II.


Selbst Klein-Gilbert war hier und Lockwood, obwohl Damon doch genau das tat, was der Werwolf von ihm verlangt hatte – er entfernte sich selbst aus den Leben der anderen, weil er ohne Elena nicht gut sein konnte. Lockwood sollte feiern anstatt hier mit ernstem Gesicht zu stehen. Und was zum Teufel wollte Enzo hier? Der hatte über seinen Plan doch nur gemeint, dass er nichts anderes von ihm erwartet hatte!

Aber er sah diese kleine Versammlung nicht nur als negativ an. Dass Bonnie und Stefan hier waren, bedeutete, dass sie ihn doch nicht vollkommen hassen konnten, zumindest noch nicht, sie hatten ihn noch nicht aufgegeben. Natürlich würde sich das ändern, sobald er sie enttäuschte und wieder schlafen ging, aber er erlaubte es sich diesen einen Moment zu genießen, so flüchtig er auch war.

„Nein, ernsthaft. Was wollt ihr hier?" Er warf Ric einen fragenden Blick zu. „Ich habe euch Briefe geschrieben, mich erklärt. Es gibt nichts mehr zu sagen."

Caroline schob sich in sein Blickfeld. „Oh, nein, es gibt noch einiges zu sagen", behauptete sie, „Genau über diese Briefe wollen wir reden. Unter anderem. Und wir werden es dir nicht einfach machen, mach dich schon mal auf eine lange Diskussion gefasst."

Damon kniff die Augen zusammen und musterte sie. „Was das hier etwa deine Idee, Blondie?", wunderte er sich, „Warum? Ich meine, niemand hier hasst mich mehr als du, nicht einmal Lockwood. Sollte es dich nicht erleichtern, dass ich endlich aus deinem Leben verschwunden bin?"

„Nein, es erleichtert mich nicht. Weil wir Elena versprochen haben aufeinander aufzupassen, und wir in den letzten Monaten alle zusammen einen wirklich schlechten Job gemacht haben, was das angeht", erklärte Blondie, „Und außerdem hasse ich dich nicht. Ich bin nur …. kein Fan von dir und deinem Verhalten im Allgemeinen und Speziellen, aber ich habe die letzten Jahre gelernt darüber hinwegzusehen und dich so zu akzeptieren wie du bist, weil diejenigen, die mir wichtig sind, dich trotzdem lieben." Sie deutete auf Stefan, Bonnie, und Elenas Sarg.

„Wow, Blondie, so sehr es mich rührt zu erfahren, dass ich dir sehr wohl etwas bedeute …es ändert nichts an meiner Entscheidung. Das hier ist besser für uns alle. Also lasst mich einfach weiterschlafen."

Er legte sich wieder hin, schloss seine Augen und hoffte, dass sie weggehen würden. Doch natürlich taten sie das nicht. Es wäre auch zu schön gewesen. Seufzend setzte er sich wieder auf. „Was ist denn noch?"

„Ein Brief, Damon. Ich musste es aus einem Brief erfahren, weil du zu feige warst dich zu verabschieden, weil du befürchtet hast, was ich sagen könnte", beschwerte sich Klein-Gilbert.

„Das Lied hat mir schon Bon-Bon gesungen, zu spät, Klein-Gilbert. Ja, ich bin ein Feigling, gibt es sonst noch was Neues?", gab Damon unbeeindruckt zurück.

„Elena wollte, dass du lebst. Sie wollte nicht, dass du dein Leben ihretwegen auf Pause stellst. Sie wäre sehr enttäuscht, wenn sie wüsste, dass du einfach aufgibst", fuhr Klein-Gilbert fort.

„Sie wird dankbar sein, dass der Mann, zu dem sie zurückkehrt, noch der Mann ist, den sie gekannt hat", konterte Damon, „Besser sie ist ein wenig enttäuscht als dass sie mich hasst, weil ich es geschafft habe alle ihre Freunde unter die Erde zu bringen."

Jeremy schüttelte nur den Kopf. „Das sind Ausreden, Damon, und das weißt du. Du hast es selbst zugegeben", mischte sich Alaric, der Verräter intimer Geheimnisse, die die Mehrzahl der hier anwesenden Leute nichts angingen, ein, „Du tust das hier nur, weil du nicht mehr so weiterleben willst, wie du dich im Moment fühlst."

Damon schnaubte. „Und wenn schon. Das ist mein gutes Recht, oder etwa nicht? Herr Phönix-Stein-Leichenschänder!", knurrte er.

„Seinen Problemen muss man sich stellen. Man kann nicht einfach davor davon laufen, in der Hoffnung, dass sie von selbst weggehen", sagte Lockwood.

„Sag der Meister im Weglaufen", spottete Damon.

„Ja, das bin ich. Ich bin weggelaufen, wieder und wieder und wieder. Und es hat mich gekostet. Es hat mich das Wertvollste gekostet, was ich jemals hatte…" Lockwoods Blick irrte hinüber zu Caroline. „… bis ich etwas noch wertvolleres verloren habe und wieder weggelaufen bin, nur dass ich dieses Mal nicht weggelaufen bin, sondern neu angefangen habe. Das ist ein Unterschied. Hör mal, ich weiß, was ich zu dir gesagt habe. Aber …. Du solltest mich besser kennen als auf etwas zu hören, das ich in Rage von mir gebe. Wenn mich meine Wut übermannt, dann sage ich viele dumme Dinge. Und das hätte ich nicht sagen sollen. Aber ich habe mir Sorgen um Bonnie gemacht und darum was passiert, wenn ich dich beiße. Wie ich Elena erklären soll, dass du tot bist. Das hatte mehr mit mir zu tun als mit dir. Ja, ich du willst für Elena ein guter Mann sein, aber du bist darin nicht besonders erfolgreich, und ja, das heißt, dass du irgendetwas falsch machst und dir irgendetwas nicht eingestehen willst, aber das hier ist nicht die Lösung dafür. Das hier ist nur eine weitere unüberlegte Damon-Dummheit."

Wow, das klang ja beinahe ehrlich. Vielleicht war es das ja sogar. „Im Gegenteil, ich habe mir das hier sehr genau überlegt", widersprach Damon trotzdem, „Das hier war unvermeidlich. Wir alle wissen das seit Monaten. Ich will nicht weiterhin eine wandelnde Katastrophe sein."

„Dann tu etwas dagegen. Anstatt einfach wieder wegzulaufen", warf Enzo ein.

„Meine Güte, wie lange willst du noch den Märtyrer heraushängen lassen, Enzo? Der Käfig hat gebrannt, ich dachte du wärst tot! Ich bin weggelaufen, weil wir ansonsten beide gestorben wären! Denkst du wirklich das wäre mir leichtgefallen? Dass ich seit dem nicht immer wieder daran zurück gedacht habe und mir deswegen nicht ständig Vorwürfe gemacht hätte?! Was willst du von mir, Enzo? Ich hab mich entschuldigt, hab dich sogar von den Toten zurückgeholt, trotz deiner Versuche Stefan etwas anzutun, ich habe dich Teil meines Lebens sein lassen, habe deine unheimliche Fixierung auf meine Mutter toleriert, und wie dankst du es mir? Du machst mich vor Bonnie schlecht und heuerst bei der Waffenkammer an, die, falls es dir entgangen ist, nicht gerade besonders gut auf übernatürliche Wesen wie uns zu sprechen ist! Egal, was ich tue, ich kann es dir nicht recht machen! Du willst mich nicht in deinem Leben haben, aber du willst mich auch nicht aus deinem Leben weg haben! Kannst du dich mal entscheiden? Das hier ist nämlich äußerst verwirrend!", schleuderte Damon Enzo mit vor Wut anschwellender Stimme entgegen.

„Niemand muss dich vor Bonnie schlecht machen, Kumpel. Ich sage es dir ja ungern, aber sie ist klug genug um deine Fehler selbst zu erkennen", ätzte Enzo, „Und was alles andere angeht … was ich von dir will ist, dass du zur Abwechslung endlich einmal ein besserer Freund bist, verdammt! Donovan hat mich gekidnapped und der Waffenkammer ausgeliefert, und dir ist das nicht einmal aufgefallen! Wenn Alex nicht zufällig mit mir verwandt wäre, dann wäre ich jetzt vielleicht tot!"

„Ich wurde von einem uralten Vampir mit einer Vendetta gegen meinen Bruder aufgespießt und war daraufhin wochenlang in einem Höllenstein gefangen! Wann also bitte schön hätte ich bemerken sollen, dass du nicht da warst?! Caroline wurde inzwischen zum Wal, und auch das ist mir nicht aufgefallen!", schrie Damon ihn an.

„Hey!", entfuhr es Blondie beleidigt, „Ich war schwanger. Und außerdem: Enzo, vergiss nicht was wir besprochen haben, so bist du nicht hilfreich."

„Zumindest bin ich ehrlich. Was nutzt es auf Eierschalen um ihn herumzutanzen! Ein wütender Damon hat wenigstens anderes zu tun als schlafen zu gehen!", verteidigte sich Enzo.

Auf Eierschalen …. Was sie vorher besprochen haben … Oh. Nun wurde Damon klar, was hier nicht stimmte. Alle waren ausnehmend nett zu ihm. Donovan war nicht hier, und Enzo war der Mund verboten worden, und weder Stefan noch Bonnie hatten bisher ein Wort gesagt.

„Oh, ich verstehe. Ihr denkt, dass der gute alte Damon ins Irrenhaus gehört. Aber damit liegt ihr falsch. Das hier ist keine Nachwirkung des Höllensteins. Es ist eine vollkommen rationale Entscheidung. Hört ihr, alles in Ordnung, kein Grund zur Sorge. Nun da wir das geklärt haben, könnt ihr ja wieder nach Hause gehen, und mich weiterschlafen lassen", verkündete Damon und machte eine „Husch Husch"-Handbewegung.

„Es nennt sich Depression, Damon. Und es ist kein böses Wort, und man ist deswegen nicht irre. Man ist krank. Vielen Menschen geht es so", erklärte ihm Caroline steif.

„Ich bin aber kein Mensch, Blondie", rief Damon ihr in Erinnerung.

„Aber du hast viel durchgemacht", meldete sich jetzt endlich Stefan zu Wort, „Und ich war wütend auf dich, weil ich deinetwegen von Raynas Schwert markiert wurde und mein Leben aufgeben musste, aber die Wahrheit ist, dass du von Julian aufgespießt wurdest, weil ich ihn unbedingt ohne ausgefeilten Plan töten wollte. Alles, was seit dem passiert ist, ist also eigentlich meine Schuld. Du wolltest warten, wolltest seine Schwächen herausfinden, ihn überraschen, aber ich war so von Rachsucht beherrscht, dass ich dich dazu gebracht habe zu handeln, und deswegen wurde unsere Mom getötet, und Julian hatte etwas, woran er uns die Schuld geben konnte, und wurde noch instabiler und gefährlicher. Wenn wir es auf deine Art getan hätten, dann würde unsere Mutter noch leben, und keiner von uns beiden wären im Höllenstein gelandet. Und was du im Höllenstein durchgemacht hast, hat dich zerstört. Ob du es zugibst oder nicht, wir beide wissen, dass es so ist. Ich meine, du warst so verwirrt, dass du dachtest du hättest Elena getötet! Das würdest du niemals tun, nicht einmal mit umgelegtem Schalter, wenn alles mit dir in Ordnung wäre. Und die ganze Sache mit Rayna hat uns so abgelenkt, dass ich einfach angenommen habe, dass es dir wieder gut geht, aber es gibt keinen Grund warum du dich nach einem längeren Aufenthalt dort drinnen schneller davon erholen solltest als ich das getan habe."

Damon schüttelte den Kopf. „Du musst wirklich nicht meine Fehler auf dich nehmen, Bruder", meinte er entschieden, „Nach Lilys …. Tod war ich es, der Julian gereizt hat."

„Weil du nicht mit deiner Trauer umgehen konntest, was ich zwar erkannt habe, aber nicht begriffen habe. Und anstatt dir zu helfen, war ich immer noch nur auf meine Rache versessen, und habe dich mitgeschleppt um Julian zu finden und zu töten. Nein, es war meine Schuld, Damon", sagte Stefan, „Und es ist unfair, dass ich wegen meiner Narbe wütend auf dich bin, wenn du mir wegen dem Phönix-Steintrip niemals Vorwürfe gemacht hast."

Damon suchte nach den passenden Worten, fand aber auf die Schnelle keine. „Nun, ich vergebe dir dafür, dass du mir die Schuld an Dingen, die meine Schuld sind, gegeben hast, hilft dir das weiter?", bot er dann an.

„Er braucht nicht deine Vergebung, er braucht dich. Genau wie ich dich brauche", sagte Bonnie leise, „Aber das wusstest du schon, und du hast beschlossen, dass es für dich nicht ausreicht um weiterleben zu wollen. Wir haben das für Egoismus gehalten…."

„Bonnie", meinte Caroline warnend.

„Nein, Enzo hat recht, Caroline, wir müssen ehrlich bleiben", fuhr Bonnie unbeirrt fort, „Aber so egoistisch es auch war, es hat nichts damit zu tun, dass wir dich nicht wichtig wären. Es hat damit zu tun, dass wir dir nicht wichtig genug sind um nur für uns zu leben. Und das solltest du auch nicht. Niemand sollte nur für andere leben müssen. Du solltest leben wollen, Damon. Aber wenn du das nicht willst, wenn du jeden Morgen aufwachst und dir wünscht das wäre nicht der Fall, dann … brauchst du dringend Hilfe. Und die Sache ist die, nicht nur wir brauchen dich, du brauchst auch uns. Wenn du zusammen mit Elena in einigen Jahrzehnten aufwachst, dann werden wir wahrscheinlich nicht mehr da sein. Ich werde auf jeden Fall tot sein, und Stefan wurde wahrscheinlich von Rayna Cruz getötet. Ric wird vermutlich ebenfalls schon tot sein. Und Tyler und Jeremy vielleicht auch. Möglicherweise lebt Enzo noch, aber bei seiner wechselhaften Loyalität, wer kann das schon wissen? Du wirst also nur noch Elena haben - und Caroline, die dich beide immer nur daran erinnern werden wie viel du verloren hast. Dass alle anderen weg sind. So wie ich dich jetzt daran erinnere, dass Elena weg ist. Willst du das wirklich noch einmal durchmachen, Damon? Oder willst du stattdessen nach einem Weg suchen wieder leben zu wollen, ob mit oder ohne Elena?"

Bon-Bon gab wirklich ihr Bestes. Und sie redete wieder mit ihm, trotz ihrer Wut auf ihn, trotz der großen Enttäuschung, die er für sie war. Aber so nett das auch war, es änderte nichts. Nicht wirklich.

„Vielleicht hast du recht, vielleicht ist mein Leben, wenn ich wieder aufwache, immer noch so scheiße wie es jetzt gerade ist. Vielleicht werde ich mich mit Elena an meiner Seite, aber ohne euch, nicht anders fühlen als ich mich jetzt fühle. Aber das kann keiner wissen. Ich weiß es mit Sicherheit nicht. Es kann auch sein, dass ich wieder aufwache und mich wieder gut fühle. Mit oder ohne Elena", erklärte Damon seiner besten Freundin, „Worum es geht ist wie ich mich jetzt im Augenblick fühle. Und dass ich mit diesem Gefühl nicht mehr weiterleben kann. Ihr habt recht, es geht mir nicht darum die Welt vor meinen Fehlern zu bewahren, und nicht einmal darum, dass ich Elena vermisse – nennt es Depression, wenn ihr wollt, es ist mir gleich, ich weiß nur eines: Ich bin müde. Verdamm müde. Zu müde für all das hier. Und definitiv zu müde für verrückte Jägerinnen und Waffenkammern und wer-weiß-was-noch-alles. Ich will einfach nur …. dass ihr mich alle in Ruhe lasst. Dass ihr mich alle schlafen lasst. Ist das zu viel verlangt? Ihr wollte nicht warten, bis Elena aufwacht, na gut, dann weckt mich in zwanzig Jahren oder von mir aus in zehn, vielleicht geht es mir dann wieder besser, vielleicht will ich dann wieder leben, auch ohne Elena. Aber im Moment gibt es nichts, was ihr sagen könnt um mich dazu bringen meine Meinung zu ändern."

Er hoffte, dass er sich nicht zu weinerlich anhörte, doch das hier begann anstrengend zu werden, und er hatte keine Energie mehr übrig um sich weiterhin mit all seinen wohlmeinenden aber nervigen Gästen auseinanderzusetzen, er wollte endlich seine Ruhe haben, schlafen können – er hatte sich auf das vorbereitet, darauf eingestellt, dass es kommen würde und es als Erleichterung angesehen, doch nun lief es nicht so wie es laufen sollte.

„Zehn oder zwanzig Jahre sind auch keine Lösung, Damon", sagte nun Alaric, „Denn ja, vielleicht hast du recht, vielleicht reicht ein lange Periode der Austrocknung aus um dich zu heilen, immerhin bist du ein Vampir, vielleicht wachst du in ein paar Jahren auf und bist geheilt, fühlst dich wieder besser. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht hat Bonnie recht, und es ändert sich nichts. In zehn Jahren nicht, in zwanzig nicht, und auch dann nicht, wenn du wieder mit Elena vereint bist. Das kann keiner von uns wissen, wie du selbst sagst. Und was willst du dann eigentlich tun, wenn du sie wiederhast, und dich immer noch so fühlst wie du dich gerade fühlst? Was wenn du eines Tages dank irgendeines Wunders Elena zurückhast, uns alle immer noch hast, und dich trotzdem immer noch so fühlst wie jetzt? Was willst du dann tun? Dich wieder austrocknen lassen? Und wieder und wieder? Denn du willst ja nicht sterben, Damon, diese Phase liegt hinter dir. Du willst nur nicht leben – und das ist ein Unterschied, ein ziemlich gewaltiger sogar. Glaub mir, ich weiß wie du dich jetzt fühlst. Ich war dort, wo du jetzt bist, und vielleicht ist ein Teil von mir sogar immer noch dort. Aber ich weiß auch, dass man dieses Gefühl überwinden kann, dass man die Kraft finden kann weiterzumachen. Wenn ich das konnte, dann kannst du es auch."

Damon wollte das alles nicht mehr hören. „Das mag ein Schock für dich sein, Ric, aber vielleicht bin ich einfach nicht so stark wie du. Oder wie Stefan. Oder Bonnie. Oder irgendeiner von euch. Vielleicht bin ich einfach der gleiche feige Schwächling, der ich immer war, der bereit war Deserteure zu fangen und zu erschießen, nur damit er ein paar Tage weg von der Front des Krieges kommen kann, an den er nie geglaubt hat, und den er nie kämpfen wollte, den er aber trotzdem gekämpft hat, weil er zu charakterschwach war um sich gegen seinen Vater und sein Land aufzulehnen", gab Damon zurück, und das war eigentlich das Letze, das Allerletzte, an das er jemals wieder hatte denken wollen – die Fronst, die Deserteure, das Farmhaus, seine Mutter im Höllenstein … „Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?!" Er griff nach dem Sargdeckel und wollte ihn über sich schließen, doch jemand hielt den Deckel fest - Bonnie, die Verräterin.

„Weil wir dich lieben, Damon", erklärte sie, „Weil wir dich zu sehr lieben um dich alleine zu lassen, wenn du Hilfe brauchst. So wie du jeden hier immer wieder und wieder geholfen hast, ob wir es nun wollten oder nicht, ob wir nun bereit waren es dir zu verzeihen oder nicht."

„Komm schon, lass den Sargdeckel los, Bon", bat Damon ungläubig, „Ist das wirklich euer großer Plan? Mich einfach solange daran zu hindern zu tun, was ich tun will, bis ich nachgebe?!" Er rüttelte an den Deckel, doch Bonnie ließ nicht los.

„Komm schon, das ist lächerlich!", beschwerte sich Damon, „Und es ändert nichts! Ich hab's versucht, okay? Und ihr alle, ihr habt nicht gereicht! Was soll sich daran ändern? Was wollt ihr tun, he? Mich mit Medikamenten vollstopfen, von denen wir nicht einmal wissen, ob sie bei Vampiren wirken?!"

„Wenn es sein muss", erwiderte Caroline, denn ja, das wäre etwas das Caroline Forbes „Ich heile den Krebs meiner Mutter mit Vampirblut" definitiv ausprobieren würde.

„Und in Therapie soll ich wohl auch, oder wie? Kennt ihr zufällig einen Vampir-Therapeuten oder plant ihr eine arme Seele so zu becircen, dass sie keine Angst mehr vor mir hat und sich gerne alle meine Missetaten quer durch die Jahrzehnte anhört?", spottete Damon weiter, „Der letzte Therapeut, der mir helfen wollte, war ein jahrhundertealter-Stein, der mir genau diese Lösung hier einreden wollte, und darauf aus war mich davon zu überzeugen, dass ich im Namen anderer immer nur Unheil verbreite. Dass ich nicht gut bin, wenn mein moralischer Kompass weg ist. Wir können doch wohl annehmen, dass das auch das Ergebnis ist, zu dem die meisten Professionellen über mich gelangen würden!"

„Das war ein Höllenstein, Damon, dazu gemacht Vampire zu quälen", protestierte Stefan, „Er wollte mich dazu bringen dich zurückzulassen, mich von dir abzuwenden und deine wehrlose Hülle zu verbrennen, weil du mich immer nur in Schwierigkeiten bringst und in deine Dunkelheit hineinziehst. Und trotzdem bin ich hier, oder etwa nicht? Das war keine Therapie, es war eher das Gegenteil davon."

„Gaslightning", warf Caroline hilfreich ein. Als ob das irgendetwas bedeuten würde.

„Der Punkt ist, dass es nicht mit wirklicher Hilfe zu vergleichen ist", fuhr Stefan fort.

Damon seufzte nur. Sein Bruder schien wirklich nicht aufgeben zu wollen, genauso wenig wie die anderen hier. Aber er hatte nicht vor nachzugeben und es ihnen einfach zu machen, denn die Wahrheit war, dass allein der Gedanke daran wieder aus diesem Sarg zu steigen und sich irgendwie professionelle Hilfe zu suchen, die ihm dabei unterstützen sollte die nächsten sechzig bis achtzig Jahre zu überstehen, jede noch vorhandene Energie aus seinem Körper zu saugen schien. Mit einem Schlag fühlte er sich noch müder als zuvor.

Ob offener oder geschlossener Sarg, das war auch schon egal. Was er wirklich tun musste war die anderen davon abzubringen ihn weiterhin zu quälen. Und da Argumente nichts halfen, blieb ihm nur noch eine Möglichkeit: Er musste sie einfach ignorieren.

Also legte er sich wieder hin, faltete die Hände auf seiner Brust und schloss die Augen. Natürlich führte das dazu. dass die anderen wieder auf ihn einbrabbelten, doch er weigerte sich einfach die Augen zu öffnen und tat sein Bestes sie zu ignorieren. Nach ein paar Sekunden hörte er sie schon nicht mehr wirklich – ihre Stimmen gingen ineinander über, vermischten sich, wurden zu einem Hintergrundrauschen. Und dann…

… schüttelte ihn jemand rüde. Was wollen wir wetten, dass es Stefan ist… Aber Damon hatte nicht vor ihm den Gefallen zu tun ihm eine Reaktion darauf zu vergönnen. Er ließ sich einfach weiterschütteln, kniff seine Augen zusammen, und befahl seinen Gliedern stillzuliegen.

Doch dann hörte er das Weinen.

Er schnellte hoch und schlug die Augen auf. „Ist das euer Ernst? Ihr habt die Babys mitgenommen?! Was soll das hier sein? Ein Familienausflug zu Onkel Vampir?!", beschwerte er sich und sah sich suchend um. Und tatsächlich, als er an Alaric vorbeispäte, konnte er einen dieser riesigen Doppelkinderwägen hinter ihm stehen schien.

Die Babys waren hier! Und mindestens eines von ihnen weinte.

„Was soll das?! Wie konntet ihr sie hierher mitbringen?!", beschwerte er sich.

„Wir hätten auf die Schnell keinen Babysitter gefunden, und außerdem wollten wir sie nicht zurücklassen!", verteidige sich Caroline trotzig. Und diese Frau sollte Ric dabei helfen seine Kinder aufzuziehen?! Im Übrigen machte sie keine Anstalten das schreiende Baby hochzuheben, weder sie noch der Vater der Kinder.

Ein schreiendes Baby. Damon konnte sich nicht daran erinnern wann er zuletzt ein Baby schreien gehört hatte. Oder zumindest ein Baby, das ihn etwas anging, und nicht zu Fremden gehörte. Ungebeten stieg eine Erinnerung an seine Mutter in ihm auf. „Das ist dein Bruder, Damon, dein kleiner Bruder, nimm ihn in die Arme. So ist es gut. Du musst mir helfen auf ihn aufzupassen, er ist so klein und hilflos, er kann noch nicht selbst auf sich aufpassen, er kann sich noch nicht selbst verteidigen…." Gegen seinen Vater, blieb ungesagt, aber beide wussten, was sie damit meinte. Das war das erste Mal gewesen, dass Damon seinen Bruder in den Armen gehalten hatte, das erste Mal, dass er Stefan in den Armen gehalten hatte….

Aus dem Sarg zu steigen war kein bewusster Akt. Zu dem Kinderwagen hinüberzugehen genauso wenig. Und doch fand er dann davor stehend wieder und auf die Babys hinunter starrend und das schreiende Baby aufhebend.

Sie fühlte sich so klein in seinen Armen an, so hilflos, aber so lebendig. Er drehte sich um und sah, dass Ric Carolines Hüften umklammert hielt und sie so davon abzuhalten schien sich auf ihn zu stürzen und ihm das Kind aus den Armen zu reißen. Er sah Stefans dummen Gesichtsausdruck, Tylers offenen Mund, Jeremys Kopfschütteln. Enzo starrte ihn mit erhobenen Augenbrauen an, und Bonnie … Bonnie blickte ihn einfach nur stumm an, ihre Gesichtsausdruck verriet ihm zum ersten Mal seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Gemini-Gefängniswelt nichts.

„Was?", wollte er wissen.

„Du hältst ein Baby. … Du weißt wie man ein Baby hält!", stellte Caroline fest und schien langsam davon abzusehen sich auf ihn zu stürzen, als sich ihre Pose wieder entspannte.

„Bitte, wer denkst du hat Stefan großgezogen? Lily? Unser Säufervater?! Natürlich weiß ich wie man ein Baby hält", schnaubte Damon ungläubig.

Und jetzt war es als würde er sie zum ersten Mal richtig ansehen: Caroline und Ric. Caroline Forbes, die nie eine nichtsitzende Haarsträhne auf ihren Kopf zeigte, seit er sie vor all den Jahren kennengelernt hatte, die nun aussah als hätte sie in einem Schuppen geschlafen, und Ric, der sogar noch schlimmer aussah als nach Jos Tod. Diese absolut überforderten frischgebackenen Eltern.

Und dann starrte Damon auf das Baby in seinem Armen. Auf das kleine Mädchen, das zu weinen aufgehört hatte. Auf dieses funkelnagelneue Wesen, das in einer Welt voll von Vampire, Werwölfen, Hexen, und allen dazwischen aufwachsen musste.

„Okay", meinte er langsam, „Okay, versuchen wir es. Ich weiß zwar nicht was es bringen soll, aber ihr wollt mich wiederzusammensetzen, ihr wollt, dass ich kämpfe? Dann versuchen wir es eben." Irgendjemand musste schließlich auf alle hier Anwesenden aufpassen, nicht wahr?

Und dass sie sich hier alle versammelt hatten, dass sie die Babys mitgenommen hatten, bewies eines eindeutig: Dass sie das selbst nicht konnten. Also blieb es wohl wieder einmal an ihm hängen. Die langersehnte Ruhe war ihm noch nicht vergönnt. Und wenn das so war, dann konnte er genauso gut zumindest versuchen ganz auf sie zu verzichten und sich von diesen gutmeinenden Idioten helfen lassen.

Elena, nahm er an, würde das vermutlich wirklich bevorzugen.


A/N: Das hier war ein schweres Kapitel, ich würde euch raten, das erst mal setzen zu lassen, bevor ihr weiterlest.

Weiter geht es mit tatsächlichen Plot, denn Damon ist zu diesem Zeitpunkt ja nicht der einzige Charakter, der in Schwierigkeiten steckt.

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