Hoffe, Ihr verbringt ein schönes Fronleichnamswochenende. Wenigstens scheint die Schafskälte endlich vorbei zu sein, wenn es auch noch Regen gibt.

Der erste Abschnitt des heutigen Kapitels ist eine Bonus-Szene zu Ehren von John Wayne, der zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Geschichte - nämlich im Frühjahr 2007 - 100 Jahre alt geworden wäre. Geboren ist er am 26. Mai 1907, und wie es der Zufall will, erscheint dieses Kapitel fast pünktlich zu seinem 41. Todestag (11. Juni).
An für sich hat dieser Schauspieler weder direkt mit Lucky Luke zu tun, noch verehre ich ihn in irgendeiner Form, aber da damals die ganze mediale Westernwelt einen Riesenzirkus um seinen 100. Geburtstag veranstaltete, kam es mir in den Sinn, ihn in meine Geschichte miteinzubauen. Die Szene an sich ist für den weiteren Verlauf der Handlung völlig irrelevant und dient einzig und allein dazu, Kennern der John-Wayne-Filme ein amüsiertes Lächeln abzuringen. ;-)


Mitten auf der Straße stand ein wie ein Cowboy gekleideter Mann Anfang dreißig, der in der einen Hand ein Winchester-Gewehr hielt und auf der Schulter einen Sattel trug. Den Arm mit der freien Hand hatte er weit ausgestreckt, wobei er die vier Finger eingerollt, den Daumen jedoch hochgestreckt hielt.

„Hoooo!", brüllte der alte Jim und ließ die Pferde anhalten. „Was zum Henker haben Sie denn hier mitten auf der Straße zu suchen, Mann?"

„Verzeihung", begann der Mann, senkte den Arm und trat seitlich an die Postkutsche heran. „Man hat mir das Pferd gestohlen und ich frage mich, ob Sie mich vielleicht ein Stück mitnehmen können. Ich zeige Ihnen, wo ich hin muss."

Mit diesen Worten nestelte er an der Brusttasche seines Hemdes herum und zog schließlich eine Ansichtskarte hervor, die die Fotografie einer Wüstenlandschaft mit eindrucksvollen Tafelbergen zeigte.

„Das ist mein Ziel. Wissen Sie zufällig, wo das liegt?"

„Jedenfalls nicht auf meiner Route", brummte Jim verdrießlich.

„Darf ich mal sehen, Sir?", fragte Lord Buttercup, der den Kopf zum Fenster herausgestreckt hatte. Der Angesprochene wandte sich dem Fenster zu und hielt die Postkarte so, dass die Kutscheninsassen sie sehen konnten.

„Das ist das Monument Valley im Grenzgebiet von Arizona und Utah", klärte Lord Buttercup den Fremden auf. „Auch ich habe dort einige Fotografien anfertigen lassen, die ich zu Hause bei Gesellschaften zu zeigen gedenke."

„Leider fährt diese Postkutsche nicht dorthin", fuhr Lucky Luke fort, „sondern nach Westen über Pleasure Gulch nach Yuma. Das Monument Valley liegt nordöstlich von hier. Aber sagen Sie, Sir, ist Ihnen das Pferd vielleicht von vier Männern, die alle gleich aussehen, aber unterschiedlich groß sind, gestohlen worden?"

„Nein, mein Pferd hat ein gewisser Ringo Kid auf dem Gewissen. Wenn ich den erwische! Mein Name ist John – Wayne John – und ich bin unterwegs zu meinem Bruder Ford. Er hat mich überredet, bei einem Theaterstück mitzuspielen, und aus irgendeinem Grund findet er, dass dieses Tal hier auf der Postkarte genau die richtige Kulisse dazu liefert."

„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. John", erwiderte der Engländer höflich. „Darf ich Ihnen Miss Dweedlecum aus Boston und Mr. Lucky Luke vorstellen?"

„Und dieser Gentleman ist Lord Buttercup aus England", fügte die Lehrerin hinzu.

Doch Wayne John widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Cowboy: „Lucky Luke? Was für ein glücklicher Zufall! Würden Sie mir ein Autogramm geben? Und noch eines für meinen Bruder Ford? Hier, am besten auf die Postkarte. Warten Sie, ich habe noch mehr davon, und einen Füllfederhalter habe ich auch."

Lucky Luke zögerte einen Augenblick, kam dann aber der Bitte des Anhalters nach, während Jim auf dem Kutschbock seiner Ungeduld Ausdruck verlieh, indem er mehrmals hintereinander Tabaksaft durch seine Zahnlücke nach allen Seiten zu Boden schleuderte.

„Vielen Dank, Mr. Luke! Mein Bruder wird begeistert sein! Er liebt nämlich Stars. Ich mache mich dann wieder auf die Suche nach Ringo Kid – den werden Sie mir doch hoffentlich nicht vor der Nase wegschnappen, Mr. Luke?"

„Keine Sorge, Mr. John", beruhigte ihn der Angesprochene lachend. „Ich habe mit den Daltons alle Hände voll zu tun."

Kurz darauf nahm die Postkutsche ihre Fahrt nach Pleasure Gulch wieder auf. Die Gestalt mit der Winchester und dem geschulterten Sattel sah ihr aber noch lange Zeit nach, bis sie schließlich am kakteenbestandenen Horizont verschwunden war.

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Die Sonne stand schon recht tief, als die Postkutsche sich dem kleinen Städtchen Pleasure Gulch näherte. Ihr Erscheinen hatte eine recht merkwürdige Wirkung auf einige Leute, die draußen vor der Stadt um eine alte Eiche am Straßenrand versammelt waren. Ein Mann, der ein ganzes Stück weit weg von den anderen gestanden hatte, kam keuchend und mit den Armen winkend auf die Gruppe zugelaufen und brüllte aus vollem Halse: „Die Postkutsche! Lucky Luke kommt! Schnell, bindet den alten Muffin los und versteckt die Schlinge!"

Sofort kam Bewegung in die Menge: Sie teilte sich und gab den Weg frei für ein mageres, hinkendes Maultier, auf dem ein alter, ziemlich abgerissener und offensichtlich nicht ganz nüchterner Mann um Gleichgewicht bemüht war. Er rieb sich die Handgelenke, als ob sie ihn schmerzten, warf dem Menschenauflauf einen verächtlichen Blick zu und ritt schließlich in Richtung Stadt von dannen. Niemand würdigte ihn eines Blickes. Die allgemeine Aufmerksamkeit war vielmehr auf die alte Eiche gerichtet, in deren Ästen drei oder vier Männer umherkletterten und offenbar bemüht waren, einen in einer Schlinge endenden dicken Strick, der an einem der oberen Äste befestigt war, herunterzuholen. Die unten stehenden Frauen und Männer trieben die Kletterer dabei zur Eile an.

„Ist das da vorne Pleasure Gulch, Mr. Luke?", fragte Miss Dweedlecum aufgeregt und deutete mit der Hand aus dem Fenster auf eine Ansammlung von Häusern aus Holz und Adobe. Der Cowboy nickte.

„Was für ein reizendes kleines Städtchen!", fuhr die Lehrerin schwärmerisch fort. „Und so malerisch in dieser herrlichen Kakteenlandschaft gelegen! Und sehen Sie mal – die Einwohner laufen uns ja zur Begrüßung entgegen! Aber – was ist denn das? Wieso grinsen die Leute denn alle so verlegen? Und wieso versuchen jene Menschen dort drüben krampfhaft, ein Seil hinter ihren Rücken zu verbergen?"

„Oh, das ist nur ein ganz spezielles Begrüßungsritual in dieser Gegend", antwortete Lucky Luke gelassen.

„Und der schwarzgekleidete Herr dort mit dem Geier auf der Schulter – warum springt er nur in einem fort auf seinem Hut herum?"

„Das ist Mathias Bones, der Bestattungsunternehmer. Er führt mir zu Ehren einen Freudentanz auf."

„Mr. Luke belieben zu scherzen", meldete sich nun Lord Buttercup zu Wort. „Er weiß genau, dass die Leute hier einen beabsichtigten, aber nicht ausgeführten Lynchmord zu vertuschen suchen. Das Erscheinen des berüchtigten Schützen, der bekanntermaßen Lynchmorde verabscheut und sie vereitelt, wo er nur kann, hat die Bewohner der Stadt zu diesem Verhalten veranlasst. Und der Totengräber ärgert sich darüber, schon wieder einen Kunden verloren zu haben. Ah, es ist in der Tat genauso wie in den illustrierten Büchern!"

Lucky Luke warf dem Engländer einen finsteren Blick zu und sah sodann besorgt zu Miss Dweedlecum hinüber. Diese war zwar bei der Erwähnung eines Lynchmordes leicht zusammengezuckt, verlor aber nicht die Fassung. Mit strenger Miene wandte sie sich an den Cowboy: „Wirklich Mr. Luke, Sie sollten sich schämen! Mir einen solchen Bären aufzubinden!"

„Nun, ich wollte verhindern, dass Ihr erster Eindruck von den Stadtbewohnern schlecht ausfällt. Schließlich sind es ja Ihre neuen Nachbarn und die Eltern Ihrer Schüler", verteidigte sich der Angesprochene.

„Sie können es einfach nicht lassen, den Beschützer zu spielen, nicht wahr, Mr. Luke?", tadelte die Lehrerin. „Aber lassen Sie es sich gesagt sein: Ich weiß, dass die Bewohner des Wilden Westens hin und wieder ihre Mitbürger ohne Gerichtsbeschluss aufhängen; darauf bin ich gefasst, obwohl ich es natürlich verabscheue. Aber ich denke, wenn die Leute erst einmal umfassend gebildet sind, werden sie von selbst mit dieser Unsitte aufhören. Daher wird mich der Anblick eines aufgebrachten Lynchmobs in meinem Entschluss, hier zu unterrichten, eher bestärken als mich davon abbringen."

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Die Postkutsche stand vor dem Depot von Wells Fargo & Co. und strahlte im Licht der untergehenden Sonne röter denn je. Während Lucky Luke dem Lord und der Lehrerin mit dem Gepäck half, machte sich Joker Jim mit der Unterstützung eines jungen, dunkelhäutigen Stallburschen daran, die Pferde auszuspannen. Jolly Jumper war mittlerweile glänzender Laune. Sie hatte sich seit der Abfahrt zusehends gebessert, denn zum Erstaunen des Mustangs hatten die im öffentlichen Dienst angestellten Rappen ihr Verhalten ihm gegenüber grundlegend geändert, nachdem sie Lucky Luke Jollys Namen hatten nennen hören. Der Anführer hatte sich sogar bei ihm entschuldigt und ihn gebeten, von seinen Heldentaten zu erzählen – eine Aufforderung, der der Apfelschimmel allzu gerne nachkam. Die ganze Fahrt über hatte er von den unzähligen Desperados berichtet, die sein Cowboy in seiner bisherigen Laufbahn der Justiz übergeben hatte – natürlich nicht ohne die Hilfe seines treuen Pferdes, wie Jolly genüsslich hervorhob.

„Und ist es wahr, Mr. Jumper, dass Sie das schnellste Pferd beim Pony-Express waren?", fragte einer der Rappen ehrfürchtig.

„Ja, selbstverständlich!", erwiderte der Mustang stolz. „Ich bin beim allerersten Ritt sogar Tag und Nacht durchgaloppiert, damit wir die Strecke Sacramento – St. Joseph in weniger als zehn Tagen schaffen und der Pony-Express die Prämie bekommen konnte!"

„Gib nicht so an, Jolly", ließ sich plötzlich Lucky Luke vernehmen, der gerade in diesem Moment schwer beladen mit Satteltaschen, Decken, Sattel und Zaumzeug vom hinteren Ende der Postkutsche zurückkehrte.

„Was heißt hier angeben, Cowboy – ich erzähle nur die Wahrheit! Möchte nicht wissen, wie du aus der Wäsche geschaut hättest, wenn ich damals beim Pony-Express Dienst nach Vorschrift gemacht hätte!"

„Schon gut, Old Boy", beschwichtigte der Cowboy den entrüstet schnaubenden Hengst und tätschelte ihm liebevoll den Hals. „Heute Nacht kannst du dich ausruhen. Ich telegrafiere die Sheriffs der umliegenden Städte an, und morgen machen wir uns auf die Suche nach den Daltons."

„He, Luke, kommen Sie mit in den Saloon?", fragte Joker Jim, der gerade dabei war, die ausgespannten Rappen in den Stall zu führen. „Ich möchte mir nämlich die Kehle ein bisschen befeuchten, während Pepe hier frische Pferde einspannt."

Lucky Luke runzelte die Stirn: „Wollen Sie wirklich heute noch weiterfahren, Jim? Die Daltons sind ausgebrochen, wie Sie wissen, und es ist dunkel. Und Sie sind sicher auch erschöpft nach dem anstrengenden Tag, und bis Yuma sind es gut und gerne noch zehn Meilen. Außerdem ist das linke Vorderrad der Kutsche nur notdürftig befestigt."

„Pah – meine gute, alte Concord und ich finden den Weg auch im Dunkeln, und das Rad wird schon halten, wenn ich nicht zu schnell fahre."

Mit diesen Worten schob sich Jim einen neuen Priem zwischen die Zähne.

„Verzeihung, Mr. Joker Jim", ließ sich Lord Buttercup aus dem Hintergrund vernehmen, „aber genau genommen ist diese Kutsche meine 'gute, alte Concord'. Sie erinnern sich doch noch an unsere Wette? Ich habe gewonnen, und als Gentleman sind Sie sicher kein schlechter Verlierer."

„Bei allen Teufeln – das hatte ich ja ganz vergessen!", rief der alte Kutscher aus und spuckte gleich dreimal hintereinander den braunen Tabaksaft auf den Boden. „Was mache ich denn jetzt bloß? Wollen wir vielleicht um die Kutsche pokern, Mr. Lord, Sir?"

„Nun ...", begann der Engländer, als er einen eindringlichen Blick von Lucky Luke auffing. „Für heute habe ich genug gewonnen. Aber als neuer 'Besitzer' der Postkutsche möchte ich gerne allen an der Rettung beteiligten Personen ein Dinner im Saloon ausgeben. Und wenn Sie heute Abend die Finger von den Pokerkarten lassen, Jim, dann spendiere ich Ihnen Whiskey, so viel Sie wollen."

„Seien Sie vorsichtig mit solchen Versprechungen – der Kerl verträgt eine Menge Whiskey und trinkt für gewöhnlich noch mehr!", raunte Lucky Luke dem Lord ins Ohr.

„Ich nehm' Sie beim Wort, Mr. Lord, Sir!", rief der alte Jim begeistert. „Und bei der Aussicht auf einen so angenehmen Abend macht es mir auch nichts mehr aus, wenn ich meine Verspätung bis morgen nicht aufhole."

„Das ist vernünftig von Ihnen", lobte Lord Buttercup. „Und weil Sie so verständig sind, gebe ich Ihnen – als dem Vertreter der Firma Wells Fargo & Co. – morgen Ihre 'gute, alte Concord' zurück. Allerdings unter der Bedingung, dass Sie sie nicht mehr als Einsatz beim Pokern oder bei Wetten verwenden!"

„Sie sind 'n Prachtkerl – mag man über die Engländer sagen, was man will!", strahlte der alte Kutscher und gab dem Stallburschen Pepe Anweisungen, keine frischen Pferde einzuspannen.


Der Film Stagecoach (1939, Regie John Ford) brachte John Wayne den Durchbruch. Er spielte darin den Gesetzlosen Ringo Kid, und in der ersten Szene, in der er auftritt, hält er auf ähnliche Weise wie hier beschrieben eine Postkutsche an - allerdings ohne den Daumen in Anhalter-Manier hochzuhalten. ;-)

Der Regisseur John Ford hatte eine Vorliebe für das im Navajo-Gebiet liegende Monument Valley als Kulisse für seine Filme - selbst wenn diese in Texas spielten. Dadurch wurden die charakteristischen Tafelberge dieses Landstrichs zum Inbegriff einer Westernlandschaft schlechthin - nebst Saguaro-Kakteen, die aber im Monument Valley natürlicherweise gar nicht vorkommen.

Adobe sind luftgetrocknete Ziegel aus Sand, Lehm und Stroh, ein im Süden der USA und in Mexiko, wo ein heißes, trockenes Klima herrscht, häufig verwendetes Baumaterial. Das Innere von Adobe-Häusern bleibt auch dann angenehm kühl, wenn es draußen sehr heiß ist. Eine umweltfreundliche Alternative zu exzessivem Klimaanlagenbetrieb. ;-)

Jolly Jumpers Wundertaten beim Pony-Express sind im gleichnamigen Lucky Luke Band von 1988 beschrieben.