Der heutige 19. Juni wird in den USA als Juneteenth bezeichnet und ist ein Feiertag, der der Befreiung der Sklaven nach dem Bürgerkrieg gedenkt. Er geht zurück auf den 19. Juni 1865, an dem Gordon Granger, ein General der Unionsarmee, in Galveston, Texas, verkündete, dass alle in Texas als Sklaven gehaltenen Menschen nun frei seien. Wie die jüngsten Ereignisse auf dramatische Weise vor Augen führen, haben die Nachfahren jener Menschen 155 Jahre später leider noch immer unter systematischer Benachteiligung, institutionalisiertem Rassismus und Polizeiwillkür zu leiden. Sorgen wir alle gemeinsam dafür, dass sich dies ändert!


Der Joyful Coyote Saloon war wie üblich um diese Stunde gut besucht. An vielen der runden Tische, die über den Großteil des Raumes verteilt waren, saßen Männer beim Kartenspiel und rauchten, sodass sich unter der Decke bereits eine dicke Wolke weißen Qualms gebildet hatte. An einigen Tischen waren aber offenbar auch Ehepaare und Familien mit dem Abendbrot beschäftigt. Am Klavier in der linken hinteren Ecke vor der Bühne saß ein dürrer Mann mittleren Alters und spielte eine flotte Melodie. Von Zeit zu Zeit spielte er jedoch nur einhändig, damit er an einem Bierglas nippen konnte, das er auf dem Klavierdeckel abgestellt hatte. Die Bühne war von einem schweren, weinroten Vorhang verhüllt. An der von der Flügeltür aus gesehen rechten Wand befand sich die Theke, um die sich eine ganze Menge Leute scharte, sodass der Barkeeper vollständig von ihnen verdeckt wurde. Die Wandfläche hinter ihm wurde komplett von einem großen, blitzblank geputzten Spiegel bedeckt. An den anderen Wänden hingen sowohl Fotografien als auch Gemälde, die Landschaftsbilder oder Porträts berühmter Personen darstellten. Als besonderer Schmuck hing hoch an der hinteren Wand ein gewaltiger Bisonkopf.

Lucky Luke bahnte sich einen Weg durch die Menge an der Theke, gefolgt von Miss Dweedlecum, die sich voller Erstaunen, aber auch mit einer Spur Unbehagen im Raum umsah, und Lord Buttercup, der überaus erfreut wirkte. Hinter ihnen trottete Rantanplan her, der wie üblich die Aufforderung, draußen vor der Tür zu warten, missverstanden hatte. Joker Jim hatte sich sogleich zu einigen Bekannten am hinteren Ende der Theke gesellt.

„Ist Laura Legs hier?", fragte Lucky Luke den blonden, bärtigen Barkeeper, der mit dem Ausschenken von Bier und Whiskey kaum nachkam und bereits einen hochroten Kopf von der Anstrengung hatte.

„Nein, sie bereitet mit Molly Mulligan ihren Auftritt vor", antwortete der Wirt und stellte vier gefüllte Biergläser vor eine Gruppe johlender Cowboys auf die Theke.

„Vermieten Sie auch Zimmer für die Nacht hier?", fragte Lucky Luke weiter.

„Ja, und wir haben auch noch viel frei, aber bitte gedulden Sie sich einen Augenblick – Sie sehen ja, wie viel hier los ist!"

Mit diesen Worten ging der Barkeeper kurz in die Hocke, um gleich darauf mit einer vollen Whiskeyflasche in der Hand wieder hinter der Theke emporzutauchen.

„Luke!", ertönte plötzlich eine Frauenstimme von der Treppe, die hinter der Bühne nach oben führte, und sogleich erschien auf dem oberen Treppenabsatz eine blonde Frau mit gedrehten Locken in einem überaus kurzen schwarzen Kleid, das noch nicht einmal bis zur Hälfte ihrer von Netzstrümpfen bedeckten Oberschenkel reichte und die Schultern sowie einen großen Teil des Rückens frei ließ. Die Augenlider der Frau waren hellblau geschminkt, die Lippen erstrahlten in einem kräftigen Rot. Miss Dweedlecum zog entsetzt die Augenbrauen nach oben und blickte den Cowboy an, um in Erfahrung zu bringen, in welcher Beziehung er zu dieser Dame stand.

„Howdie, Laura! Schön, dich wiederzusehen!", rief Lucky Luke erfreut aus und streckte der mittlerweile am Fuße der Treppe Angekommenen beide Hände entgegen. Laura ergriff sie und drückte kurz und herzlich zu, ließ dann aber sofort wieder los und trat zur Erleichterung der Lehrerin einen Schritt zurück.

„Darf ich vorstellen? Miss Dweedlecum aus Boston, die neue Lehrerin von Pleasure Gulch, und Lord Buttercup aus England – Laura Legs, Besitzerin dieses Saloons und darüber hinaus eine talentierte Künstlerin."

„Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Legs", sagte der Lord und gab Laura zu deren großer Freude einen Handkuss. Miss Dweedlecum machte einen artigen Knicks und murmelte: „Guten Abend."

„Deine Bekannten haben immer so gute Manieren, Luke", wandte sich die Saloonbesitzerin an den Cowboy. „Du könntest mir öfter solche Gäste vorbeibringen – ihr bleibt doch über Nacht, oder?"

„Wenn du noch Zimmer für uns hast, gerne. Und ein Abendessen könnten wir auch vertragen. Ach ja, und einen Knochen für Rantanplan hier", antwortete Lucky Luke und wies auf den Hund zu seinen Füßen.

„Ich werde veranlassen, dass man sich um alles kümmert. Aber jetzt entschuldigt mich bitte – ich muss mit Molly noch einiges vorbereiten. Ach ja, Molly – die ist fast eine Stunde vor der Postkutsche wohlbehalten hier eingetroffen. Du musst dir unsere Vorstellung anschauen, Luke! Das ist was anderes als die Lieder für die Viehtreiber in Abilene, das ist jetzt Kultur mit Niveau!"

„Das möchte ich natürlich nicht verpassen", lachte Lucky Luke. „Aber vorher muss ich noch dringend ein paar Telegramme aufgeben und den Sheriff sprechen."

„Um diese Zeit? Hm, also der Mann vom Western Union Telegraph sitzt mit seiner Familie da vorn am Tisch, aber den Sheriff kann ich nirgends entdecken. Seltsam, der ist sonst jeden Abend hier."

Während dieser Worte hatte Laura einen hochaufgeschossenen jungen Mann mit rotblondem Haarschopf und Sommersprossen, der eben aus einem Hinterzimmer eingetreten war, herbeigewinkt und fuhr nun fort: „Timmy Perkins hier wird sich um euch kümmern."

Sie nickte den neuen Gästen kurz zu, drehte sich um und stieg wieder die Treppe hinauf.

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, meine Herrschaften", ergriff Timmy Perkins das Wort und führte die kleine Gesellschaft in den hinteren Teil des Saloons, in dem die Zimmer lagen.

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Kurz darauf betrat Lucky Luke – dicht gefolgt von Rantanplan – wieder den Gastraum und steuerte auf den Tisch des Telegrafenbeamten zu.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Sir", begann der Cowboy. „Ich muss ein paar äußerst wichtige Telegramme aufgeben, würden Sie bitte so freundlich sein und ..."

„Tut mir leid, mein Herr. Das Telegrafenbüro ist geschlossen. Sie müssen sich wohl bis morgen gedulden!", erwiderte der Angesprochene mit einem leichten Anflug von Ärger in der Stimme.

„So lange kann ich nicht warten. Ich bin hinter gefährlichen Verbrechern her, und da zählt jede Stunde."

Der Beamte musterte den Cowboy eingehend von Kopf bis Fuß und sagte schließlich: „Ich sehe keinen Stern an Ihrer Weste. Sie sind keiner der neuen Hilfssheriffs, oder?"

„Nein, ich bin Lucky Luke und arbeite im Auftrag des Gefängnisdirektors von Yuma."

„Lucky Luke!", rief die Frau des Telegrafenbeamten aus, die bisher schweigend dem Gespräch gelauscht hatte. „Charles, für diesen Cowboy musst du eine Ausnahme machen! Er arbeitet schließlich fürs Gesetz!"

„Ganz recht, Madam", pflichtete Lucky Luke ihr bei. „Und es ist im Interesse aller Bürger dieser Stadt, ganz besonders der Familien, dass die flüchtigen Desperados so bald wie möglich gefasst werden. Aus diesem Grund muss ich übrigens auch dringend mit dem Sheriff sprechen. Wo kann ich ihn antreffen?"

„Ich habe mitbekommen, wie er vorhin raus zur Jackson-Farm gefahren ist. Den Jacksons hat man nämlich letzte Nacht die Speisekammer geplündert", gab die Frau Auskunft.

„Die Speisekammer?", fragte Lucky Luke hellhörig. „Wo genau liegt denn die Farm der Jacksons?"

„Fast fünf Meilen nordwestlich von hier", schaltete sich der Telegrafenbeamte wieder in die Unterhaltung ein. „Kommen Sie, Mr. Luke, gehen wir zum Telegrafenbüro. Wenn wir uns beeilen, sind wir zurück, bevor die groß angekündigte Vorstellung von Laura Legs und Molly Mulligan anfängt."

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Als Lucky Luke nach getaner Arbeit den Joyful Coyote Saloon wieder betrat, erblickte er einen etwa fünfzigjährigen, kräftig gebauten Mann an der Theke, der sich gerade ein Bier genehmigte. Auf der linken Seite seiner Weste prangte ein fünfzackiger Stern.

„Sheriff ...", sprach der Cowboy ihn an.

„Was gibt's denn? Hoffentlich nicht noch eine geplünderte Speisekammer auf einer abgelegenen Farm da draußen!", erwiderte der Angesprochene etwas barsch.

„Nein, ich fürchte, es ist viel schlimmer", entgegnete Lucky Luke, beugte sich ein wenig zum Ohr des Sheriffs hin und fuhr mit gesenkter Stimme fort: „Die Daltons sind gestern Abend aus dem Gefängnis in Yuma ausgebrochen und treiben sich wahrscheinlich hier in der Gegend herum. Ich frage mich, ob der Einbruch bei den Jacksons auch auf ihr Konto geht. Wir sollten heute Nacht auf der Hut sein und von jetzt an die Bank unauffällig bewachen, Sheriff."

„Die Daltons! Das wäre endlich mal was anderes als immer nur die paar lumpigen Viehdiebe und Trunkenbolde, mit denen ich mich sonst herumschlagen darf. Ich werde meine Männer anweisen, die Bank im Auge zu behalten."

„Vielen Dank, Sheriff", antwortete Lucky Luke. „Bitte entschuldigen Sie mich jetzt – man verlangt nach mir."

Bei diesen Worten wies der Cowboy auf einen Tisch in der Nähe des Klaviers, an dem sich Lord Buttercup und Miss Dweedlecum niedergelassen hatten und ihm durch Winken bedeuteten, sich zu ihnen zu gesellen. Die Lehrerin hatte ihr vornehmes Reisegewand gegen ein wesentlich einfacheres Kleid vertauscht und stach dadurch auf den ersten Blick nicht deutlich gegen die ortsansässigen Frauen im Raum ab.

„Bitte entschuldigen Sie, dass wir mit dem Essen nicht auf Sie gewartet haben", sagte Lord Buttercup und wies mit der Hand auf die dampfenden Schüsseln auf dem Tisch.

„Kein Problem – Sie konnten ja nicht wissen, wie lange ich wegbleiben würde", antwortete Lucky Luke nachsichtig, setzte den Hut ab und nahm neben Miss Dweedlecum Platz.

„Ich hoffe, das Mahl entspricht Ihrem Geschmack, Mr. Luke", fuhr der Engländer fort, während sich der Cowboy Bohnen und Speck auf den Teller häufte und ein volles Bierglas zu sich herüberzog. „Die Auswahl an Speisen ist hier nicht allzu groß, und dieses Gericht wurde mir als Spezialität des Hauses empfohlen."

Der Klavierspieler hatte seinen Posten mittlerweile geräumt. Dafür standen jetzt auf der Bühne vor den noch immer geschlossenen weinroten Vorhängen fünf weißgekleidete Mexikaner mit großen Sombreros und roten Schärpen, die auf Banjos und Mundharmonika musizierten. Auch unter den Gästen an den Tischen und an der Theke befanden sich einige Mexikaner, und aus dem allgemeinen Gemurmel drangen immer wieder spanische Wortfetzen an Miss Dweedlecums Ohr.

„Sagen Sie, Mr. Luke", richtete sie das Wort an den mit vollen Backen kauenden Cowboy. „Viele Leute in diesem Saloon hier sprechen spanisch. Sind das ... sind das wohl Mexikaner?"

„Ja", nickte Lucky Luke zwischen zwei Bissen. „Wir sind hier ganz in der Nähe der mexikanischen Grenze. Viele Ihrer zukünftigen Schüler können vermutlich nicht richtig englisch. Sprechen Sie spanisch?"

„Ich?", fragte die Lehrerin entsetzt. „Spanisch? Nein, ich besitze nur Kenntnisse in Latein, Altgriechisch und Französisch. Spanisch wurde auf meinem College in Boston nicht angeboten."

„Wie schade. Aber machen Sie sich keine Sorgen – bestimmt werden die kleinen Mexikaner bei Ihnen im Handumdrehen Englisch lernen."

„Ich will es hoffen", antwortete Miss Dweedlecum zaghaft und dachte bei sich, dass ihre Aufgabe vielleicht schwieriger sein würde als angenommen.

„Buenas tardes, señorita", drang eine Stimme von rechts hinten an Miss Dweedlecums Ohr. Sie drehte sich um und blickte in ein Paar fast schwarzer Augen in einem dunklen Gesicht, das von kräftigen Strähnen blauschwarzen Haares eingerahmt war. Aus dem geöffneten Mund leuchteten zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Der Besitzer dieses Gesichtes war ein junger Mann, der in einem Bauchladen einen Stapel Zeitungen und in der Hand einen Strauß Rosen transportierte.

„¿El periódico?", fragte er freundlich und deutete auf die Zeitungen.

Miss Dweedlecum blickte sich hilfesuchend nach Lucky Luke um.

„Möchten Sie eine Zeitung kaufen?", fragte dieser ruhig und fügte sogleich hinzu: „Sie ist in englischer Sprache."

„Gute Idee", antwortete Miss Dweedlecum erleichtert und nickte dem jungen Mexikaner zustimmend zu. Dieser entnahm seinem Bauchladen ein Exemplar der bedruckten Bögen und reichte es der Lehrerin mit den Worten: „Dos centavos, por favor."

Lucky Luke bedeutete ihr mit den Händen, dass der Mexikaner zwei Cents verlange, worauf die Lehrerin eine kleine Geldbörse aus ihrem Beutel zog und die gewünschte Summe in die ausgestreckte Handfläche des Verkäufers legte.

„¡Muchas gracias, señorita!", sagte dieser. Sodann wandte er sich an Lucky Luke und hielt ihm den Rosenstrauß unter die Nase.

„¿Una rosa, señor?", fragte er und deutete mit dem Kopf auf Miss Dweedlecum. Diese Geste brachte den Cowboy ein wenig in Verlegenheit. Er schüttelte den Kopf und murmelte: „No, gracias."

„Gestatten Sie", ergriff Lord Buttercup das Wort und bedeutete dem Verkäufer, ihm eine Rose zu geben. Ohne zu warten, dass ihm ein Preis genannt würde, nahm er eine Dollarnote aus seinem Jackett und drückte sie dem jungen Mexikaner in die Hand.

„Der Rest ist für Sie", setzte er großzügig hinzu.

„¡Muchas gracias, señor!", rief der Verkäufer freudestrahlend aus. „¡Adios!"

Er verneigte sich kurz vor dem Lord und schob sich dann zum nächsten Tisch weiter. Der Engländer jedoch stand auf und reichte der Lehrerin mit einer galanten Verbeugung die eben erstandene Blume und sagte: „Als Zeichen meiner Hochachtung vor Ihrem Wissen um die Geheimnisse des Archimedes, das uns heute gerettet hat, und als Willkommensgruß in Ihrer neuen Heimatstadt."

Miss Dweedlecum nahm die Rose in Empfang, bedankte sich errötend und wandte sich dann ihrer Zeitung zu.

„Möchten Sie noch ein Bier, Mr. Luke?", fragte der Engländer den Cowboy, der seinen leeren Teller zurückschob und sich mit einem Taschentuch den Mund abwischte.

„Nein, danke, Lord Buttercup", antwortete dieser. „Ich hole mir lieber eine Limonade von der Theke. Kann ich Ihnen oder Miss Dweedlecum etwas mitbringen?"

Nachdem beide verneint hatten, erhob sich Lucky Luke und schritt auf die Theke zu.


Dank an DW für die Hilfe mit den spanischen Sätzen.

Die Balance zwischen historischer Genauigkeit und Vermittlung moderner Werte ist nicht leicht zu bewerkstelligen: Einerseits sollen in Geschichten Leute aller Ethnien und Geschlechter in allen Rollen vorkommen (also nicht nur "schwarze männliche Gelehrte" und "weiße weibliche Bösewichte" ;-) ), aber andererseits kann es nun einmal als ausgeschlossen gelten, dass es z. B. weibliche Sheriffs oder schwarze Bürgermeister gab.
Dass Frauen wie selbstverständlich im Saloon ein- und ausgehen und relativ viel zu sagen haben, ist schon ein Zugeständnis, insbesondere, wenn man beachtet, dass in den meisten Lucky-Luke-Alben entweder nur Männer zu sehen sind, oder aber sogar explizit gezeigt wird, dass Frauen von Versammlungen ausgeschlossen werden, in denen die Bürger über irgendetwas abstimmen oder eine wichtige Information erhalten (z. B. Band 26 bei Dupuis: Les Dalton se rachètent, 1967).