Ollivander
Ollivanders Laden war so düster und eng wie eh und je. Tausende Schachteln mit Zauberstäben lagen in den hohen Regalen, die meisten von ihnen mit einer dicken Staubschicht bedeckt angesichts der langen Zeit, die sie nun schon darauf warteten, dass jemand hier hereinkam, zu dem sie passten. Harry fragte sich unwillkürlich, wie lange sein Phönixstab hier auf ihn gewartet hatte, einsam und verlassen ohne seinen Zwilling. Näher kommende Schritte rissen ihn aus seinen Gedanken.
„Mr Ollivander?", fragte er laut, aber es war nicht der Zauberstabmacher, der aus einem Hinterzimmer heraus hinter die Theke trat und ihn mit großen Augen musterte, sondern ein junger Mann, den er nicht kannte. Er hatte weißblondes Haar und ein spitzes Kinn, das ihn an Malfoy erinnerte, wären da nicht die braunen Augen, die bei seinem Anblick tellergroß wurden.
„Mr Potter!", sagte der Mann verblüfft.
„Richtig", sagte Harry kurz, aber höflich. „Und Sie sind?"
"Andrej Volkov", sagte der Mann und verneigte sich kurz. „Mr Ollivanders Assistent."
Harry runzelte die Stirn. „Ich wusste nicht, dass er einen Assistenten hat."
"Ich bin erst seit einem Jahr hier, Sir", sagte Volkov. „Mr Ollivander ist gerade nicht da, aber vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen. Geht es um einen neuen Zauberstab für Sie oder um etwas Dienstliches?"
"Dienstlich, fürchte ich", sagte Harry. „Und ich fürchte, ich muss mit Mr Ollivander persönlich sprechen. Wann erwarten Sie ihn denn zurück?"
Volkov zuckte verlegen mit den Schultern. „Das weiß ich nicht, Sir. Er war heute Morgen nur kurz hier, um aufzuschließen und ist dann gleich wieder weg. Er sagte nicht, wohin er wollte. Soll ich ihm etwas ausrichten?"
Harry seufzte. „Ja, sagen Sie ihm, er soll sich bitte schnellstmöglich bei mir-"
Hinter Harry klingelte das Türglöckchen, als jemand eintrat. Er wirbelte herum und da war der Zauberstabmacher, genauso alt und gebrechlich wie er ihn in Erinnerung hatte, gestützt auf einen knorrigen Gehstock.
„Mr Potter", sagte Ollivander verblüfft und kam langsam näher. „Was verschafft uns die Ehre?"
"Die Arbeit, fürchte ich", sagte Harry und zog den Zauberstab aus dem Ärmel, den man in Devon gefunden hatte. „Ich müsste wissen, wem dieser Zauberstab gehört, Sir. Er war nicht registriert, aber vielleicht wissen Sie ja..."
Ollivander nahm den Zauberstab, musterte ihn kritisch und bog ihn kurz mit seinen leicht zittrigen Fingern.
„Hmm...Buche und Einhornhaar, elfdreiviertel Zoll, recht biegsam. Es tut mir Leid, Mr Potter, aber das ist keiner von meinen."
"Verstehe", sagte Harry enttäuscht. „Können Sie mir denn wenigstens sagen, wie lange er in Gebrauch ist?"
"Allerdings", sagte Mr Ollivander und runzelte dann verblüfft seine faltige Stirn. „Genau...Merlins Bart, sechshundertsechsunfünfzig Jahre."
"Entschuldigung?", fragte Harry baff, sicher, sich verhört zu haben.
„Sechshundertsechsundfünfzig Jahre, Mr Potter", wiederholte Mr Ollivander ernst. „Das ist überhaupt nicht ungewöhnlich, es gibt viele Zaubererfamilien, die Zauberstäbe über Generationen weitervererben."
"Er gehört also vermutlich einem Reinblüter", schlussfolgerte Harry nachdenklich.
„Das ist meine professionelle Meinung, Mr Potter", sagte Ollivander und gab ihm den Zauberstab zurück. „Ich fürchte, mehr kann ich Ihnen nicht sagen."
„Verstehe", sagte Harry nachdenklich. „Trotzdem danke für Ihre Hilfe, Mr Ollivander."
„Jederzeit, mein Junge, jederzeit..."
Zurück im Büro tauschte Harry sich kurz mit Savage aus, der angesichts des Alters des Zauberstabs nur mit den Schultern zuckte.
„Ollivander hat Recht, das ist wirklich nicht so ungewöhnlich", brummte er. „Ich wette, in den Verliesen bei Gringotts liegen hunderte alte Zauberstäbe herum."
„Stimmt", sagte Harry verblüfft. Er hatte selbst ein gutes Dutzend Zauberstäbe im Potter-Familienverlies.
„Na gut, da wir mit dem Zauberstab nicht weiterkommen, sollten wir morgen mal nachsehen, ob jemand vermisst gemeldet worden ist und die Zaubererfamilien in der Umgebung abklappern. Hier, ich hab mir eine Liste geben lassen."
Harry überflog die Liste kurz. Wie sich herausstellte, lebten sieben Zaubererfamilien in Devon und Umgebung, darunter auch – er stöhnte auf – Theodore Nott.
„Notts Sohn?", tippte Savage. „Er war in deinem Jahr in Hogwarts, oder?"
„Er ist rausgeflogen", knurrte Harry knapp. „Vorher wollte er mir unbedingt an den Kragen, nachdem das mit seinem Vater bekannt wurde."
„Gibt es auch einen Slytherin in deinem Jahrgang, mit dem du nicht aneinandergeraten bist?"
„Keinen männlichen", murmelte Harry. „Na gut, wenn's das für heute war...?"
„War es", seufzte Savage und streckte sich gähnend. „Abgesehen von dem Bericht."
Er drückte Harry die Fallakte gegen die Brust. „Mein Kram steht schon drin, Potter, also bis Morgen."
Savage nahm seine Sachen und ging, während Harry sich, wie immer genervt von diesem Teil seines Jobs, daran machte, einer Feder seinen Bericht zu diktieren. Als er gerade fertig war, lugte ein angespannt aussehender Ron um die Ecke.
„Fertig?"
Harry grinste. „Traust du dich ohne mich nicht, Hermine gegenüberzutreten?"
„Nein", knurrte Ron. „Das macht es einfacher."
Harry zog seinen Mantel an und nahm seine Aktentasche. „Euer Mittagessen muss ja echt spaßig gewesen sein."
„Ich war nicht da", brummte Ron. „Zeas und ich haben ein paar Leute wegen diesem Duellierklub befragt. Unter anderem Bulstrode."
„Millicent Bulstrode?", fragte Harry, während sie das Büro verließen und hinüber zu den Aufzügen gingen. „Diese Slytherin aus unserem Jahrgang, deren Katze-"
„Ja", brummte Ron. „Erwähn sie bloß nicht, wenn Hermine dabei ist."
„Auf keinen Fall", sagte Harry grinsend.
Als sie Grimmauldplatz Nummer Zwölf betraten, roch es nach irgendetwas Verbranntem und Pizza.
„Was hat nicht funktioniert?", fragte Ron laut.
„Egal!", brüllte Ginny wütend aus der Küche zurück.
Harry kicherte, achtete aber darauf, dass sein Gesicht todernst war, bevor er die Treppe herunterging – und sich dabei fast den Hals brach, weil Kreacher auf der Stufe vor ihm apparierte. Ron fluchte laut, weil er in ihn hereinlief.
„Meister Weasley sollte auf seine Ausdrucksweise achten!", krächzte der Hauself, bevor er sich kurz vor ihnen verneigte. „Guten Abend, Meister Harry, Meister Weasley. Kreacher wird Meisters Sachen nach oben bringen."
Er schnappte sich ihre Mäntel und Taschen mit einem Fingerschnipsen und verschwand wieder.
„Immer noch wütend, dass er abends nicht kochen soll", stellte Ron fest.
Harry nickte müde. Als Hermine und Ron hier mit ihm eingezogen war (zu Mollys Entsetzen), hatte sie darauf bestanden, dass sie abends abwechselnd selbst für sich kochten, wofür sie von Kreacher mit eisiger Kälte gestraft wurde. Harry und Ron waren beide ziemlich genervt davon gewesen, aber Ron war bestrebt, Hermine keinen Grund zu geben, direkt wieder auszuziehen, und Harry hatte einfach keine Lust, sich einen ellenlangen Elfenrechtevortrag anzuhören, also hatten sie sich in ihr Schicksal gefügt. Ebenso wie Ginny, die zwar nicht hier wohnte – denn da hatten Molly und Arthur resolut eine rote Linie gezogen – aber den Großteil ihrer Zeit hier verbrachte. Montags war Ginny mit Kochen dran; und der schwarze Klumpen in der Auflaufform auf dem Herd deutete daraufhin, dass es nicht nach Plan gelaufen war.
„Pizza auf dem Tisch", brummte Ginny und ließ den Klumpen mitsamt der Form verschwinden. „Ach, bei Merlins verfluchter-"
„Hmm", sagte Ron und ging hinüber zum Tisch. „Salami, fantastisch!"
Pizza war definitiv das Beste, was die Muggelwelt Ron Weasley zu bieten hatte.
Harry gab seiner wütenden Freundin einen sanften Kuss, der sie etwas beruhigte.
„Wie war dein Tag?"
„Schrecklich", brummte sie. „Mum hat mir wieder Mal die Hölle heiß gemacht, weil ich gestern hier geschlafen habe."
Ron murmelte etwas in seine Pizza hinein.
„Halt die Klappe, Hermine wohnt hier, Ron", fauchte Ginny. „Ehrlich, warum kann sie nicht einfach damit aufhören?"
„Sie ist deine Mutter", sagte Harry achselzuckend.
„Sie hat Bill bekommen, als sie gerade zwanzig war", brummte Ginny. „Es ist lächerlich, wie sie sich aufführt."
Harry, dem immer unwohl wurde, wenn sich jemand über Molly aufregte, unterbrach Ginnys Tirade, indem er ihr von seinem neuen Fall erzählte, was sie ausreichend ablenkte. Hermine kam gut gelaunt herein, als er gerade sein letztes Stück Pizza verschlungen hatte.
„Pizza?", fragte sie verblüfft und wandte sich an Ginny. „Ich dachte-"
„Nein", knurrte Ginny. „Frag nicht."
„Na gut", sagte Hermine achselzuckend und klappte ihre Schachtel auf.
„Glotz nicht so, Ron, das ist ihre", sagte Ginny genervt.
„Ich hab noch Hunger", brummte ihr Bruder.
Ginny kniff die Augen zusammen. „Hermine, hast du den Tagespropheten gelesen?"
Ron warf ihr einen wütenden Blick zu.
„Ja, warum?"
„Auch die Titelseite?"
„Die Pizza war sehr lecker, Ginny", sagte Ron laut.
Hermine runzelte die Stirn und warf beiden einen amüsierten Blick zu.
„Wisst ihr, solche Momente machen mich immer froh, Einzelkind zu sein."
Sie aß ungerührt ihre Pizza weiter. „Irgendwas, worüber wir reden sollten, Ron?"
„Nein", murmelte Ron.
Harry und Ginny tauschten ein breites Grinsen.
„Ach, haltet die Klappe, ihr zwei", murmelte Ron. „Wusstest du, dass Krum hierher zieht?"
„Natürlich", sagte Hermine. „Obwohl ich nicht verstehe, was das soll – ich meine, er hat in Bulgarien ohnehin schon genug Geld verdient."
„Sicher, dass er nur des Geldes wegen herkommt?", fragte Ron gepresst.
Hermine legte ihr Stück Pizza langsam weg.
„Ginny", sagte Harry hastig. „Wie wär's mit einem Spaziergang?"
„Nicht nötig", sagte Hermine scharf. „Das haben wir ganz schnell geklärt."
Sie wandte sich wieder an Ron. „Viktor hat eine Freundin, weißt du."
Ron machte große Augen. „Wirklich?"
„Nein, das hat sie sich gerade ausgedacht, weißt du?", schnaubte Ginny.
Harry trat ihr vors Schienbein, was ihm einen empörten Blick einbrachte.
„Sie heißt Julia", sagte Hermine mit blitzenden Augen. „Viktor und ich sind nur Brieffreunde, Ron, und wenn dieses Thema noch einmal aufkommt, dann-"
„Wird es nicht", sagte Ron mit ziemlich roten Ohren.
Hermine schien noch etwas sagen zu wollen, aber das Läuten der Türglocke unterbrach sie.
Ginny fluchte. „Wenn das Mum ist, dann-"
Kreacher, der mit einem lauten Knall apparierte, unterbrach sie.
„Meister Harry, das seltsame Lovegood-Mädchen ist an der Tür", sagte er.
„Luna?", fragte Harry verblüfft. „Lass sie rein."
Einen Moment später kam Luna fröhlich hereingeschneit, als sei sie schon Dutzende Male hiergewesen.
„Du hast aber einen seltsamen Hauself, Harry", sagte sie lächelnd und setzte sich zu ihnen. „Das sieht aber nicht sehr gesund aus."
„Ginny wollte eigentlich einen Auflauf machen", sagte Ron grinsend.
„Was machst du hier, Luna?", fragte Harry eilig, um den sich anbahnenden Streit im Keim zu ersticken.
„Ich hab einen Brief für dich, von Mr Ollivander", sagte Luna und zog ein zusammengerolltes Stück Pergament aus ihrem Ärmel.
„Warum schickt Ollivander dich mit einem Brief hierher?", fragte Ginny verwirrt.
„Er weiß doch, dass ich Harry kenne", sagte Luna achselzuckend.
„Was Ginny meint", sagte Hermine, „ist, wo du Mr Ollivander getroffen hast."
„Oh, wir gehen jeden Montag zusammen Tee trinken", sagte Luna abwesend und musterte Ron interessiert. „Meistens im Tropfenden Kessel, aber heute waren wir bei ihm zuhause. Ronald, warum hast du eine grüne Augenbraue?"
„Ginny!"
Ron färbte fluchend seine Augenbraue wieder um, während Ginny zufrieden kicherte.
„Was will Ollivander von dir?", fragte Hermine Harry, ohne die beiden anderen zu beachten.
„Ich war heute bei ihm wegen eines Falls", meinte Harry langsam. „Vermutlich ist ihm noch was eingefallen."
Er rollte das Pergament auseinander, wobei Ron ihm neugierig über die Schulter lugte. Der Inhalt ließ sie beide verwirrt stutzen, bevor das Pergament in einer Stichflamme verbrannte.
Flamel Manor befindet sich am Roger Bacon-Platz 16, Devon.
