Mit geschürzten Lippen erwiderte Minerva seinen Blick. Harry fühlte sich zunehmend unwohl in seiner Haut. Er hatte in den letzten Jahren ein sehr gutes Verhältnis zu seiner ehemaligen Lehrerin aufgebaut. Sie duzten sich und sprachen sich mit dem Vornamen an. Dennoch waren es, wenn man es genau betrachtete, erst vier Jahre. Und sie schaffte es immer noch ihm mit einem Blick mehr Respekt einzubläuen als jede andere Person, die er kannte.
„Ich verstehe.", sagte sie schließlich, schwang ihren Zauberstab nebenbei und einige Papiere flogen aus den Regalen zu ihr und ordneten sich auf dem Schreibtisch in tadellosen Stapeln an. „In dem Fall, werde ich dich wohl aus dem Lehrplan bis auf weiteres streichen."
„Es tut mir wirklich leid.", versicherte Harry ihr und versuchte nicht unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen, als hätte sie ihn mal wieder dabei erwischt unerlaubterweise nachts durch das Schloss zu spazieren.
Mit einer wegwerfenden Geste tat sie diese Entschuldigung ab. „Nun, mir war von Beginn an klar, dass es sich bloß um ein temporäres Arrangement handelt.", gab sie zu. „Ich brauche einen fest angestellten Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste." Sie rollte eins der herbeigeschwebten Pergamente auf und fing an mit einer grünen Feder darin herumzuschreiben. Harry wusste, dass sie seinen Namen aus den Lehrplänen strich, die für jede Woche erstellt in ihrem Büro verstaut waren.
Seit dem Krieg, war sie nicht fähig gewesen jemanden zu finden, der ihren Anforderungen an diese Position gerecht wurde. Einen Lehrer für Verwandlung anzustellen hatte sich als schwierig, aber machbar erwiesen. Immerhin hatte sie das aus dem Kopf. Jedoch waren Minerva und Filius dabei sich mit dem VgddK Unterricht abzuwechseln. Was für beide eine hohe Belastung war. Immerhin hatte der eine noch den Zauberkunst Unterricht in seiner Verantwortung und der andere leitete die gesamte Schule.
Harry und Ron waren am Anfang nur sporadisch ab und zu eingesprungen, doch nun hatte Harry bemerkt wie sehr es ihm Freude bereitete den Unterricht zu führen und Minerva hatte bereits versucht ihn von seiner Aurorenstelle abzuwerben. Jedoch war die Arbeit als Auror wichtiger für ihn. Auroren waren momentan eh Mangelware. Viele Stellen blieben leer und das Ministerium warb laufend neue Bewerber an. Sie und Minerva hatten also die gleiche Zielgruppe. Und das Ministerium zahlte auf Dauer einfach deutlich besser. Da hatte der Lehrposten an Hogwarts deutlich weniger Vorteile. Erschwerend hinzu kam auch noch, dass Minerva deutlich höhere Ansprüche stellte, als das Ministerium.
„Vielleicht stelle ich jemanden für die unteren Klassen ein und übernehme nur die höheren…", murmelte sie vor sich hin, während sie den Plan weiterbearbeitete.
„Ich melde mich, sobald ich wieder Zeit habe.", versprach er ihr.
„Das ist doch keine Dauerlösung." Unzufrieden seufzte sie. „Aber da du nun den jungen Malfoy siehst, kannst du ihn bitte daran erinnern, dass ich immer noch auf eine Antwort warte? Ich möchte seine Akte doch endlich archivieren können."
Irritiert zog Harry die Augenbrauen zusammen. „Antwort?", hakte er nach. „Worauf?"
„Er hat seine UTZs weiterhin nicht abgelegt. Jedes Mal, wenn mir seine Akte in die Hände fällt, schüttelt es mich innerlich zu wissen, dass ein derart brillanter Schüler seinen Abschluss nicht gemacht hat."
Diese Information half seiner Irritation allerdings nicht weiter. „Seine UTZs?" Alle Prüfungen im Jahr des Krieges waren wiederholt worden. Schon allein deshalb, weil die Slytherins und Reinblüter deutlich bevorzugt worden waren. Ganz zu schweigen teilweise vom Inhalt der Prüfungen. Harry waren die Prüfungsfragen und deren Musterantworten für Muggelkunde so unter die Haut gegangen, dass ihm schlecht geworden war. „Brillant?" Ungläubig starrte er die ältere Hexe an.
„Oh ja. Brillant.", wiederholte sie. „Es passiert nicht häufig, dass der Jahrgangsbeste nicht dem Hause Ravenclaw entstammt. In deinem Jahrgang mussten sie sogar dauerhaft von den ersten beiden Plätzen weichen. Hermine hat es zwar jedes Jahr geschafft an der Spitze zu stehen, doch es war immer ein Kopf an Kopf rennen. Und nur wenige Punkte trennten sie voneinander."
So hatte Harry Malfoy nie eingeschätzt. Er hatte immer mehr interessiert daran gewirkt ihm das Leben zu Hölle zu machen anstatt zu lernen. Es war seltsam, dass er offenbar ernstzunehmende Konkurrenz für Hermine gewesen war. Ob sie das wusste? Jedenfalls wunderte es ihn nun weniger, dass sie sich mit ihm anregend über etwas wie Arithmantik unterhalten konnte.
„Ich sage es ihm.", stimmte er dann zu.
„Gut." Die Hexe nickte. „Hast du Zeit hier zu frühstücken?"
Wenn er ehrlich war, hatte er darauf gehofft, dass Minerva ihn dazu einladen würde. Also gingen sie zusammen hinunter in die Große Halle, wo Harry freudestrahlend von den anderen Lehrern und bereits anwesenden Schülern begrüßt wurde. Dennis takelte ihn fast zu Boden vor lauter Freude ihn zu sehen, sobald er auch nur einen Fuß in die Halle gesetzt hatte. Wie auch immer er es so schnell geschafft hatte zu den Lehrertischen zu rennen, dass Harry noch nicht einmal die Zeit hatte sich hinzusetzen.
„Harry!", begrüßte er ihn freudestrahlend und dieser erwartete fast schon, dass er wie sein großer Bruder plötzlich eine Camera hervorzog und ihn mit dem Blitzlicht blenden würde. Aber irgendwie erwartete Harry das immer. Und es passierte nie. Zwar war Dennis Colin sehr ähnlich, sowohl äußerlich als auch vom Verhalten her, aber damit hatte er zum Glück nicht angefangen. „Guten Morgen, Professor McGonagall!", strahlte er auch seine Hauslehrerin an. Nach seinem ausgesetzten Jahr während Voldemorts Herrschaft über die Schule, war das nun sein letztes Jahr an Hogwarts.
„Guten Morgen, Mr. Creevy.", grüßte Minerva ihn. „Darf ich Sie direkt daran erinnern, dass die Schüler für gewöhnlich an ihren Haustischen Platz nehmen?", wies sie scharf darauf hin, dass sie auch dieses Mal seinen Versuchen nicht stattgeben würde sich neben Harry zu setzen.
„Na klar, Professor.", antwortete er. „Weiß ich doch!" Nun ja, er hatte es mehrmals versucht.
„Hm.", machte Minerva nur, warf Harry noch einen Blick zu und ging dann zu ihrem eigenen Stuhl. Zugegeben, gerade mit Dennis war es äußerst schwierig irgendeine Form von Distanz zu wahren, die es zwischen Lehrer und Schüler geben sollte. Sie waren zuallererst Freunde und jedes Mal, wenn Dennis ihn ihm Unterricht ansprach, tat er das mit deutlichem Amüsement in der Stimme, wenn er ihn Professor oder Auror nannte oder nutzte direkt seinen Namen. Nach dem Verlust von Colin hatte es eine Weile gedauert bis er wieder zu seinem fröhlichen Selbst zurückgefunden hatte. Harry würde nie vergessen, wie der vierzehnjährige Dennis neben dem toten Körper seines älteren Bruders Colin in der Großen Halle nach der Schlacht gehockt hatte, Hände in dessen Kleidung gekrallt, das Gesicht an seiner Schulter vergraben und heftig schluchzend. Stundenlang. Er hatte ihn lange Zeit danach nicht lächeln gesehen.
„Machst du morgen auch den Unterricht?", fragte Dennis hoffnungsvoll.
„Nein. Wahrscheinlich deutlich weniger von nun an. Arbeit.", erklärte er und sah direkt wie die Fröhlichkeit aus dem Jungen herauszuströmen schien. „Tut mir leid.", fügte er also hinzu.
Unzufrieden verzog Dennis das Gesicht. Dann zuckte er mit den Schultern. „Wir sehen uns sicher ohnehin zwischendurch."
„Wahrscheinlich.", lachte Harry und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken.
Wieder breit grinsend verabschiedete Dennis sich und lief zurück zu seinen Freunden am Gryffindor-Tisch, sodass Harry sich nun auch setzen konnte. Slughorn schaffte es mal wieder sich auf einen der Plätze neben ihm zu mogeln und verdrängte damit Filius. Doch dieser rollte nur mit den Augen, als Harrys und sein Blick sich trafen, was bei ihnen beiden ein Lächeln auslöste.
Zwei Stunden später marschierte er ins Ministerium. Auf der Titelseite des Tagespropheten, den Harry sich so gut wie immer am Eingang des Ministeriums holte, prangte Kingsley Shaklebolt mit ernster Miene. Schnell überflog er den Artikel. Es handelte sich um eine erstaunlich neutrale Darstellung über das Verschwinden der ehemaligen Todesser und dass der Minister persönlich involviert war. Es wurde ausgiebig hervorgehoben das jegliche Auffälligkeiten augenblicklich zu melden waren, dass Mithilfe verlangt wurde und sich jeder strafbar machte, der diese verweigerte oder Informationen zurückhielt. Auch wurde der Untersuchungsausschuss angesprochen, jedoch ohne Namen der Mitglieder zu nennen.
„Guten Morgen, Harry!", wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Hermine und Ron schlossen zu ihm auf. Er grüßte zurück und Hermine fing sofort an ihre Tagesplanung erneut aufzugreifen. Sie hatte es geschafft einige ihrer Befragungen bei Malfoy zu koordinieren. Niemand hatte es für eine gute Idee gehalten die Angehörigen der Verschwundenen in die Zentrale zu bestellen. Dazu war die momentane Lage zu angespannt. Den Rest würden sie ebenfalls in ihren Heimen aufsuchen. Aleius würde die Koordination zwischen den Abteilungen und externen Quellen übernehmen, denn auf ihn war niemand schlecht zu sprechen, im Gegensatz zu Harry, der momentan als sowas wie ein Verräter galt. Der Artikel im Propheten würde es nicht gerade besser machen. Doch das war ihm egal. Er war nicht derjenige, der sich falsch verhielt.
Wie zu jedem Schichtbeginn meldeten sie sich zum Dienstantritt. Neville wartete bereits am Eingang zur Aurorenabteilung auf sie. Er schien etwas nervös.
„Hey.", begrüßte er sie etwas matt. Doch er sagte nichts auch wenn es offensichtlich war, dass er sich angenehmeres vorstellen könnte als das, was sie vorhatten. Zusammen verließen sie das Ministerium wieder und apparierten vor das Grundstück der Malfoys. Sie legten den Weg zum Tor zurück, welches kommentarlos aufschwang.
„Wow.", kommentierte Neville, als sie den Weg entlang zur Eingangstür gingen. Begeistert sah er sich um und betrachtete die reichhaltige Flora um sich herum. „Ob Malfoy mir erlaubt mich hier draußen umzusehen?", fragte er niemand konkreten. Hermine grinste lediglich.
„Willkommen auf Malfoy Manor.", begrüßte Tink sie an der Tür. Sichtlich irritiert zog Neville die Augenbrauen zusammen als er den wohlgekleideten Hauself erblickte. „Leider wurde Tink von Master Draco ausdrücklich untersagt Ronald Weasley den Zutritt zu verweigern, sodass Tink alle bitten darf einzutreten." Damit machte er einen Schritt zur Seite eine einladende Geste in das Innere des Hauses und schloss hinter ihnen die Tür. „Wenn die Herrschaften sich bitte in den Salon begeben würden."
„Was geht hier vor?", hörte Harry Neville flüstern. Er konnte die Irritation nur allzu gut nachvollziehen. Vielleicht hätten sie ihn vorher in das seltsame Verhalten der Hauselfen einweihen sollen.
Als sie das Kaminzimmer betraten, waren deutlich mehr Sitzmöglichkeiten um den Kamin aufgestellt, als vorher. Harry erkannte Parkinson und Zabini sofort, die in tiefer Unterhaltung mit anderen Leuten waren, die Harry aus seiner damaligen Schulzeit wiedererkannte. Marcus Flint saß neben Parkinson und starrte vor sich hin. Er hatte nichts von seiner trollartigen Erscheinung verloren. Auf der Couch gegenüber saßen die Carrow Zwillinge Flora und Hestia zusammen und flüsterten miteinander. Sie waren komplett in grün gekleidet und Harry könnte sie nicht auseinanderhalten, selbst wenn sein Leben davon abhinge. Eine ältere Frau saß bei ihnen, schien sich recht unwohl zu fühlen mit ihrer Existenz an diesem Ort und sah sich konstant um, als würde sie jeden Moment einen Angriff erwarten.
Millicent Bullstrode saß in einem Einzelsessel und hatte deutlich an Gewicht verloren. Doch das schien noch nicht so lange her zu sein, denn ihre Kleidung wirkte zu groß für sie. Daneben, in einem weiteren Sessel erkannte Harry die hagere Gestalt von Theodore Nott, der hin und wieder mit Bullstrode zu sprechen schien. Ein weiterer Slytherin Schüler, den Harry lediglich als Pike kannte, saß unbeteiligt in der Nähe. Urquhart neben ihm saß mit vor der Brust verschränkten Armen da und unterhielt sich mit Daphne Greengrass. Er wirkte sehr nervös, fast schon verängstigt und sah sich entsprechend immer wieder um.
Noch ein paar andere Gesichter erkannte Harry wieder. Hauptsächlich ehemalige Schüler aus Slytherin verschiedener Jahrgangsstufen mit denen er nie persönlich zu tun hatte. Die anderen Anwesenden erkannte er nicht. Malfoy selbst war nicht zu sehen.
Das hier würden ein paar äußerst anstrengende Stunden werden.
„Hermine!", hörte er eine äußerst erfreute Stimme hinter sich. Alle Blicke im Raum richteten sich auf die ankommenden Gryffindors, während Astoria der Angesprochenen freudig um den Hals fiel zur Begrüßung. Unangenehm wurde Harry bewusste, dass hier tatsächlich ein Raum voller Slytherins war, oder zumindest vermutete er, dass alle Anwesenden aus diesem Haus stammten. Er erkannte mehrere Gesichter, die deutlich überrascht waren sie zu sehen, mehrere schienen wütend zu werden. Ein Aufruhr der Empörung ging durch den Raum, als sich einige der Anwesenden erhoben.
„Ruhe!", brüllte Parkinson durch den Raum und lenkte die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Sie stieg auf den Tisch, sodass jeder sie sehen konnte. Zumindest erzielte es den gewünschten Effekt. „Ja, es war Absicht, dass ich euch nichts davon erzählt habe. Kommt klar damit!", verlangte sie. „Ich bin die erste, die ihnen in den Hintern treten wird, sobald Weasley, Potter oder Longbottom es verdienen, bis dahin spielt ihr entweder mit, oder ihr werdet in die Aurorenzentrale zur Befragung vorgeladen. Eure Entscheidung." Sie machte eine Pause und wartete ab, doch außer bösen Blicken die den Gryffindors zugeworfen wurden, passierte nichts. „Ich schmeiße auch jeden von euch raus, der das hier vermasselt.", fügte sie dann scharf hinzu. „Für jeden der lieber vorgeladen werden möchte, ist hinter mir der Kamin und hinter den Gryffindorks die Tür. Ich dulde keinen Aufruhr! Und sollte jemand das Wort Schlammblut in den Mund nehmen, werden ihn die Elfen ohne jegliche Vorwarnung in den Wald verfrachten!", drohte sie.
Damit stieg sie vom Tisch herunter und kam auf Hermine zu, die sie mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen und den üblichen Wangenküsschen begrüßte. Nevilles Augen wurden tellergroß und er suchte Blickkontakt zu Ron und Harry mit der eindeutigen Frage, ob das normal war. Möglicherweise hätten sie auch das vorher erwähnen sollen. „Die Zimmer sind vorbereitet, wie du es wolltest.", sagte Parkinson mit einem Lächeln.
„Danke, Pansy. Ich denke wir fangen gleich an." Sie zog einen verkleinerten Stapel an Akten aus ihrer Handtasche hervor und vergrößerte sie wieder auf ihre eigentliche Größe.
„Okay, hier." Sie sortierte die Akten durch und drückte Harry einen Stapel davon in die Hände und Neville den zweiten. Sie selbst behielt einen gleichgroßen Stapel in den Händen.
„Ich zeige dir dein Befragungszimmer.", meldete sich Zabini hinter Harry und grinste ihn an. „Hey, Mine. Longbottom.", grüßte er die anderen, ließ es sich nicht nehmen Hermine kurz zu umarmen und ignorierte Ron und seinen Todesblick komplett. Als wäre er Luft.
„Hey.", erwiderte Neville den Gruß etwas unsicher.
„Du kennst ja den Weg.", sagte Parkinson an Hermine gewandt und trat einen Schritt nach hinten. „Ich sorge dafür, dass alles ruhig bleibt." Damit lief sie zurück zu den anderen. Sie führte sich auf als wäre das ihr Anwesen. Erneut fragte Harry sich ob sie und Malfoy ein Paar waren. Stattdessen kam Daphne Greengrass nun zu ihnen und begrüßte ausschließlich Hermine.
„Neville, ich zeige dir, wo du dich hinsetzen kannst.", meldete sich Astoria lächelnd. „Es gibt einen kleineren Salon durch die Tür.", informierte sie ihn und deutete in die entsprechende Richtung.
„Ehm… danke?", versuchte Neville sich zusammenzureißen, warf seinen Freunden noch einen Blick zu, als wollte er sichergehen, dass das so in Ordnung war. Doch als Hermine ihm nur zunickte, folgte er der jüngeren Greengrass schließlich.
„Was ist mit mir?", meldete Ron sich zu Wort. „Mit wem von denen muss ich reden? Und wo?"
„Wir bleiben zusammen. Die Situation ist angespannt genug, ich kann es nicht gebrauchen, dass du anfängst dich wie ein Teenager zu verhalten.", informierte Hermine ihn und wechselte einen Blick mit Greengrass neben sich. „Gibst du uns bitte fünf Minuten, bevor du den ersten hochbringst?"
Nickend stimmte diese zu und Hermine zog ihren Freund mit sich davon.
„Komm.", lenkte Zabini Harrys Aufmerksamkeit auf sich. „Du bist im Esszimmer. Hermine hielt es für eine gute Idee dich in einen großen Raum zu stecken, damit dein Gegenüber sich nicht eingesperrt mit dir fühlt."
Wortlos folgte Harry dem dunkelhäutigen Mann. An dem Platz an dem er vor zwei Tagen gegessen hatte, stand eine Tasse und eine volle Kanne Tee daneben. Ein Tablett mit fein angerichtetem Gebäck und Sandwiches stand ebenfalls zur Verfügung. Ebenso wie ein Notizblock und eine Feder mit einem Tintenfässchen.
„Tink ist dir zugeteilt. Wenn eine deiner Befragungen schieflaufen sollte, wird er dafür sorgen, dass nichts dramatisches passiert.", erklärte Zabini.
Etwas überrascht betrachtete Harry den Platz. Sah es bei den anderen ebenso aus? Bestimmt hatten die Elfen es sich nicht nehmen lassen zumindest Hermine den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Doch ehrlich gesagt war er etwas überrascht, dass sie ihm gegenüber gastfreundlich waren, nachdem was er Malfoy beim letzten Mal entgegengeschmettert hatte.
„Danke.", sagte Harry schließlich und setzte sich.
Zabini zog den Stuhl neben ihm heraus und platzierte sich darauf. Irritiert sah Harry zu ihm. Er war niemand, der zu befragen war. Seine Familie hatte sich nicht an Voldemorts Machenschaften beteiligt. Weder beim ersten noch beim zweiten Mal.
„Du versuchst wirklich das hier zu regeln, oder?", durchbrach er schließlich die Stille zwischen ihnen.
„Ich mache meinen Job.", stimmte Harry ihm zu.
„Ja. Was in Anbetracht des sonstigen Verhaltens in der Zaubererwelt ziemlich erstaunlich ist.", gab Zabini zu bedenken. „Vielleicht hätte Hermine zumindest dich schon früher einweihen sollen. Du bist offenbar deutlich weniger verbohrt und verstockt als jeder von uns dachte."
„Äh… Danke?" Harry wusste nicht wirklich ob er nicht eher beleidigt sein sollte.
Zabini lachte.
„Warum bist du hier?", wollte Harry dann wissen. Es war ihm von Anfang an seltsam vorgekommen. „Ich meine, du warst nie mit Malfoy befreundet, oder? Es wirkte immer so als würdest du dich gerade so dazu herablassen seine Anwesenheit zu akzeptieren. Zumindest in Hogwarts. Und nun bist du hier, offenbar ziemlich eng befreundet. Was wenn das die Presse rausfindet? Das würde deiner Karriere doch einen ziemlichen Dämpfer verpassen."
„Die Presse sieht nur was sie will.", antwortete Zabini. „Ich habe in mehreren Interwies behauptet, dass Draco mein engster Vertrauter ist und außer zu lachen und es als Witz abzutun ist bisher nichts anderes passiert. Da Draco sich weigert sich öffentlich mit mir sehen zu lassen, kann ich das leider nicht ändern. Selbst als ich sagte wir wären verlobt, ist das nur mit Lachen quittiert worden und nie irgendwo aufgetaucht. "
„Seid ihr?", wollte Harry völlig überrascht wissen.
Zabini lachte wieder. Diesmal über ihn. Harry fühlte sich wie ein Idiot. „Ich denke nicht, dass ich sein Typ bin.", grinste er. „Nicht, dass ich ihn von der Bettkante stoßen würde.", fügte er noch hinzu, was Harry erstaunt die Augenbrauen anheben ließ. Zabini lachte wieder und irgendwie wusste der Gryffindor langsam nicht mehr, was alles davon ernst gemeint war und was nicht. Dennoch war es komisch sich mit dem Slytherin so zu unterhalten.
„Was ist mit dem Rest meiner Frage?", versuchte Harry schließlich von der Thematik abzulenken, auch wenn er nur zu gerne wissen würde, warum Zabini das so egal war, wenn die Außenwelt von seiner Freundschaft zu Malfoy wusste.
Achselzuckend verzog sein Gegenüber die Mundwinkel. „Er war ein Trottel.", antwortete er. „Erst irgendwann im sechsten Jahr hörte er endlich auf damit einer zu sein. Im siebten wurden wir erst so etwas wie Freunde."
„Im sechsten Jahr ließ er einen Haufen Todesser ins Schloss.", erinnerte Harry ihn.
„Was genial war und gleichzeitig nicht wirklich sein bester Moment, wenn man die nachfolgenden Effekte bedenkt.", beurteilte Zabini. Hätte er den letzten Teil weggelassen, wäre das Gespräch von Harrys Seite aus sofort beendet gewesen. Vielleicht hätte Tink sogar eingreifen müssen, um den Slytherin zu schützen und nicht ihn. Doch so hob Harry nur skeptisch eine Augenbraue an.
„Okay, okay.", abwehrend hob Zabini nur beide Hände an. „Warum bringe ich dir nicht einfach…", er warf einen Blick auf die oberste Akte. „… Millicent rein?", schlug er dann vor und erhob sich von seinem Stuhl.
„Zabini!", hielt Harry ihn zurück.
„Blaise.", gab dieser zurück und grinste. Kurz sah Harry ihn irritiert an.
„Blaise.", wiederholte er dann.
„Ja?"
„Weißt du etwas über den Zeitraum als sein Vater verschwunden ist?", ergriff er sogleich die Chance darüber zu sprechen. „Warst du hier?"
„Nein.", antwortete er nach einigen Sekunden Stille. „Draco hat einen Monat lang niemanden auf das Gelände gelassen. Andromeda war die erste und eine Weile die Einzige, sofern ich richtig informiert bin. Hat Pansy und Greg in den Wahnsinn getrieben."
„Und hat er etwas darüber erzählt später?", hakte Harry nach.
„Nein. Niemandem. Narcissa übrigens auch nicht. Vielleicht solltest du Andromeda fragen, wenn Draco nicht mit der Sprache herausrückt. Sie könnte etwas wissen.", schlug er vor.
„Wenn dir etwas einfällt, dann wäre ich sehr dankbar für die Infos."
„Denkst du Lucius Verschwinden war der eigentliche Beginn des Ganzen?", wollte Zabini nun wissen und trat wieder einen Schritt näher.
„Möglich.", antwortete Harry lediglich. Er wollte es nicht ausschließen. Er wusste nicht warum dann so ein langer Zeitraum dazwischen lag und ja, er hatte jede Menge Leute, die ihn tot sehen wollten und auch relativ nachvollziehbare Gründe dafür hatten, doch er war immer noch der erste spurlos verschwundene Todesser. „Lass uns anfangen.", sagte er nach einigen Sekunden des Schweigens. „Bevor Parkinson sich wundert was hier los ist."
Eine gefühlte Ewigkeit später klappte Harry schließlich die letzte Akte zu und raufte sich die Haare. Er ließ sich nach vorne fallen und legte seine Stirn auf dem Tisch ab. Fertig. Endlich. Zumindest die meisten der Slytherins, die er nicht persönlich gekannt hatte, waren einigermaßen unanstrengend gewesen, aber Blustrode, Carow und Flint waren echte Zerreißproben gewesen. Er war schon fast stolz auf sich keinen von ihnen verflucht zu haben.
„Kann Tink Mr. Harry Potter bei etwas behilflich sein?", riss ihn Tinks Stimme aus seinen Gedanken.
„Nein, es ist alles in Ordnung. Danke.", log Harry, denn er bezweifelte, dass der Hauself seine strapazierten Nerven heilen könnte.
„Vielleicht möchte Mr. Harry Potter einen weiteren Tee?", wurde ihm sogleich angeboten.
„Nein, danke. Ich denke, ich schaue einfach nach, wie es bei den anderen aussieht." Damit stand er auf. Tink machte sich sofort daran den gesamten Platz aufzuräumen. Schnell rettete Harry noch die Akten und seine Notizen, bevor sie dem Aufräumwahn des Hauselfen zum Opfer fielen.
Dann machte er, dass er rauskam. Im Kaminzimmer saßen Greengrass, Parkinson und Zabini zusammen.
„Was ist mit Neville und Hermine?", fragte er hauptsächlich an Zabini gewandt, denn offenbar hatte dieser ihn in seiner Nähe akzeptiert im Gegensatz zu den beiden Damen in seiner Gesellschaft. Doch selbst deren Blick, wie sie ihn nun ansahen, wirkte deutlich weniger feindselig als noch vor einigen Stunden.
„Longbottom ist mit Astoria im Garten.", antwortete ihm Parkinson. „Hermine hat grade erst Evran reingeholt." Sie sahen sich gegenseitig einen Moment an. Harry brauchte einen Moment, bis er Evran mit Urquhart in Verbindung bringen konnte. Er hatte seinen Vornamen erst erfahren, als er ihn vor ein paar Tagen in den Akten gelesen hatte. „Willst du dich setzen?", fragte sie schließlich und machte eine einladende Geste auf die Couch.
„Ähm…", machte Harry unsicher und etwas überrumpelt. „Ich… hat eigentlich schon jemand mit dir gesprochen? Und Malfoy? Wo ist er überhaupt?"
„Hermine hat meine Aussage gestern noch aufgenommen.", erklärte die junge Frau. „Und Draco ist mit Ibby beschäftigt. Sie hatte wieder eine Episode."
„Außerdem hat er genug Verstand nicht hier herumzulaufen, wenn die Hälfte der Anwesenden ihn am liebsten umbringen würde.", fügte Greengrass mit einem unzufriedenen Schnauben hinzu.
„Wieso umbringen?", hakte Harry nach und trat näher, sodass er sich an der Rückenlehne der Couch abstützen konnte.
„Ein paar der Leute hier waren aus Familien die durch Lucius erwischt worden sind. Wir hatten keine Lust die Situation noch weiter anzuspannen, als ohnehin schon.", erklärte Zabini.
„Nun sind sie ja weg. Und ich muss auch noch mit ihm reden." Besser er tat es gleich ohne Zeit zu verschwenden. Er konnte sehen wie Parkinson zu einer abweisenden Antwort ansetzte, doch Zabini kam ihr zuvor.
„Er ist in seinem Zimmer. Findest du den Weg alleine?" Sein Blick war auf Harry gerichtet, doch er tätschelte beschwichtigend Parkinsons rechte Hand und sie schloss den Mund wieder ohne etwas zu sagen.
Nickend trat Harry wieder zurück und legte den Weg nach oben zurück. Er wusste nicht wirklich, ob es eine gute Idee war mit Malfoy alleine zu sprechen, die Vergangenheit zeigte, dass sie nicht mit einander kommunizieren konnten ohne sich gegenseitig an die Gurgel gehen zu wollen. Die andere Seite war, dass er das auch nicht Neville überlassen wollte, dem fehlte das Vorwissen. Hermine wäre vielleicht gut geeignet, aber Ron würde nicht kampflos zulassen, dass sie alleine mit ihm sprach und auf das Drama hatte er wirklich keine Lust. Außerdem war sie ohnehin noch beschäftigt. Nicht zuletzt, war das hier noch immer sein Fall! Er hatte den Anspruch an sich selbst damit klarzukommen.
Tief durchatmend klopfte er an die Tür, an der er vor zwei Tagen mit Hermine und Zabini bereits gestanden hatte. Es dauerte einen Moment, bis sie aufging und er sich einem misstrauisch dreinblickenden Malfoy gegenübersah. Als würde er nach jemand weiterem suchen, sah er an ihm vorbei in den Flur, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete.
„Was willst du?", wollte er wissen.
„Reden?", antwortete ihm Harry aktiv versuchend nicht genervt zu klingen. Einen Moment musterte Malfoy ihn, dann trat er zurück und zog die Tür auf.
„Sofern du dich leise verhältst." Er machte eine einladende Geste in den Raum hinein, verbarg aber nicht, dass er ziemlich unzufrieden hiermit war.
Harry trat schon fast vorsichtig ein. Es war ein riesiges Zimmer. In der Mitte an der Außenwand stand ein gewaltiges Himmelbett. Rechts und links davon ließen große Fenster Sonnenstrahlen in den Raum fallen. Ansonsten schien es mit Büchern geradezu vollgestapelt zu sein. Die Bücherregale platzen aus allen Nähten. Der Schreibtisch in einer Ecke des Zimmers hatte mehrere aufgeschlagene Bücher auf sich zu liegen, begleitet von lauter Pergamenten. Und plötzlich schien Minervas Behauptung über Malfoys Brillanz gar nicht mehr so abwegig.
Natürlich war die vorherrschende Farbe Grün. Grüne Wandfarbe, grüne Bettwäsche, Vorhänge, Polster, immer wieder versetzt mit silbernen Verzierungen. Alles andere wäre auch schwer enttäuschend gewesen.
Auf der Seite gegenüber dem Bett dominierte ein riesiges Familiengemälde die Wand. Malfoy war darauf noch ein Kind. Etwa 7 bis 8 Jahre würde Harry schätzen. Glücklich grinsend zeigte es ihn auf dem Schoß seiner Mutter sitzend, die ihrerseits in einem prunkvollen Sessel Platz genommen hatte. Ihr kostbar verziertes Kleid aus hellem Stoff mit grünen floralen Mustern zeigte sie in starkem Kontrast zu den Bildern, die er aus Andromedas Fotobox kannte. Lucius stand mit absolut stolzer Miene hinter dem Sessel, mit schwelender Brust und offensichtlicher Zufriedenheit über die Situation. Eine seiner Hände war locker auf der Lehne des Sessels abgelegt, seinen Gehstock mit dem silbernen Schlangenkopf in der anderen Hand haltend. Der riesige Kamin des Salons war im Hintergrund erkennbar. Irgendetwas an diesem Bild schien Harry zu faszinieren. Es musste seinen Blick von der strahlenden Narcissa in ihrem geblümten Kleid geradezu losreißen.
Auf dem Nachttisch standen ein paar Phiolen mit verschieden aussehenden Flüssigkeiten darin. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von der Bettdecke angezogen. Sie bewegte sich. Als Harry einen Schritt nähertrat, erkannte er einen der Hauselfen, der sich gerade von der Seite auf den Rücken wälzte und dann friedlich weiterschlief. Hatte Parkinson nicht gerade erwähnt, dass Ibby eine Episode hatte? Was bedeutete das überhaupt? Und warum lag sie dann in Malfoys Bett?
„Also?", meldete der Slytherin sich zu Wort und ging an Harry vorbei und zum Bett, beugte sich über den Elf und betrachtete ihn, bevor er sich an den Bettrand setzte und seinen Blick wieder auf seinen Gast richtete, während eine seiner Hände die von der Bewegung heruntergezogene Bettdecke wieder nach oben schob. Wirklich irritiert betrachtete Harry das.
„Seit wann bist du am Wohlergehen deiner Hauselfen interessiert?", platzte es aus ihm heraus, bevor er sich davon abhalten konnte. „Ihr habt Dobby wie Dreck behandelt. Und nun spendest du an BELFER und kuschelst mit deinen restlichen Hauselfen?"
Wenn Blicke töten könnten, wäre Harry in diesem Moment zehn Tode gestorben. „Ist es das worüber du reden willst? Wie ich mit meinen Hauselfen umgehe?", fragte Malfoy mit schneidender Stimme. „Ich denke, du solltest wieder gehen."
„Nein.", widersprach Harry. „Ich versuche wirklich zu verstehen, warum Andromeda und Hermine dich für derart harmlos halten. Erklär´s mir.", forderte er und rührte sich nicht von der Stelle.
„Solltest du das nicht eher sie fragen?", erwiderte Malfoy genervt.
„Ich kriege keine zufriedenstellenden Antworten von ihnen. Es heißt immer nur `gib ihm eine Chance´ und `er hat sich komplett geändert´."
„Ich lege keinen Wert auf eine Chance. Wenn …", erwiderte Malfoy abweisend.
„Aber Hermine tut es.", unterbrach Harry ihn. „Offenbar hat sie diese wilde Fantasie, dass wir befreundet sein könnten."
Malfoy gab ein abfälliges Geräusch von sich und rollte mit den Augen.
„Das sehe ich genauso. Allerdings würde es bereits helfen dich nicht komplett abartig zu finden. Also erklär mir das da.", verlangte Harry und ermahnte sich selbst seine Worte vielleicht besser zu wählen, wenn er nicht wieder im Wald landen wollte. Eigentlich hatte er ja erneut Lucius Verschwinden ansprechen wollen und Minervas Bitte ihn an die UTZs zu erinnern, aber irgendwie war er komplett abgekommen davon. Stattdessen redeten sie anscheinend nun über das seltsame Verhalten der Hauselfen. Denn das war es ja auch, was Hermine erwähnt hatte, das sie offenbar dabei beeinflusst hatte Malfoy mit anderen Augen zu sehen. Ibby.
Einige Sekunden geschah nichts. Malfoy mied seinen Blick und Harry hatte den Eindruck, dass er versuchte sich zu beherrschen.
„Was hat Dobby dir von uns erzählt?", fragte Malfoy schließlich. Erschöpft wirkend fuhr er sich über das Gesicht. Die dunklen Augenringe waren noch immer sehr präsent in seinem Gesicht zu sehen.
„Dass ihr böse und gefährlich seid. Also nichts Neues."
„Hat er dir erzählt, warum er frei sein wollte?", hakte der Slytherin nach und richtete seine grauen Augen nun auf Harry. Selbst diese wirkten heute dunkler als sonst. Nicht hellgrau, sondern eher mittelgrau? Er musste wirklich ziemlich fertig sein. Oder das Licht hier war anders und es wirkte seltsam.
„Ich habe gesehen, wie dein Vater mit ihm umgegangen ist. Wer würde da nicht frei sein wollen?", zischte Harry ihm direkt entgegen.
„Er hat seine Schwester mit dem Folterfluch in den Wahnsinn getrieben!", entgegnete Malfoy barsch.
Wie vom Donner gerührt starrte Harry den anderen Mann an. Seine Augen wanderten zu der kleinen Gestalt, die sich von der plötzlichen Lautstärke offenbar gestört fühlte und im Schlaf zusammenzuckte, dann anfing den Kopf hin und her zu werfen. Malfoy wandte sich ihr sofort zu, legte eine Hand an ihren Kopf und fing an leise etwas zu flüstern. Es dauerte einen Moment, bis der Hauself sich wieder beruhigt zu haben schien und der Slytherin sich sichtlich entspannte.
„Das ist Dobbys Schwester?", hakte Harry nach, als Malfoy sich wieder aufrichtete. Er stand vom Bett auf, zog seinen Zauberstab -Harry griff automatisch nach seinem eigenen- und sprach einen Zauber über den Bereich des Bettes. Dann drehte er sich zurück zu seinem Gast, warf ihm einen skeptischen Blick zu und steckte den Zauberstab mit einer fließenden Bewegung wieder ein. Zurück in den linken Hemdsärmel. Offenbar hatte er dort ein Holster angebracht. Besser Harry merkte sich das. Nur für alle Fälle.
„Sie hat lichte Momente, aber die meiste Zeit verschwimmt ihre Wahrnehmung seltsam und sie erschöpft schnell. Die anderen Hauselfen haben sie seitdem vor Vater versteckt, damit er nicht auf die Idee kommt sie als lästig wahrzunehmen und zu beseitigen.", erklärte Malfoy nun wieder ruhiger weiter. Es schien ihm schwer zu fallen das zu sagen und seine Augen ruhten die gesamte Zeit auf Ibby. Er schien ernsthaft besorgt zu sein.
„Und bei dir hatte keiner Bedenken?", wollte Harry wissen.
Ein wütender Blick traf ihn und wirkte als wollte er Harry anbrüllen. Doch dann sah er wieder weg und starrte stattdessen zu Boden. „Es war meine Schuld. Ich habe etwas Dummes getan und Vater gab ihr die Schuld daran. Er statuierte ein Exempel an ihr, damit allen Hauselfen klar war, wo ihr Platz war."
Skeptisch betrachtete Harry seinen ehemaligen Rivalen. Er hatte Ibby also in Schwierigkeiten gebracht? Das fiel Harry nicht sonderlich schwer zu glauben. Zumindest konnte er sich gut vorstellen, dass Lucius Malfoy lieber einem Hauselfen die Schuld zuschieben wollte als seinem eigenen Sohn, wenn etwas schiefgelaufen war. Egal worum es eigentlich gegangen war. Doch zu seinem Bild von Draco Malfoy passte die Geschichte nicht wirklich. Denn warum sollte ihn das interessieren? Als Kind war er ja anscheinend auch nicht vorgetreten und hatte seinem Vater erklärt, dass es nicht Ibbys Schuld gewesen war. Er hatte sie die Bestrafung abkriegen lassen.
„Als du dafür gesorgt hast, dass Dobby seine Freiheit bekam, habe ich dich das erste Mal in unserer Schullaufbahn nicht gehasst.", sprach Malfoy weiter und drehte sich jetzt wieder ihm zu. „Zumindest für ein paar Tage."
Sie sahen sich einen Moment gegenseitig in die Augen. Malfoys graue Iriden schimmerten silbrig so wie die Sonnenstrahlen von draußen in das Zimmer fielen und sein Gesicht beleuchteten. Dann wandte er sich ab und sah zu Boden. Der Effekt war verschwunden.
„Was wolltest du eigentlich?", ergriff der Slytherin erneut das Wort. „Du bist wahrscheinlich nicht hergekommen um meine politischen Ansichten zu Elfenrechten anzuhören."
Harry brauchte einen Moment um seine Gedanken wieder in ordentliche Bahnen zu lenken. Malfoy, der Hauselfenfreund fühlte sich viel zu sehr nach einer Lüge an, als dass er das einfach so akzeptieren könnte. Dennoch musste es irgendwie wahr sein. Seine Elfen vergötterten ihn. Aber vielleicht war das alles nur ein Trick. Ein Weg sich besseres Ansehen zu erkaufen, wenn er so tat, als sei er um seine Hauselfen bemüht. Möglicherweise war ihm Hermine einfach auf den Leim gegangen.
„Ich war mit meinen Befragungen fertig. Wir brauchen noch deine Aussage.", antwortete er dann, nachdem er sich wieder daran erinnerte, warum er nach oben gekommen war.
„Das hatten wir doch bereits vor zwei Tagen ziemlich ausführlich behandelt."
„Ich rede nicht von deiner Mutter. Selbst wenn sie nicht in das sonstige Opferschema passt, dein Vater tut es."
„Mir ist nicht klar welche Informationen du dir von mir darüber erhoffst. Das ist ein Jahr her."
„Laut der Akte hast du ihn als vermisst gemeldet, weil er nicht wie verabredet zu Hause aufgetaucht ist. Ist das wirklich alles?", hakte Harry nach. Als Malfoy nicht den Eindruck machte antworten zu wollen, sprach Harry weiter. „Andromeda ist der Meinung, dass er tot ist, so wie ihr euch verhalten habt."
„Ich bin mir ziemlich sicher niemals etwas derartiges erwähnt zu haben.", entgegnete Malfoy kühl.
„Das habe ich auch nicht behauptet. Aber wenn da etwas ist, das du verheimlichst, könnte das hilfreich sein den Täter zu finden.", bohrte er weiter nach und beobachtete die Reaktion seines Gegenübers.
„Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass es überhaupt der gleiche Täter ist.", widersprach der Slytherin. „Ich habe meiner Aussage nichts hinzuzufügen."
Seufzend fuhr Harry sich über die Augen. „Wieso machst du das alles so schwer?", wollte er genervt wissen. „Du beschwerst dich darüber, dass die Auroren ihren Job nicht machen würden, aber selbst weigerst du dich mit uns zu reden."
„Erwartest du, dass ich mich an Einzelheiten erinnere, die vor einem Jahr nicht da gewesen sind?" Malfoy schien sich Harrys gereizter Stimmung anzupassen. „Gedächtnis funktioniert so nicht. Und wenn du in die Akte gesehen hast, wirst du sicher bemerkt haben, dass sie da wirklich versucht haben herauszufinden, wo Vater ist. Zumindest halbwegs. Sie haben lediglich aufgehört, als sie gemerkt haben, dass es anscheinend nicht freiwillig vonstattengegangen ist."
„Ich will auch nicht wissen, was du damals gesagt hast, ich will wissen, was du damals verschwiegen hast.", verlangte Harry. Die Aussage von Narzissa Malfoy fehlte komplett. Anscheinend hatte sich der zuständige Auror nicht einmal die Mühe gemacht sie zu befragen. Oder zumindest nicht die die Mühe es zu dokumentieren.
„Die Möglichkeit, dass ich nichts verschwiegen habe, kommt dir wohl gar nicht erst in den Sinn."
„Ich denke, du lügst. Und offenbar ist es dir egal, dass du damit Informationen zurückhältst, die den anderen helfen könnten. Ebenso wie deiner Mutter!", warf Harry dem anderen Mann vor. Er stützte sich hierbei nicht nur auf die Aussage von Andromeda. Auch wenn er glaubte, dass sie die Situation richtig eingeschätzt hatte und Malfoy und seine Mutter inzwischen wussten, dass Lucius tot war. Oder zumindest ziemlich stark davon ausgingen. Was ihm zu denken gegeben hatte, war allerdings auch, was Zabini vorhin gesagt hatte. Jeder Besuch auf Malfoy Manor war für den gesamten Freundeskreis einen ganzen Monat lang verwehrt geblieben. Warum in aller Welt hatte Malfoy alle ausgesperrt, wenn sein Vater einfach verschwunden war? Doch das ließ die Frage erneut aufkommen, ob dieses Verschwinden überhaupt von Bedeutung für seinen Fall war. Wenn Lucius nicht einfach verschwunden war, sondern Malfoy wusste, was mit ihm geschehen war, dann fiel er aus dem Opferschema wieder heraus. Oder Malfoy steckte in dem ganzen Mist deutlich tiefer drin, als sie bislang angenommen hatten. „Denn irgendwie würde dich das in Schwierigkeiten bringen, nicht wahr? Freundschaft ist gut und schön, aber nur solange, wie man keine eigenen Nachteile davon hat, oder? Du liebst deine Mutter. Doch dein eigenes Wohlbefinden ist dir wichtiger."
Malfoy starrte ihn an. „Du solltest jetzt gehen.", sagte er mit eiskalter Stimme.
„Du solltest endlich reden! Es sind noch weitere Leute verschwunden! Die Welt dreht sich nicht nur um dich!"
„Keine Sorge, ich habe nicht vergessen, dass du das Zentrum des Universums bist!", zischte Malfoy.
„Du bist einfach…!" Harry unterbrach sich selber als ihm kein Wort einfiel, dass auch nur ansatzweise seinen Frust und seine Abscheu verdeutlichen würde. Stattdessen trat er näher heran. Ihm entging nicht, das Malfoy eine Bewegung nach hinten machte, sich aber letztlich dazu entschied nicht zurückzuweichen, sondern ihn erhobenen Hauptes genauso voller Ablehnung anzusehen, wie Harry ihn ansah. „Wenn ich auch nur den kleinsten Beweis dafür finde, dass du etwas verheimlichst oder darin verwickelt bist, werde ich deinen Arsch höchstpersönlich in eine Zelle in Azkaban zerren und dafür sorgen, dass du nie wieder daraus hervorgekrochen kommst!"
Für einige Sekunden starrten sie sich lediglich stumm in die Augen. Nur ein falsches Zucken und sie würden sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Doch Malfoy hielt einfach seinem Blick mit diesen kalten dunkelgrauen Augen stand. Und Harry gelang es sein eigenes Gemüt soweit abzukühlen, dass er fähig war sich von diesen hasserfüllten Augen loszureißen, umzudrehen und die Tür hinter sich ins Schloss knallend das Zimmer wieder zu verlassen.
Wütend stürmte er den Flur entlang auf die Treppe zu. Wie er das alles hasste! Dann war Malfoy eben nett zu Hauselfen! Das machte ihn nicht weniger zu einem Ekel!
Im Salon wieder angekommen, entdeckte er Hermine und Ron zwischen den Slytherins. Ron sah aus als würde er sie ziemlich unwohl fühlen, während Hermine mit einer Tasse in ihren Händen dasaß, eine offene Akte in ihrem Schoß liegend und sich mit hauptsächlich Pansy zu unterhalten schien. Die Slytherin wirkte zerknirscht und Hermines Stimmung war irgendwo zwischen Unglauben und Schock.
„Habt ihr euch schon wieder gezofft?", sprach Zabini Harry an. Der Rest drehte sich zu Harry um.
Harry brummte nur genervt. Zu seiner Überraschung rollte der Slytherin daraufhin nur genervt mit den Augen. Ganz so als wäre er enttäuscht, hätte aber nicht wirklich etwas anderes erwartet.
„Harry, wir haben einiges zu bereden." Hermine stand auf und trat auf ihn zu. Besorgt sah sie auf die Akte in ihrer Hand. Gerade als sie erneut Luft holte, fiel er ihr ins Wort
„Das machen wir doch schon die ganze Zeit.", schnappte dieser. „Können wir zurück in die Zentrale dafür?" Dann beugte er sich weiter zu ihr vor: „Ich muss hier raus.", flüsterte er ihr zu.
Einen Moment befürchtete er, sie würde ihm einen Vortrag über Professionalität halten, doch zum Glück seufzte sie nur und nickte. „Wir brauchen auch Neville dafür… lass ihn uns auf dem Weg raus abholen.", stimmte sie dann zu. „Er wird sich von den Pflanzen da draußen nicht freiwillig wieder lösen."
Also taten sie genau das. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, führte Hermine sie zielsicher durch den Garten, wo Neville geradezu freudestrahlend bei einer Pflanze stand (Für Harry sah es nach einem Rosenbusch aus, der aussah, als wollte er den gesamten Bereich des Gartens überwuchern. Was irgendwie seltsam zu dem sonst so wohlgepflegten und kunstvoll angerichteten Pflanzen wirkte) und sich mit der glücklich lächelnden Astoria unterhielt. Als er sie bemerkte, trottete er zu ihnen rüber.
„Hermine! Wie konntest du nicht erwähnen, was hier alles wächst? Ich habe noch nie eine derart hochgewachsene Amoris-Pflanze gesehen! Ich glaube, niemand hat das!" Völlig begeistert gesellte er sich mit Astoria dicht auf den Fersen zu ihnen.
„Wir wollten dich abholen. Zurück und Dinge besprechen.", informierte ihn Ron. Er nickte in Richtung der riesigen Tore. Sicherlich konnte er es kaum erwarten hier wegzukommen.
„Oh… ähm… ja." Neville sah einen Moment enttäuscht aus. Dann drehte er sich zu Astoria und bedankte sich für die Führung. Auch von ihr verabschiedeten sie sich und selbst Ron schien ihr gegenüber aufgeschlossen zu sein. Sie war eine sehr sympathische Person, wie Harry zugeben musste.
Außerhalb des Geländes apparierten sie zurück und nur eine Minute später hatten sie sich mit Aleius, den Harry kurzerhand aus seinem Büro geholt hatte, wieder in einem der Besprechungsräume zusammengefunden.
Hermine schmiss ihre Akten geräuschvoll auf den Tisch vor sich und sah in die Runde. „Ist noch jemandem etwas äußerst Beunruhigendes bei den Befragungen aufgefallen?"
Ron schnaubte. „Sag es doch einfach!", beschwerte er sich. „Wir müssen mit den D.A. Leuten reden. Es sieht nämlich so aus, als würden ein paar davon in ihrer Freizeit Slytherins zur eigenen Belustigung foltern." Sich zurücklehnend verschränkte er die Arme vor der Brust und schaute drein, als hätte ihn jemand zutiefst beleidigt.
„Theo hat gesagt, dass er zuletzt im August in der Winkelgasse angegriffen worden ist. Von Romilda und Terry!", berichtete Hermine aufgebracht. „Urquhart ist vor drei Wochen unschön an McLaggen, Justin und Ernie geraten. Nur um zwei Vorfälle zu nennen!"
„Ich habe ähnliche Sachen gehört.", stimmte Neville zu und legte seine Akten ebenfalls auf den Tisch. „Es sind nicht nur die D.A. Leute. Aber es sind mehr, als mir lieb ist. Sie stechen heraus."
„Das ist völlig inakzeptabel!", stieß Hermine wütend hervor.
Etwas verwundert runzelte Harry die Stirn. „Mir hat niemand von so etwas erzählt."
„Nun ja, sie werden denken, dass du davon weißt.", vermutete Hermine. „Immerhin ist D.A. ja dein Club, mehr oder weniger."
„Ich habe niemals…!", regte Harry sich sofort auf und sprang auf. „Wir haben uns erst vor zwei Wochen getroffen! Weder Terry noch Justin haben etwas erwähnt!" Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch. Wie konnten seine Freunde so etwas nur tun? Wie konnten sie sich zusammenfinden und Jagd auf ehemalige Mitschüler machen?
„Das wissen wir, Harry.", ergriff Neville nach einigen Sekunden das Wort. „Mir hat auch niemand etwas gesagt.", fügte er dann hinzu und Harry konnte sehen, dass er sich genauso gekränkt fühlte wie er. Immerhin hatte er ja D.A. im siebten Jahr weitergeführt. Einige der Leute waren auch dann erst zu der Gruppe hinzugestoßen.
„Wir müssen mit ihnen reden." Hermine war dabei die Akten alle an sich heranzuziehen und durchzublättern, während sie bereits Namen mit einem Kugelschreiber in ein Notizbuch schrieb. „Ich werde sie alle hierherbitten. Zu Befragungen." Mit einer strickten Bewegung klappte sie das Buch zu und sah auf. „Ich denke, wir haben offiziell unsere ersten Verdächtigen."
