Wie passend: Am 5. Juni kommt das fünfte Kapitel. :-P


In der Zwischenzeit hatte Jolly Jumper sich höchst widerwillig von Jim neben den Anführer der Rappen in die erste Reihe spannen lassen. Die "Angestellten im öffentlichen Dienst" unternahmen jede Anstrengung, ihn wie Luft zu behandeln, und als dann noch Rantanplan auftauchte, sich hechelnd vor ihm aufbaute und freudig mit dem Schwanz wedelte, verwünschte er innerlich den Tag aufs Heftigste.

„So, alles einsteigen!", rief der alte Jim und hielt Miss Dweedlecum die Kutschentür auf. „Nächster Halt: Pleasure Gulch!"

Während die Lehrerin und Lord Buttercup einstiegen und Joker Jim ächzend auf den Kutschbock kletterte, trat Lucky Luke noch einmal auf Jolly Jumper zu und klopfte ihm aufmunternd auf den Hals.

„Das hättest du heute Morgen nicht gedacht, dass du mit einer Postkutsche im Schlepptau in den Sonnenuntergang reiten würdest, was, Old Boy?", lachte der Cowboy. Jolly schnaubte ärgerlich, schüttelte die Mähne und blickte seinen Freund finster an.

„Was hast du denn, Jolly Jumper? Das ist doch nicht das erste Mal, dass du eine Postkutsche ziehst, mein Junge. Kopf hoch, Pleasure Gulch ist ja nicht weit. Und immerhin hattest du ja im Gegensatz zu mir eine Stärkung – ich habe genau gesehen, dass du am Hafersack warst!"

„Einsteigen, Luke!", rief Jim ungeduldig und schickte eine neue Ladung Tabaksaft zu Boden.

„Hast du gehört, Rantanplan?", wandte sich Lucky Luke an den mittlerweile Männchen machenden Hund. „Wir wollen den alten Jim nicht warten lassen. Komm mit!"

„Das ist mal wieder typisch!", grollte Jolly. „Ich muss die Postkutsche ziehen, und der Köter darf im Passagierraum fahren! Das Glück ist wahrlich mit den Dummen!"

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Die Postkutsche polterte auf der holprigen Piste, die hie und da von malerischen großen Saguaro-Kakteen gesäumt war, weiter nach Pleasure Gulch, und obwohl Joker Jim es nach wie vor eilig hatte, trieb er die Pferde nicht mehr zum Galopp an, denn er fürchtete, dass das ja nur notdürftig reparierte linke Vorderrad erneut abspringen könne.

Im Innern der Kutsche saß nun Lucky Luke gegenüber von Miss Dweedlecum und Lord Buttercup. Rantanplan hatte es sich neben dem Cowboy auf der Bank gemütlich gemacht und döste vor sich hin.

„Welches aufregende Abenteuer hat Sie denn in diesen äußersten Zipfel Arizonas geführt, Mr. Luke?", richtete der Lord das Wort an den Cowboy.

„Ich hoffe, dass mir das 'Abenteuer' erspart bleibt", lachte der Angesprochene. „Ich halte mich in dieser Gegend auf, um ein Auge auf die Daltons zu haben, die derzeit im Territorialgefängnis von Yuma einsitzen."

„Die Daltons! Diese berüchtigten Desperados sind also hier ganz in der Nähe? Wie aufregend!", begeisterte sich Lord Buttercup. „Ich würde die vier Brüder ja gerne einmal persönlich kennen lernen."

„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Wünschen", warnte Lucky Luke. „Sie könnten nur allzu schnell wahr werden. Die Daltons sind bekannt für ihre Ausbrüche", und mit einem Blick auf die Lehrerin fuhr er fort: „Ich möchte Sie nicht ängstigen, Miss Dweedlecum, aber Sie sollten sich vor diesen Ganoven in Acht nehmen."

„Keine Sorge, Mr. Luke, ich bin nicht ängstlich", erwiderte die Lehrerin. „Sonst wäre ich kaum in den 'Wilden Westen' gereist. Mit diesen Daltons werde ich schon fertigwerden."

„Nun, ich hoffe ja, dass Ihnen die Bekanntschaft mit den vier Brüdern erspart bleibt. Aber selbst die sogenannten ehrlichen Leute pflegen hier im Grenzgebiet einen etwas raueren Umgangston, als Sie ihn vermutlich aus Boston gewohnt sind. Vielleicht sollte ich eine Weile in Pleasure Gulch bleiben und Ihnen helfen, dort Fuß zu fassen?"

„Ihre Besorgnis rührt mich, Mr. Luke, jedoch ist sie völlig fehl am Platze. Ich bin durchaus in der Lage, mir selbst zu helfen", antwortete Miss Dweedlecum bestimmt.

„Können Sie mit einem Sechsschüsser umgehen, Madam?", fragte der Cowboy.

„Du liebe Güte, nein!", lachte die Lehrerin. „Glauben Sie denn, dass ich die Schüler mit Waffengewalt zum Unterricht zwingen muss?"

„Möglicherweise. Aber ich mache mir ehrlich gesagt weniger wegen der lernunwilligen Schüler als vielmehr wegen der moral- und gesetzlosen Erwachsenen Sorgen."

„Das klingt ja so, als gäbe es hier nur Mord und Totschlag", sagte Miss Dweedlecum leicht belustigt.

„In der Tat", meldete sich nun auch der Engländer wieder zu Wort. „Der Wilde Westen ist zwar berühmt für seine rauen Sitten und seine Gesetzlosen, aber die Mehrzahl der Einwohner sind gute, ehrliche Leute, die trotz ihrer mangelhaften Manieren Werte wie Gastfreundschaft oder den Schutz der Schwachen hochhalten."

„Allerdings sind sie auch oft feige, vergnügungssüchtig und bequem", wandte Lucky Luke ein. „Vor geraumer Zeit habe ich einen Lehrer getroffen, der im Rahmen von Senator Upgrades AAA-Resolution nach Arizona gekommen war. Die Bewohner der Stadt Raw Gulch, in der er unterrichtete, waren so feige, dass sie es nicht wagten, ihm gegen die Bande von Scherzkeks Jimmy Spitzbauch beizustehen."

„Senator Upgrades AAA-Resolution!", rief Miss Dweedlecum mit leuchtenden Augen aus. „Ausbildung für alle Amerikaner! Ich erinnere mich. Damals habe ich noch in Europa studiert und konnte mich nicht an diesem Projekt beteiligen. Deshalb habe ich mich ja so gefreut, als Senator Reid die Idee aufgriff."

„Wie gesagt hatte Oberlehrer Schlau es damals ganz schön schwer in Raw Gulch", nahm der Cowboy den Faden wieder auf. „Und eine alleinstehende, junge Dame aus Boston, die überhaupt keine Verwandten hier hat, keinen Ehemann ... wird möglicherweise – wie soll ich sagen – nun ja ... Sie verstehen?"

„Wollen Sie damit etwa sagen, dass eine Frau für das Vorhaben, Bildung in den Wilden Westen zu bringen, ungeeignet sei?", brauste die Lehrerin auf.

„Nicht doch, das meine ich überhaupt nicht", beschwichtigte Lucky Luke und wünschte sich, bei Jim auf dem Kutschbock mitgefahren zu sein. „Es ist nur so, dass eine Frau es viel schwerer haben wird, von der Bevölkerung akzeptiert zu werden als ein männlicher Lehrer."

„Ach, und weil das so ist, sollten Lehrerinnen lieber in Boston bleiben oder gar ihren Beruf ganz an den Nagel hängen, um sich nur noch Küche, Kindern und Kirche zu widmen?"

„Aber nein, Madam, Sie missverstehen mich. Ich will Ihnen doch nur meine Dienste anbieten. Sozusagen als Beschützer."

„Vielen Dank, Mr. Luke, aber ich brauche keinen Leibwächter. Es wird Zeit, dass die Frauen sich endlich aus dem Schatten der Männer herauswagen und selbstbewusst ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Wir leben schließlich im 19. Jahrhundert und nicht mehr im Mittelalter! Solange wir uns wie kleine Kinder von den Männern bevormunden – oder wie Sie es nennen 'beschützen' – lassen, werden Ungerechtigkeiten, wie dass uns das Wahlrecht verwehrt wird oder dass verheiratete Frauen praktisch kein Recht auf Besitz haben, weiter bestehen bleiben!"

Miss Dweedlecum atmete einmal kräftig durch und fuhr sogleich fort, noch bevor der Cowboy zu einer Erwiderung ansetzen konnte: „Lord Buttercup hier ist ebenfalls neu im Wilden Westen, aber um ihn machen Sie sich keine Sorgen, denn er ist ja ein Mann und kann für sich selbst sorgen!"

„Lord Buttercup hat nicht vor, sich hier niederzulassen, und außerdem kann er vermutlich mit einer Waffe umgehen", wandte Lucky Luke ein. „Aber unabhängig davon mache ich mir auch um ihn Sorgen – vor allem, wenn er den Wunsch äußert, die Daltons persönlich kennen zu lernen! Was Sie betrifft, so haben Sie ja bereits eindrucksvoll demonstriert, dass Sie sich zu helfen wissen. Die Sache mit dem Hebel und der Postkutsche verdient wirklich unsere volle Bewunderung."

Miss Dweedlecum errötete leicht und senkte den Blick, doch ihre braunen Augen blitzten vor Stolz und Triumph kurz auf.

Lucky Luke fuhr fort: „Um Molly Mulligan mache ich mir übrigens keine Sorgen, und sie ist schließlich auch eine Frau. Aber sie ist hier im Westen aufgewachsen, kennt den hiesigen Menschenschlag und kann ganz gut schießen. Würde ich ihr nicht zutrauen, alleine zurechtzukommen, wäre ich ihr sofort auf Jolly hinterhergeritten, anstatt Ihnen mit der Postkutsche zu helfen, denn schließlich lautete mein Auftrag ja, Molly zu finden."

„Entschuldigen Sie bitte meinen heftigen Ausbruch, Mr. Luke", ergriff Miss Dweedlecum wieder das Wort. „Aber wenn es um die Rechte der Frauen geht, bin ich etwas empfindlich. Meine Eltern haben mich schon früh gelehrt, dass wir Menschen vor Gott alle gleich sind. Sie sind überzeugte Abolitionisten und große Anhänger Abraham Lincolns, und die Abschaffung der Sklaverei war für sie ein Meilenstein in der Geschichte unseres Landes. Seit über zehn Jahren dürfen unsere schwarzen Mitbürger nach dem Gesetz wählen – aber eben nur die männlichen, ebenso wie bei uns Weißen nur die Männer ihre Stimme abgeben dürfen. Ist das gerecht? Wenn doch alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, wieso darf dann die eine Hälfte der Bevölkerung wesentlich mehr als die andere? Haben Sie gewusst, dass Frauen mit der Heirat ihren Besitz auf ihren Ehemann übertragen? Oder dass Mütter offiziell nicht einmal das Sorgerecht für ihre eigenen Kinder besitzen? Eine Frau ist demnach ganz von der Willkür ihres Mannes abhängig, und das kann einfach nicht richtig sein, wenn wir doch von Gott alle die gleichen Rechte erhalten haben!"

Lucky Luke hatte der Rede mit wachsender Bestürzung gelauscht. Jetzt schob er seinen Hut mit der Rechten nach hinten, hielt ihn an der Krempe fest und kratzte sich mit derselben Hand am Kopf – wie meistens, wenn er bestürzt, ratlos oder verlegen war.

„Darüber habe ich noch nicht sehr oft nachgedacht", murmelte er.

„Was die Gleichberechtigung angeht, so sind die Zustände in den ehemaligen Kolonien schockierend", ließ sich nun auch Lord Buttercup wieder vernehmen. „Wir im guten, alten englischen Mutterland sind da viel fortschrittlicher. Wir werden immerhin von einer Frau regiert. Lang lebe Königin Victoria!"

Miss Dweedlecum runzelte die Stirn, doch bevor sie zu einer Rede über die "Fortschrittlichkeit" der Monarchie im Vergleich zur Demokratie ansetzen konnte, zog ein von außen ertönender Ruf die Aufmerksamkeit der Postkutscheninsassen auf sich: „Telegramm für Mr. Luke!"

Sofort beugte sich Lucky Luke zum Fenster hinaus und erblickte denselben Telegrammboten, der ihm etwa zweieinhalb Stunden zuvor Lauras Nachricht überbracht hatte, hoch zu Ross und von vorne auf die Postkutsche zuhaltend.

„Telegramm für Mr. Luke!", wiederholte der Bote keuchend, ritt an das Fenster heran, wendete sein Pferd und trabte schließlich neben der Postkutsche her. Jim war offenbar nicht gewillt, sein Gefährt anzuhalten, und so reichte der Reiter dem Cowboy in voller Fahrt den Zettel mit der für ihn bestimmten Nachricht. Während Lucky Luke den Empfang quittierte und dem Boten ein Trinkgeld zuwarf, berichtete dieser: „Unglücklicherweise kam das Telegramm gerade während der Zeit an, als ich mit der ersten Nachricht unterwegs zu Ihnen war. Daher ist dieses Telegramm bereits einige Stunden alt."

Er verschnaufte einen Moment und fuhr dann fort: „Übrigens habe ich vor einer Viertelstunde eine rothaarige Frau auf einem Rappen getroffen, die mir vom Unfall der Postkutsche erzählt hat. Allerdings hat sie kein Wort von Ihnen gesagt, Mr. Luke. Sie hatte es auch ziemlich eilig und ist gleich weiter nach Pleasure Gulch geritten, aber sie versprach, von dort aus einen Hilfstrupp zur Rettung der Kutsche loszuschicken. Aber nachdem Sie die Arbeit schon erledigt haben, Mr. Luke, kann ich den Rettungstrupp ja getrost nach Hause schicken, wenn ich ihm jetzt auf der Straße begegne."

„Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, mein Lieber", entgegnete Lucky Luke. „Dass die Postkutsche wieder fährt, haben wir einzig und allein Miss Dweedlecum hier zu verdanken."

„Nicht doch", wehrte diese verlegen ab. „Die drei Herren – insbesondere Mr. Luke – haben mich tatkräftig unterstützt."

Der Telegrammbote blickte fragend von einem Fahrgast zum nächsten, bis schließlich Lord Buttercup die ganze Geschichte mit dem Hebel erzählte. Der Bote war sichtlich beeindruckt, auch wenn er sich die Szene nicht vorstellen konnte. Da er noch immer im Dienst war und so schnell wie möglich nach Pleasure Gulch zurückkehren wollte, gab er seinem Pferd die Sporen, überholte die Postkutsche und war bald darauf am Horizont verschwunden.

Lucky Luke hatte währenddessen stirnrunzelnd den Inhalt des Telegramms gelesen und sagte nun zu seinen Mitreisenden gewandt: „Da haben wir es schon – die Daltons sind ausgebrochen! Bereits gestern Abend! Der Direktor konnte mich nicht gleich verständigen, weil die vier Ausbrecher bei ihrer Flucht den Gefängnistelegrafen durch eine Dynamitexplosion beschädigt haben."

Er nahm wieder seinen Hut in die Hand und kratzte sich am Kopf, bevor er fortfuhr: „Eigentlich müsste ich jetzt sofort losreiten, um die Spur der Banditen aufzunehmen. Aber Jolly wird ja für die Postkutsche gebraucht."

Er zuckte mit den Schultern: „Nun, die Spur ist sowieso nicht mehr frisch, und die Kutsche fährt außerdem in die richtige Richtung – auf Yuma zu. Aber ich glaube, ich habe mehr Erfolg, wenn ich in Pleasure Gulch per Telegramm Nachforschungen über einen etwaigen Bankraub in der Umgebung einziehe, als wenn ich von Yuma aus einer kalten Fährte folge."

Hätte Jolly Jumper diese Worte seines Cowboys vernommen, so hätte er gewiss spöttisch bemerkt, dass die Entscheidung, wider alle Gewohnheit nicht sofort loszureiten, bestimmt mit Miss Dweedlecum zusammenhänge ...


Senator Upgrades AAA-Resolution ist ein (nur im Lucky-Luke-Universum existentes) Programm zur Förderung von Schulbildung im Wilden Westen, in dessen Rahmen viele Lehrer aus dem Osten in die westlichen Territorien geschickt wurden, um Schulen zu gründen und die Kinder der Pioniere zu unterrichten. Oberlehrer Erwin Schlau war einer von ihnen und musste sich erst gegen die Bande des Ganoven Scherzkeks Jimmy Spitzbauch durchsetzen, bevor er einen geregelten Schulunterricht einführen konnte (siehe Folge Der Schulmeister aus der Zeichentrickserie von 2001 Lucky Luke – Die neuen Abenteuer).

Abolitionisten nannte man die Gegner der Sklaverei. Miss Dweedlecums Eltern setzten sich in den 1850er Jahren, also vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg, sehr für die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der verschiedenen Ethnien in ihrem Land ein. Es ist bestürzend, dass auch mehr als anderthalb Jahrhunderte später noch immer keine Gleichberechtigung in den USA gewährleistet ist - wie die Ereignisse der letzten beiden Wochen auf tragische Weise vor Augen führen. :-(

Um die Gleichberechtigung der Geschlechter stand es zu Lucky Lukes Zeiten ebenfalls noch schlecht. Wie Miss Dweedlecum hier anprangert, waren Frauen (vor allem verheiratete) praktisch rechtlos. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde erst 1920 - also 40 Jahre nach unserer Geschichte! - eingeführt. Und selbst dann durfte noch lange nicht jede Frau in jedem Bundesstaat wählen. Indianern (egal welchen Geschlechts) wurde erst 1924 das Bürgerrecht und somit auch das Wahlrecht zugestanden, und schwarze Bürger - vor allem Frauen, aber auch Männer - wurden in den Südstaaten in der Praxis mit fragwürdigen Tricks an der Ausübung ihres theoretischen Wahlrechts gehindert.
Im deutschen Sprachraum wurde das allgemeine Frauenwahlrecht übrigens auch nicht viel früher eingeführt: 1918 in Deutschland und Österreich, 1919 in Luxemburg, erst 1971(!) in der Schweiz und - man hält es kaum für möglich - erst 1984 in Liechtenstein!