht hatte, um sie zu finden, bevor er sich hierher begeben hatte. Und dass es ihn zutiefst beunruhigte, dass er erfolglos gewesen ist.
„Ich weiß nicht, wo mein Vater ist.", presste Malfoy mit kaum kontrollierter Stimme hervor. Harry wunderte sich, was er hören würde, wenn er sie nicht kontrollieren würde. Wut oder Trauer?
„Nun, vielleicht haben sie endlich beide genug von dir." Harry schallt sich einen Idioten, bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Sie waren keine Schulkinder mehr. Dennoch brachte Malfoy das in ihm hervor. Der Jugendliche in ihm verlangte danach wieder in dumme Streitereien und Beleidigungen zu verfallen. So, wie sie es jahrelang getan sobald sie sich gesehen hatten. Ohne zu überlegen und mit der Hoffnung dem anderen so sehr weh zu tun wie nur irgend möglich.
Es war gar nicht so lange her. Die Schlacht bei Hogwarts war erst drei Jahre her. Harry, Ron und Neville hatten gerade erst ihr Aurorentraining beendet. Es war ein Fehler ihm diesen Fall zuzuordnen. Er konnte hier nicht objektiv ermitteln. Was hatte seine Vorgesetzte sich nur dabei gedacht ihm diesen Fall zu geben?
„Meine Eltern…", Malfory beugte sich in einer sehr drohend wirkenden Art langsam über den Tisch etwas nach vorne, während er Harry mit seinem Blick geradezu aufspießte. „… würden mich nie freiwillig zurücklassen.", sprach er voller Überzeugung zu Ende. „Es ist natürlich verständlich, dass jemand wie du, an dieser Stelle keine Möglichkeit hat das nachzuvollziehen."
Autsch. Das schmerzte. Aber er hatte sich das selbst zuzuschreiben. Er hatte es herausgefordert und die Rechnung dafür bekommen. Es bestätigte nur, wie unglaublich ungeeignet er an dieser Stelle war. Nach ein paar Sekunden, in denen er sein inneres Verlangen zurückdrängte mit diesem Spielchen weiterzumachen, sah Harry wieder hoch.
Malfoy hatte sich wieder zurückgelehnt. Als er merkte, dass Harry nicht weitermachen würde, wandte er den Blick wieder ab.
„Gibt es jemanden, der es auf sie abgesehen haben könnte?", fragte Harry als nächstes und notierte kurz dabei die essentiellen Inhalte ihres vorangegangenen Gespräches. Als er wieder hochsah, wurde er von seinem Gegenüber nur skeptisch angesehen. „Je schneller du meine Fragen beantwortest, desto schneller lasse ich dich hier wieder raus.", erinnerte Harry ihn, als es nicht schien, als wolle der Blonde darauf in irgendeiner Art antworten.
„Du hast nicht vergessen, wer ich bin, oder?", fragte Malfoy sarkastisch. Harry seufzte nur, verbiss sich einen sarkastischen Kommentar, der ihm auf der Zunge lag, lehnte sich nun selbst zurück und sah ihn einfach nur abwartend an. Er hatte seine Schicht gerade erst begonnen. Auch wenn er sich angenehmere Gesellschaft vorstellen konnte, so eilig hatte er es auch wieder nicht. Einige Sekunden breitete sich Stille aus.
„Jeder.", antwortete Malfoy schließlich. „Meine Familie stand auf Voldemorts Seite und verriet seine Anhänger anschließend. Keiner mag uns. Aber nein, es gab keine Drohbriefe oder mehr als die üblichen Anfeindungen."
Erstaunt hob Harry seine Augenbrauen an. Es gab nicht viele Leute, die selbst jetzt Voldemorts Namen aussprachen. Die Erinnerung war bei vielen noch zu frisch, die Wunden noch zu tief, der Schrecken zu groß. Einige waren weiterhin davon überzeugt, dass der Dunkle Lord nicht tot war, sondern wie zuletzt nur wieder verborgen auf eine Chance wartete. Und hier schmetterte Malfoy ihm diesen Namen einfach so entgegen als wäre er nichts weiter als eben das. Ein Name.
„Okay.", fand Harry seine Sprache wieder. „Du hast mit Andromeda bereits gesprochen, nehme ich an?"
„Sie sagte, Mutter sei am Abend per Flohpulver noch zur Winkelgasse gereist. Sie war bei Gringotts, doch danach habe ich niemanden gefunden, der sie gesehen haben will."
Harry schrieb die Informationen auf. „An welchen Orten hält sie sich normalerweise auf? Enge Freunde? Irgendjemand, der etwas wissen könnte?", wollte er als nächstes wissen.
„Nein. Andromeda war die einzige Person mit der sie Kontakt pflegte. Außerhalb davon verließ sie kaum das Anwesen."
Einige Sekunden betrachtete Harry den anderen Mann. Er versuchte herauszufinden, ob ihm auch wirklich die Wahrheit gesagt wurde. Eine Frau wie Narcissa Malfoy, soll sonst keine Kontakte gehabt haben? Es stimmte zwar, dass die Malfoys es sich auf beiden Seiten mit einigen Leuten verscherzt hatten, doch Malfoys Ausführung klang eher an den Haaren herbeigezogen. Aber er hielt den Mund.
„Sonst irgendetwas, das du loswerden willst?", fragte Harry also hoffentlich unverfänglich.
Malfoys Augen richteten sich wieder auf ihn. „Nein. Sind wir hier dann fertig?"
Harry überlegte noch einmal. Er hatte genug Informationen um einen Bericht zu verfassen, der nicht komplett nach Inkompetenz aussah. Es würde für denjenigen ausreichen, der diesen Fall übernehmen würde.
„Ja.", bestätigte er also.
Wortlos stand Malfoy auf. Ohne ihn auch nur noch eines Blickes zu würdigen, ging er zur Tür. Erst als er sie öffnete, fiel Harry wieder ein, dass er sie magisch verschlossen hatte. Doch offenbar machte das Malfoy keine Schwierigkeiten. Hatte er seinen Zauberstab zwischendurch gezückt und den Zauber aufgehoben? Zumindest hatte Harry das nicht gesehen. Anscheinend hatte er es einfach nicht mitbekommen. Die Tür fiel hinter Malfoy wieder ins Schloss und Harry war allein. Er blieb noch eine Weile sitzen und fügte Notizen hinzu, die hilfreich sein könnten. Dann verließ er den Befragungsraum.
Gleich darauf klopfte er an die Tür seiner Vorgesetzten und trat nach Aufforderung herein. Coria Evrest, saß an ihrem Schreibtisch über eine Akte gebeugt. Rechts und links von ihr stapelten sich weitere Ordner und Pergamente. Es sah fast aus, als müsste der Schreibtisch unter der ganzen Last zusammenbrechen. Als Harry nähertrat, sah sie auf. Dunkle Haare fielen ihr chaotisch über die Schultern. Ein paar graue Strähnen hatten sich darin bereits manifestiert und sie schob sich ihre Brille die Nase wieder hoch. Sie machte den Eindruck, als hätte sie schon wieder die Nacht über gearbeitet.
„Ja?", fragte sie also und griff nach ihrer Tasse, um einen Schluck vom Kaffee zu trinken.
„Guten Morgen, Coria.", begrüßte er sie.
„Ja, ja, guten Morgen, Harry.", grüßte sie zurück und rieb sich mit der freien Hand über die Augen, wonach sie ihre Brille wieder geraderückte.
„Ich habe gerade die Vermisstenmeldung für Narcissa Malfoy aufgenommen.", fing er an und sah seine Vorgesetzte nicken. „Wahrscheinlich wusstest du das nicht, aber ich bin auf persönlicher Ebene bereits mit Draco Malfoy aneinandergeraten. Ich glaube nicht, dass ich der richtige bin um mich darum zu kümmern."
Genervt seufzend nahm Coria ihre Brille ab und lege sie auf der Akte vor sich hin. „Ich wollte die Akte Dorella geben. Aleius sagte, du hättest noch was mit dem reichen Pinkel offen und ich solle es dir überlassen."
Etwas überrascht erwiderte Harry ihren forschenden Blick. „Ähm…", machte er nur unsicher. Dann hatte er das also Aleius zu verdanken. Der konnte sich auf was gefasst machen.
„Ist mir egal, in wessen Regal die Akte verstaubt, solange jemand sich damit lang genug beschäftigt, dass ich keine bürokratischen Probleme wegen vorsätzlicher Vernachlässigung bekomme.", sagte sie schließlich. „Wenn das alles war, dann würde ich jetzt gerne weiterarbeiten."
„Natürlich." Damit verließ Harry das Büro wieder, nur um ohne anzuklopfen bei Aleius ins Büro zu platzen.
„Ich habe das hier dir zu verdanken?", fragte er und warf ihm das Pergament mit seinen Notizen zu.
Überrascht und ungeschickt fing der andere Mann das Pergament auf. Er entrollte es, las die ersten Zeilen und grinste dann. „Ja.", bestätigte er fröhlich. „Ich habe ihn beim Reinkommen gesehen. Und? Hast du ihm die Hölle heiß gemacht?"
„Wovon redest du?"
„Ah komm schon! Du, Ron und Neville habt häufig genug darüber gesprochen, wie er euch das Leben in Hogwarts vermiest hat. Hier ist deine Chance ihm das Leben etwas schwer zu machen. Karma. Wir haben darüber gesprochen."
Seufzend fuhr Harry sich übers Gesicht. „Manchmal…", murmelte er vor sich her, bevor er den Kopf wieder anhob und seinen Freund ansah. „Ich mache das nicht. Die zwanzig Minuten gerade und wir waren bereits wieder dabei uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen."
„Okay." Aleius hob abwehrend die Hände. „Ich dachte, es würde dir Freude machen. Dann werde ich mich eben darum kümmern.", sagte er und schmiss das Pergament hinter sich ins Regal. „Zufrieden?"
Harrys Augen blieben auf das Pergament geheftet, das so achtlos nach hinten geworfen worden war. Aleius war ein fantastischer Auror und ein sehr guter Ermittler mit einer der höchsten Aufklärungsquoten bei Vermisstenfällen, doch Harry kannte auch seine Einstellung gegenüber den verschwundenen Todessern. Er würde sich nicht darum kümmern. Einer von den fanatischen Spinnern weniger war für ihn ein deutlicher Gewinn.
Narcissa war erst drei Tage verschwunden. Noch gab es eine Chance sie lebend zu finden, doch mit jeder Stunde, die verstrich, wurde es unwahrscheinlicher. Bald würde es hoffnungslos sein.
Wütend über sich selbst, zog er seinen Zauberstab. „Accio Vermisstenmeldung Malfoy", befahl er und fischte das auf ihn zuschwebende Pergament aus der Luft.
„Wohl noch unentschlossen.", bemerkte Aleius und grinste ihn nur an, obwohl Harry ihm einen Todesblick zuwarf. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum wieder.
Narcissa Malfoy. Jetzt hatte er diesen Fall wirklich an der Backe. Den einzigen weiteren Kontakt, den Malfoy angegeben hatte, war Andromeda gewesen. Am besten er sprach erst einmal mit ihr. Vielleicht könnte sie ihm etwas Nützliches sagen. Abgesehen davon wollte er ja schon gerne wissen, wieso sie ihm nichts darüber gesagt hatte, dass sie Kontakt mit den Malfoys hatte.
