III.
„Ich bin mir sicher, dass es nichts zu bedeuten hat. Ich weiß, dass Sie jeden Tag Besuch bekommen haben. Aber einen Tag keinen zu bekommen, das bedeutet nichts", behauptete Dr. Sulez.
„Irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß es", erwiderte Damon voller düsterer Gewissheit.
Blondie würde nie zulassen, dass Ric einfach darauf vergaß ihn zu besuchen, und wenn schon, dann würde sie ihn zumindest irgendwie darüber informieren, dass keiner kommen konnte. Wenn einfach niemand auftauchte, dann bedeutete das, dass irgendetwas schief gegangen sein musste. Und zwar gewaltig. Irgendetwas von dem die anderen nicht wollten, dass Damon davon erfuhr. Die Waffenkammer hat Bonnie. Rayna ist frei. Rayna hat Stefan getötet. Die Waffenkammer hat Bonnie, und Rayna hat Stefan getötet. Ja, warum nicht gleich vom Worst Case Szenario ausgehen? Immerhin war es am Wahrscheinlichsten.
„Es gibt sicher eine harmlose Erklärung", behauptete der Arzt, „Damon, hören Sie, ich verschreibe Ihnen eine zusätzliche Dosis angstlösende Medikamente. Schlucken Sie das und lassen Sie nicht zu, dass Sie sich in irgendeine fixe Idee hineinsteigern. Ich werde herumtelefonieren, aber ich bin mir sicher, dass niemanden etwas passiert ist."
Damon hielt in seinem nervösen Durchszimmergerenne inne und funkelte den Arzt wütend an, der ihm einen dieser lächerlichen Plastik-Becher mit zwei Tablette darin entgegen hielt, der er extra für Damon notherausgesucht hatte. Selbst wenn er herumtelefonieren und Ric oder Caroline erreichen würde, würden sie ihn nur anlügen – denn immerhin hatte der gute Dr. Sulez trotz des Eisenkrauts in seinem Kreislauf keine Ahnung, was wirklich vor sich ging. Nein, das hier würde Damon selbst lösen müssen. Doch er musste es schlau angehen, denn wenn irgendjemand Verdacht schöpfen sollte, wenn er unter besonderer Beobachtung stehen würde, dann würde ihm kein Erfolg beschieden sein.
Also tat er so als würde er die Tabletten schlucken, nickte ergeben, und stimmte zu in sein Zimmer zurückzukehren. Das schien ihm zumindest sein Arzt abzunehmen.
Doch kaum war Damon zurück in seinem Zimmer, spukte er die Tabletten in das nächste Waschbecken, kramte seine letzten Blutvorräte heraus und stärkte sich, und machte sich dann auf zu Virginia St. John. Immerhin wusste er inzwischen sehr genau wo sich ihr Zimmer befand.
Zunächst hielt ihn keiner auf, doch wie es zu erwarten gewesen war, befanden sich Wachmänner vor Virginias Zimmer. „Hi", begrüßte Damon die beiden viel zu groß geratenen Gorillas, „Ich würde gerne mit Virginia reden."
„Das ist nicht möglich, tut mir leid. Miss St. John ist nicht stabil genug für Besucher", erklärte ihm Gorilla Nummer 1, der größere von den beiden.
Damon seufzte. „Ich habe befürchtet, dass ihr das sagen würdet", gab er zu. Er sah zu Boden und setzte zu einer Drehung an, die ihn von diesem Ort fortbringen würde, doch stattdessen hielt er inne, und versetzte Gorilla Nummer 1 einen überraschenden Faustschlag ins Gesicht. Dieser taumelte zurück und fluchte, während sein Kumpane nach Damon griff, doch der war dank seiner übernatürlichen Fähigkeiten schneller und fing seine Hand ab und brach dem Wachmann sein Handgelenk. Nummer 1 versuchte nun ebenfalls nach Damon zu greifen, doch dieser verpasste ihm einen schmerzhaften Schlag in den Magen, und stieg dann über ihn hinweg und musterte die Codeingabefläche zu Virginias Zimmertüre.
„Ach ja, stimmt ja. Ich brauche noch den Code", stellte er fest und packte den auf ihn zustürmenden Gorilla 2 mit dem gebrochenen Handgelenk am Kragen und starrte ihn tief in die Augen. „Gib mir den Sicherheitscode für ihr Zimmer", befahl er.
Doch offenbar war Dr. Sulez nicht der einzige hier auf Eisenkraut. „Nein!", keuchte der Wachmann, woraufhin Damon ihn auf seinen auf sie zustürmenden Kollegen warf. „Was passiert wohl, wenn ich das ganze System aus der Wand reiße?", wunderte er sich laut.
Er erhielt keine direkte Antwort, aber inzwischen war dieser Zusammenstoß hier aufgefallen, und er konnte hören, dass weitere Wachmänner in diese Richtung gerannt kamen. Das hier war eigentlich genau die Art von Ärger, die er hatte vermeiden wollen. Wenn das hier vorbei wäre, würde ihn jeder für einen gefährlichen Irren anstatt einen traurigen Irren halten, was einen weiteren Aufenthalt hier unmöglich machen sollte. Aber er hatte ja sowieso nicht vor zu bleiben. Nicht wenn er bekommen hatte, was er wollte.
„Zeit für willkürliche Zerstörung", meinte er und riss das Codeschloss aus seiner Verankerung. Was genau nichts bewirkte. Okay, ich gebe zu, dass ich das kommen sehen hätte müssen. Dann eben mit roher Gewalt an Türen, die Irre davon abhalten sollten anderen etwas anzutun. Elena wäre nicht begeistert, aber das hier ein Notfall, und außerdem war es Alex, die behauptete, dass Virginia die Irre von den beiden Schwestern war, und nach allem, was er wusste, standen die Chancen gut, dass das genaue Gegenteil der Fall war.
Damon trat die Türe zu ihrem Zimmer ein, was leichter ging als er eigentlich gehen sollte. Er schüttelte traurig hier. „Dieses Sicherheitsschloss entspricht nicht den aktuellen Standards", stellte er fest und trat ein und schlug dann schnell wieder die Türe hinter sich zu.
Nicht, dass ihm das auf lange Sicht helfen würde, aber es sollte ihm wenigstens ein paar Minuten verschaffen.
Virginia St. John stand vor ihrem Bett und starrte ihn mit großen Augen an.
„Hallo, Virginia. Ich bin's Damon. Wir kennen uns aus der Gruppentherapie. Wir beide müssen uns dringend unterhalten. Über deine Schwester", erklärte Damon der verängstigten Frau, „Und ihre Angewohnheit Leute zu entführen."
Bonnie hatte sich eigentlich geschworen diesen Ort hier nie wieder zu betreten. Trotzdem stand sie jetzt wieder mitten in der Waffenkammer. Nur dass sie dieses Mal alleine war. Von Angestellten der Waffenkammer war sie umgeben, von ihren Freunden jedoch gab es keine Spur.
„Miss Bennett, es freut mich, dass Sie kommen konnten", erklärte Alex St. John, als sie ihr entgegen kam, „Wie Sie es gewünscht haben, haben wir Enzo und Ihre Häretiker-Freunde unbeschadet freigelassen. Ich hoffe sehr, dass Sie bereit sind sich im Gegenzug dazu an das zu halten, was Sie uns versprochen haben."
Bonnie nickte. „Ich habe zugestimmt mir zumindest anzuhören, was Sie von mir wollen", sagte sie, „Aber ich werde nichts tun, was irgendjemanden schadet. Das muss ich Ihnen gleich sagen."
Alex machte eine beschwichtigende Geste. „Es geht uns nicht darum irgendjemanden zu schaden. Das ist nicht der Sinn der Waffenkammer. Und ich würde von Ihnen nie etwas verlangen, das anderen schadet. Obwohl ich verstehen kann, warum Sie das denken. Ich gebe zu meine Mittel um Sie hier herzubekommen waren ein wenig extrem, aber sehen Sie ich bin verzweifelt. Es geht mir um jemanden, der mir wirklich nahe steht, und der dringend Hilfe braucht", erklärte sie, „Ich will, dass Sie jemanden retten, Miss Bennett."
Bonnie war sich nicht so sicher, ob sie das glauben sollte. „Ich habe von Nora und Mary Louise anderes gehört", erklärte sie hart.
„Missverständnisse. Und ja, ich gebe zu, dass wir manchmal mit magischen Wesen experimentieren. Wir haben einen Vertrag mit einer Pharma-Firma. Schon vor Jahrzehnten geschlossen. Mit umwerfenden Ergebnissen. Viele der medizinischen Durchbrüche der letzten Jahre hat die Welt uns zu verdanken. Aber wir entführen keine harmlosen Hexen oder angepasste Vampire von den Straßen oder quälen Werwölfe in ihrer menschlichen Form, nein, wir sperren nur Individuen ein, die eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. So wie Rayna Cruz zum Beispiel. Was die Häretiker angeht, das war ein bedauerliches Missverständnis. Wir wurden dazu verleitet zu denken, dass es sich bei ihnen um Vampire mit fragwürdiger Moral handelt. Immerhin waren sie jahrelang mit einem der bekanntesten Serienmörder der Vampirwelt unterwegs. Uns war nicht klar, dass unsere Informationen veraltet und fehlerhaft sind", behauptete Alex, „Aber jetzt wissen wir es besser."
Bonnie schnaubte ungläubig. Das alles klang nach Lügen und Ausreden. Bis auf den Teil mit dem Pharma-Vertrag. Ist es unter diesen Umständen nicht sogar verantwortungslos Rayna diesen Leute zu überlassen? Wer weiß was die mit ihr anstellen. Doch wenn sie wieder frei wäre, dann würde sie sofort wieder damit beginnen Stefan zu jagen.
Aber das war ein Problem für später. „Lassen Sie den Unsinn, Alex. Ich habe meine Meinung über Sie und Ihre Waffenkammer, und werde die auch nicht so schnell ändern, ob Sie nun ein Heilmittel gegen Krebs in der Leber eines Einhorns finden oder nicht. Sagen Sie mir warum ich hier bin", verlangte sie einfach.
Alex nickte. „Es geht um einen Zauber, der nur von einer Bennett-Hexe aufgehoben werden kann. Ich weiß nicht, ob Sie mit der Geschichte meiner Schwester Virginia vertraut sind…."
„Der, die Sie in eine Nervenheilanstalt zwangseinweisen haben lassen?", gab Bonnie zurück.
Alex zog eine Grimasse. „Der Grund dafür, dass ich das tun musste, war, dass Sie ihre Cousine Lucy Bennett entführt und getötet hat. Doch bevor sie sie umgebracht hat, hat sie sie noch dazu gezwungen eine Kammer, die sich unter der Waffenkammer befindet, magisch zu versiegeln. Wir waren seit dem nicht in der Lage die Türe zu dieser Kammer wieder zu öffnen. Was kein so großes Problem wäre, wenn unsere andere Schwester – Yvette – nicht noch in der Kammer gewesen wäre, als Lucy sie versiegelt hat", erklärte sie.
Bonnie legte ihre Stirn in Falten. „Das tut mir leid", gab sie zu. Sie begann langsam zu verstehen, warum Alex sie unbedingt brauchte. Alex dachte vermutlich, dass nur eine Bennett-Hexe den Zauber einer anderen Bennett-Hexe aufheben konnte.
„Wir haben alles versucht, aber keine andere Hexe konnte den Zauber wieder aufheben. Und was Sie angeht, Bonnie, wir wussten zunächst nicht, dass Sie noch am Leben sind. Sie galten offiziell als tot. Erst als uns klar wurde, wer Sie sind, und dass Sie immer noch magisch veranlagt sind, wurde uns klar, dass Sie in der Lage sein könnten Yvette zu retten", fuhr Alex fort, „Sie können von mir halten, was immer Sie wollen, aber meine Schwester hat niemanden etwas getan. Sie hat nicht verdient, was ihr widerfahren ist."
Darin stimmte Bonnie ihr sogar zu. Dann fiel ihr etwas anderes ein. Sie haben alles versucht? Diese Leiche, aus der Mary Louise die Magie absaugen sollte … war das etwa Lucy?! Bonnie hatte Lucy zwar nie sehr gut kennengelernt, trotzdem schockierte und betrübte es sie von ihrem Tod zu erfahren, und außerdem … Mary Lou sprach von einer Leiche auf Eis…
„Wie lange … wie lange genau ist dieser Zwischenfall her?", wollte sie ein wenig verwirrt wissen.
Alex zögerte einem Moment lang, bevor sie erwiderte. „Beinahe ein Jahr", gab sie dann zu.
Offenbar war Alex doch verrückt. Verrückt aus Trauer heraus möglicherweise, aber auf jeden Fall verrückt. „Niemand kann ein Jahr lang ohne Wasser und Nahrung überleben", wandte Bonnie ein, „So viele Vorräte konnte sie gar nicht mit dabei haben. Wenn ich den Zauber jetzt aufheben würde, würden Sie nur noch die Leiche Ihrer Schwester finden."
Alex wandte sich ab und schluckte. „Das würde die Logik sagen, ja ich weiß, aber ich kann sie hören – Yvette, ich kann immer noch ihre Stimme hören. Sie ist immer noch dort drinnen. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht warum, aber sie lebt noch, und sie fleht mich an ihr zu helfen. Wenn es Ihre Schwester wäre, Bonnie, dann würden Sie sie doch auch nicht dort drinnen lassen, oder?", erklärte sie dann und sah Bonnie ernst an, „Dann würden Sie doch auch alles tun, was in Ihrer Macht steht um Sie zu retten, oder?"
Virginia war verängstigt, stand unter Medikamenten-Einfluss, und war verwirrt. Allerdings war sie auch wütend – es war die Erwähnung ihrer Schwester, die sie wütend gemacht hatte.
„Wir brauchen eine Chance uns ungestört zu unterhalten", stellte Damon fest, und bezog sich damit auf den Lärm von draußen. Vor Virginias kaputter Türe hatten sich Sicherheitspersonal, Pfleger, und Ärzte eingefunden und klopften an die Türe und riefen Damons und Virginias Namen. „Hast du Lust auf einen Ausflug?"
Die meisten Fenster dieser Anstalt waren vergittert. Weniger wegen Fluchtgefahr als zum Schutz der Patienten – man wollte dramatische Fenstersturzmomente nach Möglichkeit verhindern. Damon hatte allerdings nicht vor sich aus dem Fenster zu stürzen, er wollte aufs Dach klettern.
Er verschwendete keine Zeit mehr, sondern öffnete das Fenster zu Virginias Zimmer und riss die Schutzgitter aus ihrer Verankerung. Dann schnappte er sich die erstaunte Virginia und kletterte mit ihr aus ihrem Zimmer hinaus und weiter aufs Dach. Er konnte hören, wie ihr Zimmer gestürmt wurde, und erschrockene Rufe folgten, als das Fenster und das herausgerissene Gitter entdeckt wurden. Doch er war schneller am Dach angekommen, als sie von irgendjemandem entdeckt werden konnten.
Oben angekommen ließ er Virginia los, die sich in Sicherheitsabstand zu ihm brachte. „Du … du bist einer von denen", stellte Virginia fest, „Du bist ein … Vampir. Ich habe nichts mehr mit der Waffenkammer zu tun, ich kann dir nicht helfen!"
„Aber du hast zur Waffenkammer gehört", stellte Damon fest, „Also hast du Informationen. Ich will dir nichts tun. Ich will einfach nur wissen, was deine Schwester von Bonnie Bennett wollen könnte."
Bonnies Name ließ Virginia wie erstarrt inne halten. „Bonnie Bennett, aber … Lucy war die letzte Bennett-Hexe", murmelte sie, „Das heißt … das heißt, dass sie den Zauber aufheben könnte."
Darum ging es also. „Blutmagie. Du hast Lucy gezwungen einen Zauber durchzuführen, den nur jemand aus ihrer Blutlinie wieder rückgängig machen könnte", stellte Damon fest, „Von was für einen Zauber sprechen wir?" Er machte einen bedrohlichen Schritt auf Virginia zu, hielt sich dabei aber ständig bereit sich auf sie zu stürzen, vor allem, wenn sie sich absichtlich oder unbeabsichtigt der Dachkante nähern sollte.
„Ich musste es tun! Ich konnte nicht zulassen, dass es hinausgelangt!", erklärte Virginia weinerlich und abwesend. Sie schien nicht ganz da zu sein. „Ich habe sogar Yvette dafür geopfert. Weil das Böse niemals nach draußen gelangen darf! Nach Lucys Tod hätte es vorbei sein müssen, niemand hätte die Versiegelung jemals wieder aufheben können dürfen!"
Soviel zu den verwirrten Aussagen einer Wahnsinnigen. Damon hatte keine Ahnung, wovon sie da eigentlich sprach, doch er hatte das dumpfe Gefühl, dass Alex Bonnie dazu benutzen wollte etwas zu tun, das schlimme Konsequenzen nach sich ziehen würde. Er hob beschwichtigend die Hand. „Moment mal, einen Schritt zurück bitte. Wovon genau sprichst du? Welches Böse? Wo ist dieses Böse? Was wurde versiegelt?", wollte er wissen.
Virginia murmelte irgendetwas Unverständliches und drehte sich um ihre eigene Achse. Dann sagte sie: „Unsere Vorfahren haben es gefunden – eine Höhle unter der Waffenkammer, eine verschlossene Höhle – einen Tresorraum – in, der etwas eingesperrt ist. Wer den Tresor betritt und diesem Bösen begegnet, der kommt verändert wieder heraus. Der kommt verdorben wieder heraus. Unser Urgroßvater Dalton St. John ist 1882 in die Kammer gegangen, dort drinnen wurde er verändert. Von den Stimmen, die er dort gehört hat, die er danach immer gehört hat. Er ist durchgedreht und hat alle seinen Kollegen umgebracht. Diese hatten zum Glück den Eingang zu der Höhle wieder versiegelt, aber meine Schwestern haben den Eingang wieder geöffnet. All die Warnungen, alles was geschehen ist, war ihnen egal. Aber ich, ich konnte das, was dort drinnen lebt, nicht entkommen lassen. Also habe ich dafür gesorgt, dass sie nie mehr hinauskommen können."
„Sie?", hakte Damon nach.
„Die bösen Wesen. Und Yvette. Mein Urgroßvater war nur wenigen Momente im Tresor und wurde zum Serienmörder, doch meine Schwester Yvette ist nun schon … beinahe ein Jahr dort drinnen eingeschlossen", erklärte Virginia, immer noch nicht ganz klar, wie es schien, denn….
„… nach einem Jahr in einer Höhle wird deine Schwester wohl kaum noch am Leben sein", merkte Damon an.
„Das habe ich auch gesagt, schon nach zwei Wochen, aber Alex behauptet ihrer Stimme hören zu können. Sie sagt, Yvette spricht mit ihr, ruft nach ihr", informierte ihn Virginia, und nicht zum ersten Mal fragte sich Damon, ob in Wahrheit nicht die falsche Schwester in der Klapse gelandet war.
„Genug der Andeutungen", meinte er dann, „Und der Umschreibungen. Um was für böse Wesen handelt es sich? Was lebt in dieser unterirdischen Höhle?"
Virginia schüttelte den Kopf. „Ist das nicht vollkommen offensichtlich? Stimmen, die einen in den Untergang locken? Es sind die Handlanger des Teufels – es sind Sirenen", meinte sie, als ob das tatsächlich irgendeine Art von Sinn ergeben würde.
„Meine Liebe, ich glaube, du mischt gerade deine Mythologien durcheinander. Sirenen arbeiten nicht für den Teufel", erwiderte Damon daraufhin nur kopfschüttelnd.
Virginia ließ sich von dieser Behauptung nicht beeindrucken. „Diese hier tun es aber schon", meinte sie voller Überzeugung, „Und deswegen dürfen sie niemals freikommen."
„Ich bin froh, dass Sie zugestimmt haben mir zu helfen", meinte Alex zu Bonnie, „Ich wusste, dass Sie ein Einsehen haben werden."
Bonnie ließ sich zu keiner Antwort herab. Was blieb ihr schon für eine Wahl? Sie musste das hier tun, wenn sie jemals wieder in Ruhe und Frieden leben wollen würde. Es war nicht gerade so, als ob Alex ihr die Wahl lassen würde. Sie begleitete die Anführerin der Waffenkammer und deren bewaffnete Eskorte in den Keller der Waffenkammer und musterte die versiegelte Türe, die ihr den Weg versperrte. Dahinter also sollte sich diese unterirdische Kammer verbergen, in der Alexs angeblich immer noch lebende Schwester zu finden sein sollte. Es wirkte mehr wie eine Gefängniszelle, in der man jemanden eingesperrt halten wollte als wie eine einfache Kammer.
Bonnie fragte sich warum die Waffenkammer darüber erbaut worden war, und warum niemand diesen Ort früher entdeckt hatte, und bisher noch niemand versucht hatte ihn zu öffnen. Doch wer sagte dass diese Dinge nicht doch schon alle einmal geschehen waren? Sie war nicht so dumm davon auszugehen, dass Alex ihr die ganze Wahrheit sagte.
Ich tue das hier nicht für mich, ich tue es für meine Freunde, rief sie sich in Erinnerung, Ich tue es für Caroline, für Alaric und seine Kinder, für Nora, für Stefan, sogar für Enzo. Und für Damon. Wenn sie wirklich die Einzige war, die diesen Zauber umkehren konnte, dann würde Alex nicht davor zurückschrecken die Leben ihrer Freunde zu bedrohen um sie zu Kooperation zu bewegen. Sie würde nicht davor zurückschrecken Rayna Cruz dafür einzusetzen um Bonnie zur Kooperation zu bewegen. Und immerhin war sie hier, weil sie eben nicht mehr weglaufen und ihre Freunde als Schutzschild benutzen wollte.
Lucy ist hier gestorben. Daran wollte sie eigentlich nicht denken. Aber vielleicht sollte sie es. Sie für ihren Teil hatte nicht vor hier zu sterben.
„Ich werde die Versiegelung öffnen", erklärte sie Alex, „Aber ich werde auf keinen Fall dort hineingehen." Sie deutete auf den versiegelten Eingang. „Und sobald ich den Zauber gesprochen habe, bin ich weg. Und ich und meine Freunde werden von da an von Ihnen in Ruhe gelassen werden. Ausnahmelos. Es wird keine Racheaktion gegen Enzo geben und keine weiteren Versuche mehr die Häretiker zu fangen."
Alex nickte abwesend. „Ja, ja, ich habe dem allen doch schon zugestimmt", behauptete sie und starrte intensiv auf die Türe. Sie wirkte wie hypnotisiert.
Bonnie musterte sie beunruhigt. „Können Sie sie jetzt auch hören? Yvette, meine ich. Können Sie Yvette jetzt hören?", wollte sie wissen.
„Ja, das kann ich. Sie ruft nach mir. Sie braucht mich", erklärte Alex und wandte sich dann Bonnie zu. „Jetzt machen Sie schon!"
Das hier werde ich mit Sicherheit bereuen, wurde Bonnie klar. Trotzdem gab es keinen anderen Ausweg. Das hier war die beste Lösung für all ihre Probleme.
Sie wandte sich wieder dem Tresor der Waffenkammer zu und sprach dann den Zauber.
„Caroline? Wieso gehst du an Rics Telefon? Nein, vergiss es, ich will es gar nicht wissen. Was ich wissen muss, ist wo Bonnie ist. Ich weiß jetzt warum die Waffenkammer hinter ihr her ist. Ihr müsst sie unbedingt wissen lassen, dass sie auf gar keinen Fall tun darf, was Alex St. John von ihr verlangt, hörst du? Sie darf den Zauber, den man von ihr erwartet unter keinen Umständen aussprechen."
„Damon … Was ist das für eine Nummer? Wo bist du?", wunderte sich Caroline und musterte den Display von Ric's Handy mit gefurchter Stirn.
„Es spielt keine Rolle wo ich bin, wichtig ist, dass Bonnie auf keinen Fall diesen Tresor unter der Waffenkammer öffnen darf", lautete die Antwort, „Hast du das verstanden?"
Caroline zögerte. Sie und Ric waren darüber überein gekommen, dass es besser wäre Damon gewisse Informationen so lange wie möglich vorzuenthalten – in der Hoffnung, dass sie am Ende gute Nachrichten für ihn hätten und keine schlechten. Doch leider hatte sich dieses „so lange wie möglich" offenbar gerade ausgeschöpft.
„Was Bonnie angeht…", meinte sie zögerlich, „Sie hat sich der Waffenkammer ergeben. Wir haben im Moment keine Möglichkeit mit ihr in Kontakt zu treten. Wir suchen nach einer Lösung, aber…"
„Was meinst du damit, sie hat sich der Waffenkammer ergeben?!", unterbrach sie Damon empört, „Was denkst sie, wer sie ist? Elena Gilbert? Ich wusste, dass dieser Märtyrerkomplex ansteckend sein muss! Verdammt!"
„Hör mal, wenn Bonnie in Gefahr ist….", begann Caroline.
„Oh, nein, nicht Bonnie ist in Gefahr, Blondie. Wir alle sind in sehr großer Gefahr. Die Waffenkammer versteckt etwas in ihrem Keller, das auf keinen Fall frei kommen darf. Und mit frei meine ich in die Nähe von irgendeinen anderen Lebewesen, sei es Bonnie, Alex St. John, oder Rayna die Vampirjägerin. Wenn ich darüber nachdenke, dann sollte es vor allem nicht in die Nähe von Rayna der Vampirjägerin kommen. Denn das wäre sonst wirklich schlecht für uns alle", gab Damon zurück.
„Valerie arbeitet schon an einen Übertragungszauber für Stefans Narbe", meinte Caroline, „Wenn wir Glück haben, dann wird er die Narbe bald los sein. Dann gibt es keinen Grund mehr zur Sorge für uns, was Rayna angeht. Oder?"
„Wenn Bonnie diese … Dinger freilässt, und die an Rayna ran kommen, dann werden wir uns die Narbe zurückwünschen, glaub mir", widersprach Damon, „Wir müssen sofort zur Waffenkammer. Wir müssen Bonnie dort raus holen, bevor es zu spät ist! Ich bin schon unterwegs, wir treffen uns dort." Und dann hatte er schon aufgelegt.
Caroline blinzelte, starrte das Mobiltelefon in ihrer Hand an, und hatte das sichere Gefühl, dass sie es nichts mehr gab, das sie tun konnten um Bonnie davon abzuhalten irgendetwas zu tun oder nicht zu tun.
„Bonnie! Geht es dir gut?!" Jeremy umarmte Bonnie erleichtert. Er hatte seinen Augen nicht getraut, als sie wohlbehalten aus der Waffenkammer spaziert gekommen war. Alleine und scheinbar unverletzt.
Bonnie löste sich von ihm. „Mir geht es gut, Jer, keine Sorge, ich habe unsere Probleme gelöst", erklärte sie.
„Bonnie, wenn du Lucys Zauber aufgehoben hast, dann hast du böse Wesen freigelassen, die …..", begann Jeremy, doch Bonnie winkte ab.
„Ich bin nicht blöd, Jer. Mir war sofort klar, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Alex, die die Stimme ihrer toten Schwester nach einem Jahr immer noch hört, die von ihr nichts anderes verlangt als freigelassen zu werden? Ich wusste, dass da etwas nicht stimmen kann. Ich habe den Zauber aufgehoben, ja, aber nur damit Alex in die Kammer kann, und dann als ich das Haus verlassen habe, habe ich das gesamte Gebäude der Waffenkammer hinter mir versiegelt. Was immer diese Wesen sind, sie können jetzt zwar aus ihrer Höhle hinaus, aber sie können das Haus trotzdem nicht verlassen. Sie sind immer noch gefangen. Alle, die dort drinnen sind, sind in der Waffenkammer gefangen", erklärte sie ihrem Ex-Freund ruhig.
„Alle, die dort drinnen sind, sind jetzt mit diesen Dingern dort drinnen eingesperrt?", vergewisserte sich Jeremy.
„Ja, das sind sie. Und das werden sie auch bleiben. Und damit sind wir auf einen Schlag alle unsere Probleme los. Wir müssen die Narbe nur von Stefan auf irgendeinen Vagabunden-Vampir transferieren, damit er nicht stirbt, wenn Raynas letztes Leben ausläuft, aber sobald wir das getan haben, ist alles vorbei. Sobald wir das getan haben, sind wir alle frei, Jer", bestätigte ihm die Hexe, „Ich habe mich darum gekümmert. Glaub mir, es gibt keine Möglichkeit für irgendjemanden aus der Waffenkammer zu entkommen. Es ist vorbei."
Jeremy wollte ihr das wirklich glauben. So gerne. Aber irgendwie war er sich dessen in Wahrheit nicht ganz so sicher wie sie.
A/N: Es ist nicht vorbei. Oder ist es das? Diese Fic geht mit dem nächsten Teil weiter.
Bonuspunkte für alle, die das Easteregg für die Buchfans in diesem Teil entdeckt haben.
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