Irgendwie ist fast jeder Tag auf seine Weise besonders - heute ist der Tag zwischen Himmelfahrt und dem Geburtstag des Grundgesetzes. ;-)
Etwa zur gleichen Zeit kauerten die Daltons unweit der schlecht ausgebauten Straße zwischen Gamble Town und Pleasure Gulch zwischen ein paar Felsen, die ein hervorragendes Versteck abgaben. Es war heiß, und in ihrer eingepferchten Stellung litten die vier Brüder umso mehr darunter. Statt der gelb-schwarz-gestreiften Sträflingsanzüge trugen sie nunmehr blaue Hosen mit Hosenträgern, grüne Hemden, schwarze Halstücher und graue Hüte, die sie in ihrem Höhlenversteck in der Nähe vorgefunden hatten. Joe nestelte nervös an einer alten, verschlissenen Taschenuhr mit zerbrochenem Deckel und abgerissener Kette, die er einige Tage zuvor einem Mithäftling in Yuma entwendet hatte.
„Viertel vor fünf! Diese verflixte Postkutsche hat wieder mal Stunden Verspätung!", schimpfte er ärgerlich.
„Wie lange müssen wir es hier noch aushalten, Joe?", fragte Averell mit leidendem Gesichtsausdruck. „Ich habe Hunger!"
„Und ich habe Durst!", meldete sich nun auch Jack zu Wort.
„Der Fluss ist doch nicht weit von hier", ließ sich William vernehmen. „Es könnte doch einer von uns hingehen, um die Feldflaschen aufzufüllen und ..."
„Wir bleiben alle hier!", brüllte Joe. „Die Kutsche kann jeden Augenblick da sein, und dann brauchen wir jeden Mann. Außerdem führt sie sicher Proviant und Wasser mit sich – da können wir uns dann ganz bequem mit allem versorgen."
„Im Gefängnis machen sie jetzt grad' Pause und trinken Wasser. Und zum Abendessen gibt es später Kartoffelbrei und zum Nachtisch Apfelmus!"
Wenn sich Averell auch sonst nicht viel merken konnte – den Speiseplan des Gefängnisses hatte er stets im Kopf!
„Hör bloß auf, Averell!", stöhnte Jack. „Du machst ja alles nur noch schlimmer!"
„Genau, halt die Klappe, Averell! Los, Jungs, lasst uns lieber noch mal unseren Plan durchgehen", befahl Joe.
„Die Postkutsche kommt um die Kurve und fährt ungebremst in das Loch, das wir heute Morgen ausgehoben und getarnt haben ...", begann William.
„... dann bricht ihr vermutlich ein Rad und sie muss stehen bleiben ...", fuhr Jack fort.
„... und dann schickt Ma vielleicht wieder einen Kuchen mit eingebackener Feile für uns, und wir sind nicht da ..."
„Averell!", erscholl es zornig aus drei Kehlen.
„Kannst du Blödmann dich eigentlich nicht ein einziges Mal auf die Arbeit konzentrieren?", herrschte Joe seinen längsten Bruder an. „Also, sobald die Kutsche steht und der Kutscher abgestiegen ist, um den Schaden zu besehen, stürzen wir aus unserem Versteck hervor und bedrohen die Leute mit unseren Revolvern."
„Aber Joe, wir haben doch gar keine Munition!", wandte Averell ein.
„Hmpf! Das wissen die Leute aber nicht! Wir sind die Daltons, und wir schüchtern sie allein durch unseren Anblick so ein, dass sie alles tun, was wir von ihnen verlangen!"
„Du bist wirklich genial, Joe!", lobte William.
„Ja, du bist der Schlauste und der Gemeinste von uns", sagte Jack anerkennend.
„Und der Kleinste!", gab Averell seinen Senf dazu.
Im nächsten Augenblick hielt er schützend die Hände vors Gesicht, denn Joe hatte sich auf ihn gestürzt und schrie rot vor Zorn: „Ich bring ihn noch um, diesen Blödmann mit seinen dummen Bemerkungen!"
„Ganz ruhig, Joe!", beschwichtigten William und Jack und versuchten, Averell vor dem rasenden Joe zu beschützen. Dabei kam es schnell zum allgemeinen Handgemenge, und kurz darauf waren die vier Brüder hoffnungslos ineinander verkeilt und schlugen und traten nach allen Seiten.
Über all dieser Aufregung bemerkten die Daltons nicht, wie die rote Postkutsche um die Kurve kam, mit voller Geschwindigkeit in das von ihnen ausgehobene Loch fuhr, das linke Vorderrad verlor und infolgedessen sehr unsanft zum Stehen kam. Ebenso wenig nahmen sie wahr, wie die Fahrgäste und der Kutscher den Schaden begutachteten, miteinander beratschlagten und schließlich diskutierten. Sogar die recht laut und temperamentvoll ausgetragene Meinungsverschiedenheit zwischen dem Kutscher und der rothaarigen, fülligen Dame ging im brüderlichen Streit unter. Erst, als die besagte Dame auf einem der vier Postkutschenpferde dicht am Versteck der Daltons vorbeigaloppierte, horchte Averell auf. Gerade hatte er sich aus Joes Schwitzkasten befreien können und kroch nun näher an einen Spalt zwischen den Felsen, um nach draußen zu spähen. Seine Brüder waren nach wie vor ineinander verkeilt und schwangen die Fäuste.
„Joe ...", begann Averell vorsichtig.
„Halt die Klappe, Averell!", war die Antwort.
„Aber Joe, hast du nicht gesagt ...", begann Averell von Neuem.
„Ich sagte: Halt die Klappe!, und genau das meine ich auch!", keuchte Joe wütend und kroch unter Jack hervor.
„Wie du meinst, Joe, du bist ja schließlich der Boss", sagte Averell achselzuckend und beobachtete weiter die Szene. „Ich dachte bloß, wir sollten aus unserem Versteck stürzen, wenn die Postkutsche da ist."
Joe hielt inne und senkte die Faust.
„Die Postkutsche?", fragte er argwöhnisch. „Ja, ist sie denn mittlerweile da?"
„Ja, schon eine ganze Weile, wie es aussieht. Eine Frau mit roten Haaren ist auf einem der Pferde hier vorbei in Richtung Pleasure Gulch geritten. Die anderen stehen rum und reden."
„Averell, du ...", Joe knirschte förmlich vor unterdrücktem Zorn. „Darüber reden wir noch! Los jetzt, Jungs, schnappt eure Revolver und dann nichts wie hin!"
„Oh Joe, sieh mal, da ist ja auch Lucky Luke! Und er hat Rantanplan bei sich!"
Averell schien sich über den Anblick des Cowboys regelrecht zu freuen.
Ganz anders sein Bruder Joe: „Lucky Luke?! Lucky Luke! Ha, der kann was erleben! Ich werde ihn ..."
Mit diesen Worten warf sich Joe wieder auf den Boden und hämmerte mit dem Revolver in der Faust auf die Erde ein.
„Beruhige dich, Joe!", rief Jack, und William setzte hinzu: „Komm, wir wollten doch die Postkutsche überfallen!"
Diese Worte brachten Joe jäh zur Räson.
„Die Postkutsche!", rief er aus. „Überfallen! Ha! Verdammt! Jetzt, wo Lucky Luke dabei ist, ist die Sache zu gefährlich! Denkt dran, wir haben doch keine Munition! Unser Plan beruhte darauf, dass wir die Leute mit unseren Revolvern und unserem Ruf als gefürchtete Banditen einschüchtern – und damit ist es Essig, wenn dieser dreimal verwünschte Kuhtreiber mit seiner lässigen Art und seinem Sechsschüsser dabei ist! Oh, ich hasse ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn!"
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Lucky Luke stand zusammen mit Joker Jim vor der Postkutsche und begutachtete den Schaden.
„Das Rad ist bloß abgesprungen, nicht zerbrochen", sagte Jim grinsend, wobei sichtbar wurde, dass ihm die oberen Schneidezähne fehlten. „Meine gute, alte, solide Concord eben! Wir könnten den Schaden eigentlich leicht wieder reparieren, wenn wir die Kutsche bloß anheben könnten."
„Versuchen können wir's", stimmte Lucky Luke zu. „Wir drei Männer heben die Kutsche an, und die junge Dame hier setzt das Rad an seinen alten Platz zurück."
„Äh, also, ich darf leider überhaupt nichts heben, hat der Arzt gesagt – mein Rücken ..."
Mit diesen Worten beugte sich der alte Joker Jim leicht nach vorne und führte die rechte Hand ans Kreuz, als ob er durch die Geste das Gesagte bekräftigen wolle.
„Leider werde auch ich Ihnen keine große Hilfe sein, mein junger Freund", ließ sich nun Lord Buttercup vernehmen. „Denn bedauerlicherweise ist auch meine Gesundheit nicht die beste, und darüber hinaus sind die Hände eines Lords grundsätzlich gänzlich ungeeignet für diese Art von körperlicher Arbeit."
„Und wie stellen Sie sich dann das Anheben der Kutsche vor?", fragte Lucky Luke mit einem leichten Anflug von Ärger in der Stimme. „Alleine hebe ich diese Kutsche bestimmt nicht hoch! Wenn es hier einen Baum gäbe, über den wir ein Seil wie über einen Flaschenzug laufen lassen könnten, dann könnten die Pferde ja die Arbeit verrichten ..."
,Typisch, immer müssen wir ran!', dachte Jolly Jumper.
„... aber so ... so müssen wir am Ende warten, bis Molly Mulligan uns Hilfe aus Pleasure Gulch schickt", vollendete Lucky Luke seinen Satz.
„Nicht unbedingt!", rief Miss Dweedlecum, die sich bisher etwas abseits gehalten und, wie es aussah, Notizen in ein kleines Buch gemacht hatte. „Ich glaube, mit dem richtigen Werkzeug könnte ich die Kutsche ganz alleine problemlos anheben."
„Ihren Eifer in allen Ehren, Miss ...", begann Lucky Luke.
„Dweedlecum. Augusta Dweedlecum, Lehrerin aus Boston. Ich bin dem Aufruf Senator Reids, Bildung und Wissen in die entlegenen Gegenden des Wilden Westens zu tragen, gefolgt und hoffe, in Pleasure Gulch eine Schule aufbauen zu können."
„Sehr erfreut, Miss Dweedlecum", sagte Lucky Luke, zog den Hut und verbeugte sich galant. „Lucky Luke, einsamer Cowboy weit weg von zu Haus'."
Bei sich dachte er: ,Das erinnert mich an die Geschichte mit Oberlehrer Erwin Schlau und Scherzkeks Jimmy Spitzbauch in Raw Gulch.'
„Mr. Luke, sicher haben Sie schon von Archimedes und seinem Hebelgesetz gehört?", fuhr die Lehrerin fort. „Er soll gesagt haben: Gebt mir einen festen Punkt und einen ausreichend langen Hebel, und ich werde ganz alleine die Welt aus den Angeln heben! Nun, natürlich möchte ich mir nicht anmaßen, mich zu den höheren Sphären dieses bemerkenswerten Gelehrten hinaufzuschwingen, aber unser Vorhaben ist ja auch viel bescheidener als das seine, und daher glaube ich in der Tat, dass ich die Kutsche mit einem geeigneten Hebel ohne fremde Hilfe anheben kann."
Die letzten Worte hatte Augusta Dweedlecum voller Bestimmtheit hervorgebracht. Jetzt stand sie mit in die Hüften gestemmten Händen da und blickte herausfordernd in die Runde.
„Miss Dweedlecum hat Recht, was Archimedes' Ausspruch betrifft", gab Lord Buttercup zu. „Jedoch ist die praktische Umsetzung für unsere Situation sicher nicht so einfach zu bewerkstelligen. Man müsste erst langwierige Berechnungen anstellen, um die notwendige Länge des Hebelarmes sowie die Lage des richtigen Hebelpunkts zu ermitteln – und ich muss gestehen, dass sich dies meiner Kenntnis entzieht."
„Nicht jedoch meiner Kenntnis!", erwiderte Miss Dweedlecum triumphierend und hielt Lord Buttercup ihr Notizbuch unter die Nase. „Hier habe ich bereits alles ausgerechnet und Skizzen angefertigt – überzeugen Sie sich selbst!"
Während Lord Buttercup sein Monokel ins Auge klemmte und aufmerksam die sauber geschriebenen Rechnungen und Skizzen im Notizbuch der Lehrerin studierte, meldete sich der alte Jim zu Wort: „Also, Miss, wenn Sie es tatsächlich schaffen, die Kutsche mit diesem Hebelgesetz von diesem Archibald ganz alleine anzuheben, dann gebe ich Ihnen in Pleasure Gulch einen doppelten Whiskey aus, das schwöre ich bei meiner guten, alten Concord hier!"
„Whiskey?", entfuhr es Miss Dweedlecum entsetzt.
„Ich glaube, Sie sollten Miss Dweedlecum lieber auf andere Weise Ihre Hochachtung zeigen, Jim", sagte Lucky Luke lachend. „Bei der Aussicht auf einen Whiskey ändert sie nämlich ihre Meinung und lässt die Sache mit dem Hebel bleiben."
„Gut, jetzt haben wir also die notwendigen Daten, aber das genügt nicht, um vom Reich der Theorie in die uns umgebende Praxis zu gelangen. Wir müssen in dieser Wildnis hier erst einmal eine als Hebel geeignete Stange und einen Felsbrocken für den Hebelpunkt finden", wandte Lord Buttercup kritisch ein.
„Das ist kein Problem. Jolly und ich sind auf dem Weg hierher an einem toten Baum vorbeigeritten, der könnte den Hebel liefern, und Steine in allen Größen liegen hier ja genug herum. Am besten gehen Jim und ich den Hebel besorgen, während Sie Miss Dweedlecum bei der Auswahl des richtigen Steines behilflich sind, Sir."
„Verzeihung, Mr. Luke, ich glaube, ich wurde Ihnen noch nicht vorgestellt. Ich bin Humphrey Oliver Richard Mortimer Rubberdubber, Earl of Buttercup", richtete der Engländer das Wort an den Cowboy – und als er dessen etwas ratlosen Blick bemerkte, setzte er erklärend hinzu: „Man nennt mich für gewöhnlich Lord Buttercup."
„Sehr erfreut, Lord Buttercup", sagte Lucky Luke höflich, lüftete den Hut und deutete eine leichte Verbeugung an.
„Die Freude ist ganz meinerseits, Sir – Sie sind doch der berühmte Held des Wilden Westens, der an Scharfsinn unserem Meisterdetektiv Sherlock Holmes nicht nachsteht und der obendrein so geschickt mit dem Revolver umgehen kann wie kein anderer? Wenn ich mich recht entsinne, so verdankt unsere hochverehrte Königin Victoria Ihnen sogar ihr Leben!"
„Nun, das ist übertrieben", wehrte Lucky Luke verlegen ab. „Ihre Majestät hat sich damals selbst durch ihre ausgezeichneten Schwimmkünste gerettet, und Mr. Holmes hat mich vor Joe Daltons Kugel bewahrt."
„Genau, wie es in den illustrierten Büchern steht: Sie sind viel zu bescheiden! Königin Victoria mag zwar selbst geschwommen sein, aber der Gewalt der Daltons konnte sie nur dank Ihres heldenmütigen Entschlusses, Ihr Leben für das Ihrer Majestät anzubieten, entkommen."
„Bücher?", fragte Lucky Luke entgeistert. „Es steht etwas über mich in irgendwelchen Büchern?"
„Aber ja, mein lieber Freund", bestätigte Lord Buttercup. „Möglicherweise ist das hier in Nordamerika anders, aber bei uns in der Alten Welt erfreuen sich die Berichte über Ihre Abenteuer großer Beliebtheit – besonders auf dem Kontinent. Jedes Kind kennt den Cowboy, der schneller als sein Schatten zieht."
Zum Glück für den ziemlich in Verlegenheit geratenen Lucky Luke ließ sich nun der alte Joker Jim vernehmen: „Tut mir leid, Sie zu unterbrechen, Mr. Lord, Sir, aber ich würde gerne heute noch in Pleasure Gulch ankommen. Mit frischen Pferden kann ich vielleicht meine Verspätung wieder aufholen, wenn ich die ganze Nacht durchfahre."
Wie zur Bekräftigung seiner Worte spuckte er eine Ladung Tabaksaft auf den Boden.
Miss Dweedlecum nahm dies mit Missfallen zur Kenntnis, ließ sich aber nichts anmerken, sondern stimmte dem alten Kutscher zu.
Was Oberlehrer Erwin Schlau mit der Bande von Scherzkeks Jimmy Spitzbauch in Raw Gulch, Arizona, erlebte, ist in der Folge Der Schulmeister der Zeichentrickserie von 2001 Lucky Luke – Die neuen Abenteuer zu sehen. Die Folge Sherlock Holmes im Wilden Westen derselben Serie erzählt von dem Abenteuer, bei dem Lucky Luke auf Königin Victoria und Sherlock Holmes traf.
