So, zum Start ins Pfingstwochenende gibt es ein neues Kapitel. Frohe Pfingsten allerseits. :-)


Während die Menschen in ihr Gespräch vertieft waren, gesellte sich Jolly Jumper zu den drei verbliebenen Postkutschenpferden, die ihrer Geschirre ledig abseits der Straße standen und, so gut es ging, auf dem spärlich bewachsenen Boden grasten. Sie waren allesamt Rappen.

„Oh seht mal, Kollegen, ein Mustang!", sagte eines der Pferde abfällig, als Jolly sich näherte.

„Wahrscheinlich ein richtiger Cowboygaul, der bisher nur Viehtriebe mitgemacht hat", ließ sich der zweite Rappe vernehmen.

„Sicher ein Vagabund ohne feste Anstellung", setzte der Dritte boshaft hinzu.

„Damit du gleich im Bilde bist, Fremder", wandte sich der erste Rappe nun an Jolly. „Angestellte im öffentlichen Dienst haben an dieser Futterstelle Vorrang vor dahergelaufenen Mustangs!"

„Wenn ihr die paar vertrockneten Halme da Futter nennt – darauf verzichte ich gerne! Ich halte mich da lieber an meinem Hafer schadlos", antwortete Jolly und löste durch geschicktes Hantieren mit den Zähnen den Hafersack von seiner Seite, warf ihn in die Luft und reckte den Hals so, dass der Tragriemen beim Hinunterfallen über seinen Kopf gestreift wurde und der Sack so unter seinem Maul zu hängen kam.

„Hm, meine Lieblingsmarke – Präriewind", schmatzte Jolly mit vollen Backen, während die drei Rappen ziemlich verärgert von einem zum anderen und dann auf das dürre, mit Dornengestrüpp durchsetzte Gras am Boden blickten.

„Unerhört!", schimpfte der erste Rappe. „Was bildet sich dieser ungehobelte Kerl eigentlich ein!"

„Typisch für diese Viehklepper, mit vollem Mund zu sprechen", tadelte der zweite.

Unterdessen war Rantanplan in der Gegend herumgelaufen. Zuerst hatte er die Postkutsche von allen Seiten beschnüffelt und war dann der Fährte eines Tieres gefolgt, das er für ein Kaninchen hielt, das sich jedoch, als er es endlich aufgespürt hatte, als Kojote entpuppte. Dementsprechend hastig war sein Rückzug zur Gruppe um die Postkutsche verlaufen. Gerade, als Jolly sich am Hafer gütlich tat, kam er angerannt und sah die Hinterteile der drei Rappen vor sich aufragen.

„Diese drei Pferde sehen aus, als könnten sie eine Aufmunterung gebrauchen. Ich werde ihnen das Spiel beibringen, das der nette Schimmel vorhin mit mir gespielt hat."

Mit diesen Worten setzte Rantanplan zum Sprung an und landete schwungvoll auf dem Rücken des dritten Rappen. Dieser bäumte sich vor Schreck auf und keilte gleich darauf aus, sodass der Hund seinen Halt verlor und durch die Luft segelte, um auf dem Rücken des zweiten Rappen zu landen. Auch dieser stieg entsetzt in die Höhe, wieherte laut auf und schüttelte sich, worauf Rantanplan seine Flugreise fortsetzte und nun auch den ersten Rappen mit seiner Anwesenheit beehrte. Der bockte ebenfalls und schlug aus, und auf diese Weise wurde der Hund immer wieder von einem der drei Postkutschenpferde zum nächsten befördert, was ihm sichtlich Spaß zu bereiten schien.

Jolly genoss das Schauspiel ebenfalls: Er wieherte und lachte, bis ihm die Tränen kamen, stampfte mit den Vorderhufen auf den Boden und schüttelte Schweif und Mähne. Als Rantanplan schließlich doch irgendwann zu Boden ging, rief Jolly den wütend schnaubenden Rappen zu: „Für Angestellte im öffentlichen Dienst habt ihr euch bei diesem Rodeo ja ganz wacker gehalten, aber Sieger ist doch der Hund!"

Bevor die Rappen ihren Ärger an Jolly auslassen konnten, ertönte ein lauter Pfiff, und der Apfelschimmel machte auf der Stelle kehrt und trabte zu Lucky Luke hinüber.

„Na, hast du dich schön mit den anderen Pferden unterhalten, Old Boy?", fragte Lucky Luke seinen treuen Freund. „Jetzt gibt es wieder Arbeit für uns. Wir müssen zurück zu dem toten Baum von vorhin und einen langen Ast absägen."

Joker Jim war unterdessen auf die Postkutschenpferde zugegangen, hatte den Wortführer unter ihnen bestiegen und ritt nun – so gut ihm das ohne Sattel möglich war – hinter Jolly und Luke her, wobei die beiden anderen Rappen aus alter Gewohnheit ihrem Anführer folgten.

~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~

Miss Dweedlecum und Lord Buttercup blieben mit Rantanplan bei der Postkutsche zurück und begutachteten die Steine, die überall herumlagen. Die Daltons hatten die ganze Szene aus ihrem Versteck mit angesehen und auch den Großteil der Unterhaltung gehört.

„Der Cowboy ist weg – wollen wir die Kutsche jetzt überfallen, Joe?", fragte William. „Dieser Schnösel da sieht aus, als ob er viel Geld bei sich hätte, und auf alle Fälle trägt er eine goldene Taschenuhr, ich hab' sie ganz genau gesehen."

„Ja, Joe, lass uns schnell hervorstürzen", stimmte Jack seinem Bruder zu.

„Ihr denkt mal wieder nicht weiter als bis zu euren Nasenspitzen!", schimpfte Joe. „Lucky Luke kommt gleich wieder zurück, und da er zu Pferd ist und wir nicht, hätte er uns ganz schnell eingeholt, und dann hieße es wieder: Ab nach Yuma zum Steineklopfen."

„Vielleicht würden wir es noch vor dem Nachtisch schaffen!", strahlte Averell.

„Klappe, Averell!", riefen seine Brüder im Chor.

„Außerdem möchte ich sehen, wie dieses Frauenzimmer dort die Postkutsche anhebt", fügte Joe hinzu.

~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~

Kurze Zeit später kehrten Lucky Luke, Joker Jim und die Pferde mit einem stattlichen, gerade gewachsenen Ast, der die von Miss Dweedlecum geforderten Maße besaß, zurück. Lord Buttercup und die Lehrerin standen im Schatten der Postkutsche und erwarteten sie bereits.

„Wir haben einen geeigneten Stein gefunden", berichtete Miss Dweedlecum. „Wären Sie so freundlich, ihn an den richtigen Platz zu legen, Mr. Luke?"

„Sicher, Miss Dweedlecum", antwortete der Cowboy freundlich und machte sich ans Werk.

Anschließend legten er und Joker Jim den Hebel genau nach den Anweisungen der Lehrerin, die die ganze Zeit mit einem Winkelmesser und einem Maßband herumwerkelte, darüber. Dann traten die drei Männer einige Schritte zurück und blickten Miss Dweedlecum erwartungsvoll an.

~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~

„Fünf Dollar, dass sie die Kutsche nicht hochkriegt!", flüsterte Jack Dalton im Felsenversteck.

„Ich wette dagegen!", ereiferte sich William.

„Ruhe!", zischte Joe.

~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~

„Einen Moment noch, Miss!", rief Joker Jim plötzlich und fuhr zu den Männern gewandt fort: „Ich wette meine gute, alte Concord hier gegen einen löchrigen Socken, dass sie es nicht schafft! Was meinen Sie, Luke?"

„Ich wette nicht", antwortete der Cowboy ruhig. „Und Sie sollten ebenfalls vorsichtig damit sein, Jim."

„In der Tat", ließ sich nun auch Lord Buttercup vernehmen. „Das wäre heute das zweite Mal, dass Sie die Postkutsche verlören. Sofern Sie etwas verlieren können, das Ihnen gar nicht gehört, sondern Eigentum der Wells Fargo & Co. ist. Aber wenn es Ihnen Freude bereitet, wette ich gerne meine Taschenuhr dagegen."

„Topp!", rief der alte Jim begeistert, schleuderte eine Ladung Tabaksaft durch seine Zahnlücke und hielt Lord Buttercup seine schmutzige Rechte hin. Dieser zögerte einen kurzen Moment, ergriff sie aber dann mit seiner behandschuhten Hand und drückte kräftig zu.

„Die Wette gilt!"

„Wenn die Herren fertig mit ihren Wettgeschäften sind, schreite ich jetzt zur Tat", ließ sich Miss Dweedlecum vernehmen. Sofort trat eine erwartungsvolle Stille ein. Selbst die Pferde hörten auf zu grasen und wandten ihre Köpfe der Lehrerin zu, und sogar Rantanplan schien zu begreifen, dass ein großer Moment bevorstand.

Miss Dweedlecum atmete einmal tief durch, streckte die Finger aus und trat an den Hebel heran. Mit einem triumphierenden Blick in die Runde zog sie den Ast mit beiden Händen langsam nach unten – und die Postkutsche am anderen Ende des Hebels hob sich tatsächlich ächzend in die Höhe, bis sie wieder gerade stand!

„Da soll mich doch ...!", rief der alte Joker Jim fassungslos, während Lord Buttercup überlegen lächelte und Lucky Luke der Lehrerin anerkennend zunickte.

„Wenn Sie bitte so freundlich wären, nun das Rad einzusetzen", rief Miss Dweedlecum mit dem leichten Anflug eines Keuchens. „Denn ewig kann ich die Kutsche selbst mit Hebel nicht halten!"

Sofort kam Leben in die Gruppe, und Lucky Luke und Joker Jim beeilten sich, das abgesprungene Rad in seine alte Position zu bringen und festzumachen. Selbst Lord Buttercup legte symbolisch mit Hand an.

„Sehen Sie, meine Herren", sagte Miss Dweedlecum, nachdem die Arbeit vollbracht und auch der Hebel wieder entfernt worden war. „Scientia potentia est – Wissen ist Macht, wie schon Sir Francis Bacon, ein früher Verfechter der wissenschaftlichen Methode – und übrigens ein Landsmann von Ihnen, Lord Buttercup –, zu sagen pflegte. Durch das Wissen um das Hebelgesetz war ich in der Lage, die Postkutsche anzuheben und dadurch entscheidend zur Lösung unseres Problems beizutragen."

~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~

Joe Dalton saß wie vom Donner gerührt in seinem Versteck und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Szene um die Postkutsche.

„Donnerwetter, Joe, das Frauenzimmer hat es in sich, was?", fragte William und hielt gleichzeitig Jack, der bereits in allen Taschen nach Dollarnoten suchte, die Hand hin, um seinen Wettgewinn entgegenzunehmen.

„Das kannst du laut sagen", murmelte Joe versonnen, und nach einer kurzen Pause setzte er plötzlich entschlossen hinzu: „Jungs, die Frau müssen wir in unsere Gewalt bringen!"

„Eine Entführung, Joe? Das ist nicht ganz ungefährlich", wandte Jack ein, während er eine Menge Münzen und einen zerknitterten, schmutzigen Schein in Williams Hand legte.

„Außerdem wird man für sie kaum Lösegeld zahlen – sie ist nicht von hier, hat sie gesagt, sie hat hier in der Gegend also keine Verwandten, die man erpressen könnte", sagte William und stopfte das von Jack erhaltene Geld in die Hosentasche.

„Versteht ihr denn überhaupt nichts?" zeterte Joe. „Es geht doch hier nicht um Lösegeld, sondern um – Macht!"

„Macht?", riefen die anderen drei Daltons im Chor

„Ganz recht – Macht!", wiederholte Joe Dalton bedächtig. „Ihr habt selbst gesehen, wie diese zierliche, schwache Person mit diesem Hebeldings von diesem Archie die Postkutsche anheben konnte, nachdem sie irgendwelche seltsamen Dinge in ihr Notizbuch geschrieben hat. Das muss so was wie eine Art Zauber sein – vielleicht so ein Hokuspokus, wie ihn die Medizinmänner der Rothäute bisweilen veranstalten."

„Aber Joe, du hast doch immer gesagt, dieser Indianerzauber sei nichts als Unfug", entgegnete William.

„Ah, natürlich ist er das!", knurrte Joe. „Aber das hier ist echt. Jedenfalls kann die Frau mit ihrem Wissen offenbar ziemlich mächtig sein, wir haben es ja selbst gesehen. Und dieses Wissen, das Macht verleiht, wird sie an uns weitergeben – ob sie will oder nicht."

Hier kam ein böses Funkeln in seine Augen: „Und wenn sie uns all ihre Machtgeheimnisse beigebracht hat, nehmen wir uns Lucky Luke vor und zertreten ihn wie eine lästige Wanze! Dann ist es aus mit dem Cowboy und seiner überheblichen Art! Hahaha!"

„Joe, du bist genial!", lobte Jack.

„Du bist wirklich großartig!", befand auch William anerkennend.

„Aber wenn die Frau so mächtig ist – wird sie sich dann so einfach von uns zwingen lassen?", gab Averell zu bedenken.

„Klappe, Averell! Wenn acht Sechsschüsser auf sie gerichtet sind, wird sie sich wohl oder übel fügen müssen!", sagte Joe und stimmte ein boshaftes Gelächter an, in das seine Brüder nach und nach einfielen.

~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~

„Seien Sie so gut und spannen Sie mein Pferd anstelle des fehlenden ein, Jim", sagte Lucky Luke. „Ich will mir nur rasch das Loch ansehen, das die Postkutsche zu Fall gebracht hat."

„Das ist nicht dein Ernst, Cowboy!", protestierte Jolly voller Entsetzen. „Ich soll mit diesen hochnäsigen 'Angestellten im öffentlichen Dienst' das Geschirr teilen? Nach allem, was passiert ist?!"

„Mit Wells Fargo & Co. geht es bergab", bemerkte einer der Rappen, „wenn jetzt schon Mustangs ohne jegliche Ausbildung die Postkutsche ziehen dürfen! Ich glaube, ich werde bei nächster Gelegenheit kündigen!"

Unterdessen hatte sich Lucky Luke am Rande des von den Daltons gegrabenen Loches niedergelassen und prüfte kritisch den Boden. Rantanplan saß neben ihm und sah ihm dabei zu.

„Na, du Streuner?", begrüßte ihn der Cowboy freundlich. „Schön, dass es dir wieder gut geht. Was hältst du von diesem Loch hier? Es ist eindeutig von Menschenhand ausgehoben worden, und zwar erst heute Morgen. Hm, die Spuren sind natürlich durch den Unfall verwischt worden, aber man kann noch die Abdrücke von mehreren Stiefeln unterschiedlicher Größe erahnen. Schnupper doch mal, Rantanplan, vielleicht kannst du ja eine Spur aufnehmen."

„Was kann ich denn dafür, wenn jemand anders seinen Knochen ausgebuddelt hat? Was hat er ihn auch an einem so auffälligen Ort versteckt! Nein, Cowboy, ich werde dir deinen Knochen bestimmt nicht wiederbeschaffen. Ich bin schließlich selbst noch immer hinter meinem Bisonknochen her!"

Mit diesen Gedanken machte Rantanplan einen Satz über das Loch hinweg und trollte sich sodann zu den Pferden, die gerade von Jim angeschirrt wurden.

„Warum frage ich ihn eigentlich immer wieder?", seufzte Lucky Luke. „Rantanplans Spürnase hat mir bisher noch nie weitergeholfen! Jolly ist da wesentlich zuverlässiger, aber wie es aussieht, ist er bereits eingespannt. Wahrscheinlich könnte aber selbst Jolly hier nicht mehr viel erschnüffeln bei all dem Tabaksaft auf dem Boden. Außerdem ist es fraglich, ob dieses Loch wirklich für einen Überfall ausgehoben wurde. Für gewöhnlich begnügen sich die Desperados ja nicht mit dem Graben von Löchern, sondern stürzen hervor und rauben die Kutsche aus, sobald sie zu Boden gegangen ist. Hier jedoch ist nichts dergleichen passiert ... seltsam, seltsam. Irgendetwas sagt mir, dass diese Geschichte noch eine überraschende Wendung nehmen wird. Sobald wir in Pleasure Gulch sind, werde ich nach Yuma telegrafieren, ob die Daltons noch hinter Schloss und Riegel sitzen – ich habe einfach kein gutes Gefühl, was die vier Knastbrüder betrifft."

Mit diesen Worten erhob sich der Cowboy und machte sich daran, das Loch zuzuschütten, um weiteren Unfällen vorzubeugen.


Mal ehrlich, ganz so beeindruckend, wie es hier dargestellt wird, ist die Benutzung eines Hebels nun auch wieder nicht. Auch mit der ganzen Rumrechnerei und dem Hantieren mit Winkelmesser und Maßband hat Miss Dweedlecum wohl etwas übertrieben - aber immerhin hat es mächtig Eindruck geschunden. ;-) Fast zu viel Eindruck, wie wir noch sehen werden ...

Francis Bacon (22. Januar 1561 - 9. April 1626) war ein englischer Philosoph, Jurist und Staatsmann und gilt als einer der Wegbereiter der modernen naturwissenschaftlichen Methode, da er dafür eintrat, Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung experimentell zu überprüfen und selbständig zu denken, anstatt anzunehmen, dass alles Wissen bereits in der Heiligen Schrift und kirchlich anerkannten Schriften enthalten sei.

Anmerkung: Der Ausdruck Rothaut gilt heutzutage als problematisch, da er oft Abwertung ausdrückt, und sollte nach Möglichkeit nicht mehr verwendet werden. Die Daltons hatten als gesetzlose Banditen vermutlich nicht viel Respekt vor den Ureinwohnern. :-(