Heute ist zwar kein geschichtsträchtiger Jahrestag, aber dafür der letzte Tag der Eisheiligen. Wo ich gerade bin, hat sich die Kalte Sophie zwar kühl, aber immerhin recht sonnig präsentiert. Und ab morgen wird es wieder wärmer! :-) So, jetzt wird es aber Zeit für das zweite Kapitel:
Etwa zur gleichen Zeit fuhr eine rote Kutsche, die die Aufschrift Wells Fargo & Co. Overland Stage trug, mit hoher Geschwindigkeit und unter enormer Staubentwicklung auf der schlecht ausgebauten Straße zwischen Gamble Town und Pleasure Gulch dahin. Der grauhaarige Kutscher trieb die vier Pferde mit der Peitsche und wildem Geschrei zu höchster Leistung an, denn wie so oft hinkte er seinem Zeitplan hinterher.
Im Innern der Kutsche saßen zwei Damen und ein Herr und versuchten, so gut es ging, bei der rasanten Fahrt auf holpriger Piste ihr Gleichgewicht zu wahren und nicht mehr Staub als nötig zu schlucken. Die ältere der beiden Damen war etwa Mitte vierzig, etwas füllig, hatte feuerrotes Haar und trug eine Art Stola aus einem blauen, plüschigen Stoff undefinierbarer Herkunft. Von Zeit zu Zeit sah sie durchs Fenster zum Kutscher, dann wieder auf eine kleine, ziemlich abgenutzte Taschenuhr, die sie aus ihrem Beutel zog, und lehnte sich schließlich immer wieder mit einem finsteren Gesichtsausdruck und einem höchst undamenhaften Gemurmel auf den Lippen in die abgewetzten Lederpolster zurück.
Die jüngere Dame, die neben ihr saß, verzog dabei jedes Mal kaum merklich die Mundwinkel, ließ sich jedoch sonst nichts anmerken. Sie war etwa 25 Jahre alt und trug ihr braunes Haar in einem strengen Knoten. Ihr Reisekleid war makellos sauber und ordentlich und aus einem Stoff geschneidert, der viel feiner war als der, aus dem die Kleider der Pioniere in dieser Gegend für gewöhnlich gemacht waren. Auch die hochhackigen Schnürstiefel an ihren Füßen waren von einer gewissen Feinheit und ebenfalls tadellos sauber.
Ihr gegenüber saß ein überaus elegant gekleideter, dunkelhaariger Herr mittleren Alters mit weißen Handschuhen, Monokel und Zylinder und unterhielt sich angeregt mit ihr, wobei sein Akzent und seine Ausdrucksweise sehr deutlich verrieten, dass er ein englischer Edelmann war: „Ja, in der Tat, Miss Dweedlecum, ich habe in der New York Times von Senator Reids Bildungsprogramm gelesen, und nach dem Benehmen und der Ausdrucksweise unseres Kutschers zu urteilen ist ein solches Programm dringend vonnöten. Wie ich hörte, gibt es in diesen fernen westlichen Kolonien – Pardon, Territorien – kaum Schulen, von Universitäten ganz zu schweigen."
„Das ist leider die traurige Wahrheit, Lord Buttercup, aber um diesen trostlosen Zustand zu beenden, bin ich ja dem Aufruf des Senators gefolgt, habe meiner Heimatstadt Boston den Rücken gekehrt und bin nun hier im 'Wilden Westen', um die Kinder der Pioniere zu unterrichten."
Bei diesen Worten strahlten die hellbraunen Augen der jungen Dame vor Enthusiasmus.
„Ihr bemerkenswerter Eifer ist überaus löblich, Miss Dweedlecum", erwiderte Lord Buttercup anerkennend. „Ich bin sicher, dass Sie als Lehrerin schon bald große Erfolge hinsichtlich der Bildung der Bevölkerung dieser wilden Landstriche erzielen werden."
„Nun, ich hoffe es", antwortete Miss Dweedlecum leicht errötend. „Denn Bildung ist der erste Schritt zu einer zivilisierten, kultivierten Gesellschaft, in der die Menschen in gegenseitiger Achtung und in Frieden miteinander leben."
„Bildung ist schön und gut", ließ sich nun die rothaarige Dame mit der blauen Stola vernehmen. „Aber die Menschen brauchen auch Zerstreuung, Kunst, Musik und Tanz."
„Selbstverständlich, Miss Mulligan", pflichtete ihr Lord Buttercup bei. „Die trockene Wissenschaft muss durch die schönen Künste zu einem harmonischen Ganzen ergänzt werden. Schon die alten Griechen wussten um die Bedeutung der Musen für die Gesundheit des menschlichen Geistes."
„Ich kannte auch mal einen alten Griechen, Dimitri hieß er", fuhr Molly Mulligan fort. „Aber von irgendwelchen Musen hat der mir nie was erzählt. Sind das wohl berühmte Saloonsängerinnen bei euch in Europa?"
Einen Augenblick herrschte peinliches Schweigen, das schließlich durch ein höfliches Hüsteln des Lords unterbrochen wurde: „Nun – gewissermaßen ja. Polyhymnia ist – wie ihr Name schon verrät – die Liederreiche unter den Musen, und auch die Musen Melpomene, Terpsichore, Euterpe, Thalia und Kalliope haben entweder mit Musikinstrumenten, Tanz oder einer schönen Stimme zu tun. Ich will stark hoffen, dass zumindest die gebildeteren Schichten in der Alten Welt die Namen der neun Musen kennen."
„Das müssen ja patente Mädels sein, diese Musen, dass sich die Leute ihre Namen merken, obwohl man sie kaum aussprechen kann!" Molly Mulligan stieß bei diesen Worten leise einen bewundernden Pfiff aus und fuhrt fort: „Ich wünschte, ich wäre auch so bekannt wie sie. Klar, hier in den kleinen Westernkäffern kennen mich die meisten, aber wer es wirklich zu was bringen will, der muss auch in großen Städten wie San Francisco oder New York berühmt sein. New York ist verdammt weit weg, und in Frisco hat mich niemand engagieren wollen. Und jetzt sieht es so aus, als ob ich dank dieses idiotischen Trottels von einem unfähigen Kutscher namens Joker Jim noch nicht mal rechtzeitig nach Pleasure Gulch komme, wo meine alte Kollegin Laura Legs mich für ihren neuen Saloon angeheuert hat!"
„Ich gebe zu, dass der Kutscher in mancher Beziehung professioneller sein könnte", sagte Lord Buttercup, sichtlich bemüht, über die undamenhafte Ausdrucksweise von Miss Mulligan hinwegzusehen.
„Ja", pflichtete auch Miss Dweedlecum bei. „Ich fand es auch in höchstem Maße befremdlich, dass der Kutscher den Aufenthalt in Gamble Town mit Pokerspielen verbrachte. Wenn er wenigstens rechtzeitig damit aufgehört hätte ..."
„Aber der alte Taugenichts musste ja die Postkutsche verspielen", fiel ihr Molly Mulligan ins Wort. „Und das mit einem Blatt in der Hand, mit dem andere ihren Mitspielern das letzte Hemd abgenommen hätten. Drei Asse und zwei Buben! Wirklich, wenn ich nicht für ihn eingesprungen wäre und die Postkutsche zurückgewonnen hätte, säßen wir jetzt noch in diesem Kaff fest. Übrigens, 's war ein netter Zug von Ihnen, mir Ihre goldene Taschenuhr als Einsatz zu leihen, Mr. Buttercup."
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Jolly Jumper eilte im schnellen Trab durch die trockene, von Kakteen- und Beifußarten bewachsene Halbwüstenlandschaft nach Süden, wo irgendwo die Straße zwischen Gamble Town und Pleasure Gulch verlief. Gelegentlich stießen seine Hufe gegen von der Sonne gebleichte Rinderknochen oder -schädel, und hin und wieder floh eine Klapperschlange erschrocken rasselnd vor dem Getrappel des Apfelschimmels hinter einen Felsbrocken. Lucky Luke war beim Reiten in eine Landkarte und einen Fahrplan der örtlichen Postkutschenlinie vertieft, die er, so gut es eben ging, auf Jollys Rücken ausgebreitet hatte. Zwischen den Lippen des Cowboys steckte ein Grashalm, der ebenso wie seine schwarze Haartolle und die Zipfel seines roten Halstuches im Takt der Hufe auf- und niederwippte. Ein weißer Hut mit breiter Krempe schützte seinen Kopf vor der noch immer heißen Nachmittagssonne und am Leib trug er ein gelbes Hemd, eine schwarze Weste und eine blaue Baumwollhose. Braune Cowboystiefel mit Sporen sowie ein Halfter, in dem ein Sechsschüsser samt Ersatzpatronen steckte, vervollständigten seine Ausrüstung.
„Mal überlegen", murmelte er halblaut vor sich hin. „Lauras Telegramm wurde kurz nach zwei Uhr nachmittags aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt war die Postkutsche also noch nicht in Pleasure Gulch eingetroffen, obwohl sie laut Fahrplan um elf Uhr hätte ankommen sollen. Das sind drei Stunden Verspätung – eigentlich noch kein Grund zur Aufregung, insbesondere wenn der alte Joker Jim der Kutscher war. Der kann ja keinem Pokerspiel aus dem Weg gehen, und dabei ist er der lausigste Spieler westlich des Mississippi. Und dann musste er auch noch durch Gamble Town! Jolly, ich glaube, das wird diesmal ein kurzes Abenteuer. Wahrscheinlich ist der Postkutsche gar nichts weiter zugestoßen, und Molly Mulligan ist mittlerweile quietschvergnügt bei Laura angekommen."
„Wenn das so ist, kann ich ja aufhören, mir die Hufeisen abzuwetzen", erwiderte der Apfelschimmel und blieb abrupt stehen, sodass Lucky Luke einen gefährlichen Ruck im Sattel machte und obendrein die Landkarte ins Gesicht bekam.
„He, was soll denn das, Jolly?", rief er leicht verärgert. „Noch haben wir die Postkutsche schließlich nicht gefunden, von Molly Mulligan ganz zu schweigen! Giddy-up!"
Seufzend setzte sich der Hengst wieder in Bewegung, und der Cowboy kehrte zu seinen Überlegungen zurück: „Fragt sich, ob wir nach Gamble Town reiten sollen oder doch lieber nach Pleasure Gulch, sobald wir auf die Straße stoßen. Weit kann sie eigentlich nicht mehr sein, die Straße."
Mit diesen Worten faltete er Landkarte und Postkutschenfahrplan sorgfältig zusammen und verstaute sie in den Satteltaschen. Dann hielt er die rechte Hand an die Stirn und spähte nach vorne.
„Na so was!", rief er plötzlich aus. „Jolly, siehst du auch, was ich sehe?"
„Oh nein, bloß nicht!", stieß das Pferd entsetzt hervor und wurde unwillkürlich langsamer. „Bitte, lass es nur eine Luftspiegelung sein! Nicht schon wieder dieser wandelnde Flohsack, der dümmer ist als sein eigener Schatten! Los, Cowboy, wir haben eine Postkutsche zu finden, lass uns einfach vorbeireiten – nur dieses eine Mal!"
„Brr, Jolly! Wie es aussieht, braucht unser Freund Rantanplan dringend Hilfe."
„Unser Freund? Dein Freund mag er ja vielleicht sein, aber an deiner Stelle würde ich mir meine Freunde etwas sorgfältiger aussuchen, Cowboy!"
Trotz seines Unwillens war Jolly schließlich doch stehen geblieben und ließ Lucky Luke absteigen. Dieser beugte sich nun zu dem reglos am Boden liegenden Hund nieder und hob ihn auf.
„Er braucht dringend Wasser. Typisch Rantanplan, den Weg zum nahen Fluss nicht zu finden, sondern in der Nachmittagshitze zu verschmachten."
Mit diesen Worten legte er den Hund quer über Jollys Rücken – sehr zum Verdruss des Hengstes – und beträufelte seine Schnauze mit Wasser aus seiner eigenen Feldflasche. Augenblicklich kam Rantanplan zu sich und leckte gierig die herabfallenden Wassertropfen auf.
„Das tut dir gut, nicht wahr?", sagte Lucky Luke freundlich. „Trink aber nicht zu hastig, das ist ungesund. Hm, was hast du eigentlich hier verloren, mein Junge? Du solltest doch in Yuma die Daltons bewachen, oder? Oder sind die sauberen Brüder mal wieder ausgebrochen? Aber dann hätte ich doch ein Telegramm vom Gefängnisdirektor bekommen! Am besten reiten wir zum Gefängnis, sobald wir die Sache mit der Postkutsche und Molly Mulligan geklärt haben."
„Waren das noch Zeiten, als mein Cowboy seine Tage noch mit dem Treiben und Einfangen von Rindern verbrachte!", seufzte Jolly Jumper. „Was gäbe ich jetzt für einen gemütlichen Viehtrieb vom Rio Grande nach Abilene in Kansas! Man reitet wochenlang gemächlich im Schritt neben der Herde her und muss nur hin und wieder mal hinter einem vorwitzigen jungen Maverick oder einem Viehdieb hergaloppieren. Ja, die guten, alten Zeiten! Aber mein Cowboy muss sich ja durchaus überall in alles einmischen, was ihn gar nichts angeht. Wie es scheint, hält er sich nicht nur für den privaten Aufpasser der Daltons, sondern auch noch für das Herrchen dieses strohdummen Gefängnisköters!"
,Vorsicht ist uns Hunden angeboren', dachte Rantanplan bei sich. ,Dieser Cowboy sieht nicht sehr vertrauenswürdig aus. Er kommt mir von irgendwoher bekannt vor. Vielleicht aus dem Gefängnis? Er gibt mir zwar Wasser, aber offenbar nur sehr widerwillig. Das große Tier hier unter mir hingegen scheint mich zu mögen. Vielleicht hilft es mir ja, den netten langen Mann mit dem Bisonknochen wiederzufinden.'
„Los, Jolly, giddy-up! Wir haben schon zu viel Zeit verloren."
Mit diesen Worten schwang sich Lucky Luke hinter Rantanplan in den Sattel und gab Jolly die Sporen.
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Kurze Zeit später erreichten sie die staubige Piste, auf der die Postkutsche zwischen Gamble Town und Pleasure Gulch verkehrte. Lucky Luke ließ Jolly anhalten, stieg ab und kniete sich in den Straßenstaub. Mit fachmännischer Miene untersuchte er die Spuren auf dem Boden, während Jolly heimlich versuchte, Rantanplan durch unauffälliges, aber geschicktes Bocken von seinem Rücken zu stoßen.
„Wie ich es mir gedacht habe! Die Postkutsche ist unterwegs nach Pleasure Gulch. Sie ist vor weniger als einer Viertelstunde hier vorbeigekommen, und wie es aussieht, sind alle Räder noch intakt, den Pferden fehlt kein Hufeisen und mit ihrer Verdauung ... he, Rantanplan, was soll denn das?"
Bei diesen letzten Worten nämlich war Jollys Vorhaben geglückt und Rantanplan im hohen Bogen und unter heftigem Rudern aller vier Pfoten auf Lukes Rücken gelandet, wodurch der Cowboy zu Boden ging. Der Apfelschimmel wieherte laut vor Lachen und zeigte unverhohlen seine Schadenfreude, während Lucky Luke aufstand und sich den Staub von den Kleidern klopfte.
,Und dabei habe ich heute meine Sachen frisch gewaschen!', dachte er voll Verdruss. Laut sagte er: „Du solltest dich was schämen, Jolly!"
Rantanplan, der gleich wieder von Lucky Lukes Rücken heruntergesprungen war, schüttelte sich und sagte zu sich selbst: „Das war ein schönes Spiel! Ich glaube, das weiße Pferd mag mich wirklich! Aber der Cowboy ist ein Spielverderber."
Im Lucky-Luke-Universum wird bisweilen Giddy-up! [sprich: giddi-ap] statt Hü! gesagt. Ein Maverick ist ein - oft junges - Rind, das dazu neigt, aus der Herde auszubrechen.
Hand aufs Herz, wer weiß die Namen der neun Musen auswendig? ;-) Ich gestehe, dass ich sie für diese Geschichte nachschlagen musste. Als Grundschulkind waren sie mir aber geläufig, da ich zu dieser Zeit einen Alte-Griechen-Fimmel hatte.
