Als der Raum aufhörte sich zu drehen, stieg Harry aus dem Kamin. Er nahm sich die bereitliegende Bürste vom Simms und sah zu, dass der an ihm haftende Ruß verschwand, bevor er mit seinem Zauberstab dafür sorgte, dass die Verunreinigungen auf dem Boden wieder zurück im Kamin verschwanden.
Andromedas Wohnzimmer war aufgeräumt wie immer. Als wäre gerade erst eine Putzkolone hier durgerauscht. Es war nur unglaublicher, wenn man wusste, dass in diesem Haushalt ein wilder Dreijähriger wohnte, der so absolut keine Vorstellung von Reinlichkeit oder Ordnung besaß. Der große helle Raum war von Sonnenlicht durchflutet und Harry konnte hinaus in den Garten sehen.
Er sah niemanden, aber Teddys Lachen drang bis zu ihm. Sofort breitete sich ein Lächeln auf Harrys Lippen aus als er dieses Geräusch hörte und ohne zu zögern trat er auf die offene Glastür zu und hinaus in den weitläufigen Garten.
Andromeda hatte ein Gemüse- und Obstbeet, die zu den sonderbarsten Jahreszeiten Früchte produzierten. Zu Beginn war es Harry seltsam vorgekommen mitten im Winter herrlich frische und unglaublich leckere Erdbeeren zu essen, doch inzwischen hatte er sich an diese Annehmlichkeiten gewöhnt. Er wusste, dass Molly immer wieder neidisch auf Andromedas Geschick diesbezüglich war, denn ihr gelang es zwar das Gemüse und die Früchte auch im Winter zu produzieren, die ohnehin etwas härter im Nehmen waren, aber alles das etwas anstrengender war, wollte es ihr einfach nicht gelingen.
Mit einem Blick auf den Kirschbaum vor sich, an dem die roten Früchte so schwer hingen, dass die Äste sich bereits nach unten neigten, lief er in die Richtung aus der er das Lachen hörte. Als er um die Ecke bog, sah er Andromeda mit Teddy zusammen im Gras sitzen. Andromedas Kater Hazel schnappte spielerisch nach Teddys Händen und schleckte sie ab, während der kleine Junge jedes Mal lachte, wenn die Katzenzunge seine Haut berührte.
„Rierie!", stieß er in seiner Eigenheit nur die letzte Silbe des Namens zu benutzen begeistert aus, als er Harry erblickte. Seine braunen Harre leuchteten in einem starken gelb auf vor Freude und brachte Hazel dazu erschrocken zur Seite zu springen. Sofort sprang er auf, rannte auf ihn zu, wurde von Harry in Empfang genommen und durch die Luft gewirbelt. Lachend ruderte er mit Armen und Beinen und seine Haare änderten die Farbe mehrmals in der Sekunde von einer leuchtenden Neonfarbe zur nächsten.
„Hey Teddy.", begrüßte Harry sein Patenkind.
„Komm spielen!", forderte der Junge ihn auf, krallte eine Hand in Harrys Umhang und deutete mit der anderen in Richtung des Sandkastens, der ein paar Meter weiter errichtet worden war.
Lachend drückte Harry dem kleinen Jungen einen Kuss auf die Schläfe. „Ich bin eigentlich hier, um mit deiner Oma zu sprechen.", informierte er ihn, ruderte aber sofort zurück als er die Enttäuschung sah und die leuchtenden Haare sich grau verfärbten. „Aber danach habe ich noch ein paar Minuten, um mit dir eine Burg zu bauen, okay?", bot er ihm also sogleich an.
Begeistert klatschte Teddy in die Hände. „Ja, ja, ja, ja, ja!", rief er, während seine Haare hell lila wurden. Harry setzte ihn wieder auf dem Boden ab und er sprang sofort los und Hazel hinterher, der scheinbar ziellos im Garten herumrannte.
Andromeda erhob sich vom Boden, klopfte ihren Rock ab und kam mit einem warmen Lächeln auf den Lippen auf ihn zu. Ihre langen braunen Haare waren zu einem Zopf geflochten und ihre Augen strahlten vor Freude. „Harry, mein Junge.", begrüßte sie ihn und schloss ihn kurz in ihre Arme. „Ich habe erst morgen mit dir gerechnet.", fügte sie hinzu.
„Schön dich zu sehen, Dromeda. Leider bin ich dienstlich hier.", sprach er das Thema sofort an und sah direkt, wie das Lächeln auf ihren Lippen gefror. Sie unterbrach ihren Augenkontakt und sah besorgt zu Teddy, der fröhlich lachend den Kater durch den Garten jagte. Harry fand immer wieder erstaunlich, wie tolerant Hazel dem Kind gegenüber war. Wenn Harry auch nur eine falsche Bewegung machte, hatte er sofort Krallen und Zähne in dem Körperteil, das Hazel zu nahegekommen war.
„Lass uns reingehen.", sagte Andromeda schließlich und schritt voraus. Harry folgte ihr zurück ins Haus und in die ebenso blitzblanke Küche, wo sie ihren Zauberstab zückte und Wasser ansetzte, bevor sie zwei Tassen hervorholte und eine Kanne mit Teeblättern vorbereitete. Harry ließ sie machen und setzte sich an den Küchentisch. Er wusste, dass sie Hilfe ablehnen würde, wenn er sie ihr anbieten würde. Schließlich setzte sie sich zu ihm an den Tisch.
„Ich nehme an es geht um Cissy.", brachte sie das Thema wieder zur Sprache und sah ihn mit einem ernsten Blick an.
„Ja.", bestätigte Harry und wunderte sich kurz über den benutzten Kosenamen. Soviel er wusste, hatten die beiden Schwestern seit Jahren nichts miteinander zu tun. Seit Andromeda sich entschlossen hatte einen muggelstämmigen Zauberer zu heiraten. „Malfoy hat sie vor einer Stunde vermisst gemeldet. Er sagte sie sei hier gewesen, bevor sie verschwunden ist.", erzählte er und sah wie Sorge sich auf dem Gesicht der Frau ausbreitete. Sie sah auf den Tisch hinunter.
„Ja. Wir haben im Garten gesessen, uns unterhalten und mit Teddy gespielt.", berichtete Andromeda. „Sie sagte, sie wolle danach noch in die Winkelgasse einige Besorgungen machen."
„Das hat Malfoy mir auch erzählt. Sie ist wohl bei Gringotts gewesen, aber danach hat er nichts weiter gefunden." Harry betrachtete die Frau vor sich. Sie schien sichtlich mitgenommen von dieser Nachricht. Als der Teekessel pfiff, erschrak sie sichtlich und Harry bedeutete ihr sitzen zu bleiben und übernahm es den Tee aufzugießen. Er nahm die Kanne mit und stellte sich auf dem Tisch ab, als er sich wieder setzte.
„Andromeda, seit wann hast du wieder Kontakt mit ihr?", wollte Harry wissen. Es hatte ihn die ganze Zeit gewurmt. Und offenbar hatte Narcissa Malfoy auch mit Teddy Kontakt gehabt. Warum wusste er nichts davon, dass sein Patenkind mit einer Malfoy spielte?
„Ich habe ihr einen Brief geschrieben, als Lucius verschwunden ist.", antwortete sie und fuhr sich durch die Haare, strich ein paar lose Strähnen nach hinten. „Ein Versuch wieder Kontakt herzustellen. Ein Versuch meiner geliebten kleinen Schwester zu helfen."
Skeptisch hob Harry eine Augenbraue an. Geliebte kleine Schwester? Die Blacks hatten sie verstoßen, als sie sich für Edward entschieden hatte, weil er kein Reinblütler war. „Warum solltest du das tun?", hakte er also nach.
Kurz traf ihn ein wütender Blick, der ihn sofort die Frage bereuen ließ, doch dann schmolz die Wut weg und hinterließ nur Resignation und Trauer. Ein etwas gequältes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Du weißt nicht, wie das war, Harry. Zusammengefasst hast du recht. Aber ich sehe die Sachen in meinem Alter etwas anders. Hätte ich damals bereits diese Einsicht besessen, hätte ich meine Schwestern bestimmt nicht so leicht aufgegeben."
„Sie haben dich genauso verstoßen, wie der Rest deiner Familie.", gab Harry zu bedenken.
„Ja. Und ich habe nichts dagegen getan.", antwortete die Frau und griff nach der Teekanne, um sich und ihrem Besuch einzugießen. „Ich habe nie an der Liebe meiner Familie gezweifelt. Ich bewunderte Bella und war geradezu vernarrt in meine kleine Cissy. Meine geliebten Schwestern, die immer genauso für mich da waren, wie ich für sie."
Harry biss sich auf die Zunge. Sie hatte Bellatrix bewundert? Obwohl sie wusste, dass sie für den Tod ihrer eigenen Tochter verantwortlich war, sprach sie derart von ihr? Harry spürte, wie es ihn wütend machte. Bellatrix war eine wahnsinnige Fanatikerin gewesen. Nichts anderes.
„Es ist schwer etwas zu ignorieren, was einem von klein auf beigebracht wird von den Menschen, denen man vertraut und die man liebt. Erst recht, wenn man mit anderen Denkweisen erst konfrontiert wird, wenn man mit elf nach Hogwarts kommt und dann noch in ein Haus hereinsortiert wird, dass hauptsächlich aus Leuten besteht, die diese Denkweise teilen.", erzählte sie weiter.
„Aber du hast das getan. Du hast Edward geheiratet.", warf Harry ein. Wie konnte man nicht sehen, wie falsch die Werte waren, die einem vermittelt wurden? Schon von alleine! Und wenn man dann auf sie traf, müsste man doch sofort sehen, dass es keinen Unterschied machte, wo diese Leute herkamen.
„Oh, das hat mich einige Zeit gekostet, mein Lieber." Sie nahm ihre Tasse und nippte daran. „Ich verliebte mich in Edward, bevor ich wusste, dass er muggelstämmig war. Ich hätte damals nicht einmal so viel Zeit mit ihm verbracht, wenn ich das vorher gewusst hätte. Und ich habe gegen meine Gefühle für ihn gekämpft und versucht sie im Keim zu ersticken. Ich weigerte mich seine Eltern zu treffen. Es hat wahrlich gedauert, bis ich den Gedanken überhaupt zuließ, dass Edward vielleicht nicht dem Bild entsprach, dass mir von meiner Familie über Leute wie ihn beigebracht worden ist. Zunächst dachte ich, er sein lediglich eine einzelne Ausnahme.", erklärte sie weiter. „Als meine Familie mich dafür verstieß, hat es mir das Herz gebrochen. Ich hätte nie gedacht, dass sie mir etwas Derartiges antun würden. Ich war so verletzt, dass ich ihnen genauso den Rücken kehrte, wie sie mir. Auch meinen Schwestern, die genauso von meinen Eltern indoktriniert worden waren, wie ich. Dass ich es geschafft hatte meine Ansichten zu lockern und schließlich zu ändern, war pures Glück. Etwas das Bella und Cissy nicht hatten."
Überrascht hörte Harry der Geschichte zu. Das hörte sich deutlich anders an, als er es sich bisher vorgestellt hatte. Er hatte immer gedacht, Andromeda sei von Beginn an nicht überzeugt von den Ansichten ihrer Eltern gewesen.
„Ich habe erst so viel später verstanden, was da passiert ist.", sprach Andromeda weiter und starrte etwas abwesend in ihre Teetasse. „Der Gedanke, ich hätte meine Schwestern retten können, wenn ich damals nicht so einfach aufgegeben hätte, quält mich bis heute." Eine einzelne Träne rollte ihr übe die Wange und sie wischte sie schnell mit der Hand weg, bevor sie sich ein Lächeln auf die Lippen zwang und den Blick wieder auf Harry richtete. Dromedas Darstellung der Situation ließ ihn fast Mitleid für Narcissa Malfoy empfinden. Oder hätte es, wenn er sie nicht getroffen hätte und sein Eindruck von ihr so horrend anders wäre. Sie passte zu Lucius. Genauso arrogant, überheblich, voreingenommen und von sich selbst überzeugt wie er. Genauso wie ihr Sohn. Anscheinend war ihre Erinnerung etwas getrübt nach all der Zeit. Außerdem waren Bellatrix und Narcissa auch erwachsen geworden und hatten sich nicht geändert. Andromedas Sichtweise war für Harry völlig unbegreiflich.
„Dromeda, ich denke nicht, dass es in deiner Macht lag etwas zu tun. Die beiden haben ihren Weg gewählt.", versuchte er sie davon abzubringen sich selbst die Schuld zu geben. Doch sie lächelte nur etwas mitleidig und legte Harry mütterlich eine Hand an die Wange.
„In ein paar Jahren wirst du verstehen, dass alles nur aus verschiedenen Grautönen besteht. Einige dunkler, einige heller, aber fast nichts ist komplett weiß oder schwarz in dieser Welt.", sagte sie, ließ ihre Hand nach unten über seine Haut streichen und legte sie dann wieder an ihre Teetasse. „Ich habe ein aktuelles Bild, wenn du eins benötigst.", lenkte sie das Gespräch wieder auf ein anderes Thema und zückte ihren Zauberstab, bevor Harry überhaupt seine Sprache wiedergefunden hatte. „Accio blaue Fotobox." Kaum zwei Sekunden später sauste besagte keine Kiste um die Ecke und landete vor Andromeda auf dem Tisch. Sie zog ein Bild hinaus und schob es Harry zu. „Das hier ist zwei Wochen alt."
Als Harry das Bild betrachtete, konnte er die Frau darauf kaum wiedererkennen. Narcissa Malfoy strahlte vor Freude geradezu. Die harten, gefrorenen Gesichtszüge, die er von ihr kannte, waren in ein breites Lächeln aufgelöst. Die blauen Augen drückten soviel Wärme aus, dass es ihn fast an Andromeda erinnerte. Ihre blonden Haare waren zu einem großen Teil weiß geworden und hingen ihr an einigen Stellen unordentlich aus ihrem Dutt heraus. Auf ihrem Arm hielt sie den kleinen Teddy, der nicht minderfröhlich grinste. Er konnte sehen, wie das Bild sich passend dazu bewegte. Immer wieder schmiegte das Kind sich an Narcissa heran und schenkte ihr ein Lächeln, welches sie nur allzu bereitwillig erwiderte, ihn an sich drückte und sogar einen liebevollen Kuss auf seiner Schläfe platzierte. Zusammen wirkten sie unglaublich glücklich.
„Sie vergöttert Teddy.", informierte Andromeda ihn, während Harry ungläubig auf das Bild herabsah, wo Narcissa Malfoy gerade mit einer Hand durch die wirren Haare von Teddy Lupin strich und ihn dabei ansah, als wäre er das Kostbarste, was sie je gesehen hatte. Es gelang ihm irgendwie nicht dieses Foto mit der Frau in Verbindung zu bringen, von der er wusste, dass sie Draco Malfoy aufgezogen hatte. Es passte einfach nicht.
Als er es schließlich schaffte seinen Blick abzuwenden, sah er, dass Andromeda ihn ganz genau beobachtet hatte. Sie sagte nichts.
Immer noch irritiert schob Harry das Foto Andromeda wieder zu. „Danke.", sagte er lediglich.
Leicht lächelnd packte sie das Foto zurück in die Box. Was für Bilder befanden sich wohl noch darin? Weiter so unglaubliche, die ihn an Dingen zweifeln ließen, die er schon fast für Naturgesetzte gehalten hatte?
„Warum hast du mir nicht davon erzählt?", wollte er dann wissen. Immerhin war es keine Kleinigkeit, dass sein Patenkind mit ehemaligen Todessern spielte, oder? Leuten, die für das, was Teddys Mutter gewesen ist keine Liebe übrighatten und für ihn genauso wenig. Eigentlich nicht. Das Foto hatte ihm jedoch einen deutlich anderen Eindruck gegeben. Es wirkte so echt, wie Narcissa den kleinen Jungen knuddelte und liebkoste.
Seufzend lehnte Dromeda sich zurück. „Das wollte ich.", antwortete sie. „Es ist kein Geheimnis, dass ihr kein gutes Verhältnis zueinander hattet und Ron hat oft genug über die Malfoys und vor allem Draco herumgeflucht, dass mit klar war, dass es eine äußerst delikate Angelegenheit werden würde. Draco selbst schien auch wenig angetan von der Idee zu sein."
Etwas überrascht zog Harry die Augenbrauen hoch. Draco? Wieso war der jetzt ein Thema? Sie traf sich mit ihrer Schwester, was Harry zumindest an irgendeiner Stelle noch verstehen konnte, aber Draco Malfoy? Mal abgesehen davon war klar, dass er ebenfalls keine Lust hatte ihn zu treffen.
„Soll das heißen, Malfoy ist auch öfters hier?", hakte er also nach.
„Er ist mein Neffe, Harry.", erinnerte sie ihn an die Familienverhältnisse als würde das alles erklären.
„Du hast vorher noch nie etwas mit ihm zu tun gehabt!"
„Was nicht seine Schuld war. Draco ist das Produkt seiner Eltern gewesen, die ihm genauso eingeredet haben, was er zu glauben hatte, wie meine Eltern es mit mir und meinen Schwestern gemacht haben.", erklärte Andromeda. Harry presste die Lippen aufeinander. Naricassa konnte er schwer einschätzen und musste auf Andromedas Urteilsvermögen vertrauen. Aber Malfoy? Mit dem hatte er genug Erfahrung, um zu wissen, dass er ihn definitiv nicht in Teddys Nähe haben wollte.
„Dromeda, ich kenne ihn. Er ist kein guter Einfluss auf Teddy.", beschwerte er sich also.
„Tust du das?", wollte sie mit deutlich echauffiertem Unterton wissen. „Wenn du das tätest, würdest du ihn nicht so von oben herab betrachten."
Harry presste die Lippen aufeinander. Andromeda hatte mit Malfoy erst seit Kurzem zu tun. Er hatte ihn jahrelang in Hogwarts ertragen müssen. Und er war ja wohl derjenige, der andere von oben herab behandelte, nicht Harry. Gerade wollte er ansetzten und seine Bedenken vehement äußern, doch Andromeda hob ihre Hand in einer so herrischen Geste, dass ihm jegliche Worte im Hals stecken blieben.
„Ich gebe zu, ich weiß nur in den Grundzügen, was während eurer Schulzeit passiert ist und ich bin mir durchaus bewusst, dass Draco nicht der angenehmste Zeitgenosse gewesen ist. Ich weiß, wie Kinder in den stolzen reinblütigen Zaubererfamilien aufgezogen werden. Er ist sicher ein fantastischen Vorzeigekind dieser Erziehung gewesen.", sagte sie, griff nach der blauen Box auf dem Tisch und schob sie in Harrys Richtung. „Doch so wie ich ihn kennengelernt habe, hat er mir nie einen Grund dafür gegeben ihm zu misstrauen. Die Ereignisse um Du-weißt-schon-wen haben ihm wohl einiges zu denken gegeben. Nimm die Box mit und sieh dir die Bilder an. Ich bin sicher, du wirst ihn darauf nicht wiedererkennen und sehen, dass er keinerlei Gefahr für Teddy darstellt."
Harry betrachtete die Hexe vor sich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte seinen Blick ohne auch nur zu blinzeln. Er würde an dieser Stelle nicht an sie herankommen. Sie war von ihren Worten überzeugt. Malfoy hatte gute Arbeit geleistet sich hier einzuschleimen. War nur die Frage, was er davon hatte. Vielleicht wollte er seiner Mutter auch einfach nur einen Gefallen tun, wenn sie den Drang hatte sich mit ihrer einzigen verblieben Schwester zu versöhnen.
Harry wollte nicht streiten. Es würde an dieser Stelle nichts bringen. „Hast du sonst noch irgendeine Idee, was mit Narcissa passiert sein könnte?", wechselte er das Thema.
„Nein. Sie hat nichts erwähnt. Es schien alles in Ordnung zu sein. Sie freute sich auf den Ausflug den wir nächste Woche zusammen mit Teddy und Draco unternehmen wollten.", antwortete Andromeda.
„Was ist mit Lucius Malfoy? Weißt du etwas über ihn? Könnte er etwas damit zu tun haben?", wollte Harry als nächstes wissen.
„Ich denke nicht, dass Lucius noch lebt.", antwortete Dromeda völlig ruhig. „So wie ich damals meine Cissy vorgefunden habe, war ihr Herz gebrochen. Und Dracos Zustand war unwesentlich besser. Das einzige, das ihn auf den Beinen gehalten hat, war die Sorge um seine Mutter."
Irritiert musterte Harry das Gesicht der Hexe. „Wie meinst du das? Er ist verschwunden. Malfoy hat ihn vermisst gemeldet, nicht tot."
„Ich weiß nicht, was da passiert ist. Keiner der beiden wollte mir etwas darüber sagen. Ich habe sie das erste Mal vier Tage nach Lucius Verschwinden gesehen. So verhält man sich nicht, wenn man sich noch unsicher ist. Sie wussten beide, dass er nicht zurückkommen würde." Seufzend goss sie sich eine weitere Tasse Tee ein. „Und bevor du fragst, ich weiß auch nichts über die verschwindenden Todesser."
„Gibt es irgendetwas, das du mir zu dem Ganzen sagen kannst. Irgendeine Idee? Malfoy sagte, du wärst ihr einziger Kontakt gewesen.", fragte Harry also.
„Ich denke nicht, dass sie von sich aus gegangen ist, wenn es das ist, worauf du anspielst. Sie war zu Beginn so verloren. Es ging ihr inzwischen wieder besser. Sie hat wieder die schönen Seiten des Lebens gesehen. Draco muss am Boden zerstört sein. Ich muss unbedingt nach ihm sehen."
Diese echte Sorge und das Mitgefühl, welche in Andromedas Stimme mitschwangen, ließen Harrys vorrangige Sicht der Dinge schwanken. Diese Frau war keineswegs naiv oder dumm. Wenn sie so sehr von dem, was sie sagte überzeugt war, dann würde irgendetwas da schon dran sein. Er wusste, dass die Malfoys einen gewissen Zusammenhalt hatten. Sicher war es nicht einfach gewesen, dass Lucius verschwunden war. Doch wieso sollte Malfoy ihn nicht als verstorben melden, wenn er wusste, dass dem so war? Wo war da der Sinn? Sicher würde er wollen, dass der Mörder gefasst würde. Oder hatte Lucius selbst irgendeine Dummheit begangen und war dabei umgekommen, sodass es Draco und Narcissa Malfoy nur weiter in Verruf bringen würde? Schließlich würde er ja schon erklären müssen, warum er seinen Vater als verstorben gemeldet hatte.
„Wenn dir noch etwas einfällt, sag mir bitte sofort Bescheid.", bat er sie also nur und stand auf. „Ich werde dann mal mit Teddy eine Burg bauen."
Eine Stunde später stieg er mit Andomedas blauer Fotobox in der Hand aus dem Kamin des Zaubereiministeriums. In jeder Kleiderritze versteckte sich Sand und scheuerte seine Haut entlang. Nachdem er mit seinem Patenkind die Burg gebaut hatte, war dieser hindurchgesprungen und hatte ihn mit Sandbällen beworfen.
Zugegeben, als Dreijähriger hatte er noch nicht so viel Koordination, aber es hatte gereicht, dass Harry deutlich mehr Sand am Kragen vorbeigerutscht ist, als ihm lieb war.
Seine Kleidung ausschüttelnd blieb er zwei Meter vor dem Kamin stehen, in der Hoffnung nicht allzu sehr im Weg zu stehen. Er hatte mit seinem Reinigungszauber nur mäßig Erfolg gehabt den Sand wieder verschwinden zu lassen. Er versuchte es noch einige Sekunden, doch dann sah er ein, dass er entweder Hermine suchen gehen oder sich mit seinem Zustand für den Rest des Tages abfinden musste.
Er entschied sich wieder zurück zur Abteilung der Auroren zu gehen und seine Freundin in Ruhe zu lassen. Mit Sicherheit war sie ohnehin mit ihrer Arbeit in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe mehr als genug beschäftigt und könnte darauf verzichten, dass Harry sie mit einer solchen Lächerlichkeit störte. Zumal selbst Ron sich kaum traute seine Freundin bei der Arbeit zu besuchen. Seinen Worten zu Folge war es äußerst furchterregend ihr zu begegnen, wenn sie gerade mitten in ihrer Sache steckte.
Als er durch die Tür trat, sprang Ron ihn kaum zwei Meter später an. „Da bist du ja!", begrüßte er ihn. „Aleius hat mir von Malfoy erzählt. Sag bloß nicht, du bist dem wirklich nachgegangen!"
Harry war klar, dass es seinem Freund lieber wäre, wenn er Narcissas Verschwinden einfach ignorieren könnte. So wie die anderen Auroren es auch mit jedem anderen Todesser taten. Vielleicht hätte er das gekonnt, wenn Malfoy nicht direkt bei ihm gewesen wäre. Doch es war schwer für ihn einfach nichts zu tun, wenn er wusste, dass die Zeit knapp war und es noch eine reelle Chance gab die verschwundene Person zu finden. Egal wer es war. Außerdem hatte Malfoy wirklich geknickt gewirkt, zumindest für den einen Augenblick, den Harry sich ihn näher angesehen hatte. Jetzt nachdem er bei Andromeda gewesen war, konnte er es ohnehin nicht mehr einfach liegen lassen. Wahrscheinlich würde sie ihn mit einem Fluch belegen, wenn sie den Eindruck bekam er ignoriere die Notlage ihrer kleinen Schwester.
„Ich war bei Andromeda.", antwortete er und öffnete die blaue Box, um das Foto von Narcissa mit Teddy hervorzuholen.
„Ach so." Ron schien zufrieden und klopfte ihm schon fast anerkennend auf den Rücken. „Spielst mit Teddy und notierst die Zeit als Nachforschung für diesen Fall, wie? Finde ich gut.", grinste er. „Wie geht es beiden? Hast du mit Dromeda eine Zeit fürs Wochenende ausgemacht? Mum will wissen, wann sie das Essen vorbereitet haben muss."
Statt zu antworten, hielt er seinem besten Freund das Foto vors Gesicht. Dieser wirkte verwirrt, blieb stehen, nahm ihm das Bild aus der Hand und betrachtete es ein paar Sekunden. Er öffnete den Mund, klappte ihn aber wieder zu, ohne etwas gesagt zu haben. Dann sah er Harry äußerst irritiert an, bevor er wieder auf das Foto in seiner Hand sah.
„Narcissa war am Tag ihres Verschwindens noch bei Andromeda. Was anscheinend keine Seltenheit ist. Das Foto ist zwei Wochen alt.", informierte Harry ihn und lief wieder los in Richtung seines Büros.
„Aber…" Ron setzte sich wieder in Bewegung und folgte ihm. „Seit wann hat Dromeda Kontakt mit den Malfoys?", wollte er mit deutlicher Ablehnung in der Stimme wissen. „Und warum sollte sie das? Welche geistig gesunde Person will schon was mit denen zu tun haben?"
Das hatte Harry sich im ersten Moment auch gefragt. Doch was Andromeda ihm erzählt hatte, leuchtete ihm immer mehr ein. Zumindest, wenn es auch wirklich so war, wie sie gesagt hatte. Doch er befürchtete, dass sie sich die Situation einfach gut redete. Dass sie in Narcissa und Draco so sehr ihre restliche Familie sehen wollte, dass sie über die negativen Sachen einfach hinwegsah. Sie vielleicht gar nicht bemerkte. Auch wenn es ihm zugegeben schwer fiel das so einfach zu erklären. Andromeda war keine willensschwache Person. Und sie ließ sich definitiv nichts einfach so gefallen.
Also zuckte er als Antwort auf Rons letzte beide Fragen nur mit den Schultern. Er würde definitiv versuchen dem auf den Grund zu gehen, denn so einfach würde er die ständige Präsenz der Malfoys bei seinem kleinen Teddy nicht hinnehmen. Allerdings hielt er es dennoch momentan für wichtiger sich mit seinem Fall zu beschäftigen. Sobald er Narcissa Malfoy gefunden hatte, würde er sich darüber Gedanken machen, wie er sie fernhalten konnte.
„Sag mir nicht, dass du Andromeda nicht zur Rede gestellt hast!", beschwerte Ron sich. „Halt mal, wusstest du davon?", wollte er dann fast schon eschauffiert wissen.
„Was?" Harry warf ihm einen beleidigten Blick zu. „Nein! Malfoy hat davon erzählt, als er heute früh hier war." Er öffnete die Tür seines Büros und ließ sie für seinen Freund offen.
„Du bist also tatsächlich Hinweisen nachgegangen!" Es klang fast, als hätte Ron ihn dabei erwischt, wie er eine Straftat beging. Er schubste die Tür hinter sich zurück ins Schloss. „Harry, hast du nichts Sinnvolles zu tun? Zum Beispiel jemanden suchen, der nicht komplett durchgeknallt ist?" Genervt warf Ron das Foto schon fast angeekelt auf den Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl davor fallen.
Harry betrachtete seinen Freund. Ron und er waren ursprünglich derselben Abteilung zugeordnet worden. Der Abteilung, die direkt gegen schwarze Magie vorging und dauernd in direkten Duellen mit deren Anwendern verwickelt wurde, während Harry nach seiner Versetzung hauptsächlich im investigativen Bereich tätig war. Es war eine ziemlich drastische Änderung. Zwar war es klar von Vorteil, wenn sein Vorgesetzter sich traute ihm Anweisungen zu geben, doch die direkten Duelle, das Ausheben von Verstecken voller verbotener Zaubertrankzutaten, das Stören und Beenden von dunklen Ritualen, war etwas für das er Talent besaß. Er würde nicht so weit gehen und behaupten es hätte ihm Spaß gemacht, aber es war eine Tätigkeit gewesen, die er beherrscht hatte. Etwas, wo er wusste, dass er einen wichtigen Beitrag leistete.
Jetzt suchte er verschwundene Zauberer. Das bestand meistens daraus mit Leuten zu reden und zu versuchen die Logik darin zu finden. Letzte Woche hatte er eine Hexe in Wales gefunden, die einfach keine Lust mehr auf ihre Familie gehabt hatte. Es war ihr peinlich gewesen, dass man sogar Auroren nach ihr gesandt hatte, bloß weil sie in einem Wutanfall einfach gegangen war. Häufig genug blieben die verschwundenen Personen einfach verschwunden. Je länger sie weg waren, desto geringer wurde die Wahrscheinlichkeit sie noch zu finden. Erst recht lebend.
„Doch. Aber die sind schon so lange verschwunden, dass es eigentlich nur noch darum geht den Fall komplett abzuschließen und nicht die Person lebend zu finden. Naracissa Malfoy hingegen hat noch gute Chancen am Leben zu sein.", antwortete er und setzte sich auf seinen Stuhl. Er war erst so kurz in dieser Abteilung, dass er für gewöhnlich nicht alleine an einem so dringlichen Fall arbeitete. Normalerweise bekam er die alten, lange nicht mehr bearbeiteten Akten, um sie auf den neuesten Stand zu bringen. Die Fälle, wo keiner erwartete, dass da noch Leben dranhingen, wenn er nicht schnell genug war.
Er legte die blaue Box auf dem Tisch ab, schob sie aber zur Seite. Wo hatte er eigentlich seinen Kaffee von heute Morgen stehen gelassen? Malfoy zu sehen hatte ihn genug aufgeweckt, dass er ihn nicht mehr gebraucht hatte. Stand die Tasse noch immer im Befragungszimmer?
„Ach komm schon! Wo auch immer Lucius ist, er wird sie zu sich geholt haben. Wahrscheinlich liegen beide irgendwo am Strand und lassen sich von ihren Hauselfen bedienen." Ron verschränkte die Arme vor der Brust. Irgendwie schien er es als persönliche Beleidung zu empfinden, dass Harry sich damit befasste.
„Das würde ich nicht ausschließen.", gestand dieser und lehnte sich zurück. Er erwiderte Rons Blick. „Andromeda denkt Lucius ist tot.", sagte er dann, als er sich an sein Gespräch mit ihr erinnerte.
„Nun, tut mir leid, dass ich nicht in Tränen ausbrechen werde, wenn das wahr ist.", antwortete Ron voller Sarkasmus. Er konnte es ihm nicht verübeln. Lucius Malfoy war von der ersten Sekunde verabscheuungswürdig gewesen. Harry wäre genauso wenig traurig wie jeder andere den er kannte, wenn sich herausstellte, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Nun, bis auf Draco Malfoy. Aber wen interessierte der schon?
„Also?", ergriff Ron nach einigen Sekunden der Stille das Wort. „Lass die Malfoys in Ruhe und tu etwas Wichtiges. Du musst Andromeda ja nicht davon erzählen. Außerdem wollen sie wahrscheinlich eh nicht an ihrem Strand gefunden werden."
Nachdenklich betrachtete Harry seinen Freund. Er wollte sich wirklich nicht damit auseinandersetzen. Aber irgendetwas schien ihn an der Sache nicht loszulassen. Warum kam Malfoy überhaupt her und meldete seine Mutter vermisst, wenn sie einfach nur verschwinden wollten? Hatten sie ihn tatsächlich nicht eingeweiht? Ihn zurückgelassen?
Sein Blick wanderte zu der blauen Box auf seinem Schreibtisch. Vielleicht würden die Fotos ihm etwas sagen. Er wusste nicht viel über die Familie, doch es hatte nicht den Eindruck gemacht, als wären sie sich gegenseitig verhasst.
„Sieh es mal so, wenn ich dem nachgehe, kann ich Lucius Malfoy vielleicht den Spaß verderben.", versuchte er es mit einem anderen Ansatz. Ron überlegte daraufhin kurz.
„Nun, sie würden ihn wieder dazu zwingen ihnen bei der Verfolgung der übrigen Todesser zu helfen. Und er müsste sicher jede Menge Strafe zahlen… vielleicht sperren sie ihn diesmal sogar direkt ein.", schlug er vor.
„Das klingt doch gut, oder?", sagte Harry.
„Dann solltest du dir mal ansehen, was damals passiert ist. Das ist nach einem Jahr sicher bereits archiviert.", sagte Ron.
„Ja. Andromeda kann mir da vielleicht auch weiterhelfen. Sie hat direkt nach seinem Verschwinden den Kontakt mit ihr wieder aufgenommen." Vielleicht wusste Andromeda nichts, wie sie behauptete. Aber vielleicht wusste sie etwas, das für Harry Sinn ergeben würde. Sicher hätte sie kein Problem damit ihr Wissen zu teilen, wenn es ihm möglicherweise helfen würde ihre Schwester zu finden. Wenn er so darüber nachdachte, dann war Lucius Malfoy der erste Todesser, der aus einer der begnadigten Familien verschwunden war. Es war zwar schon ein Jahr her und die Fälle häuften sich jetzt erst seit etwa vier Monaten, aber vielleicht hing das ja dennoch irgendwie zusammen.
