Der Austausch
Die Statue von Richard Hooker stand einsam und verlassen vor der Kathedrale von Exeter, erhellt nur von ein paar Straßenlaternen. Harry und Ron standen ebenso einsam vor der Kathedrale unter dem Tarnumhang, die Zauberstäbe gezückt und die Augen auf Flamel gerichtet, der sich misstrauisch umsah und dann zwei Metallfläschchen in der Schale zu den Füßen der Statue deponierte, wie es der Entführer verlangt hatte. Der Alchimist sah sich noch einmal um und verschwand dann mit einem ungewöhnlich leisen Knall. Ein paar einsame Nachtschwärmer, die in einiger Entfernung die Straße überquerten, bemerkten sein Verschwinden nicht einmal.
„Fünf vor zwölf", flüsterte Harry nach einem kurzen Blick auf Fabian Prewetts Uhr an seinem linken Handgelenk. Ron nickte bloß.
„Warum hier?", murmelte er wenig später. „Warum so öffentlich? Und in der Muggelwelt?"
„Weil wir hier unauffälliger vorgehen müssen", murmelte Harry zurück. „In der Winkelgasse könnten wir ihn verhexen, sobald er appariert."
„Trotzdem", meinte Ron und kratzte sich an der Stirn. „Hier ist er wie auf dem Präsentierteller. Sobald er appariert, haben wir ihn."
„So einfach wird es nicht", grummelte Harry.
Der Entführer hatte nicht davor zurückgeschreckt, einen Muggel umzubringen, der einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Ihn zu fassen, würde sicher nicht einfach werden.
„Zwölf", flüsterte Ron wenig später überflüssigerweise, als die Glocken der Kathedrale läuteten – und dann fluchte er und starrte mit offenem Mund auf die Statue und die Schale, die spurlos verschwunden war.
„Die Schale war ein Portschlüssel", erzählte Harry Flamel wenige Minuten später, als sie wieder in seinem Salon standen wie begossene Pudel. „Der Entführer ist äußerst vorsichtig."
„Also deswegen sollte das Elixier in einem Metallbehälter sein", knurrte der Alchimist. „Was werden Sie jetzt tun?"
„Ermitteln", seufzte Harry und unterdrückte mit Mühe ein Gähnen. Mord und Entführung hin oder her, er brauchte dringend Schlaf.
„Dann ermitteln Sie schnell", fauchte Flamel und öffnete die Tür. „Wer weiß, was er jetzt vorhat!"
„Wir wissen, was er jetzt vorhat", knurrte Ron, als die Tür hinter ihnen zugeknallt war.
„Ja", seufzte Harry. „Jetzt, wo Flamel seine Forderung erfüllt hat, wird er noch mehr fordern."
„Todsicher wird er die beiden nicht freilassen."
„Wir müssen gleich morgen zu Ollivander."
„Was willst du Savage sagen?"
„Alles", knurrte Harry. „Und Proudfoot auch."
„Flamel-"
„Die beiden verstehen, dass wir diskret vorgehen müssen", seufzte Harry. „Und ich bin nicht so blöd zu glauben, dass wir diese Sache ohne Hilfe aufklären können."
„So blöd bin ich auch nicht", murmelte Ron. „Du bist doch der, der immer alles allein regeln will."
„Du klingst wie Hermine."
„Wirklich? Danke."
„Halt die Klappe."
„Glaubst du, sie wartet noch auf uns?"
„Rhetorische Frage?"
Sie disapparierten mit einem lauten Knall.
Wie nicht anders zu erwarten, wartete Hermine tatsächlich noch auf sie, oben im Salon, von dessen Fenster aus man die Haustür gut einsehen konnte. Auf dem Tischchen neben ihr lag ein Sammelsurium aus Akten und Gesetzesentwürfen aus dem Ministerium, mit denen sie sich offensichtlich die Wartezeit versüßt hatte.
„Die Entführer werden den Stein wollen", sagte sie beunruhigt, nachdem Harry und Ron ihren Bericht über die Geschehnisse der Nacht beendet hatten. „Sie geben sich niemals mit dem Elixier zufrieden."
„So weit waren wir schon", gähnte Ron, der Harry den Großteil des Redens überlassen hatte und fast reglos auf dem Sofa lag. „Aber wenn er die Übergaben weiter so durchzieht, können wir nichts dagegen tun, fürchte ich."
„Hast du irgendeine tolle Theorie?", fragte Harry müde.
„Dutzende", seufzte Hermine. „Es könnte ein Fanatiker sein, der mit dem Stein irgendwie Voldemort zurückholen will-"
„Jetzt kann ich die ganze Nacht nicht schlafen", brummte Ron und setzte sich auf.
„-oder jemand, der sterbenskrank ist und sich mit dem Elixier einfach nur heilen will-"
„Dann hätte er Flamel auch einfach einen netten Brief schreiben können", schnaubte Ron.
„-oder auch jemand, der einfach nur hinter dem Reichtum der Flamels her ist", schloss Hermine und sammelte ihre Akten ein. „Immerhin könnte man mit dem Stein endlos Gold herstellen, oder nicht?"
„Ich entscheide mich für den Sterbenskranken", murmelte Harry beunruhigt.
„Die Frage bleibt, wie zum Teufel er von den Flamels weiß", knurrte Ron. „Denkst du, Proudfoot lässt uns Ollivander mit Veritaserum befragen?"
„Den berühmtesten Zauberstabmacher des Landes, der zwei Jahre von Voldemort als Geisel gehalten wurde?", fragte Hermine entgeistert. „Das wird niemals genehmigt."
„Dann haben wir weniger in der Hand als Goyle nach seinen UTZen", brummte Ron. „Gar nichts."
„Goyle hat Kräuterkunde bestanden", murmelte Hermine und stupste ihn mit dem Fuß an. „Komm, lass uns schlafen gehen. Wir müssen in drei Stunden zur Arbeit."
Die beiden wünschten Harry eine gute Nacht und verschwanden, während er nachdenklich am Fenster stehen blieb.
Goyle hatte Kräuterkunde mit Hängen und Würgen bestanden und das auch nur, weil die Prüfer beide Augen festzugedrückt hatten, aber dass Ron ihn erwähnt hatte, hatte ihn auf eine Idee gebracht. Theodore Nott wohnte nicht weit weg von den Flamels, er wäre nach seinem letzten Jahr in Hogwarts sicherlich nur zu gern Voldemort hinterhergelaufen… und soweit Harry wusste, hatte das Ministerium im Zuge der Ermittlungen gegen Notts Vater den Großteil des Familienvermögens beschlagnahmt und an Familien gezahlt, die von seinen Verbrechen betroffen gewesen waren. Wie unwahrscheinlich war es, dass Nott irgendwie von den Flamels erfahren hatte? Zaubererkinder, die ihre Kräfte noch nicht kontrollieren konnten, sorgten für seltsame Dinge in ihrem Umfeld. Was, wenn bei einem von Mrs. Flamels Ausflügen mit ihrem Sohn etwas Unerklärliches passiert war, etwas, über das die Muggel in der Umgebung tuschelten? Nott könnte davon gehört haben. Harry streckte sich müde und löschte das Licht mit einem Schnipsen seines Zauberstabs. Es war nur eine Theorie, aber es konnte sicher nicht schaden, Nott am nächsten Tag einen Besuch abzustatten.
