Teil 2: Wiedergeburt
I.
„Möchte heute vielleicht sonst noch jemand etwas beitragen? Damon?"
„Nein, danke. Ich verzichte", erwiderte Damon mit einem frechen Grinsen, „Aber vielleicht möchte ja jemand anderer hier meine Redezeit in Anspruch nehmen? Mary vielleicht? Thomas? Virginia? … Nein, zu schade. Damit wären wir für heute dann wohl fertig." Er machte eine deutliche „Was soll man da machen"-Handbewegung und zuckte dann mit den Schultern.
„Ja, das sind wir wohl", lautete die ewig geduldige Antwort darauf nur, und die Gruppe erhob sich von ihren Stühlen und machte sich daran sich aufzulösen. Niemand wollte sich schneller von hier entfernen als Damon, doch er wollte nicht danach aussehen als würde er fliehen, und außerdem wollte er die Chance, die sich ihm bot, nutzen um sein Ziel zu verfolgen.
Er hatte Wochen gebraucht um es zu schaffen in die gleiche Gruppe wie sie zu kommen, und da sie als instabil und gefährlich galt, hatte er es bisher nicht geschafft gehabt zu ihr vorgelassen zu werden. Wenn er mit ihr reden wollte, dann musste er jetzt an ihr dran bleiben, sie erwischen, bevor die Pfleger sie wieder wegsperrten, aber es durfte natürlich auch nicht danach aussehen, als ob er sie angreifen wollte, also sah er sich gezwungen langsam und gemessen hinter ihr her zu schreiten bis…
„Damon, warten Sie noch einen Moment."
Verdammt. Damon drehte sich mit einem falschen Grinsen zu dem Therapeuten um. „Was kann ich für Sie tun, Doc?", wollte er wissen.
„Etwa mit mir reden. Das wäre ein Fortschritt", erwiderte der junge Mann mit der scheinbar doch nicht unerschöpflichen Geduld, „Ich beginne langsam zu glauben, dass Sie von Einzeltherapie möglicherweise mehr profitieren würden als von dem hier." Er machte eine allumfassende Geste. „Sie gehen ständig zu diesen Gruppentherapie-Treffen, sagen aber niemals ein Wort. Es ist offensichtlich, dass Sie sich in diesem Umfeld nicht wohl fühlen."
Wieso? Nur weil ich einen Haufen gestörter Fremder meine Probleme nicht anvertrauen will?, hätte Damon beinahe erwidert, aber er wusste, dass er, wenn er das sagen würde, jede Chance verlieren würde sein Ziel wieder zu treffen. „Vielleicht war ich einfach nur auf der Suche nach der richtigen Gruppe für mich. Nach einer Gruppe von Leuten, denen ich vertrauen kann. Und ich glaube, ich hab sie endlich gefunden. Ich meine, ich kann mir dessen natürlich nicht sicher sein, aber nach ein oder zwei weiteren Treffen mit diesen … Patienten von eben, da werde ich es mit Sicherheit wissen." Damon schenkte dem Therapeuten sein gewinnendstes Lächeln. Er war sich zu 80% sicher, dass gewisse Vorlieben des Mannes Damon miteinschlossen, leider war dieser allerdings auch sehr professionell, aber sein Damon-Charme sollte hoffentlich trotzdem seine Wirkung tun.
Zumindest einen Teilerfolg hatte er. „Nun gut, ich bin immer für soziale Interaktion. Und wenn Sie diese Gruppe hier mögen, dann ist das eine gute Sache. Allerdings denke ich trotzdem, dass eine Einzeltherapie notwendig ist. Sie haben offenbar Probleme damit anderen zu vertrauen. Aber da Sie hier sind um sich helfen zu lassen, hoffe ich, dass Sie inzwischen bereit sind zumindest mir zu vertrauen", meinte der Therapeut.
Na toll. Das Letzte, was Damon wollte, war eine Einzelsitzung mit Dr. Freundlich, der ihn ernsthaft therapieren wollte. Dafür hatte er weder die Zeit noch die Nerven. Aber wenn er nicht kooperierte, dann würde man versuchen ihn unter schwerere Medikamente zu setzen, und dann müsste er vorgeben, dass diese Medikamente bei ihm auch wirkten, und das wiederum würde ihn daran hindern frei durch das Gebäude zu streifen, und dann würde er sein Ziel nie mehr zum Reden bringen.
Damon sah sich prüfend um, erkannte, dass sie mehr oder weniger alleine waren, und trat näher an der Therapeuten heran. „Das ist ein wirkliches nettes Angebot, Doc, aber finden Sie nicht, dass wir noch ein paar Tage warten können, bevor wir damit anfangen?", meinte er gedämpft, während er dem Mann kameradschaftlich seine Hand auf die Schulter legte und ihn tief in die Augen sah, „Es ist in Wahrheit doch noch gar nicht nötig." Ein wenig Vampir-Überzeugungskraft hier und da war ihm bei seinem Aufenthalt hier bisher eine sehr große Hilfe gewesen.
Der Therapeut entfernte Damons Hand von seiner Schulter. „Doch, Damon, es ist nötig", meinte er, „Tut mir Leid. Und ich finde, dass wir noch heute anfangen sollten."
Na toll, natürlich muss ich ausgerechnet dem einzigen Arzt hier drinnen über den Weg laufen, der Eisenkraut nimmt. Damon zwang sich zu einem Kapitulationslächeln. „Nun, wenn Sie es sagen, dann wird es wohl notwendig sein."
Verdammter Mist.
Entgegen dem äußeren Anschein befand sich Damon Salvatore nicht als Patient in dieser Nervenheilanstalt. Er war auf einer Mission. Nachdem Alex St. John ihre seltsame Fixierung auf Bonnie offenbart hatte, hatten sie sich überlegen müssen, was sie jetzt tun sollten. Die Waffenkammer würde nicht aufgeben und hatte praktisch endlose Ressourcen zu ihrer Verfügung. Durch Magie und Technik würde sie Bonnie immer finden, egal wo sie sich versteckte.
Damon hatte vorgeschlagen das Problem ganz einfach zu lösen, indem sie Alex St. John umbrachten, doch er war überstimmt worden. Erstens aus praktischen Gründen und zweitens wegen Rayna. Wer wusste schon was Alexs Nachfolger tun würden, um sie zu rächen? Wenn sie Rayna aus Rache freiließen, dann würde Stefan wieder fliehen müssen, und wenn sie sie aus Rache töteten, dann würde Stefan mit ihr sterben. Deswegen war beschlossen worden, dass sie zuerst einmal herausfinden mussten, was die Waffenkammer eigentlich von Bonnie wollte. Und zugleich verhindern mussten, dass Bonnie der Waffenkammer in die Hände fiel.
Während die anderen Bonnies Schutz übernahmen, hatten sie Damon auf Alex St. Johns Schwester Virginia angesetzt, die vor etwa einem Jahr unter fragwürdigen Umständen in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen worden war.
Der ursprüngliche Plan hatte vorgesehen sich als ihr Arzt auszugeben und sich den Weg zu ihr durch zu manipulieren, doch Alex hatte Vorkehrungen getroffen, was den Schutz ihrer Schwester anging – von außen kam man nicht an sie heran. Aber ein anderer Patient könnte möglicherweise mit ihr Kontakt aufzunehmen.
Diese Idee war so hirnrissige, dass sie natürlich von Bonnie stammte, die das alles am liebsten selbst getan hätte, das aber nun mal nicht konnte. Weil Stefan und Enzo gemeinsam mit den Häretikern das Bonnie Bennett-Tarn- und Schutzkommando bildeten, und Ric und Caroline sich um die Babys kümmern mussten, war das Ganze an Damon hängengeblieben.
Er hatte zugestimmt, weil er angenommen hatte, dass er wenigen Tagen mit der ganzen Sache fertig sein würde. Doch er hatte unterschätzt wie sehr Virginia von allen abgeschirmt werden würde. Offenbar war sogar der Leiter ihrer Gruppentherapie mit Eisenkraut von der Waffenkammer versorgt worden.
Wie auch immer, der Punkt war, dass Damon nicht hier war, um sich therapieren zu lassen. Er war zu allen von Caroline für ihn ausgemachten dummen Terminen gegangen, hatte all diese renommierten Yelp-empfohlenen Psychiater angeschwiegen und sich geweigert seine Zeit mit so etwas weiter zu verschwenden, solange seine beste Freundin in so großer Gefahr war. Alle warfen ihm doch immer vor egoistisch zu sein, nun würden sie hoffentlich einsehen, dass er genau das nicht war. Bonnies Wohl war ihm wichtiger als sein eigenes. Seine Probleme konnten warten, Bonnie wurde jetzt gerade gejagt.
Aber irgendwie bekam er langsam aber sicher das Gefühl ausgetrickst worden zu sein. da er nun trotzdem einem ausgebildeten Psychiater gegenübersaß, der ihn wissend ansah, und wollte, dass er mit ihm redete.
„Ich bin nicht hier, weil ich krank bin oder so. Ich bin nur hier, weil mein Bruder und meine Freunde überbesorgt sind, das ist alles. Ich hatte eine schwere Zeit, und sie denken gleich das Schlimmste von mir. Aber im Grunde geht es mir gut. Das ist auch der Grund warum ich nie etwas in diesen Gruppensitzungen sage. Es gibt einfach nichts zu sagen", erklärte Damon dem eisenkrautgeschützten Arzt, Dr. Sulez.
„Um was für eine Art von schwere Zeit handelt es sich denn, wenn ich fragen darf?", wollte der Arzt wissen.
„Ach, Sie wissen schon, ich hab meine Freundin verloren – sie –ehm ist fortgezogen, für sehr lange Zeit. Meine Mutter ist gestorben. Ich hatte einen schlechten Trip, der mich dazu gebracht hat anzunehmen, dass ich Elena – das ist meine Freundin – etwas angetan hätte. Hatte ein Kriegsflashback. Hab mich mit meinem Bruder gestritten. Und meiner besten Freundin. Hätte Ärger mit meinem Stiefvater. Das Übliche eben. Nichts Dramatisches", erklärte Damon wegwerfend, „Ich komme klar."
Dr. Sulez blickte ihn ernst an. „Für mich klingt das schon ziemlich dramatisch. Vor allem alles zusammengenommen", meinte er.
„Na ja, es war schon einiges. Aber so was passiert doch ständig. Das Leben ist eben so. Entweder es passiert nichts oder alles auf einmal. Das ist kein Grund zusammenzubrechen. Dieser schlechte Trip war übrigens ein einmaliger Ausrutscher und nicht ganz freiwillig, also nicht, dass Sie jetzt denken, das sich ein Junkie bin oder dergleichen. Ich habe einfach nur ein paar Verluste einstecken müssen, hatte eine traumatisierende Erfahrung, und habe mich mit meinen Lieben gestritten. Aber wir haben uns alle versöhnt. Sie haben betont wie gern sie mich haben, und wie sehr sie mich brauchen, und dass sie mir nur helfen wollen und all das Blabla, und jetzt ist alles wieder gut", betonte Damon, „Alles ist Bestens."
Dr. Sulez hob nur eine Augenbraue.
„Ja, ich weiß, dass es anders aussieht. Aber so ist es", erklärte Damon schnell.
„Nun, wenn es so ist, dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn wir uns ein wenig weiter unterhalten, oder Damon? Ganz ohne jeden Zwang. Sie haben erwähnt, dass Ihre Mutter vor kurzem gestorben ist. … Wie war denn Ihre Beziehung zu ihr?"
Na toll. Das war das Letzte, worüber Damon sprechen wollte. „Darüber will ich jetzt nicht reden", erklärte er kategorisch.
„Und was ist mit Ihren Vater?"
„Oh, der, der ist zum Glück schon lange tot. Er war ein verdammter Bastard", meinte Damon abwehrend, „Aber das ist eine alte Geschichte. Darüber bin ich lange hinweg."
„Und Ihr Stiefvvater?"
„Oh, der ist auch tot. Und war auch ein verdammter Bastard. Mommie hatte einen Typ. Aber um den müssen Sie sich keine Sorgen mehr machen. Er war gerade mal eine Interims-Episode in meinem Leben. Kein großes Ding. Ich meine, Stefan, der hat ihn wirklich gehasst. Weil er sein ungeborenes Kind umgebracht hat. Wie gesagt, ein Bastard - aber mir ist Julian eigentlich immer am Arsch vorbeigegangen. Ich meine, ja klar, sie hat ihn mehr geliebt als ihre Kinder – egal welche – und für ihn Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, während sie für uns …." Damon unterbrach sich, weil er sich dabei ertappte, dass er erst recht über Lily sprach.
„Wie auch immer. Julian ist tot. Es ist egal", schloss er.
„Mhm", meinte der Arzt.
„Was meinen Sie mit Mhm?", wollte Damon misstrauisch wissen.
„Nur, dass es Sie dafür, dass es egal ist, ziemlich zu beschäftigen scheint", lautete die neutrale Antwort.
„Es beschäftigt mich nicht. Was meine Sie überhaupt mit es?! Dass Lily einen schlechten Geschmack hatte? Das hat sie am Ende selbst erkannt. Ich bin darüber hinweg. Ich meine, Julian war nichts gegen unseren Vater. Zumindest war er nach Lilys Tod genauso verzweifelt wie wir. Nicht so wie der gute alte Dad, der weitergemacht hat als wäre nichts gewesen, nachdem er sie zum Sterben weggeschickt hat. Er war vielleicht ein Monster, aber er hatte wenigstens Gefühle – Julian, meine ich. Und hat mir geholfen mit meinen umzugehen. Und ja, vielleicht hat er dadurch alles nur noch schlimmer gemacht, aber anders als Stefan hat er sich nicht von mir abgewandt. Anders als Stefan hat er es verstanden", erklärte Damon.
„Hat er was verstanden?"
„Wie es ist, wenn man tief in seinem Inneren weiß, dass man der Grund für alles Schlechte ist, was den anderen in ihren Leben widerfährt. Wie es sich anfühlt zu wissen, dass man schlecht und verdorben ist. Dass man eben nicht gut sein kann, egal wie sehr man es versucht. Nicht ohne die Person, für die man ursprünglich gut sein wollte", sagte Damon. Und dann verstummte er wieder.
„Sie fühlen sich also von Ihrem Bruder missverstanden?", schlug der Arzt vor.
Damon seufzte. „Das hier ist Therapie, nicht wahr? Verdammt", stellte er fest.
Dr. Sulez lächelte nur milde und stellte ihm dann weitere Fragen.
„Ihr habt mich ausgetrickst. Offenbar befinde ich mich hier in Therapie. Das hier ist gar keine Mission, es ist eine Falle!", beschwerte sich Damon bei Ric, als dieser ihn das nächste Mal besuchen kam. Offiziell war Damon unter einer falschen Identität hier – als Rics Bruder, damit dieser ihn immer besuchen kommen konnte. Und ihn auch wieder rausholen konnte, falls es nötig werden sollte.
„Vielleicht ist es ja ein wenig von beiden", meinte Ric schulterzuckend.
„Das ist so diabolisch, dass nur Caroline Forbes dahinter stecken kann. Ich wusste ja gleich, dass ihre Behauptung, dass sie mich nicht hasst, eine Lüge ist!", beschwerte sich Damon lautstark. Er schätzte es nicht, dass er ausgetrickst und unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen hierher gelockt worden war!
„Wir allen wollen dir nur helfen, Damon. Ich weiß, dass es eine gewisse Überwindung kostet sich helfen zu lassen. Aber, ich habe inzwischen auch mit einer Therapie begonnen und schnell festgestellt, dass es auch befreiend sein kann über seine Gefühle mit jemanden zu reden, der einen nicht verurteilt, sondern einfach nur zuhört und zu verstehen versucht", erklärte Alaric ruhig, „Vielleicht wird dir das auch guttun. Du musst niemanden dazu manipulieren dir zuzuhören und es dann gleich wieder zu vergessen. Wenn es die Möglichkeit dazu gibt sich ein paar der Dämonen zu stellen, die dich quälen, warum solltest du die nicht nutzen, während du versuchst an Virginia heranzukommen?"
Damon schnaubte. „Zum einen, weil die Lady bewacht wird als wäre sie ein Mitglied der königlichen Familie. Und zum anderen, weil es wirklich schwer ist hier an meine spezielle Diät heranzukommen ohne das Personal anzuknabbern. Was ich nicht tun kann, wenn ich nicht will, dass jemand aufmerksam darauf wird, dass in Lady St. Johns unmittelbarer Nähe ein hungriger Untoter lauert", informierte er Ric spitz, „Mein neuer Therapeut ist auf Eisenkraut. Und wer weiß wer noch aller. Was wenn sie euch davon abhalten mir Blut hier hereinzuschmuggeln? Schon mal daran gedacht?"
„Das wird nicht passieren", beruhigte ihn Ric auf diese nervige neue in sich selbst ruhende Art, „Ich weiß, dass du wegen der ganzen Augustine-Sache immer ein wenig paranoid bist, dass dich jemand als Vampir enttarnen und dich einsperren und erforschen könnte, aber die meisten Menschen wissen nichts von Vampiren, oder interessieren sich einfach nicht besonders für sie. Auch die Waffenkammer tut das nicht. Das Schlimmste, was passieren kann, wenn sie dahinter kommen, dass du hier bist, ist, dass sie Virginia hier herausholen. Und wenn sie das tun, ist das sogar besser für uns, weil es uns die Chance einräumt sie abzufangen, wenn sie sie verlegen wollen. Also keine Sorge. Alles wird gut gehen."
Er schob Damon sein neuestes Mitbringsel – einen mit Blut gefüllten Muffin - hinüber. „Und verhungern werden wir dich auch nicht lassen", schloss er.
Caroline und Ric hatten sich zumindest äußerst kreativ darin erwiesen ihn mit seiner täglichen Blutration zu versorgen. Sie waren kreativ-ekelig in der Küche geworden, aber immerhin ließen sie Damon wirklich nicht verhungern. Was der einzige Vorteil an dieser ganzen Sache war.
Trotzdem konnte Damon kaum den Tag erwarten, an dem er endlich wieder Blut aus entweder menschlichen Adern oder zumindest einem Blutbeutel würde trinken können. Alles andere war und blieb einfach irgendwie pervers. Manchmal hatte er den Verdacht, dass Caroline ihn als Versuchskaninchen für ihre zukünftigen gemeinsamen Familienessen mit den Zwillingen ausprobierte. Was stimmte mit dem altbewehren „Blut getarnt als Getränk"-Methode plötzlich nicht mehr? Ohne Bonnie und die Häretiker konnte es nun mal leider keine Tarnzauber für seine Blutbeutel geben, also musste er sich wohl oder übel mit dem abfinden, was Caroline und Ric einfiel.
„Hat du keine Idee wie du an Virginia rankommen könntest?", wollte Ric von ihm wissen.
„Nun, ich habe es geschafft ihre Theraphiegruppe zu infiltrieren. Aber das Problem ist, dass wir da nie alleine sind - die Sitzungen werden vom Eisenkraut-Arzt geleitet und vermutlich werden sie gefilmt, und kaum, dass sie vorbei sind, wird sie weggeschafft, weil sie als unberechenbar gilt. Die Angestellten hier sind perverser Weise darauf aus mich vor ihr zu beschützen, und solange das der Fall ist, habe ich keine Chance auf ein Vieraugengespräch", erklärte Damon, „Ich weiß zwar jetzt, dass ich mich von Stefan im Stich gelassen fühle, aber das bringt mich keinen Schritt weiter bei der Frage wie wir Bonnie helfen sollen."
„Stefan hat dich nicht absichtlich verlassen, er beschützt Bonnie", merkte Alaric an.
„Nicht jetzt, nicht geographisch, ich meine allgemein und gefühlsmäßig – Stefan hat mich vor langer Zeit aufgegeben. Ich habe ihm Jahre lang alles verziehen und alles für ihn getan, auch noch nachdem er mich gegen meinen Willen verwandelt hat, aber er hat mich nie aus der Gefangenschaft von Augustine gerettet, obwohl ich ihn niemals im Stich gelassen hätte. Er hat ja nicht einmal bemerkt, dass ich weg war. Und mir dann nur Vorwürfe über mein Verhalten nach der Gefangenschaft gemacht. Ergo hat er mich im Stich gelassen. Weil er mich einfach aufgegeben hat. Wie du siehst bringt mir meine Therapie etwas – sie bringt mich dazu festzustellen, dass es einen absolut offensichtlichen aber tief in meiner Psyche verwurzelten Grund dafür gibt, dass ich negative Gefühle für meinen Bruder hege. Dieses Wissen bringt mir zwar nichts, aber ich habe es jetzt. Und das war nur Stefan, als nächstes will er sich Lily vornehmen – das wird erst ein Spaß werden", erklärte Damon und verdrehte die Augen, „Vergiss den Phönix-Stein, das hier ist die Hölle."
„Ich sehe das anders. Offensichtlich hilft es dir. Du kannst jetzt beginnen alles abzuarbeiten, was dir zu schaffen macht. Das ist gut, Damon. Und vergiss nicht, dass Stefan vielleicht damals nicht gekommen ist, aber dieses Mal da war und dich aufgeweckt hat und dir ermöglicht hat hier zu sein", meinte Alaric dazu, einfach nur um ihn zu widersprechen wie es schien.
„Das ist kein Argument, das für meinen kleinen Bruder spricht, das ist dir hoffentlich klar", warf Damon ein, doch Alaric ignorierte ihn.
„Das hier ist eine gute Sache, Damon", betonte er, „Wenn das hier alles vorbei ist, dann wirst du dich besser fühlen. Du wirst schon sehen."
Damon hatte allerdings den dringenden Verdacht, dass genau das Gegenteil der Fall sein würde.
„Und das Wichtigste ist sich vor Augen zu halten, dass dieses ständige Verlassen Werden nichts mit Ihnen zu tun hat, Damon. Dass es nichts an Ihnen gibt, das die anderen dazu veranlasst zu gehen. Dass sie es einfach tun, weil sie sich aus persönlichen Gründen dafür entscheiden", sagte Dr. Sulez.
„Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie mich wirklich kennen würden", gab Damon zurück, „Dann würden Sie nämlich die Beine in die Hand nehmen und selbst ebenfalls abhauen."
Dr. Sulez lächelte auf diese seltsame Art und Weise, die nicht direkt überheblich wirkte, aber doch irgendwie so herüberkam, als würde er denken, dass er mehr wusste als Damon und diesen für ein wenig dumm halten. Eigentlich sollte Damon das nerven (und es nervte ihn ja auch), aber leider konnte er es sich nicht leisten gerade diesen Arzt gegen sich aufzubringen.
„Wir machen große Fortschritte, Damon. Ich bin froh, dass Sie sich dazu entschlossen haben sich mir zu öffnen", erklärte der Arzt und legte ihm kameradschaftlich die Hand auf die Schulter. Allerdings nur kurz. Sulez war einer dieser Seelenklempner, die begannen das Verhalten ihrer Patienten zu spiegeln, was zu etwas mehr lockeren Körperkontakt zwischen ihnen beiden führte als zwischen den meisten Ärzten und Patienten üblich war, doch leider blieb er trotzdem immer professionell und ließ keine zulangen oder zu intensiven Berührungen zu. Was irgendwie Pech war, weil es so viel einfacher wäre ihn dazu erpressen zu können Damon einen Moment mit Virginia alleine zu ermöglichen.
„Wie geht es Ihnen mit den Medikamenten? Irgendwelche Nebenwirkungen? Finden Sie, dass sie Sie zu stark eingestellt sind?", fuhr er Arzt fort, als er seine Hand wieder von Damons Schulter nahm.
„Nein, alles bestens", meinte Damon schnell.
Die Pflegerin, die die Medikamente ausgab, war zum Glück nicht auf Eisenkraut. Damon hatte keine Ahnung was er bekam und was das mit ihm machen sollte, da er seine Dosis einfach täglich an die Abwässer der Nervenheilanstalt weitergab. Er hatte sich schon überlegt, ob es so vielleicht zu Virginia durchdringen konnte – indem er dafür sorgte, dass sie ihre Medikamente ebenfalls nicht bekam. Allerdings wusste er nicht was das bewirken würde, und ob es ihm helfen würde oder eher dazu führen würde, dass Virginia noch mehr abgeschottet wurde. Alles in alles genommen wusste er immer noch zu wenig über Virginia.
„Mhm", machte Sulez, aber Damon hatte gelernt, dass es besser war diese Mhms nicht mehr zu hinterfragen, nicht wenn er den Rest des Tages frei haben wollte.
„Doc, darf ich Sie mal was fragen? Was hält man in diesem Institut hier eigentlich von Romanzen?", wollte er stattdessen wissen.
„Ich fühle geschmeichelt, Damon, aber die Arzt-Patienten-Beziehung muss professionell bleiben, und solche Verbindungen werden in medizinischen Kreisen als unethisch angesehen und…."
„Kommen Sie wieder runter, Doc, ich meinte nicht Sie. Ich weiß das doch alles. Und Sie wissen, dass Flirten mein Selbstschutzmechanismus ist. Ich meinte, zwischen Patienten. Immer vorausgesetzt beide sind voll da, versteht sich. Wäre das trotzdem schrecklich verwerflich falsch und all das?", würgte Damon den anderen Mann ab.
„Wieso? Ist Ihnen jemand ins Auge gefallen, Damon?", wollte Dr. Sulez wissen.
„Vielleicht. Elena wollte doch, dass ich mich neu verliebe und all das. Warum also nicht hier. Ich meine, wenn ich irgendwo eine verwandte Seele finde, dann doch wohl hier", wich Damon aus.
„Nun, ich würde sagen, es kommt darauf an wer diese Person ist", meine Sulez zögerlich, „Es gibt gewisse Regeln und Einschränkungen, aber wir animieren unsere Patientin immer dazu neue Kontakte zu knüpfen. Solange alles kinderfreundlich bleibt, sind gegen neue Freundschaften nichts zu sagen."
„Das ist gut, denn mir ist Virginia aufgefallen, und …."
„Virginia? Virginia St. John aus der Gruppe?", unterbrach ihn der Arzt erschrocken, „Oh, nein, die ist nichts für Sie. Und niemand hier würde zulassen, dass Sie Freundschaft mit ihr schließen, Damon. Und das ist auch besser so."
Soviel zu dieser Idee. Aber er hatte es zumindest versuchen müssen.
„Wieso denn? Sie wirkt harmlos. Wie die typische Frau mit Depressionen. Ich dachte, wir hätten einiges gemeinsam", warf Damon ein.
„Das liegt daran, dass sie um einiges schwerere Medikamente bekommt als Sie. Ist Ihnen nie aufgefallen, dass Virginia niemals im Aufenthaltsraum ist, und nur zur Medikamenten-Ausgabe und den Gruppensitzungen ihr Zimmer verlässt? Sie hat große psychische Probleme, Damon. Ich meine es ernst, ich weiß, dass Sie gerne mit dem Feuer spielen, aber von Virginia müssen Sie sich fernhalten, zu Ihrer beider Sicherheit", erklärte Sulez eindringlich.
Damon hoffte auf eine genauere Erklärung, aber von diesem Mann hier würde er die nicht bekommen, das wusste er. Er hatte gehofft, dass der Arzt in seiner Aufregung vielleicht eine genauere Diagnose erwähnen würde, aber nein, soviel Glück hatte er nicht.
„Ich finde nur, dass sie einsam wirkt", meinte er.
„Ihr wird geholfen. Sie sollten sich lieber auf Ihre eigenen Probleme konzentrieren anstatt sich auch noch ihre aufzubürden. Fragen Sie mich nicht noch einmal nach Virginia, Damon. Und bitte machen Sie nicht den Fehler jemand anderen nach ihr zu fragen", meinte Sulez eindringlich, „Jemand anderer könnte das falsch verstehen."
Natürlich aber musste Damon im Endeffekt genau das tun, wenn er weiterkommen wollte. Ihm blieb keine andere Wahl. Das nächste Mal, als ihm am Abend seine Gute Nacht-Pillen gebracht wurden, manipulierte er den Pfleger dazu still zu halten und ihm Auskunft zu erteilen. „Was stimmt mit Virgina St. John nicht? Warum wird sie von allen anderen Patienten ferngehalten, darf aber trotzdem zur Gruppentherapie? Warum ist sie hier?", wollte er wissen, „Und ersparen Sie mir das Märchen davon, dass sie instabil sein soll. Rücken Sie mit Details raus!"
„Ich weiß nur was ich zufällig gehört habe. Die Ärzte haben über sie gesprochen. Sie sind sich uneins, was die Behandlung angeht. Aber ihre Schwester hat sie hier zwangseingewiesen, und sie wird wegen einer Psychose behandelt. Die meiste Zeit über ist sie fromm wie ein Lamm. Es gibt aber Trigger. Und wir konnten noch nicht alle katalogisieren. Es heißt, sie hat eine Frau umgebracht. Und hat versucht ihre eigene Schwester ebenfalls umzubringen. Andere sagen, dass sie ihre Schwester tatsächlich ebenfalls umgebracht hat", erklärte ihm der Pfleger hypnotisiert-pflichtschuldig.
„Sie haben mir doch selbst gerade gesagt, dass ihre Schwester sie hier zwangseingewiesen hat. Also kann sie sie kaum umgebracht haben", merkte Damon an. Wenn Alex tot wäre, dann hätten sie all die Probleme, unter denen sie gerade litten, nämlich nicht. Also war das offensichtlich Unsinn.
„Nicht diese Schwester. Ihre andere Schwester", lautete die Antwort.
Noch eine? „Und die Frau?", wollte Damon, „Die Frau, die sie angeblich umgebracht hat? Wissen Sie, wie die geheißen hat?"
„Bennett. Lucy Bennett", erklärte ihm der Pfleger ungerührt, „Die vermisste Frau, Sie wissen schon. Die Zeitungen waren damals voll davon…"
A/N: Und so dringen wir in den Waffenkammer-Plot vor und das drei Jahre früher. Behaltet also im Hinterkopf, dass Virginia hier erst seit ca. einem Jahr in Behandlung ist und nicht schon seit vier Jahren und daher noch unter viel strengerer Bewachung steht als später im Canon, als Bonnie sie getroffen hat.
Stichwort Bonnie, mehr über das was sie so treibt im nächsten Kapitel.
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