Bulli schnaubte genervt. Jetzt waren sie nun schon eine ganze Weile unterwegs und noch immer keines dieser Thalerwald-Tiere in Sicht. Hinter ihm folgten seine Ratten-Gefolgsleute, bis ihn auf einmal jemand auf etwas aufmerksam machte und ins hohe Gras deutete. Jetzt hatte auch Bulli die schlafende Kreuzotter im Gras bemerkt. Das Reptil hatte sich dort eingerollt und schlief ruhig und friedlich.
Das musste die Thalerwald-Otter sein.
Er hatte geschworen seine Rache würde furchtbar sein. Nun könnte er diesem verdammten Thalerwald-Fuchs endlich eine Lehre erteilen. Niemand legte sich mit Bulli und seiner Truppe an. Diese Tiere würden schon sehen, dass noch nicht mal eine giftige Schlange ihn aufhalten konnte. Und jetzt wurde sie ihm gewissermaßen auf dem Präsentierteller serviert.
Er kicherte hämisch vor Vorfreude. Er nickte seinem Kumpanen zu und deutete mit einem Kopf nicken auf die schlafende Schlange. Dieser grinste hinterhältig. Es schien ihm Spaß zu machen. Er beugte sich runter und hielt seine großen Pranken über ihren Kopf. Blitzartig drückte er zu. Schlängler war so überrascht, dass er noch nicht einmal die Gelegenheit hatte zu schreien. Die große Ratte drückte seine Kehle mit aller Gewalt enger und enger und schnürte ihm die Luft ab. Schlängler wand sich vor Schmerz und rang nach Luft. Seine Augen vor Panik weit aufgerissen. Aber Bulli lachte nur hämisch. Er weidete sich gewissermaßen an seinem Leiden. Vergeblich versuchte die Schlange sich aus dem Würgegriff zu befreien. Der Rattenanführer sah grinsend zu wie er um sein Leben rang und zu ersticken drohte.
Kein Zeichen von Mitleid. Kein Erbarmen.
„He! Ihr! Lasst meinen Freund in Ruhe!"
In diesem Moment kam Kröte angesprungen. Er stürzte sich auf die große Ratte und zog sie an den Ohren. Die Ratte schrie auf und ließ Schlängler fallen. Keine Sekunde zu früh, denn er war schon fast ohnmächtig. Hustend und keuchend landete er auf den Boden und blieb halbtot dort liegen.
Mit großen Augen starrte Bulli auf das Szenario. Mit weiterer Gesellschaft hatte er jetzt nicht gerechnet.
Die Ratte packte Kröte mit ihren großen Pranken und schleuderte ihn zu Boden.
„Was fällt dir ein dich mir in den Weg zu stellen?", fuhr Bulli ihn an.
Drohend umzingelten die Ratten die Amphibie. Für Kröte hätte es schlecht ausgesehen, wenn in diesem Moment nicht Schatten und Höfele angerannt wären, die sich gerade in der Nähe befanden.
„Hey, hört auf damit", rief Höfele während er zusammen mit Schatten den Hügel runterrannte.
Doch so schnell wollte Bulli sich nicht geschlagen geben und gab seinen Kumpanen das Zeichen die Kröte als Geisel hinzuhalten.
„Packt euch die Kröte!"
Sofort stürzten die restlichen Pelztiere sich auf Kröte. Dieser aber, immer noch völlig empört über diese Schandtat, nahm einen riesigen Satz und sprang so hoch es auch nur ging. Die Ratten griffen ins Leere und schlugen mit den Köpfen aneinander.
Kröte landete auf ihnen und hechtete mit gekonnten Sprüngen davon, direkt auf Schatten und Höfele zu. Kurz vor der Kröte kamen sie zum Stehen, sodass Kröte sich mit einem Sprung hinter sie in Sicherheit bringen konnte.
Für Bulli und seine Kumpanen waren das jetzt zu viele Gegner.
„Verflixt!", fluchte Bulli und pfiff seine Leute zurück. „Rückzug!"
Dann rannte er davon, dicht gefolgt von seinen Gefolgsleuten, die immer noch Sterne sahen.
„Alter Freund", begann Höfele besorgt und drehte sich zu Kröte um. „Ist alles in Ordnung mit dir?"
„Was ist denn passiert?", fragte Schatten.
„Schatten!... Höfele!...", keuchte Kröte erleichtert. Er war immer noch völlig aufgeregt. „Bin ich froh… euch zu sehen…. Ich- ich war schwimmen gewesen… und hab die Ratten vorbei gehen sehen… einer von ihnen hatte Schlängler gepackt…und …" Er zuckte zusammen. „Oh, Schlängler!"
Sogleich stürzte sich Kröte ins hohe Gras, dort wo die Ratte Schlängler fallen gelassen hatte. Die Kreuzotter lag schwer atmend auf dem Boden. Besorgt neigte er sich zu ihm runter.
„Schlängler? Sportsfreund? Sagt doch was! Alles in Ordnung?"
Jetzt hatten auch Höfele und Schatten die halbtote Schlange am Boden entdeckt.
„Geschlängelter Freund?", rief Höfele besorgt. „Bist du okay?
„Sag doch was", flehte Schatten.
Langsam schlug Schlängler die Augen auf. Als seine Lunge sich wieder mit frischer Luft füllte kehrten auch seine Lebensgeister zurück. So langsam beruhigte sich seine Atmung wieder.
„Ja", flüsterte er mit schwacher, heiserer Stimme. Sein Hals tat ihm höllisch weh.
„Danke", wisperte er mühsam und kam langsam wieder zu sich.
„Mann, das war verdammt knapp gewesen Kumpel", sagte Kröte noch immer ganz aufgewühlt. Sein Blick wanderte zu den beiden Dachsen. „Zum Glück wart ihr beide in der Nähe gewesen."
„Hö, hö", meinte Höfele. „Du warst aber auch nicht gerade zurückhaltend gewesen."
„Ja, Kröte", stimmte ihm Schatten zu. „Ich wusste gar nicht, dass du so wagemutig sein kannst."
„Oh! Hab ich das?" Verwirrt kratzte Kröte sich am Kopf und schien erst jetzt zu kapieren in was für eine Gefahr er sich beim Versuch Schlängler zu helfen gestürzt hatte. „Äh… Na ja Wisst ihr… Im Grunde hab ich gar nicht nachgedacht. Ich …"
In diesem Moment hörten sie die Stimme der Otter.
„Sssschlängler? Sssschlängler?", rief sie ängstlich.
„Hier drüben, Otter!", antwortete Höfele.
Sofort kam Otter herbeigeeilt. Ihr Herz blieb vor Schreck fast stehen, als sie Schlängler so schwach am Boden liegen sah.
„Schlängler?! Was ist mit dir? Was…?"
„Die Ratten waren hier gewesen", erklärte Kröte. „Sie hatten Schlängler und… Ich will gar nicht darüber nachdenken was passiert wäre, wenn wir nicht rechtzeitig…" Er brach ab.
Völlig schockiert beugte sich Otter zu ihrem Geliebten runter und schmiegte sich panisch an ihn. Als Schlängler ihre Nähe spürte hob er leicht den Kopf und merkte wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.
„Wenn dir etwas passiert wäre würde ich mir das nie verzeihen", hauchte sie.
Der Gedanke Schlängler zu verlieren schnitt sich in ihr wie ein Messer durchs Herz.
„Es ist alles in Ordnung, meine Liebe", flüsterte Schlängler mit ruhiger, schwacher Stimme und schaffte es trotz seiner Schmerzen im Hals zu lächeln. Doch dass Otter bei ihm war, ließ ihm alles Leid vergessen. Erst jetzt wurde ihr bewusst wie sehr sie ihn doch liebte. Und er liebte sie.
Liebevoll schmiegten sie ihre Köpfe aneinander. Die Dachse, zutiefst gerührt von diesem Bild, lächelten. Bis Schatten das Schweigen unterbrach.
„Nun, fürs Erste habt ihr beide noch einmal Glück gehabt. Aber ich bin sicher, dass die Ratten es mit Sicherheit noch einmal versuchen werden."
Höfele sah sie an und nickte. „Da hast du wohl Recht. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht."
Sein Blick wanderte wieder zu den beiden Kreuzottern. „Es wäre wohl das Beste für euch, wenn ihr beide in Zukunft immer in der Nähe der anderen bliebt."
Schatten stimmte ihm zu. „Also von nun an keine Alleingänge mehr. Verstanden?"
Die beiden Reptilien nickten.
„Verstanden. Und Danke", sagte die Otter.
„Oho, bedank dich nicht unbedingt bei uns", meine Höfele. „Sondern bei Kröte. Er hat sich todesmutig auf die Ratte gestürzt."
„Ja", stimmte Schatten mit ein. „Das war wirklich sehr mutig von der gewesen, Kröte."
Otter lächelte dankbar. „Danke." Und wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen.
„Aber das war doch selbstverständlich, Sportsfreundin", meinte Kröte und lächelte gerührt. „Dazu sind Freunde doch da."
Behutsam strich die Otter mit ihrem Kopf über Schlänglers Körper. „Bitte, versprich mir, dass du mich nie verlässt. Ich liebe dich", flüsterte sie mit gedämpfter Stimme
„Und ich liebe dich…", wisperte Schlängler und ein sanftes Lächeln spielte auf seinem Gesicht.
Bei diesen Worten füllten sich Otters Augen erneut mit Tränen und mit einem Lächeln der Erleichterung.
Noch war alles gut gegangen. Ihn zu verlieren ließ ihr einen eisigen Schauer über den Rücken fahren. Ein Leben ohne ihren Freund, das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie versuchte diesen Gedanken aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen und kuschelte sich enger an Schlängler, der sie sanft an sich drückte.

Bulli, der das alles aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, schnaubte vor Wut. Schon allein die Tatsache, dass er die ganze Zeit die falsche Schlange im Visier hatte, trieb ihn zur Weißglut. Und der Gedanke, dass es ihm heute noch nicht einmal gelungen war wenigstens einen dieser giftigen Monster auszuschalten, ärgerte ihn noch mehr.
„Na wartet!", knurrte er. „Eines Tages… eines Tages erwische ich euch! So wahr ich Bulli heiße!"