II.


Das hier war nicht das Leben, von dem Bonnie Elena berichten wollte. Statt zu studieren und sich zu verlieben, hetzte sie von Ort zu Ort, ständig belegt von einen Tarnzauber, den gleich drei Häretiker aufrecht erhalten mussten, und begleitet von ihren Vampir-Leibwächtern Stefan und Enzo.

Stefan sollte auch nicht hier sein, er sollte bei Caroline sein, aber so war wenigstens auch er in Bewegung, was, falls Rayna Cruz irgendwie doch ausbrechen sollte, ein Vorteil für ihn sein sollte. Unterdessen hatte er vier Hexen zur Hand, die gemeinsam nach einem Weg suchen konnten um ihn von der Narbe der Jägerin zu befreien.

Die einfachste Lösung wäre ein Übertragungszauber, das war zumindest Noras Meinung, und Bonnie stimmte ihr zu, das Problem dabei war nur, dass sie dazu einen anderen Vampir finden müssten, auf den sie die Narbe übertragen würden, und natürlich meldete sich dafür niemand freiwillig. Mary Louise, die immer noch wütend auf Enzo war, hatte vorgeschlagen die Narbe einfach auf ihn zu übertragen, doch so kaltblütig war letztlich doch keiner von ihnen. Und da sie ständig in Bewegung bleiben und ihre Kräfte schonen mussten, konnten sie auch nicht auf die Suche nach einem armen Trottel zum Fangen und Narbe übertragen gehen, weil ihnen dazu momentan einfach die Ressourcen fehlten.

„Vielleicht verfolgen sie uns ja gar nicht", meinte Bonnie einmal, „Es ist schon lange her, dass sie unseren letzten Tarnzauber zum Einbrechen gebracht haben."

Zu Beginn ihrer Flucht hatte die Waffenkammer offenbar diverse Hexen in ihre Dienste gestellt, die Gegenzauber gegen die Häretiker-Tarnzauber eingesetzt hatten, um sie aus ihren jeweiligen Verstecken aufzuscheuchen und dazu zu bringen weiter zu fliehen. Doch das letzte Mal war das vor drei Tagen der Fall gewesen, was Bonnie dazu veranlasste zu hoffen, dass die Waffenkammer sie möglicherweise einfach vergessen hatte.

„Möglicherweise wollen sie uns nur in falscher Sicherheit wiegen", meinte Nora, „Und dazu verleiten unaufmerksam zu werden. Oder sie orten uns durch irgendein elektronisches Gerät. Kann man elektronische Uhren orten?" Sie warf einen misstrauischen Blick auf die Uhr an Stefans Handgelenk.

„Nein", meinte dieser nur, „das kann man nicht."

„Soweit du weißt", konterte Nora unbeeindruckt. Dann wandte sie sich wieder an Bonnie. „Wir dürfen nicht stehen bleiben oder nachlässig werden", ermahnte sie sie, „Nicht wenn wir nicht alles verlieren wollen. Sie haben uns gequält und versucht uns unsere Kräfte zu nehmen. Ich gehe dort nicht freiwillig hin zurück. Und werde auch nicht zulassen, dass sie Mary Lou kriegen. Oder dich."

Von jemanden, der keine Freunde hatte, bis hierher war Nora recht weit gekommen, das musste Bonnie ihr zugestehen. Aber vielleicht war sie etwas zu überfürsorglich geworden.

„Vielleicht wollen sie mich gar nicht mehr, weil sie mich nicht mehr brauchen. Es ist uns nicht gelungen Lucy zu erreichen, oder? Was wenn das etwas anderes zu bedeuten hat als wir dachten? Was wenn die Waffenkammer sie erwischt hat und nun mit ihr macht, was sie eigentlich mit mir machen wollte?", wandte Bonnie ein, und sah sich prüfend in der Runde um. Sie hatten sich drei Motelzimmer nebeneinander gemietet um ein wenig zu verschnaufen, und sich momentan zur Lagebesprechung in diesem einen hier versammelt. Valerie wirkte skeptisch, Stefan grimmig, Enzo nicht überzeugt, Nora entschlossen, und Mary Louise wütend. Aber keiner sah so aus als würde er diese Theorie schlucken.

„Nach allem, was wir erfahren haben, als wir versucht haben Lucy zu erreichen, ist sie schon seit Monaten untergetaucht", meinte Stefan, „Wenn sie sie hätten, hätten sie sie schon vorher haben müssen, und dann hätten sie dich niemals gebraucht. Wo immer sie ist, sie ist entweder so gut versteckt, dass die Waffenkammer sie nicht finden kann, oder sie befindet sich schon lange in der Gewalt der Waffenkammer und kooperiert nicht. Oder…."

„Sie ist tot", schloss Enzo düster.

„Ermordet von der Waffenkammer", stimmte Mary Louise ihm zu, „Denen ist alles zuzutrauen. Die haben mich zu einer eingefrorenen Leiche geführt und wollten, dass ich deren Magie absauge. Alex St. John ist verrückt. Ihr und ihren Leuten ist alles zuzutrauen."

Bonnie schauderte. Das war selbst für ihre Verhältnisse hier eine ekelhafte Vorstellung. Natürlich konnte man keine Magie von längst verstorbenen Hexen mehr absaugen, das müsste der Vorstand der Waffenkammer eigentlich wissen. Ganz abgesehen von der Frage warum die Waffenkammer überhaupt eine tote Hexe auf Eis legen sollte. Oder überhaupt gewollt hatte, dass Mary Louise ihre Magie absaugte. Als Häretikerin konnte sie jede Magie von überall absaugen. Und als Vampir hatte sie eigene Magie in sich, die sie von sich selbst absaugen konnte. Deswegen ergab rein gar nichts an dieser ganzen Übung Sinn, sondern zeigte nur zu was für abstoßenden Experimenten sich die Waffenkammer herabließ.

Bonnie seufzte. „Verrückt oder nicht, wir können nicht ewig vor ihnen davon laufen", meinte sie.

„Wenn es sein muss, dann können wir es", widersprach Valerie, „All das Davonlaufen vor Rayna Cruz hat uns gelehrt wie es geht."

„Und es wird nicht ewig sein", fügte Enzo hinzu, „Alaric, Caroline, und Damon arbeiten daran herauszufinden warum wir weglaufen müssen, genau wie Tyler und Jeremy, und sobald wir das wissen, können wir zurückschlagen."

Doch diese Aussicht genügte Bonnie nicht, nicht wirklich. Sie wollte ihr Leben zurück. Nicht weiterhin vor einer unbekannten Gefahr ohne tieferen Sinn und Zweck davon laufen müssen. Doch fürs Erste würde sie sich mit ihrer neuen Situation abfinden müssen. Es ist seltsam. Zuletzt habe ich mich noch alleine gefühlt, und jetzt bin ich umgeben von Leuten, von Freunden.

Allerdings waren es die falschen Freunde, so hart das auch klang. Es waren nicht Elena, Caroline, Damon, und Alaric. Es waren nicht Jeremy oder Matt. Ja, Nora war hier, aber Bonnie und Stefan waren eigentlich immer vor allem wegen ihren jeweiligen Beziehungen zu Elena und Caroline Freunde gewesen, und Valerie war vor allem wegen Stefan hier, und Mary Louise wegen Nora. Und Enzo war nun mal Enzo. Was immer das heute zu bedeuten hatte. Oder morgen bedeuten würde.

„Bon-Bon, ich glaube Enzo fängt an seine Besessenheit auf dich zu verlagern, nimm dich in acht", hatte Damon noch zu ihr gesagt, nachdem sie sich nach der Schlacht in der Waffenkammer alle gesammelt und neu formiert hatten. Bonnie hatte das als typische Damon-Bemerkung abgetan, aber langsam begann sie zu glauben, dass er vielleicht recht hatte.

Enzo hatte in den letzten Monaten begonnen eine gewisse Anhänglichkeit in Bezug auf sie zu entwickeln, und schien ihrer Gruppe inzwischen hauptsächlich durch sie verbunden zu sein und nicht mehr durch Caroline und Damon. Und er hatte sich dazu bereit erklärt sie zu begleiten. Da mochte etwas schlechtes Gewissen mitschwingen, aber vermutlich nicht nur. Es dürfte noch mehr dahinter stecken.

Bonnie wusste nicht was sie davon halten sollte. Ganz abgesehen davon, dass Enzo nun mal Enzo war, sie fühlte sich im Moment einfach nicht dazu in der Lage diese Art von Beziehung mit auch nur irgendjemandem einzugehen. Sie zog es vor nicht darüber nachzudenken. Doch würde sich Enzo, wenn ihm klar wurde, dass sie seine Zuneigung nicht erwiderte, nicht möglicherweise irgendwann von ihr abwenden? Irgendwann bald?

Selbst wenn, ich brauche ihn nicht, ich habe immer noch vier andere Vampire, und mich selbst, ich komme klar. Und die anderen würden doch hoffentlich bald herausfinden worum es hier überhaupt ging, oder etwa nicht? Wie schwer konnte es schon sein herauszufinden was die Waffenkammer mit Bonnie Bennett wollte?


„Lucy Bennett ist also tot. Ermordet, während einer Zusammenarbeit mit der Waffenkammer. Einer vermutlich eher unfreiwilligen Zusammenarbeit. Ja, das deckt sich mit dem, was Tyler und Jeremy über ihr Verschwinden herausfinden konnten", meinte Caroline und steckte den Sauger des Fläschchens in Lizzies Mund, „Komm schon, Süße, du hast doch Durst, ich weiß, dass du Durst hast, du hast vorhin deswegen geweint…" Doch Lizzie – Elizabeth- schien inzwischen keinen Durst mehr zu haben.

„Ugh. Ihr macht es einen niemals leicht, nicht wahr", stellte Caroline erschöpft fest.

Dann wandte sie sich wieder Alaric zu, der die Türe hinter sich schloss. „Was hat Damon sonst noch herausgefunden?"

„Offenbar gab es noch eine dritte St. John-Schwester. Die drei Schwestern dürften sich in irgendeiner Art und Weise zerstritten haben, die damit geendet hat, dass Virginia zwangseingewiesen wurde und die dritte Schwester von der Bildfläche verschwunden ist. Wenn wir herausfinden, was mit ihr passiert ist, dann finden wir vielleicht heraus, was Alexs Endziel ist", berichtete Alaric.

„Oh, klar, nichts leichter als das. Weil die Waffenkammer ja überhaupt nicht gut darin ist ihre Spuren zu verwischen", spöttelte Caroline und hielt dem Baby in ihren Armen noch einmal das Fläschchen vor den Mund, „Komm schon, Lizzie, das ist gutes Hapie Hapie! …. Nein? Nun, damit müssen wir uns wohl abfinden, was?" Caroline seufzte und gab es erst einmal auf Lizzie füttern zu wollen.

Schwer depressiv oder nicht, Damon war aus irgendwelchen Gründen immer leicht gefallen mit den Babys umzugehen. Aber das vermutlich vor allem deswegen, weil er es sich hatte aussuchen können, wann er sich um sie kümmerte. Lieblingstante oder Onkel zu sein war immer leichter als ein Elternteil, zumindest versuchte sie sich das einzureden.

Sie brachte Lizzie zurück zu ihrer Wiege und legte sie neben ihr friedlich vor sich hin schlummernde Schwester. Unterdessen konnte sie hören wie Ric seine Jacke auszog und seine Schuhe wechselte. Das hier war nicht gerade das Haus in Dallas, das einsam und verlassen auf seine Bewohner wartete. Es war eine kleine Wohnung, da sie unauffällig hatten sein wollen. Und nicht vorgehabt hatten besonders lange hierzubleiben, aber irgendwie entwickelte es sich langsam aber sich zu einen permanenteren Wohnsitz, und das bereitete Caroline Sorge, denn …. Nun, das hatte eigentlich alles nicht zum Plan gehört, und sie hasste es, wenn Dinge nicht nach Plan liefen.

Aber sie war inzwischen reif und erwachsen genug um damit umzugehen, zumindest sagte sie sich das selbst ständig. Sie war jetzt Mutter, sie musste reif und erwachsen sein, ob sie wollte oder nicht. Trotzdem das Leben, das sie alle zur Zeit führten, es strotzte nicht gerade vor Stabilität. Brauchten Kinder nicht Stabilität? Babys nicht auch schon? Oder reichte Liebe aus?

Was wenn sich diese ganze Fehde mit der Waffenkammer nicht nur noch Wochen hinzog, und nicht nur Monate, sondern gar Jahre? War es verantwortungslos Josie und Lizzie so ein Leben anzutun? Aber was war die Alternative? Bonnie im Stich zu lassen? Stefan zu vergessen? Damon sich selbst zu überlassen?

Sie hatte das hier losgetreten, als sie den Brief gefunden und Ric damit konfrontiert hatte. Sie hatte ihn dazu überredet in dieses Leben, dem er eigentlich für seine Kinder den Rücken hatte kehren wollen, zurückzukehren. Und ja, eigentlich hatten sie nur Damon helfen wollen, und jetzt wollten sie nur Bonnie helfen, aber so fingen diese Dinge doch immer an. Es begann mit Kleinigkeiten, die sich immer mehr auswuchsen, einem, das zum anderen führte, bis Leute starben, neue Gefahren auftauchten, Flüche gebrochen wurden, und sie geliebte Personen beerdigen mussten.

Kein Wunder, dass Ric das alles hinter sich hatte lassen wollen. Doch all das war ihr nach Whitmore gefolgt, und danach auch noch bis hierher. Vielleicht lag es doch an ihr. Vielleicht war es einem Vampir einfach nicht bestimmt ein normales Leben zu führen, eine Familie zu haben.

Einen Moment lang verspürten sie den irrationalen Wunsch jemanden mit mehr Lebenserfahrung danach zu fragen. Klaus danach zu fragen. Doch sie unterdrückte diesen Impuls, denn egal wie seine Antwort lauten würde, Klaus Mikaelson war kein Vorbild, dem man nacheifern sollte. Unter keinen Umständen. Und er hatte sein unsterbliches Leben damit verbracht sich Feinde zu machen. Anders als sie. Ja, sie hatte in den wenigen Jahren, in denen sie ein Vampir war, eine Menge unangenehme Zusammenstöße gehabt, doch sie ging nicht mit dem erklärten Ziel sich andere zum Feind zu machen durchs Leben, sie versuchte immer mit allen auszukommen; sie und Stefan hatten versucht mit den Häretikern in Frieden zusammenzuleben. Was immer auch passieren würde, die Zwillinge würden von ihre keine Feinde erben. Und was alles andere anging….

Was Bella Swan kann, kann ich schon lange!

Wenn das alles vorbei war, wenn Bonnie sicher wäre, Stefan sein Narbe los wäre, es Damon besser ginge, und die Waffenkammer kein Problem mehr darstellen würde, dann sollte sie es vielleicht einfach wirklich versuchen, sich von Mystic Falls, Whitmore, New Orleans, und anderen Orten wie diesen fernhalten, und einfach ein so normales Leben wie irgendwie möglich führen. Wenn sie wirklich eine Mutter sein wollte, dann wäre sie den Zwillingen das schuldig, oder etwa nicht?

„Ich kenne diesen Blick. Worüber denkst du nach, Car?", wollte Alaric wissen.

„Über die Zukunft, darüber was wir den Mädchen schuldig sind", erklärte sie, „Darüber, dass ich nicht will, dass sie es für normal halten, dass ich ihre Eltern über ermordete und verschwundene Leute unterhalten."

„Das will ich auch nicht. Deswegen wollte ich weg von all dem. Aber eines ist mir in der Zwischenzeit klar geworden, und das ist, dass wir all das von ihnen nicht auf Dauern werden fernhalten können. Sie sind Magiesauger. Das wird eine große Rolle in ihren Leben spielen, ob wir wollen oder nicht. Und du bist ein Vampir, auch das wir eine große Rolle in ihren Leben spielen. Und ich will auch nicht, dass wie die Art von Eltern sind, die sich von all ihren alten Freunden abwenden, nur weil das unangenehm für uns sein könnte. Wenn wir Bonnie und Damon aus unserem Leben ausschließen würden, was für Vorbilder wären wir dann? Wenn wir uns von Stefan abwenden, wegen der Gefahr durch Rayna, was für eine Art Personen wären wir dann? Das hier ist nicht so schlimm - dieses Appartement, der Recherchedienst, das Füttern von Damon – so habe ich mir das Leben für unsere Familie vielleicht nicht vorgestellt, aber es ist ein Kompromiss, mit dem ich leben kann. Die Zwillinge gehen vor, als kann ich nicht mehr in der ersten Reihe kämpfen, aber das bedeutet nicht, dass ich deswegen gar nichts mehr tun kann. Die Prioritäten, die wir haben, verschieben sich vielleicht, aber das ist kein Grund uns von denen abzuwenden, die wir waren", erklärte ihr Alaric ruhig.

„Das klingt … reflektiert und kompromissbereit. Hast du daran mit den Therapeuten gearbeitet?", wollte Caroline wissen.

„Vielleicht ein bisschen. Damon hasst die Therapie übrigens wirklich. Aber sie tut ihm gut", erwiderte Alaric, „Ich weiß im Moment sieht alles düster aus, du vermisst Stefan, machst dir Sorgen um Bonnie, aber alles wird gut werden, du wirst schon sehen. Die dritte Schwester ist unser erster richtiger Hinweis. Wir sind dabei dieses Rätsel zu lösen. Bald schon sind wir alle wiedervereint. Du wirst sehen."

Caroline hoffte, dass er recht hatte. Aber irgendwie hatte sie ein schlechtes Gefühl bei dieser Sache. Und ihre schlechten Gefühle hatten sich in der Vergangenheit meistens bewahrheitet.


Der Angriff kam unvermittelt. Um am Frustrierenden war, dass die Vampire sich an ihrer Stelle in die Schusslinie warfen, und es ihnen allen nur darum zu gehen schien sie zu beschützen. Bonnie hasste es, dass sich auf einmal alle so verhielten, als wäre sie ein Fräulein in Nöten. Sie war eine verdammt starke Hexe, sie war öfter als einmal von den Toten zurückgekommen, sie hatte sich Urvampiren gestellt, ganzen Hexenzirkeln, und sogar Silas – mit einer Horde Sterblicher mit Schusswaffen kam sie klar!

Wie schon beim Kampf in der Waffenkammer versuchten die anderen soweit es ging ihre Gegner am Leben zu lassen – nun zumindest Stefan, Enzo, und Valerie versuchten es. Mary Louise und Nora kannten weniger Skrupel.

Sie wollten die Waffenkammer wegen Rayna eigentlich nicht noch mehr gegen sich aufbringen, keine unnötigen Toten zu verantworten haben, aber Bonnie begann sich langsam zu fragen, ob das nicht ein Fehler war. Wenn sie Alex St. Johns Leute umbringen würden, dann würde die es sich vielleicht zweimal überlegen, bevor sie ihnen weitere auf den Hals hetzte. Damon hätte das auf jeden Fall so gehandhabt, doch sie hatte Damon nicht an ihrer Seite haben wollen, nicht wahr? Hatte ihn nicht noch mehr Stress aussetzen wollen.

Oder vielleicht hatte sie ihn in Wahrheit einfach nicht bei sich haben wollen, weil sie ihm nicht vergeben hatte, dass er vorgehabt hatte sie zu verlassen. Vielleicht hatte ihr das klar gemacht, dass das auch bedeutete, dass sie sich nicht mehr auf ihn verlassen konnte. Dass er nicht für sie da sein würde, wenn sie ihn wirklich brauchen würde.

Und natürlich bereute sie ihre Entscheidung jetzt und wünschte ihn sich an ihrer Seite. Natürlich würde er auch versuchen sie zu beschützen, aber er würde es auf keine so auffällige Art und Weise tun, er würde es tun und sie damit gegen sich aufbringen, aber er würde darüber spotten, sie absichtlich zornig machen um sie von dem Gefühl abzulenken, das die Tatsache, dass sie nun etwas war, das beschützt werden musste, in ihr auslöste.

Doch Damon war nicht hier, und irgendeiner der Vampire hatte sie in Sicherheit gebracht, während die anderen kämpften, und Bonnie war nun auch wütend, aber nicht so wie sie es sein sollte. Was wollen die nur von mir?! Ich habe es wirklich satt! Ich bin kein Preis, den man verteidigen oder stehlen muss. Ich bin Bonnie Bennett, verdammt!

Und sie begann sich langsam zu wünschen auf Alexs Angebot in der Waffenkammer eingegangen zu sein. Dann wäre jetzt keiner von ihnen in dieser Situation hier! Und was konnte es schon sein, dass die Waffenkammer von ihr wollte? Ein wenig an sich herumexperimentieren zu lassen, irgendeinen Zauber für sie sprechen, den nur sie sprechen konnte – nichts davon wäre mehr als sie aushalten würde. Sie wusste es ja zu schätzen, dass sich alle um sie sorgten, aber es war falsch, dass sie alle wegen ihr auf der Flucht waren, es war falsch, dass die Vampire sich ihretwegen mit der Waffenkammer anlegten, die in ihnen sowieso schon ihre natürlichen Feinde sehen würde, und vor allem war es falsch, dass keiner zuließ, dass sie sich nicht selbst verteidigte!

Sie war dabei zurück zum Kampf zu gehen, als sie mit Stefan zusammenstieß. „Stefan, so sind die anderen?", wollte sie wissen.

„Bonnie, was machst du? Wolltest du etwa zurückgehen? Das geht nicht, wir müssen weiter! Wir müssen weiter fliehen, sie sind immer noch hier!", erklärte Stefan aufgelöst und packte sie am Arm und zerrte sie zum nächsten Wagen.

„Wo sind die Häretiker? Ohne Tarnzauber finden die uns doch gleich wieder", protestierte Bonnie, „Und wo ist Enzo?!"

„Wir haben keine Zeit", betonte Stefan und schlug das Fahrerfenster des nächstbesten Wagens ein.

„Stefan, wo sind die anderen?", wiederholte Bonnie.

„Sie sorgen dafür, dass wir einen Vorsprung haben", lautete die nichtssagende Antwort.

„Wo ist Nora?" Bonnie blieb wie angewurzelt stehen und weigerte sich einzusteigen.

„Willst du, dass ihr Opfer umsonst ist? Komm schon!", gab Stefan zurück, „Steig ein!"

„Du willst, dass ich weglaufe? Sie alle im Stich lasse?", vergewisserte sich Bonnie.

„Du hilfst ihnen damit sogar. Alex hat selbst gesagt, dass sie sich für die Häretiker eigentlich nicht interessiert. Und Enzo ist ihr Verwandter. Sie wird ihnen nichts tun. Vielleicht lassen sie so sogar zurück und verfolgen stattdessen einfach nur uns weiter. Du bringst sie damit nicht in Gefahr, ganz im Gegenteil du wendest eine Gefahr von ihnen ab", erklärte Stefan und klopfte auf das Autodach des Fahrzeugs, das er aufgebrochen und kurzgeschlossen hatte, und mit dem er nun davonlaufen wollte.

Das musste eine Salvatore-Brüder-Sache sein.

„Wegzulaufen um andere zu beschützen. Wann hat das schon jemals etwas gebracht? Das war Damons Ausrede dafür warum er uns alle verlassen wollte. Und es war nicht mehr als das: Eine Ausrede. Etwas, das er sich selbst eingeredet hat, um zu rechtfertigen was er tut. Etwas was andere ihm eingeredet haben um ihn weh zu tun. Er hat es genommen und zu seiner Waffe gegen alle Vernunft gemacht. Aber in Wahrheit wollte er einfach nur weglaufen, weil er den Schmerz nicht mehr ertragen konnte", erklärte Bonnie, „Wenn ich jetzt weglaufe, dann beschütze ich niemanden, sondern mach alle anderen erst recht wieder zum Ziel."

„Bonnie….", begann Stefan, doch sie schüttelte nur den Kopf.

„Nein", erklärte sie, „Ich weiß, du verstehst das nicht, denn du bist nicht anders als Damon, was das angeht. Wenn etwas zu sehr weh tut, wenn es dich zu sehr anstrengt, dann läufst auch du weg. Du wolltest weglaufen, wegen der Narbe, gib es doch zu. Du wolltest Caroline verlassen. Sie im Stich lassen."

„Ich wäre eine Gefahr für sie gewesen. Für sie und die Zwillinge", entgegnete Stefan, „Ich wollte nur das Beste für sie."

„Ohne Abschied zu verschwinden ist das Beste? Damon hat uns Briefe hinterlassen, weil er zu feige war uns von Angesicht zu Angesicht Lebewohl zu sagen, weil er wusste, dass wir ihn das alles wieder ausreden würden. Und du wolltest ebenfalls gehen ohne dich zu verabschieden", stellte Bonnie bitter fest, „Du, der du neben mir doch am Wütendsten über seine Entscheidung warst, wolltest genau das Selbe tun."

„Es war nicht … es ist nicht…", protestierte Stefan, doch Bonnie beachtete ihn nicht mehr. Sie drehte sich um und marschierte in die entgegengesetzte Richtung davon. Sie war nicht wie die Brüder Salvatore.

„Bonnie! Bonnie! Wo willst du hin?!", rief Stefan ihr hinterher.

„Was denkst du denn?", lautete ihre einzige Antwort. Und nur für den Fall, dass er sie aufhalten wollte, schickte sie ihm ein wenig spezielles Vampir-Kopfweh.

Als sie das Motel wieder erreichte, sah sie Enzo betäubt am Boden liegen, und stieg über ihn hinweg. Valerie und Mary Louise hatten sich hinter einem Auto verschanzt, und von Nora sah sie im ersten Moment gar nichts. Das muss nichts zu bedeuten haben, rief sie sich in Erinnerung.

„Also gut!", verkündete sie laut, „Das reicht jetzt!"

„Das ist sie, das ist die Bennett-Hexe!", rief einer der Waffenkammer-Soldaten und deutete aufregt auf sie.

„Bonnie, was machst du denn?!", zischte Valerie in ihre Richtung.

„Das einzig Richtige", sagte Bonnie und wandte sich an die Leute der Waffenkammer, „Ja, ich bin es, ich bin die, die ihr sucht. Und ich bin bereit mich der Waffenkammer zu ergeben."


A/N: Nun, es wäre keine „Vampire Diaries"-Fic, wenn nicht irgendjemand etwas Dummes tun würde um andere zu schützen.

Nebenfrage: Was haltet ihr eigentlich von Benzo? Wollt ihr Bonnie/Enzo als Endgame für diese Fic? Ich war nie besonders begeistert über dieses spezielle Pairing, was aber eher daran liegt wie die Serie es gehandhabt hat als an der Dynamik an sich. Ich war nie ein Fan davon wie es in der Stockholm-Syndrom-Episode entstanden ist. Ich weiß Kat Graham selbst fand das alles so romantisch, aber Bonnie war praktisch drei Jahre lang eine Gefangene, die nur Enzo gesehen hat (wobei sie allerdings mindestens einmal ausgegangen sein muss und zwischendurch möglicherweise sogar Caroline und Alaric besucht hat oder zumindest in Handy- oder Internetkontakt mit ihnen stand, wie das allerdings logisch funktioniert haben soll ohne, dass sie gefunden wurde, sei dahingestellt). Sie musste sich also in ihn verlieben. Sie hatte ja niemand anderen zur Auswahl. (Und ich sage das als großer Fan „Die Schöne und das Biest", aber diese VD-Variante hat für mich aus diversen Gründen einfach nicht funktioniert). Kurz gesagt, ich mochte nicht wie das Ganze im Canon zu Stande kam, aber wenn ihr es hier trotzdem haben wollt, würde ich es einbauen – ganz ohne Stockholm-Syndrom.

Lasst es mich also wissen.

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