Der Alchimist

Wie nicht anders zu erwarten, war das Haus alt. Uralt, voller Wasserspeier und Statuen auf dem Dach, mit zwei großen Säulen, die links und rechts neben der schwarzen Tür standen, und jeder Wasserspeier und jede Statue war, soweit sie das beurteilen konnten, aus purem Gold.

„Jep", sagte Ron knapp.

Links neben Flamel Manor befand sich ein Fachgeschäft für Fahrradzubehör, daneben ein Einfamilienhaus, dessen Bewohner offenbar gerade vor dem Fernseher saßen und keine Ahnung hatten, dass sie mal Seite an Seite mit Nachbarn gelebt hatten, die geboren wurden, als die Plantagenets noch auf dem Thron saßen. Die Fenster des Hauses waren dunkel und verlassen, abgesehen von einem einzigen Raum im ersten Stock, bei dem die Vorhänge von innen von flackerndem Licht erhellt wurden.

Harry atmete tief durch, umklammerte seinen Zauberstab fest und stieg die sieben Stufen zur Tür hinauf, auf der vier Symbole aufgemalt waren: eine Flamme, eine Welle, Wind und ein Stein. Hermine wüsste, was das zu bedeuten hat, dachte Harry nahm den goldenen Türklopfer und schlug einmal kräftig gegen das polierte Holz. Sofort leuchteten die vier Symbole grell auf und begannen sich zu drehen, immer schneller, bis sie sich zu einem einzigen goldenen Auge vereinigten, das ihn misstrauisch musterte.

„Nennen Sie ihren Namen", sagte das Auge.

„Harry Potter", sagte Harry und fühlte, wie etwas über seine Zunge strich, bevor die Tür nach innen schwang, ohne dass sie jemand öffnete. Er spürte, wie Ron vor ihm hineinging, und folgte dann. Hinter ihnen fiel die Tür von selbst zu.

Sie befanden sich in einem Salon, der dem Wort in jeder Hinsicht gerecht wurde: alles war aus schwarzem Marmor, abgesehen von den Dingen, die aus Gold waren. Eine breite Treppe führte in die oberen Etagen, und von dort hörte er eine tiefe Stimme sagen: „Homenum Revelio"

Ron fluchte leise.

„Sie sind nicht allein", sagte die Stimme kalt.

„Allein zu kommen, wäre dumm", sagte Harry und hob seinen Zauberstab.

„Zeigen Sie sich!", sagte die Stimme. „Wer ist mit ihnen gekommen?"

Harry nickte einmal und Ron riss sich den Tarnumhang herunter.

„Ich", sagte er laut und sah sich suchend um.

„Mr Weasley", sagte die Stimme und jetzt trat der Sprecher an das Geländer über ihnen. „Wie ist es ihnen gelungen, herzufinden?"

„Wir haben den Brief zusammen gelesen", sagte Ron und starrte den Sprecher genauso misstrauisch an wie Harry. Es war ein großer, ernster Mann um die 50, mit mehr schwarzen Haaren als grauen, glattrasiert und mit goldenen Augen, gekleidet in schwarze Gewänder, auf denen kleine, goldene Sterne funkelten.

„Für einen Toten sehen Sie ziemlich lebendig aus, Mr Flamel", sagte Harry, denn wer sollte es sonst sein?

„Für Scherze ist keine Zeit", sagte Nicholas Flamel. „Kommen Sie herauf."

Sie gingen die Treppe hinauf und folgten Flamel in einen großen Raum, in dem ein Kaminfeuer brannte. Die Wände waren bedeckt mit Regalen, die voller Bücher waren, zum Großteil mit arabischen Schriftzeichen auf dem Buchrücken. Über dem Kamin hing ein Gemälde, das Flamel und eine hübsche Frau mit grauen Haaren zeigte. Flamel setzte sich in einen der Sessel vor dem Feuer und deutete stumm auf die beiden übrigen Sessel.

„Ist das Perenelle?", fragte Harry, als er sich setzte, und nickte hinüber zu dem Gemälde.

„Ja", sagte Flamel und verzog das Gesicht. „Sie ist der Grund, warum ich Sie hergebeten habe."

„Sie war in diesem Buchladen, nicht wahr?", machte Harry seiner zweiten Vermutung Luft. Flamel Manor war in Devon, und der Buchladen war nicht weit entfernt.

„So ist es", sagte Flamel und musterte Ron misstrauisch. „Verbürgen Sie sich für ihn?"

„Absolut", sagte Harry und runzelte die Stirn. „Warum sind wir hier?"

„Meine Frau und mein Sohn sind entführt worden", sagte Flamel leise und zog einen Brief aus seinem Umhang, den er Harry reichte. „Und die Entführer werden sie töten, wenn ich mich an die Auroren wende."

„Ihr Sohn?", fragte Ron verdutzt. „Wir wussten nicht-"

„Niemand weiß von Hermes, außer uns und Garrick", knurrte Flamel. „Jedenfalls habe ich das geglaubt."

„Nicht einmal Dumbledore?"

„Dumbledore wusste noch nicht einmal, dass wir noch leben."

Harry, der den Brief fertig gelesen hatte, musterte nachdenklich das Foto, das dabei lag: Perenelle und ihr Sohn, der keine zehn Jahre alt sein konnte, beide angekettet und geknebelt.

„Sie verlangen, dass er ihnen zwei Proben vom Elixier des Lebens zukommen lässt, und zwar bis Mitternacht", sagte er zu Ron und starrte Flamel dann an.
„Eine Probe für den Entführer und eine für Perenelle", bestätigte der Alchemist finster.

„Könnte er es kopieren?"

„Ausgeschlossen", sagte Flamel.

„Und sie wollen darauf eingehen?"

„Das muss ich", knurrte er und die goldenen Augen blitzten wütend auf. „Das Elixier muss einmal wöchentlich getrunken werden, und Perenelle und ich nehmen es jeden Dienstag ein. Wenn sie es bis morgen Abend nicht trinkt, wird sie sterben. Falls Sie also keinen genialen Plan haben, wie wir die beiden bis dahin befreien können, muss ich darauf eingehen."

„Wird er sie dann freilassen?", fragte Ron.

„Davon steht nichts im Brief", sagte Flamel. „Aber ich habe keine andere Wahl."

„Erzählen Sie uns die ganze Geschichte", sagte Harry und strich sich müde über die Schläfe. „Warum leben Sie noch?" Er deutete auf das Bild. „Ist er der Grund?"

Flamel lehnte sich zurück und sah in die Flammen.

„Ja", sagte er dann. „Wir zerstörten den Stein und hatten schon alles geregelt, hatten nur noch wenig vom Elixier übrig…da bemerkte Perenelle, dass sie schwanger war." Er lachte hohl. „Nach all den Jahren…" Die Flammen funkelten in seinen goldenen Augen. „Als wir jung waren, hatten wir nie Kinder gewollt", sagte er. „Unsere Forschung war uns immer wichtiger. Als wir es dann wollten, klappte es nie. Und genau dann, als wir bereit waren, zu gehen, passierte es doch." Er sah sie an und zuckte mit den Achseln. „Das änderte alles. Wir wussten, dass Albus uns niemals in Ruhe lassen würde, und dass Voldemort immer hinter dem Stein sein würde, also taten wir so, als seien wir gestorben. Wir verließen das Haus nicht mehr, brachen den Kontakt zu allen unseren Freunden ab. Es gibt sogar ein Grab auf dem Friedhof. Aber in Wahrheit stellten wir einen neuen Stein her und zogen dann unseren Sohn groß."

„Und Ollivander wusste davon?"

„Erst seit letztem Jahr", knurrte Flamel. „Nachdem Sie Voldemort besiegt hatten, trauten wir uns wieder aus dem Haus, aber nie als wir selbst. Garrick war immer unser Freund gewesen und wir wussten, dass er in der Gefangenschaft gelitten hatte, also nahm ich wieder Kontakt zu ihm auf und braute ihm einige Tränke, die seinen Zustand verbesserten. Im Gegenzug fertigte er einen Zauberstab für Hermes an."

„Einen Zauberstab?", fragte Harry verdutzt. „Er kann doch höchstens acht sein. Normalerweise-"

„Hermes geht nicht nach Hogwarts", sagte Flamel kühl. „Das Risiko wäre viel zu hoch. Wir unterrichten ihn selbst, und er ist alt genug, um einen Zauberstab zu benutzen."

Der Alchemist räusperte sich. „Was werden Sie unternehmen?"

Harry und Ron tauschten einen Blick.

„Sie bestehen also darauf, die Auroren nicht offiziell einzuweihen?"

„Das wäre zu gefährlich", knurrte Flamel. „Ich vertraue ihnen nicht. Über die Jahrhunderte haben schon viele Menschen versucht, uns etwas anzutun, um an den Stein oder das Elixier zu gelangen." Er sah Harry in die Augen. „Ihnen vertraue ich, Mr Potter. Sie haben bereits bewiesen, dass Sie der Verlockung widerstehen können."

„Und nur Ollivander weiß, dass Sie leben?"

„Das habe ich geglaubt", knurrte Flamel.

„Ollivander ist alt und gebrechlich", sagte Ron zögerlich. „Sicherlich wäre das Elixier-"

„Garrick würde so etwas niemals tun", sagte Flamel kühl. „Und außerdem war er heute Morgen bei mir zu Gast, als es passierte."

„So ein Zufall", sagte Ron skeptisch.

„Kein Zufall", knurrte Flamel. „Wir treffen uns jeden Montag. Schon seit einem Jahr. Immer zur gleichen Zeit. Und ich hätte es gemerkt, wenn ich mit jemand anderem als Garrick gefrühstückt hätte." Er trommelte mit den Fingern auf die Armlehne seines Sessels. „Was werden Sie tun?"

Harry warf einen Blick auf seine Uhr.

„Die Übergabe ist in einer Stunde", sagte er. „Es ist ausgeschlossen, dass wir vorher herausfinden, wer der Täter ist. Wir können das ganze bloß beobachten und hoffen, dass er sich zeigt."

„Das ist zu gefährlich", zischte Flamel. „Er hat verlangt, dass ich das Elixier in der Schale zu Füßen von Richard Hooker deponiere und dann wieder gehe. Ansonsten wird er meine Frau töten!"

„Ich habe den Brief gelesen", sagte Harry ruhig. „Aber wenn wir uns unter dem Umhang verstecken, wird er uns nicht bemerken."

„Ein einfacher Zauber reicht, um Sie zu bemerken!"

Homenum Revelio lässt sich nur unter freiem Himmel verwenden", sagte Ron.

Flamel zückte seinen Zauberstab. „Accio Tarnumhang!", grollte er. Nichts passierte und der Alchemist runzelte verwirrt die Stirn. „Warum-"

„Das spielt keine Rolle", sagte Harry knapp. Er hatte nicht das geringste Interesse daran, mit Flamel über die Heiligtümer des Todes zu philosophieren. „Wichtig ist nur, dass er uns nicht bemerken wird."

„Sie können ihn nicht verhaften", knurrte Flamel. „Was, wenn es mehrere sind?"

Ich habe ihren Sohn und ihre Frau", las Harry vor und reichte Flamel den Brief zurück. „Ich, nicht wir. Aber Sie haben Recht, das wäre zu riskant. Wir werden nur beobachten, wer kommt, um das Elixier zu holen."

Flamel sah nicht besonders zufrieden aus, aber er nickte knapp und stand auf.

„Ich verlasse mich darauf, dass Sie die beiden finden, Mr Potter", sagte er kühl.

„Das werden wir", sagte Harry.

„Und was dann?", fragte Ron, als sie das Haus verlassen hatten und wieder auf der dunklen Straße standen. „Wie sollen wir herausfinden, wer zwei Menschen entführt hat, von deren Existenz niemand weiß?"

„Wir werden nochmal mit Ollivander sprechen", sagte Harry. „Herausfinden, mit wem er sonst noch engen Kontakt hatte."

„Glaubst du, er würde es jemandem verraten?"

„Du warst doch der, der eben gesagt hat…"

Ron zuckte mit den Achseln. „Es wäre dumm gewesen, nichts zu sagen."

„Ollivander ist über ein Jahr in Voldemorts Händen gewesen", sagte Harry. „Voldemort hat seinen Geist unzählige Male durchforstet. Für jemanden, der gut in Legilimentik ist, wäre es sicherlich nicht unmöglich, seine Gedanken zu lesen."

„Ohne, dass er es merkt?"

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich bin kein Experte. So oder so, wir sollten mit ihm reden. Gleich morgen früh."

„Okay", seufzte Ron und massierte sich die Schläfen. „Aber vorher müssen wir noch diesen Austausch beobachten. Wer zum Teufel ist Richard Hooker?"