Teil 8: Die Tore zur Hölle
I.
„Du kannst gerne damit aufhören mir solche Blicke zuzuwerfen, Bonnie", meinte Enzo zu ihr. Sie hatten eine kurze Pause an einer Tankstelle eingelegt. Der Vampir in Enzos Körper war verdammt schnell unterwegs, und sie waren ihm nur mittels Motorrad auf den Fersen, und Bonnie musste immer wieder mal neue Lokalisierungszauber durchführen um sicher zu stellen, dass sie ihm immer noch auf der Spur waren und er sie nicht durch einen unvorhergesehenen Spontanausflug abhängte, was sie wiederum noch mehr Zeit kostete. Und nun hatten sie gerade einen erneuten Statuscheck, wenn man es so nennen wollte, hinter sich und waren bereit weiterzufahren, doch Enzo war während Bonnie den Zauber sprach Snacks kaufen gegangen, und während sie sich stärkten, hatte Bonnie ihren Begleiter möglichst unauffällig im Auge behalten, allerdings nicht unauffällig genug.
„Es ist nur, dass du im Phönix-Stein warst. Ich weiß noch wie es Damon und Stefan ging, als sie hinausgekommen sind. Ich will nur sicher gehen, dass du …."
„Nicht durchdrehst?", vermutete Enzo, „Keine Sorge, Liebes, ich habe nicht vor dich anzugreifen oder mit Halluzinationen zu sprechen."
„Das hatten Damon und Stefan auch nicht vor", meinte Bonnie dazu, „Ich will nur, dass du mir sagst, wenn irgendetwas schief läuft, damit ich vorbereitet bin. Damon hätte mich beinahe umgebracht, nachdem ich ihn aus dem Stein rausgeholt habe. Ich kann auf eine Wiederholung verzichten. Besonders, wenn du in seinem Körper feststeckst."
„Ich habe mich total im Griff", behauptete Enzo, „Das hier ist die Realität, so seltsam sie auch sein mag, das weiß ich. Und wenn ich Leute sehe, die nicht hier sein können, nun dann werde ich es dich wissen lassen. Versprochen."
Bonnie nickte zufrieden. „Falls du über das, was dir im Stein widerfahren ist, sprechen willst. … Nun in diesem Fall bin ich auch für dich da", meinte sie noch.
„Danke für das Angebot, aber ich finde wir sollten uns zuerst darauf konzentrieren mich zu finden - meinen Körper meine ich. Alles andere kann warten", meine Enzo und kletterte hinten auf das Motorrad, „Sicher, dass ich nicht fahren soll?"
„Ja, ganz sicher. Gerade weil du Panikattacken und Flashbacks erleiden könntest, wärst du kein sicherer Fahrer", meinte Bonnie, „Außerdem komme ich mit dem Baby inzwischen ganz gut zurecht."
„Mit dem Baby?", wiederholte Enzo ungläubig, „Offenbar liegt es nicht an den Männern, es liegt an den Maschinen. Wer hätte je gedacht, dass du deine wahre Liebe in Form eines Bikes findest…."
„Halt die Klappe, Enzo", erwiderte Bonnie und kniff die Augen zusammen, „Von jemand, der seine Gitarre so liebkost wie du es tust, muss ich mir so was nicht sagen lassen. Im Übrigen kann ich es sowieso nicht behalten. Es ist sozusagen eine Leihgabe, die Nora mir besorgt hat."
„In diesem Fall könntest du es recht einfach behalten. Sein Vorbesitzer wird nicht wissen was daraus geworden ist und kaum viel Erfolg bei der Suche danach haben. Wenn es wahre Liebe ist, sollten solche Kleinigkeiten wie Besitzverhältnisse keine Rolle spielen. Und wenn du ein schlechtes Gewissen hast, kannst du den Vorbesitzer ja anonym auszahlen", schlug Enzo vor, „Natürlich immer vorausgesetzt, dass es nachher noch eine Welt gibt, in der ihr beide am Leben seid."
„Ah, wie ich sehe ist es der Körper nicht die Person darin. Dieser sarkastische Pessimismus liegt wohl in den Genen", stellte Bonnie fest und nahm vorne am Bike Platz und richtete sich ihren Helm, „Halt dich fest, er ist stehen geblieben, wir sind näher an ihm dran als jemals zuvor. Mit ein bisschen Glück holen wir ihn ein."
„Hoffentlich bevor er eine ganze Stadt aussaugt", fügte Enzo hinzu, „Wenn er stehen geblieben ist, dann hat das mit Sicherheit nichts Gutes zu bedeuten. Und nein, das ist kein sarkastischer Pessimismus, der mit dem Körper kommt, das ist die reine Erfahrung, die aus mir spricht."
Bonnie verdrehte die Augen und kickstartete das Bike, und dann brausten sie auch schon wieder davon. Was immer der Vampir in Enzos Körper auch plante, sie würden hoffentlich früh genug zur Stelle sein um ihn davon abzuhalten dabei zu sehr aufzufallen.
„Stefan, da bist du ja endlich, wir haben dich gesucht!"
Stefan sah auf und erblickte erneut Caroline. Zusammen mit Valerie dieses Mal. Dass sie beide hier waren um ihn zu finden, die Glocke einfach so zurückgelassen hatten, das konnte er nicht glauben. Nein, das hier waren nur wieder weitere Halluzinationen.
„Verschwindet, ihr seid nicht echt!", verkündete er und wich zurück.
Valerie schüttelte den Kopf. „So etwas hatte ich schon befürchtet", meinte sie, „Der Fluch hat bereits zu wirken begonnen. Er war paranoid und beginnt Dinge zu sehen, die nicht da sind."
Caroline seufzte auf sehr carolineische Art. „Stefan, wir sind keine Erscheinungen, wir sind wirklich hier", erklärte sie möglichst gefasst.
„Genau das würde eine Erscheinung ebenfalls sagen", hielt Stefan dagegen, „Ich habe vorhin schon mal eine lange Diskussion mit dir geführt, bei der du nicht anwesend warst! Ich falle nicht noch einmal auf den selben Trick herein. Ihr seid nur fluchbedingte Manifestationen meines Unterbewusstseins!"
Caroline wandte sich Valerie zu. „Gibt es keinen Zauber, mit dem du ihn beruhigen kannst?", wollte sie wissen.
„Ich kann es zumindest versuchen", meinte die Häretikerin, „Aber Magie könnten seinen Zustand möglicherweise nur noch weiter verschlimmern." Sie hob ihre Hand, doch Stefan hatte nicht vor sich verhexen zu lassen, von niemandem mehr, egal ob nun real oder nicht. Also floh er so schnell er konnte, bevor Valerie auch nur die Chance dazu hatte ihren Zauber auszusprechen.
„Nein, warte, Stefan!", rief ihm Caroline hinterher, doch er machte nicht den Fehler auf sie zu hören. Diesen Fehler würde er nie wieder machen.
Es sollte nicht so schwierig sein aus einem Krankenhaus abzuhauen. Aber entweder war es das, oder Damon ließ beträchtlich nach, oder dieser Mister Law hatte einen wirklich unbrauchbaren Körper sein eigen genannt. Der hat Glück, dass er schon tot ist, sonst würde ich ihm was erzählen!
Nach seinem ersten gescheiterten Fluchtversuch hatte Damon nicht aufgegeben, und kaum, dass die Gefängnisaufseherin-Krankenschwester ihn alleine gelassen hatte, erneut versucht sich abzusetzen. Und war wieder nicht sehr weit gekommen. Dieses Mal war er von dem Essenswagen gestoppt worden, mit dem er beinahe kollidiert wäre, als er durch den Gang gerannt (nun ja, eher geschlurft) war. Die darauf übereinander gestapelten Tabletts mit Krankenhausessen wurden gerade an die Patienten verteilt, und der Wagen blockierte den Krankenhausgang ungefähr genauso erfolgreich wie sein Gegenstück in den Lüften Flugzeugpassagieren seit jeher den Gang zur Toilette erschwerte.
Damon versuchte sich an dem Wagen vorbeizuschieben, doch er hatte kein Glück, weil er bei dieser Aktion von der Krankenschwester, die das Essen ausgab, entdeckt wurde. „Mister Law, was machen Sie denn hier? Sollten Sie nicht im Bett sein?!", wollte sie wissen, und Damon begann sich langsam zu fragen, ob jemand Steckbriefe mit Mister Laws Gesicht darauf verteilt hatte - jeder aus dem Pflegepersonal schien ihn zu kennen, obwohl er niemanden von ihnen kannte!
Auf jeden Fall war er aufgeflogen, und da er das Risiko die Gefängniswärterin-Oberschwester auf sich gehetzt zu bekommen nicht eingehen wollte, kehrte er in sein Zimmer zurück, und bekam ein Tablett mit Essen darauf vorgesetzt, und tat dann so als hätte er es die ganze Zeit über auf nichts anderes abgesehen gehabt.
Das Essen war nicht so besonders. Das Jogurt bildete das Highlight des Mals, während die Hauptspeise irgendein unidentifizierbares Fleischgericht darstellen sollte. Damon nippte hauptsächlich an seinem Tee.
Normalerweise hatte man nach einem ausgedehnten Trip in den Phönix-Stein Hunger, aber was ihn anging, bekam er kaum einen Bissen herunter, und das nicht nur weil das Essen ekelig war, nahm er an. Eigentlich sollte er es genießen wieder ein Mensch zu sein und normales Essen essen zu können ohne sich dabei nach Blut zu sehnen, aber irgendwie war das nicht der Fall. Worunter auch immer dieser Mister Law litt, es schlug ihm zu allem Überfluss auch noch auf den Magen.
Nachdem sein Tablett wieder eingesammelt worden war, plante er einen erneuten Fluchtversuch, musste allerdings sofort wieder in sein Bett zurückkehren, da in dem Moment als er sein Zimmer verlassen wollte ein Haufen Ärzte den Gang hinunterkam.
In diesem Krankenhaus gab es wirklich ziemlich viel Verkehr, es würde schwierig werden sich unbemerkt davon zu machen, wenn dauernd jemand durch die Gänge geisterte. Was kommt als nächstes? Besucher in der Form von Mister Laws Familie? Kaum, dass er das dachte, fiel ihm ein, was ihm zu diesem Thema gesagt worden war, als er telefonieren hatte wollen, und ihm wurde klar, dass das ein überaus realistisches Szenario war.
Aber er hatte keine Lust sich mit der Familie des toten Kerls, in dessen Körper er feststeckte, auseinanderzusetzen. Er wollte zu diesem Zeitpunkt schon lange über alle Berge sein! Aber wenn ihm nicht bald eine Lösung einfiel, wie er von hier wegkommen würde, dann würde er sich diesem Höllenszenario stellen müssen, ob er wollte oder nicht!
Vielleicht hätte er nach dem Schichtwechsel des Pflegepersonals größere Chancen zu entkommen, vielleicht wäre die nächste Schicht weniger aufmerksam. Ja, er glaubte selbst nicht wirklich daran, und eigentlich hatte er nicht so viel Zeit, aber ihm gingen langsam die Ideen aus. Er hatte nach einem Feuerzeug in seinen Sachen gesucht um den Feueralarm auszulösen und im darauffolgenden Chaos fliehen zu können, aber er hatte nichts gefunden. Mister Law besaß nicht nur kein Handy, er besaß auch nichts, mit dem man Feuer entfachen konnte, nichts, mit dem man Leute bestechen konnte (Damon hatte keine Geldbörse finden können), und auch nichts, das man irgendwie anderweitig als Waffe verwenden konnte – es gab im ganzen Zimmer nicht einmal einen Bleistift, und auch keinen Kugelschreiber. Kurz gesagt Mister Law war in jeder nur denkbaren Hinsicht nutzlos für Damon – nicht nur, dass sein Körper zu nichts zu gebrauchen war, nein, auch sein persönlicher Besitz war zu nichts zu gebrauchen, da er offenbar keinen sein eigen nennen konnte.
Was blieb Damon also noch übrig? Zu hoffen, dass Ric ihn finden würde und kommen würde um ihn zu retten? Das konnte dauern. Er hatte nur einen heisrigen Hinweis bekommen und wusste nicht wie Damons aktueller Körper aussah. Die Chancen, dass er Mister Law finden würde, standen also nicht besonders gut.
Wenn er gefunden und gerettet werden wollte, dann musste Damon irgendwie auf sich aufmerksam machen. Die Frage war nur wie - er schaffte es ja nicht einmal den Gang entlang zu gehen ohne ertappt zu werden. Und vermutlich war er inzwischen auch schon als verwirrt herumwandernder Patient verschrien, der sich schon mal am Stationstelefon vergriff, wenn es ihm in den Sinn kam. Die Leute hier erwarteten so ein Verhalten also bereits von ihm. Kein Wunder, dass er immer geschnappt wurde!
Nein, das hier ist nicht akzeptabel, so kann es nicht weitergehen. Ich werde nach allem, was ich durchgemacht habe, nicht von dem Krankenhauspersonal eines billigen Spitals mit furchtbaren Essen und dem verfallenden Körper eines Mannes, der ohne seine Geldbörse aus dem Haus geht, besiegt werden. Ich werde hier raus kommen! Ich muss einfach hier rauskommen! Das hier wird nicht mein Ende sein! Oh, nein, das wird es nicht!
Aber sich etwas vorzunehmen war eine Sache. Es durchzuführen eine ganz andere.
Cade hatte ihr gesagt, dass sie gute Arbeit geleistet hatte, und jetzt nur noch losgehen sollte und den letzten Teil, den sie für die Höllenglocke noch brauchten, holen sollte. Sie hatte ihn zur Hölle gewünscht, was er scheinbar sehr witzig gefunden hatte, und sich geweigert. Doch dann war Sybil aufgetaucht und hatte ihr das ihrerseits befohlen. Sie hatte sich wieder weigern wollen, hatte auch Sybil zur Hölle wünschen wollen, doch Sybils Griff um ihr Bewusstsein war zu mächtig, als dass sie sich noch dagegen wehren könnte.
Sie wusste, dass, wenn sie tat, was ihr befohlen wurde, wenn sie das Familienerbstück der Maxwells holte und zu Sybil brächte, dass in diesem Fall alles vorbei wäre. Ihre Beziehung zu Nora, ihre Freundschaft zu den anderen (wenn man es denn eine Freundschaft nennen konnte), das Leben, das sie nun führte – das alles würde dann der Vergangenheit angehören. Allerdings, tat es das nicht bereits? Hatte sie das alles nicht schon in dem Moment verspielt, als sie die Stimmgabel berührt hatte?
Nora hatte ihr gesagt, dass sie es nicht tun sollte, sie hatte es trotzdem getan, und dadurch war alles schief gegangen, dadurch hatten die Sirenen gewinnen können, hatte Cade gewinnen können. Schon das würde Nora ihr niemals verzeihen, und die anderen erst recht nicht. Und das sollten sie auch nicht, nicht wenn ihr Fehler zur Hölle auf Erden führen sollte. Das sagten ihr zumindest immer wieder die Erscheinungen, die auftauchten um sie zu quälen.
Es war der Fluch, das wusste sie, aber das zu wissen half ihr nicht dabei die Auswirkungen zu ignorieren. Es war verdammt schwer Stimmen und Gesichter von Leuten, die sie gekannt und geliebt hatte, zu ignorieren. Es war verdammt schwer sich immer wieder daran zu erinnern, dass das hier nicht Nora war, sondern nur eine Halluzination, die aussah wie Nora.
Das wirklich Tragische war, dass sie gerade begonnen hatte sich daran zu gewöhnen im 21. Jahrhundert zu leben, und jetzt … nun jetzt war alles verloren - der Seelenfriede, den sie sich mühsam erkämpft hatte, das Gefühl irgendwo hinzugehören, das Gefühl endlich einmal nicht mehr die ewige Außenseiterin zu sein – das alles gehörte nun der Vergangenheit an. Sie fühlte sich so verloren und verzweifelt wie sie sich immer gefühlt hatte, und so einsam wie vor ihrer Bekanntschaft mit Nora.
Sie wusste genau was für eine Art Fluch das war, einer, der ihre größten Ängste ans Tageslicht zerrte, einer, der ihr alles vor Augen führte, das sie jede Sekunde des Tages zu verdrängen suchte, einer, der sie daran zweifeln ließ was Realität war und was nicht.
Sie wusste, dass sie, wenn sie mit der Absicht jemanden zu schaden, kam, das Saltzman-Haus nicht würde betreten könne. Doch das Problem daran war, dass sie niemandem schaden wollte, der sich darin befand. Niemals würde sie den Zwillingen etwas antun, und die Zeiten, als sie bereit gewesen war Alaric etwas anzutun, lagen lange hinter ihr. Nicht einmal Matt Donovans langweiliger Polizistenfreundin wollte sie etwas antun.
Und sie konnte sich nicht darauf verlassen, dass der Fluch weitfortgeschritten genug wäre um sie davon abzuhalten das Haus zu betreten. Und sobald sie drinnen wäre, könnte Sybil sie dazu zwingen alles zu tun, auch die Dinge, die sie nicht tun wollte.
Das hier war das ultimative Schlupfloch – Sybil zwang sie zu nichts anderen als dazu das Haus zu betreten, wodurch sie genug sie selbst war um vom Zauber nicht als Gefahr erkannt zu werden, und erst wenn sie drinnen war, zwang sie sie zu Gewalt.
Anders als ihre anderen Handlanger war sie nicht von dem Gedanken erfüllt Sybil zu dienen, sie wollte das gar nicht, war nicht bereit für sie zu töten oder zu sterben, aber all das half ihr nichts, sondern machte sie gefährlicher; genau wie der Fluch sie gefährlicher machte, weil sie in einem Moment noch vollkommen normal wirken würde und sich im nächsten in eine rasende Irre verwandeln könnte.
Ich kann nicht zulassen, dass sie gewinnen, und wenn ich mich selbst dafür töten muss, dann werde ich es tun. Wenn sie das nur könnte, bevor Sybil erkannte was sie plante und sich wieder in ihrem Kopf breit machte…
„Dann wäre ich wenigstens einmal stolz auf dich", meinte Nicht-Nora, „Wenn du einmal etwas tun würdest, das nicht vollkommen selbstsüchtig wäre, dann hätte ich zumindest einmal Anlass dazu stolz auf dich zu sein. Also, nur zu … opfere dich für das Allgemeinwohl. Nimm dir dein eigenes Leben um die Welt zu retten. Um unsere Freunde, nein, entschuldige meine Freunde, zu retten - wir wissen doch beide, dass sie dich nur toleriert haben, weil du zu mir gehört hast."
Sie tat ihr Bestes um die Erscheinung zu ignorieren. Wenn Nicht-Nora, Nicht-Lily, Nicht-Beau, und die anderen da waren, dann wusste sie wenigstens wer sie war, dann hatte sie nicht das Gefühl einfach nur Sybils Sklavin zu sein. Dann war sie immer noch Mary Louise. Wenn sie nicht da waren, dann war sie sich die meiste Zeit über nicht einmal so sicher wer sie eigentlich war, dann wusste sie nicht mehr wo sie aufhörte, wo Sybil begann, und wo Cade existierte.
Dann wusste sie nicht warum sie die Dinge tat, die sie tat. So wie sie, kaum dass sie den Blick von Nora abwandte, nicht mehr wusste warum sie jetzt vor dem Saltzman Haus stand.
Hineingehen und das runde Ding holen….
„Ja, tu es ruhig, hol es und bring es deinem neuen Meister. Verrate mich endgültig, ich brauche dich sowieso nicht, ich habe jetzt Bonnie. Mit Bonnie verbindet mich mehr als mich jemals mit dir verbunden hat", sagte Nora (Nicht-Nora).
„Ja, ich weiß, die heilige Bonnie wäre nie in die Falle getappt, hätte nie den Stab berührt…", murmelte Mary Louise.
Glocke, Stab, und Erbstück. Das runde Ding, du bist hier um das runde Ding zu holen….
Sie betrat das Haus. Vielleicht konnte Alaric ihr helfen, vielleicht konnte er sie irgendwie von diesem Fluch heilen und von Sybils Einfluss befreien. Sybil hatte es selbst gesagt, sie war nicht gut mit Frauen, und so hübsch wie sie dachte, war sie auch wieder nicht. Mary Louise hatte kein Interesse daran sie zufrieden zu stellen oder ihr irgendwie anders zu dienen.
„Alaric?! … Polizisten-Frau?!" Wie war noch ihr Name?
Niemand antwortete. Waren sie bei den Babys? Mary Louise lauschte, und konnte kein Weinen hören.
„Die Babys, die sie dich noch nie haben halten lassen", zischte Nora ihr zu, „Aber mich schon. Wie kommst du darauf, dass Alaric dir helfen würde? Er, Caroline, und alle anderen, die haben immer nur auf diesen Tag gewartet. Sie wussten, dass es so kommen würde, sie wussten immer, dass du eines Tages Scheiße bauen würdest, Mary Lou. Muss ich dir erklären was Scheiße bauen bedeutet, oder verstehst du was ich meine?"
„Sag mir lieber warum hier niemand ist. Die Babys sind nicht hier. Ich kann sie nicht hören, überhaupt nicht", erwiderte Mary Louise, „Sie sind nicht hier. Keiner ist hier."
Das Haus war verlassen, von Alaric, den Babys, und Matts Polizistenfreundin gab es keine Spur. Und von dem runden Ding auch nicht. Sie sind nicht hier. Keiner ist hier!
Mary Louise lachte erleichtert auf. Das bedeutete, dass sie nicht noch mehr Schaden anrichten konnte, dass es hier niemanden mehr gab, den sie verraten und enttäuschen konnte, dass es nichts gab, mit dem sie hier alles noch schlimmer machen könnte.
Sybil und Cade hatten sie auf eine sinnfreie Mission geschickt! Das bedeutet, dass es noch nicht vorbei ist! Das bedeutet, dass wir noch nicht verloren haben!
Noch gab es Hoffnung, für ihre Freunde, für die Welt, und vielleicht sogar für Mary Louise.
„Und wie ist es gelaufen?", wollte Penny wissen, als Alaric ins Auto zurückkehrte.
„Natürlich gibt es hier keinen Patienten namens Damon Salvatore. Was aber nicht überraschend ist, wenn er sich in einem anderen Körper befindet", erwiderte der Professor und warf einen prüfenden Blick auf die Zwillinge auf der Rückbank. Josie und Lizzie schliefen friedlich.
„Andere Körper, Sirenen, Phönix-Steine … und ich war schon von der Tatsache, dass es Vampire gibt, überfordert", meinte Penny und schüttelte den Kopf, „Und zu denken, dass Matt dieses Leben schon seit Jahren führt…. Vor einen Monat hab ich noch Vampire gejagt und jetzt soll ich einen dabei helfen seine blutsaugerischen Wege fortzusetzen…"
„Das hier ist keine Körpertausch-Komödie. Vampirseelen können sich nur in toten Körpern festsetzen, und die zerfallen. Damon läuft die Zeit davon. Wenn wir ihn nicht retten können, dann stirbt er", erklärte Alaric, „Ich habe das selbst mit ansehen müssen. Bei einer Frau namens Florence, deren einziges Verbrechen es war nett zu sein, und die ich im Körper meiner toten Frau habe sterben sehen."
Penny warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie wieder wegsah. „Das war sicher schrecklich", meinte sie.
„Aber?", hakte Alaric nach.
„Aber – und ich weiß, dass ich mich damit jetzt anhöre wie ein furchtbar schrecklicher Mensch, vor allem, weil dieser Damon mich gerettet hat – aber wäre es wirklich so furchtbar, wenn wir ihn sterben lassen? Ich meine nach allem, was ich weiß, und ich gebe zu, dass das nicht besonders viel ist, aber nach allem, was Matt mir gesagt hat, sind Vampire tickende Zeitbomben. Ein schlechter Tag, ein Trauma, ein Verlust – und sie legen einen Schalter in ihrem Geist um und werden von anständigen Personen zu mordenden Monstern. Und sie alle trinken Menschenblut, sie stehlen die Blutbeutel, die Menschenleben retten sollen, oder zwingen andere dazu ihnen ihr Blut zu spenden, indem sie sie hypnotisieren. Und vielleicht wollen sie das in Wahrheit ja gar nicht. Ich weiß, dass ich so ein Leben nicht führen wollen würde. Was wenn es nicht nur für die Menschheit, sondern auch für diesen Damon eine Gnade wäre ihm zu erlauben als Mensch sterben zu können, anstatt ihn zurück in eine Existenz zu zwingen, in der er eine ständige Gefahr für andere ist?", sagte Penny.
Alaric starrte sie an. Und ja, das hörte sich an wie etwas, das ein fruchtbar schrecklicher Mensch sagen würde, aber irgendwie traf sie damit einen Nerv, denn Damon hatte ihm das alles anvertraut, dass er von Stefan dazu gezwungen worden war ein Vampir zu werden, wie sehr er sich gewünscht hatte ein menschliches Leben mit Elena an seiner Seite führen zu können, wie unglücklich er ohne Elena war, wie unglücklich er prinzipiell in seinem Leben war, und wie sehr er es hasste immer die schweren Entscheidungen treffen zu müssen, und wie leicht es war diese zu treffen, nachdem er seine Menschlichkeit ausgeschaltet hatte, aber eben nur dann. Damon hatte nie ein Monster sein wollen. Und war kreuzunglücklich. Und Alaric wusste wie es war ein Vampir zu sein, er hatte jede einzelne Sekunde davon gehasst.
Aber trotzdem, Damon wollte weiterleben, er wollte Elena wiedersehen, wollte mir ihr alt werden. Er wollte leben. Und das konnte er nur als Vampir.
Das hier war keine Frage danach was objektiv gesehen richtiger wäre, nicht einmal eine Frage danach, was für Damons Seelenheil besser wäre. Damon war sein Freund, mehr noch, er war beinahe sein Bruder – er konnte ihn nicht einfach sterben lassen. Das war keine Option, es wäre nicht einmal eine Option, wenn es sich um einen nicht-verfallenden Körper handeln würde, in dem Damon alt werden könnte, nicht solange ihn das für immer von Elena trennen würde.
Es wäre keine Gnade, nicht wirklich, oder vielleicht wäre es ja doch eine, aber es wäre nichts, mit dem Alaric jemals leben könnte. Vor Jahren hatte Damon ihn nicht einmal töten wollen um ihn seinerseits eine Gnade zu erweisen, um die dunkle Persönlichkeit, die von ihm Besitz ergriffen hatte, zu vernichten und so alle zu schützen, die ihnen beiden nahe standen. Er war bereit gewesen um ihn und ihre Freundschaft zu kämpfen, nicht nur weil Alarics Leben damals an Elenas gebunden war, sondern auch deswegen, weil er Alaric nicht hatte aufgeben wollen. Alaric schuldete ihm daher genau das Gleiche für ihn zu tun – ihn niemals aufzugeben, egal was passierte.
Und ja, im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass er zu egoistisch war um Damon einfach so gehen zu lassen, nicht wenn es möglich war ihn irgendwie zu retten, aber alles andere war ebenso wahr.
„Das ist nicht an uns zu entscheiden. Und Damon, Damon hat sich anders entschieden. Er hat mich angerufen, damit ich ihn rette, nicht damit ich eine moralisch überlegene Entscheidung treffe um seine Seele und die Leben von irgendwelchen hypothetischen Personen zu retten", erklärte er bestimmt, „Er ist mein Freund. Ich muss ihn retten. So einfach ist das."
Penny seufzte. „Also schön", meinte sie, „Es kommt mir immer noch falsch vor, aber er hat mein Leben gerettet, also bin ich es ihm schuldig mich zu revanchieren, schätze ich. Ich werde die Marke benutzen. Aus Datenschutzgründen müssen die mir nichts sagen, aber ich schätze, dass ein Vampir im Menschenkörper irgendjemanden aufgefallen sein muss. Ich kann Terrorverdacht verwenden, das hat Matt und mir in den letzten Monaten immer gut weitergeholfen." Nun warf sie auch einen Blick auf die Babys. „Was ist mit den Kleinen? Wenn Sie sie nicht im Wagen lassen wollen…. nun, dann werden Sie auffallen…"
Alaric warf einen Blick auf seine Töchter und das runde Artefakt was zwischen ihren Sitzen lag. „Nichts, was sich in diesen Wagen befindet, kann hier unbewacht zurückgelassen werden. Machen Sie ihr Cop-Ding, und rufen Sie mich dann an. Ich kümmere mich um meine Kinder", meinte er, und machte sich dann daran sich die Tragetasche für die Zwillinge umzuschnallen. Eine kleine Magiesaugerin hinten und eine vorne, das würde schon gehen. Die Frage war nur, wo er das Maxwell-Erbstück einstecken sollte.
Während Penny ausstieg um ihr Cop-Ding zu machen und so hoffentlich herauszufinden, wo Damon steckte, dachte Alaric bei sich, dass Damon hoffentlich den Anstand hatte ihm nicht wegzusterben, während er all das hier auf sich nahm um ihn zu retten. Rettungsaktionen samt Babys waren nämlich verdammt kompliziert.
Wenn das hier vorbei wäre, nun dann würde er sich dringend nach einer vertrauenswürdigen Nanny umsehen müssen – und mit Damon ein langes Gespräch darüber führen warum es keine gute Idee war sich alleine in Gefahr zu begeben und dann darauf zu vertrauen, dass irgendjemand kommen würde um einen zu retten, wenn gerade die Apokalypse drohte.
Immer vorausgesetzt beides würde dann immer noch möglich sein, natürlich.
A/N: Ja, wenn wir schon „Tale of the Body Thief" klauen, dann schon richtig. Also musste auch diese Diskussion kurz sein. Und ja, es ist furchtbar von Penny das zu sagen, und von Alaric ihr auch nur einen Moment lang zuzuhören, aber es ist eine naheliegender Vorschlag für sie.
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