Erhöhte Warnstufe für Mental Health Issues


III.


„Zu Weihnachten? Und das … nein, nicht einmal ich könnte das tun, und …." Stefan verstummte und versank in seiner zurückkehrenden Erinnerung.

Seline schüttelt traurig ihren Kopf. „Ich habe dir gesagt, dass es einen Grund gab, warum ich dir diese Erinnerung genommen habe. Weil ich dir das ersparen wollte, genau das, was du jetzt fühlst", sagte sie, „Vergiss nicht, dass du derjenige warst, der es so haben wollte."

Und ja, er hatte es so haben wollen, doch er wusste nicht, was er sich erwartet hatte, aber das hier, das hier hatte er sich mit Sicherheit nicht erwartet. Ihm war als würde er gerade aus einer seiner Ripper-Phasen erwachen, als hätte er gerade erst seine Gefühle wieder eingeschaltet, als würde er gerade erst wieder herunterkommen von einer langen Sauf- und Gewalttour. Abgerissene Köpfe starrten ihn an, Männer, Frauen, und Kinder. Ihr Horror, ihre Angst, ihre Angst, die er genossen hatte. Was hatte Seline zu ihm gesagt? Ach, ja er erinnerte sich. „Was du getan hast … Ich werde es niemals vergessen. Ich dachte, du musst ein Monster sein, schlimmer als alle anderen." Ja, für wahr. Der Ripper von Monterey.

Jetzt wusste er warum Klaus mit so viel Bewunderung von ihm gesprochen hatte, warum selbst der älteste und grausamste Vampir, der jemals gelebt hatte, der Meinung gewesen war, dass Stefan Salvatore grausamer war als jeder andere, den er kannte. Ich habe das getan. Damals. Und danach … danach habe ich damit nicht wirklich aufgehört, ich habe weiter gemacht, immer wieder. Ich wurde rückfällig immer wieder. Zuletzt erst vor gar nicht allzu langer Zeit, an der Seite von Caroline. …

Stefan hatte immer gedacht, dass er diese Seite von sich irgendwann besiegen würde. Dass Lexy recht hatte, und er stärker war als das, dass er anders sein konnte als das. Aber jetzt … jetzt nachdem ihm Monterey und alle seine Taten von diesen Weihnachtstag 1917 vor Augen standen, da war er sich dessen nicht mehr so sicher.

„Verstehst du jetzt, warum ich dir diese Erinnerung genommen habe, Stefan? Weil du deine Taten nicht nur bereut hast, nein, weil sie dich zerstört haben. Weil du der Meinung warst, dass du dieses eine Mal zu weit gegangen bist, dass du dich von diesem einen Mal nicht mehr erholen kannst. Du hasstest deine Hoffnung verloren, und ich, ich wollte, dass du Hoffnung hast, dass du einen Grund hast weiterzumachen, also habe ich dir die Erinnerung an das genommen, das dich verzweifeln hat lassen. Also habe ich dir die Verzweiflung genommen. Ich wollte, dass du daran glaubst, dass es besser werden kann, und nachdem ich dir die Erinnerung genommen habe, konntest du das auch. Und deswegen konnte ich es ebenfalls, weil du glauben konntest, dich ändern konntest, hatte ich die Kraft das ebenfalls zu tun", sagte Seline, „Aber du wolltest es sehen. Du wolltest, dass ich es dir zurückgebe. Aber mit den Erinnerungen habe ich dir auch die damit verbundenen Gefühle zurückgegeben. Die Verzweiflung in dir wieder erweckt. Lass sie mich dir wieder nehmen, Stefan. Lass zu, dass ich deine Erinnerungen verändere, zumindest diesen Teil. Ich kann deine Taten bestehen lassen, aber das Gefühl des Erwachsens, die Realisation dessen, was du getan hast, kann ich wieder aus deinem Gedächtnis löschen."

Es wäre verlockend sich nicht mehr so fühlen zu müssen, es wäre verlockend all das, was jetzt auf ihn einstürzte so einfach loszuwerden. Die Augen zu schließen und sie wieder zu öffnen, und dann einfach wieder der zu sein, der er vor wenigen Minuten noch gewesen war, nur mit mehr Erinnerungen. Aber es wäre auch falsch.

Stefan erinnerte sich immer an alle seine Opfer, an alles, was er getan hatte. Er musste sich daran erinnern, damit er sich daran erinnerte wie es war die Kontrolle zu verlieren, damit er sich zusammenriss und die Kontrolle nicht wieder verlor. Alles, was die Schuld, die er über seine Taten empfand, irgendwie minderte, musste er vermeiden. Er musste sie vermeiden, damit er nicht so wurde wie andere Vampire, die im Töten nichts Schlimmes mehr sahen. Weil andere Vampire vielleicht das eine oder andere Mal ein Opfer töteten, aber Stefan nie nur das eine oder andere Mal ein Opfer tötete, sondern immer gleich dem Rausch von Blut und Gewalt verfiel. Er musste seine Listen schreiben, seine Taten verinnerlichen, und sich nicht nur daran erinnern sie begangen zu haben sondern auch daran wie er sich dabei gefühlt hatte und wie er sich danach gefühlt hatte. Er brauchte den Schmerz, er brauchte die Schuld. Damit er es nicht wieder tat.

„Nein", sagte er also, „Nein, ich wollte es zurück, und jetzt habe ich es zurück. Ich brauche alles davon, du kannst nicht einfach einen Teil hinaus schneiden um die Auswirkungen zu verharmlosen. Ich muss alles davon in Erinnerung behalten, oder gar nichts."

Endlich schien die Erinnerung vor seinem geistigen Auge zu verblassen, und er fand zurück in die Gegenwart. Fand zurück zum Sehen. Er blickte Seline an und konnte Zweifel in ihrer Miene lesen.

„Ich komme klar", erklärte er ihr, „Ich weiß, dass du mir nur helfen willst, aber … genau das ist der Grund, warum ich meine Gefühle nicht einfach ausschalte. Weil ich es alles spüren muss, jeden Moment davon. Ich habe einen ganzen Ort ausgelöscht, Seline, mit den Konsequenzen davon muss ich leben, mit all den Konsequenzen."

Seline wirkte immer noch besorgt. „Aber die Verzweiflung, Stefan, sie hat dich damals jede Hoffnung verlieren lassen. Was wenn sie dich jetzt wieder überkommt, wenn du jetzt wieder so empfindest….", warf sie ein.

„Dieses Mal ist es anders, dieses Mal bin ich nicht alleine", meinte Stefan möglichst gefasst, „Ich habe Caroline, und Damon, und meine Freunde. Und eine Mission. Ich muss deine Schwester aufhalten. Wenn ich sie aufhalte, wenn ich sie davon abhalte die Hölle auf die Erde loszulassen, dann kann ich vielleicht lernen mit dem zu leben, was in Monterey passiert ist. Dann kann ich vielleicht Wiedergutmachung leisten."

Seline wirkte immer noch nicht überzeugt. Trotzdem nickte sie. „Also schön", meinte sie, „Wenn du es so willst…."

Stefan nickte voller Überzeugung. „Ja, ich will es so", erklärte er fest. Und damit akzeptierte sie es und widersprach ihm nicht mehr.


„Ist das die Glocke? Und wo habt ihr Enzo gelassen?", wollte Alaric wissen, als sie zurück zur Waffenkammer kamen.

Damon zuckte die Schultern. „Diese Frage habe ich seinem Mobiltelefon öfter als einmal gestellt. Bisher hat er sich keiner Antwort herabgelassen", erklärte er.

„Wie gesagt, er hat gesagt, dass er etwas nachsehen geht. Mehr weiß ich auch nicht", erklärte Peter Maxwell zum wiederholten Mal, „Ich wusste nicht, dass ich ihn nicht gehen lassen darf. Ich dachte als Vampir kann er selbst auf sich aufpassen."

„Normalerweise kann er das auch, aber mich erinnert das alles viel zu sehr an das, was mit Valerie passiert ist. Setzt sich ab und taucht nicht wieder auf, das klingt verdammt nach Sirene. Der einzige Grund warum ich mir nicht mehr Sorgen mache, ist der, dass besagte Sirene nicht aufgetaucht ist um uns aufzuschlitzen und uns die Glocke abzunehmen, aber trotzdem wäre es gut zu wissen, wo er steckt", meinte Damon, „Aber zumindest haben wir die verdammte Gründerglocke." Er stellte seine Fracht vor Alaric ab, während Matt Penny zur Begrüßung umarmte.

„Hast du inzwischen herausgefunden wie wir das Ding zerstören können?", wollte Damon von Alaric wissen.

„Jer und ich haben alles, was wir an Aufzeichnungen finden konnten, gewälzt, aber bisher nichts gefunden, das uns damit weiterhilft", erwiderte Alaric, „Wie es aussieht werden wir uns auf Seline verlassen müssen, was das angeht."

Genau das hatte Damon nicht hören wollen. „Auf jeden Fall müssen wir diese Höllenglocke irgendwo hinschaffen, wo die Sirenen nicht so einfach an sie ran kommen. Da sie aus der Waffenkammer aus und eingehen wie es ihnen beliebt, kann sie nicht hierbleiben", meinte er.

„Sybil hat allerdings auch dem Haus in Dallas einen Besuch abgestattet. Es ist Bonnie gelungen sie zu vertreiben, aber sie weiß jetzt, dass Seline mit uns arbeitet, und dass wir den Stab haben", meinte Alaric.

Damon fluchte und schüttelte dann den Kopf. „Trotzdem besser dort, wo die Anti-Sirenen-Waffe ist als woanders", meinte er, und wurde vom Klingelton seines Handys unterbrochen.

„Enzo, na endlich. Wo steckst du?", wollte er wissen ohne auf den Bildschirm zu sehen.

„Hier ist nicht Enzo", sagte eine vertraute Stimme.

„Doc? Ist alles in Ordnung? Sie hören sich irgendwie seltsam an", erwiderte Damon verwirrt.

„Es tut mir leid, Damon", meinte Sulez noch, bevor eine andere Stimme zu hören war. „Vermissen wir etwas oder besser gesagt jemanden, Mister Salvatore?", wollte Alex St. John von ihm wissen.

Damon spürte wie sich eine kalte Hand um seine Eingeweide legte. Konnte dieses Miststück nicht endlich einmal tot bleiben? Oder ihn zumindest in Ruhe lassen und stattdessen jemand anderen quälen? Wenn sie Sulez etwas antat, dann … nun dann wusste er nicht, was er tun würde, aber es würde für niemanden angenehm werden.

„Ich nehme an, es gibt einen speziellen Grund für diesen Anruf", sagte er dann, „Oder hast du nur angerufen damit ich zuhören kann, während du meinen Therapeuten ausweidest?" Hoffentlich brachte sie diese Frage nicht erst auf Ideen, aber wie er Alex kannte hatte sie selbst schon reichlich genug davon auf Lager und brauchte keine Inspiration von Damon.

„So verlockend das klingt, ich habe andere Pläne", lautete die Antwort, „Sehen Sie, Damon, ich ziehe keine besondere Befriedigung daraus den armen Doktor Sulez zu töten. Sie sind es, mit dem ich eine Rechnung offen habe, nicht er. Wenn Sie sein Leben also retten wollen, dann schlage ich vor, dass Sie zu mir kommen und sich mir stellen und wir darüber reden, wie Erwachsene eben. Ansonsten …. nun ansonsten muss ich doch noch dazu übergehen Therapeuten auszuweiden. Und danach Vampire… Der arme Enzo; dabei war alles, was er wollte, eine Familie. Und jetzt findet er sein Ende durch besagte Familie…"

Damon seufzte. „Lass mich raten, du willst die verdammte Glocke", vermutete er.

„Mich interessiert diese Glocke nicht. Sybil wird sie sich schon holen. Das ist ihr Auftrag. Meiner hingegen … nun mir wurde ein wenig Freiraum eingeräumt um alte Rechnungen zu begleichen. Unser Meister sammelt böse Seelen, und ich dachte mir welche Seele würde besser in seine Sammlung passen, als die des berühmten Vampirs Damon Salvatore?", erklärte Alex liebenswürdig, „Natürlich erwarte ich nicht, dass Sie sich opfern. Das wäre … nun sagen wir untypisch für jemanden wie Sie. Aber ich erwarte von Ihnen, dass sie herkommen, so tun als würden Sie kooperieren wollen, und mich dann töten. Oder es zumindest versuchen. Also schlage ich vor, dass wir die ganzen Lügen und falsche Versprechungen gleich überspringen, und zur Sache kommen. Sie gegen mich. Vampir gegen Sirene. Wer am Ende noch steht … nun, der hat gewonnen, schätze ich. Wenn Sie mit Ihren Freunden zusammen auftauchen, dann ist der Deal vom Tisch, und es gibt doch noch tote Therapeuten. Wenn Sie alleine kommen, dann gibt es zumindest einen epischen Endkampf. Wie klingt das?"

Es klang um ehrlich zu sein verdammt anstrengend. „Und wo soll ich hinkommen?", wollte er wissen.

„Ich schicke Ihnen die Koordinaten", lautete die Antwort, und das war ungewöhnlich, denn normalerweise hatten sie es nicht mit 21. Jahrhundert Bösewichten zu tun, aber ja, Alex St. John war wohl der Typ, der Smartphone Koordinaten als Treffpunkt benutzte. Und nachdem sie das getan hatte, hatte sie auch schon wieder aufgelegt.

„Was ist los?", wollte Alaric von ihm wissen.

Damon setzte zu einer Antwort an und blickte sich dann um. Jeremy kam gerade aus dem hinteren Teil der Waffenkammer angetrottet, während sich die anderen alle im Schauraum versammelt hatten und ihn fragend ansahen. Die anderen, die alle Menschen waren – Ric, Matt, sein Vater, diese Penny, keiner von ihnen hatte ein Vampirgehör, niemand hier wusste, was Alex genau zu Damon gesagt hatte.

Er konnte also lügen. „Das war Alex St. John", sagte er, „Sie hat Enzo. Und hat meinen Therapeuten entführt. Wissen Sie noch, als Sie dachten etwas im Museum zu hören, Peter? Ich wette, dass sie das war. Auf jeden Fall will sie ihre Geiseln gegen die Glocke tauschen." Alle Blicke fielen auf die Gründerglocke. „Aber die gute Nachricht ist, dass sie sich offenbar nicht mit Sybil kurzgeschlossen hat. Sie scheinen sich in einer Art Wettstreit um die Glocke zu befinden, das heißt, dass sie nicht weiß, dass es eine Kopie gibt."

„Die wir nicht mehr haben", rief ihm Matt in Erinnerung.

„Die Sybil aber sicher auch nicht mehr hat. Hier ist also der Plan: Ihr bringt die echte Glocke nach Dallas und vernichtet sie dort so schnell wie möglich. Inzwischen suche ich die Kopie und bringe sie zu Alex, rette meine Freunde und töte die Bitch", fuhr Damon fort, „Das alles sollte kein Problem sein. Da es ihr an den Fähigkeiten der anderen Sirenen mangelt, kann sie niemanden in ihren Bann schlagen. Zusammen mit Enzo sollte ich in der Lage sein kurzen Prozess mit ihr zu machen."

Natürlich musste Alaric den offensichtlichen Schwachpunkt in diesem Plan aufdecken. „Du kannst auf keinen Fall alleine zu ihr gehen", meinte er.

„Aber wir können die Glocke nicht unbewacht zurücklassen", meinte Damon, „Oder wer soll sie bewachen? Tweedldee und Tweedeldum? Nein, nichts gegen die Donovan-Maxwell-Connection, aber du musst mit ihnen gehen und dafür sorgen, dass die Glocke sicher in Dallas ankommt."

Alaric nickte. „Da stimme ich dir zu, aber Jeremy kann mit dir gehen", meinte er.

Mist. „Die Glocke ist wichtiger", argumentierte der Vampir, „Je mehr Wächter, desto besser."

„Ich denke mal, dass wir es zu viert, mit zwei sirenenimmunen Begleitern schaffen werden die Glocke sicher nach Dallas zu bringen", widersprach Ric, und bekam gleich darauf recht von Jeremy. „Ich komme gerne mit dir. Wir haben sie beide schon jeweils einmal umgebracht. Zusammen schaffen wir sicher noch ein drittes Mal", meinte der junge Gilbert.

Mist. „Von mir aus", meinte Damon, auch wenn er mit diesem Arrangement nicht glücklich war, „Aber beeilt euch mit dem Vernichten, je eher das vorbei ist, desto schneller sind wir die Sirenen los. Und damit wohl auch Alex."

Sie schienen ihm seine Nummer tatsächlich abzunehmen, da keiner mehr widersprach. Gut so. Jetzt musste er sich nur noch überlegen wie er Jeremy am besten loswurde. Er konnte und würde das hier alleine lösen, Alex St. John hatte ihn einmal zu oft geärgert – sie hatte Bonnie gejagt, Dr. Sulez schwer verletzt und entführt, Virginia getötet, nachdem er sie mühselig vor ihr gerettet hatte, und jetzt auch noch Enzo verschleppt. Und sie wagte es Forderungen an ihn zu stellen. Er würde ihr zeigen was für ein schwerer Fehler es war sich als Möchtegern-Sirene mit Damon Salvatore anzulegen, aber dabei würde er niemand weiteren zusätzlich gefährden, schon gar nicht die Person, die sie ebenfalls schon einmal umgebracht hatte.

Sollten sich die anderen ruhig um die Glocke und die richtigen Sirenen kümmern. Alex St. John gehörte ihm.


„Das ist sie also? Wegen dieser Glocke haben wir all den Ärger?" Caroline fand nicht, dass die Gründerglocke irgendwie besonders magisch aussah. Aber was wusste sie schon.

„Zusammen mit dieser Stimmgabel und diesem Ding kann sie also die Pforte zur Hölle öffnen", stellte Bonnie fest und beäugte die Stimmgabel und das Maxwell-Erbstück mit dem selben Zeichen wie die Stimmgabel darauf nachdenklich, „Und das hier ist das Symbol der Hölle. Nun wir sollten diese drei Dinge nie zusammen an einem Ort lassen, soviel steht fest."

„Vergesst nicht, dass es auch noch einen Maxwell-Erben braucht um das Höllenfeuer heraufzubeschwören", sagte Seline und warf einen kritischen Blick in Richtung Matt und Peter Maxwell.

Alaric war losgegangen um seine Töchter zu begrüßen, Tyler hatte die Gefangenen aus der Garage freigelassen, Valerie und Penny beäugten einander nicht gerade begeistert, und Nora und Mary Louise hatten Seline flankiert, nur für den Fall, dass sie doch irgendetwas versuchen sollte. Stefan hielt sich im Hintergrund und beobachtete wie Matt und sein Vater die Glocke, die Stimmgabel, und das Erbstück anstarrten und nicht wissen zu schienen, was sie von dem allen halten sollten. Und da waren sie nicht die Einzigen.

Ich wünschte Damon wäre hier. Doch sein Bruder war dabei den Helden zu spielen, zusammen mit Jeremy, während sie anderen dafür verantwortlich waren der größten Bedrohung mit der sie es jemals zu tun gehabt hatten endgültig ein Ende zu setzen. Es ist wieder typisch für ihn, dass er die leichte Aufgabe übernimmt, dachte Stefan, aber er wusste, dass das unfair war. Immerhin gab es nichts, was er persönlich tun konnte, Damon musste mit einer Sirene klar kommen, während er hier nur herumstand und nichts tun konnte. In Wahrheit hätte er gerne mit Damon getauscht, sich in irgendeiner Art und Weise nützlich gemacht. Noch lieber hätte er Damon allerdings hier an seiner Seite. Einfach nur weil … weil er seinen Bruder gerne hier hätte. Damons bloße Gegenwart vertrieb oft seine eigenen Dämonen, und die suchten ihn im Moment mit voller Stärke heim. Aber so hatte er es ja gewollt, nicht wahr?

Caroline war natürlich nicht entgangen, dass irgendetwas nicht stimmte, doch sie schob es auf Damons Abwesenheit, sie ahnte nicht, dass Seline ihm seine Erinnerungen zurückgegeben hatte. Und wenn es nach Stefan ging, sollte das auch so bleiben. Er wollte nicht, dass Caroline jemals erfuhr, was er zu Weihnachten 1917 getan hatte. Er wollte ihren Blick nicht sehen müssen, wenn sie die Details in sich aufnahm. Er wollte nicht, dass sie über diese Seite seines Wesens nachdenken musste.

Rational gesehen wusste er, dass sie ihre Meinung über ihn deswegen nicht ändern würde, dass sie ihn nicht verurteilen würde, aber trotzdem wollte er nicht, dass sie erfuhr wie tief er einst gesunken war. Niemand, der ihm nahe stand, sollte das erfahren.

Er versuchte sein Bestes um vorzugeben, dass alles in Ordnung war, versuchte sich auf das zu konzentrieren, was vor ihnen lag. Alles andere zählte im Moment nicht. Und Seline, Seline könnte ihm seine Erinnerung natürlich immer noch nehmen, eine Lösung, die immer noch da war, eine Versuchung, die immer noch da war. Deswegen war es umso wichtiger die Glocke schnell zu zerstören um der Versuchung nicht mehr ständig ins Gesicht blicken zu müssen.

Es war Zeit an die Arbeit zu gehen. Matt verschwand mit der Stimmgabel, während Ric sich mit dem Maxwell-Erbstück wieder ins Zimmer seiner Töchter begab. Penny ging mit ihm, und Peter Maxwell schlurfte den beiden unentschlossen hinterher. Unterdessen bildeten Stefan, Caroline, und Tyler einen schützenden Halbkreis um die Glocke, während Bonnie, Seline, und die Häretiker die anderen Hälfte dieses Kreises darstellten und bereit für ein wenig Magie zu sein schienen.

„Dann fangen wir an", meinte Seline und hielt Nora ihre Hand hin. Diese zögerte einen Moment, bevor sie sie ergriff, packte sie aber dann aber doch, während Mary Louise Selines andere Hand nahm. Und dann begannen die beiden, zusammen mit Bonnie und Valerie einen Spruch zu murmeln und lenkten alle ihre Energie auf die Glocke um.

Es gab einen bemerkenswerten rosa Lichtblitz, doch als er wieder verschwand, befand sich die Glocke immer noch da, wo sie zuvor gewesen war, und wirkte vollkommen unangetastet.

Caroline warf den Hexen einen fragenden Blick zu. „War's das schon?", wollte sie wissen.

Seline schüttelte ihren Kopf. „Ich verstehe das nicht, es hätte klappen müssen", meinte sie.

„Und was jetzt?", wollte Tyler wissen.

„Wir erholen uns und versuchen es später noch einmal? Vielleicht haben wir ja irgendetwas falsch gemacht", meinte Bonnie.

Entweder das oder die Glocke ließ sich nicht so einfach zerstören.

Stefan bemerkte, dass Selines Gesichtsausdruck vollkommen verzweifelt wirkte. „Es hätte klappen müssen", murmelte sie noch einmal.

„Vielleicht sollte ich das nächste Mal auch Magie von der Sirene abziehen", schlug Valerie vor. Aber ob das einen Unterschied machen würde, schien niemand zu wissen. Am allerwenigsten Seline, die ihr nicht einmal zuhören zu schien.

Stefan ging zu ihr hinüber. „Hey, das ist nur ein vorübergehender Rückschlag", meinte er, „Es ist kein Grund die Hoffnung zu verlieren." Doch so richtig glaubte er nicht an seine eigenen Worte.

Seline hatte als Einzige gewusst wie die Zerstörung der Glocke zu bewerkstelligen war, und da sich ihre Idee als falsche Information herausgestellt hatte, sah es ganz danach aus als wäre das in Wahrheit vielleicht nicht einmal möglich. Aber das wollte er der Sirene natürlich nicht ins Gesicht sagen. Nicht nachdem sie so große Hoffnungen in das hier gesetzt hatte.

Die Babys begannen zu quengeln, und Caroline rauschte zu ihnen um Ric zur Hand zu gehen. Bonnie und die Häretiker begannen Magiemechanik zu diskutieren, und Tyler seufzte herzhaft. „Ich muss mal kurz austreten", meinte er, „Ihr besprecht das alles inzwischen einfach weiter."

„Es hat keinen Sinn", stellte Seline fest, „Ich habe mich geirrt."

„Wenn es so ist, dann finden wir eben einen anderen Weg um die Glocke zu zerstören", meinte Stefan, „Oder zumindest um Sybil daran zu hindern sie zu finden."

Seline sah ihn einen Moment lang an. Dann meinte sie beinahe abwesend: „Ich kann so nicht weiterleben. Ich kann es einfach nicht. Ich habe genug davon Cades Sklavin zu sein."

Stefan wollte etwas Entsprechendes erwidern, doch gerade als er dazu ansetzte, versagte ihm seine Stimme. Und dann….


Als er wieder zu sich kam, lag er irgendwo auf einer Straße. Er hatte keine Ahnung wie er dorthin gekommen war. Das Letzte woran er sich erinnerte war, dass sie über die Glocke diskutiert hatten und daran, dass Seline… Oh, nein!

Er kramte in seinen Taschen nach seinem Handy und rief dann hektisch Caroline an. „Car, ist alles in Ordnung? Geht es euch gut? Was ist geschehen?", wollte er mit kaum unterdrückter Panik wissen.

„Das fragst du uns? Du bist doch derjenige, der durchgedreht ist und alle anderen angegriffen hat und dann mitsamt der Glocke und der Sirene abgehauen ist", lautete die Antwort, „Wo bist du, Stefan?!"

Das war eine gute Frage. Stefan blickte sich genauer um. „Immer noch in Dallas. Glaube ich…. Ich kann man an nichts mehr erinnern, Car, sie hat es schon wieder gemacht, sie hat meine Erinnerung manipuliert", erklärte er.

„Das ist nicht das Einzige, das sie manipuliert hat. Ich habe dich gewarnt, Stefan, ich habe dich vor ihr gewarnt, aber du wolltest nicht hören, oder hatte sie dich damals schon in ihren Bann geschlagen?"

Stefan wollte sagen, dass das erst passiert war als er zugelassen hatte, dass sie in seinen Kopf eindrang um ihn seine Erinnerungen zurückzugeben, doch erstens würde er damit zugeben, was er sie hatte machen lassen, und zweitens wusste er, dass er das nicht der Wahrheit entsprach. Er wusste nicht wann genau es passiert war, wann genau er in ihren Bann geraten war, doch er wusste, dass er zum Zeitpunkt von Sybils Angriff schon darunter gestanden hatte. Die Szene in der Garage – Caroline und Tyler hatten Sybils Sirenengesang gehört, waren davon angezogen worden, der jedoch – er hatte nichts gehört, und jetzt wusste er auch warum, weil er bereit im Bann einer anderen Sirene gestanden hatte. Und der erste Zwischenfall in der Garage, irgendetwas hatte ihn dorthin gelockt, nur ihn und keinen anderen, nachdem Seline die Einbrecher getötet hatte.

„Es tut mir leid, du hattest recht. Aber sie war so … subtil. Ich glaube nicht, dass sie von Anfang an vorhatte uns zu betrügen. Sie wollte die Glocke wirklich zerstören, aber nachdem das nicht funktioniert hat, hat sie improvisiert", erklärte er und blickte sich um, „Und mich zurückgelassen und gelöscht, damit ich nicht weiß was sie plant."

„Nun es ist offensichtlich was sie plant, oder? Sie will die Glocke gegen ihre Freiheit tauschen. Sie bringt sie zu ihrem Meister, diesen Cade, damit der sie aus seinen Diensten entlässt. Und ihre liebe Schwester Sybil lässt sie dieses Mal bei ihrem Deal einfach ganz außen vor", erwiderte Caroline, „Zumindest hat sie nur die Glocke mitgenommen. Aber wenn sie die ihrem Meister übergibt…"

„Ja, ich weiß. Keine Sorge, ich werde sie finden. Sie kann nicht weit gekommen sein", erwiderte Stefan, obwohl er keine Ahnung hatte, ob das stimmte.

„Keine Sorge, wir waren vorbereitet. Da immer damit zu rechnen war, dass sie uns verrät, habe ich unserem Hausgast ein paar Haare aus der Bürste gestohlen. Und es hat sich herausgestellt, dass die für einen Lokalisierungszauber ausreichen. Wir wissen wo sie ist, und wir sind schon auf dem Weg zu ihr. Bleib du einfach wo du bist. Wenn du immer noch unter ihrem Bann stehst, dann wärst mehr Hindernis als Hilfe für uns", meinte Caroline und beendete dann das Gespräch.

Stefan starrte ungläubig auf das Telefon in seiner Hand. Das darf alles nicht wahr sein! Seinetwegen hatte Seline die Glocke stehlen können, er konnte jetzt nicht einfach nur daneben stehen und nichts tun. Anderseits wusste er ja nicht, wo sich die Sirene im Moment befand. Oder wo die anderen hinwollten … Es sei denn ….

Stefan aktivierte die Find my Phone-App für Carolines Handy. Sie hatten es wegen all der Entführungen für eine gute Idee gehalten einander zumindest auf diese Weise im Auge behalten zu können (nun Caroline hatte es für eine gute Idee gehalten) und tatsächlich konnte Stefan so sehen, dass Carolines Handy sich bewegte und auch wohin.

Aber damit verrate ich sie und unsere Beziehung, und schlimmer noch, wenn ich wirklich noch unter Selines Bann stehe und dorthin gehe, dann könnte es endgültig meine Schuld sein, wenn die Glocke in die falschen Hände fällt. Aber wenn er nicht hinginge, wenn er einfach nichts tat um das alles wieder gutzumachen, dann würde er sich das auch niemals verzeihen.

Vor seinem geistigen Auge sah er Monterey – das was er davon übergelassen hatte, das und noch Schlimmeres würde viele andere ebenfalls ereilen, wenn er es nicht verhinderte. Wenn er nichts tat, dann würde er womöglich noch mehr Tote auf sein Gewissen laden.

Was also sollte er tun, und wichtiger noch, was musste er tun?

„Hallo, Damon. Wo steckst du? Hier geht gerade alles zur Hölle, es wäre also wirklich ein guter Zeitpunkt für dich hier wieder aufzutauchen", meinte Bonnie sofort, als sie abhob, während sie sich zugleich auf die Straße konzentrierte und darauf Caroline Wagen hinterher zu kommen. Die Vampirin legte wirklich ein ordentliches Tempo vor.

„Das war ein Stoppschild", informierte Nora sie ruhig.

„Sag das Caroline. Dabei ist sie es doch, die sich normalerweise über den Fahrstil aller anderen beschwert", erwiderte Bonnie, „Hallo? Damon?"

„Damon Salvatore ist gerade nicht dazu in der Lage mit Ihnen zu sprechen, Miss Bennett", sagte eine weibliche Stimme durch die Freisprechanlage.

„Alex", stöhnte Bonnie, „Was haben Sie mit Damon und Jeremy gemacht?"

„Mister Gilbert ist mir nicht unter gekommen, und was Mister Salvatore angeht …. Nun, er lebt noch. Für den Moment zumindest", erwiderte Alex, „Und das ist die Stelle an der Sie ins Spiel kommen, Miss Bennett. Sehen Sie, Sie haben die Wahl, entweder Sie lassen zu, dass ich ihn töte, oder Sie tun, was ich Ihnen sage, und ermöglichen ihm damit eventuell noch ein wenig länger zu leben."

Ihr Timing könnte wirklich nicht schlechter sein. Sie waren gerade hinter einer durchgedrehten Sirene her, sie brauchten wirklich keinen zusätzlichen Ärger mit einer weiteren. „Hören Sie, Alex, ich habe hier gerade wirklich schlechten Empfang. Wie wäre es, wenn wir uns in 20 Minuten noch einmal unterhalten?", schlug Bonnie vor.

„Mister Salvatore hat keine zwanzig Minuten mehr, Miss Bennett", lautete die vorhersehbare Antwort.

Bonnie unterdrückte einen Fluch und fuhr rechts ran. „Hey!", beschwerte sich Mary Louise von der Rückbank.

Carolines Auto fuhr unbeirrt weiter, zunehmend außer Sichtweite. Caroline, Valerie, und Tyler würden sich fürs Erste alleine mit Seline auseinandersetzen müssen. Der dritte Wagen, an dessen Steuer Matt saß, kam neben Bonnies Auto zu stehen. Bonnie deutete Matt weiter hinter Caroline herzufahren. Wenn er und sein Vater den anderen zur Hand gingen, hatte die möglicherweise größere Erfolgschancen. Alaric war bei den Kindern geblieben, zusammen mit Penny. Stefan stand unter Selines Bann, Jeremy war offensichtlich verschwunden, und Damon und Enzo beide in der Gewalt von Alex St. John. Ihnen ging langsam aber sicher die Verstärkung aus.

Bonnie warf Nora und Mary Louise einen vielsagenden Blick zu, und nahm ihr Handy dann von seinem Ständer und deaktivierte die Freisprechanlage. „Also schön", meinte sie langsam, „Ich höre."


A/N: Die Sache mit Stefan ist die, dass er eine sehr katholische Beziehung zu Schuld hat. Sie motiviert ihn dazu gut sein zu wollen, weil er denkt sie so irgendwie wieder gut machen zu können. Zugleich braucht er sie, weil er befürchtet ohne sie nicht gut sein zu können. Darauf beruhen aber auch viele seiner Probleme mit Damon, den Schuld im Gegensatz zu seinem Bruder erst recht dazu motiviert böse Dinge zu tun, da er denkt, dass er das, was er getan hat sowieso nicht mehr gut machen kann und sowieso schon alles egal ist. Und Stefan versteht die meiste Zeit über eben nicht, dass Damon das so vollkommen anders empfindet als er.

Na ja, aber zur Zeit machen beide Brüder dumme Dinge in dieser Fic.

Weiter geht der Kampf gegen die Sirenen im nächsten Teil.

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