Vorab schon mal alle guten Wünsche für Lucky Lukes Landsleute zum morgigen Unabhängigkeitstag. :-) Möge er vor allem friedlich verlaufen.

Vorhang auf für das neue Kapitel!


Der Bühnenhintergrund war mit einer Leinwand bedeckt, auf die das Bild einer auf einem Hügel stehenden Ritterburg gemalt war. An der vom Publikum aus rechten Seite der Bühne erhob sich ein turmförmiges Gebilde aus Holzkisten, das offensichtlich ein Gebäude darstellen sollte. Über der obersten Kiste erschien nun der Kopf von Laura Legs. Schmachtend hielt sie sich die rechte Hand an die Stirn und sang voller Inbrunst: „Oh, Romeo, wo bleibst du nur, Geliebter? Ich höre die Lerche, aber deine süße Stimme kann ich nicht vernehmen! Wirst du deine arme Julia hier verschmachten lassen?"

In diesem Augenblick erschien ein sichtlich nervöser junger Mann in Poncho und Sombrero am linken Bühnenrand.

„Nicht doch, Julia, dein, äh, Geliebter eilt herbei wie der Wirbel-, äh, Morgenwind", stotterte er errötend.

„Was soll denn das sein?", wurden Stimmen im Publikum laut. „Wo bleiben die hübschen Tänzerinnen mit den langen Beinen?"

„Psst!", rief jemand anderes. „Lasst sie doch erst mal weitermachen!"

Auf der Bühne war Laura inzwischen von dem Kistenturm heruntergeklettert und tanzte nun zusammen mit "Romeo" einen wilden Tanz. In dessen Verlauf betraten drei junge Frauen in kurzen Kleidern, an denen aus Papier ausgeschnittene und mit Hühnerfedern verzierte Flügel befestigt waren, die Bühne und sangen im Chor. Plötzlich wurde die heitere Melodie, mit der das Klavier den Gesang begleitet hatte, schwer und bedrohlich, und Molly Mulligan stapfte hinter dem Kistenturm hervor in die Mitte der Bühne und stemmte die Hände in die Hüften. Sie trug ein rabenschwarzes, langes Kleid, und auf ihrem flammend roten Haar befand sich eine Art Helm, an dessen Seiten die Hörner eines Longhorn-Rindes befestigt waren.

„Oh weh mir", sang Laura. „Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, und hier kommt nun die Königin der Nacht, um den Geliebten mir zu entreißen!"

Molly Mulligan erhob ihre Stimme und sang mit donnerndem Getöse, worauf "Romeo" und "Julia" mit leidverzerrten Gesichtern zu Boden fielen und der Chor der geflügelten Tänzerinnen in lautes Wehklagen ausbrach.

Im Publikum schwoll das allgegenwärtige Gemurmel nun zu lautem Johlen an, durchsetzt mit einzelnen Rufen wie: „Zeig, was du kannst, Molly!", oder: „Die Tänzerinnen nach vorne!"

Molly Mulligan alias "Königin der Nacht" holte aus den Falten ihres Gewandes nun eine kleine Zinnflöte hervor und sang dabei: „Der Klang der Zauberflöte macht Romeo zu meinem Sklaven!"

Sie führte die Flöte an die Lippen und trat einen Schritt zurück – und unglücklicherweise löste sich genau in diesem Moment die Leinwand mit der aufgemalten Ritterburg und fiel auf Molly herab, sodass ihre Gestalt fast vollständig verdeckt wurde. Dabei bewirkte der gehörnte Helm, dass ihr Umfang unter der Leinwand noch viel breiter erschien, als er in Wirklichkeit war. Unter dem lauten Gejohle und Gekreische des Publikums versuchte die Sängerin sich verzweifelt und lautstark fluchend freizukämpfen, wobei sie die Flöte verlor, die laut scheppernd vor den Kisten zu liegen kam. Im nächsten Moment sauste ein braunes Fellbündel durch die Luft und stieß unsanft gegen den Kistenturm, der mit lautem Getöse auf die Bühne fiel.

„Rantanplan!", rief Lucky Luke erschrocken aus und erhob sich. „Was machst du denn?!"

„Das Stöckchenspiel ist eine Leidenschaft von uns Hunden", murmelte Rantanplan vor sich hin, während er aus den Trümmern des Bühnenbildes kletterte und nach der Flöte Ausschau hielt.

Das Publikum schrie und tobte vor Lachen. Es ertönten einige in die Luft abgefeuerte Revolverschüsse sowie laute Rufe Yeeha! und Yippie!, und viele Hüte flogen durch den Raum. Zwei der Tänzerinnen beeilten sich, die Vorhänge zuzuziehen, und Laura und Molly überboten sich gegenseitig im Schimpfen und Fluchen. Der Klavierspieler, der bei Ausbruch des Chaos sein Spiel unterbrochen hatte, ließ die Finger geschwind wieder über die Tasten gleiten und spielte eine heitere Weise, um von der peinlichen Panne abzulenken.

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Augusta Dweedlecum wusste nicht, was sie sagen sollte. Lord Buttercup schien von der dramaturgischen Darbietung überaus belustigt zu sein, und der Cowboy hatte bis zu dem Moment, als der Hund gegen den Turm sprang, laut schallend gelacht. Sie selbst jedoch war bestürzt, die Werke zweier von ihr geschätzter Männer auf diese Weise verunglimpft zu sehen. Außerdem keimte in ihr der Verdacht, dass Laura Legs wahrscheinlich niemals die Originalstücke gelesen oder aufgeführt gesehen hatte.

„Nun, Miss Dweedlecum, war das nicht bezaubernd?", richtete der Engländer schmunzelnd das Wort an die Lehrerin.

„Ich weiß nicht so recht, Lord Buttercup", antwortete diese zögernd. „Die Darbietung war doch sehr – wie soll ich sagen – unkonventionell ..."

In diesem Moment trat der Barkeeper Sam an den Tisch heran und wandte sich an den Engländer: „'tschuldigen Sie die Störung, Lord Buttercup, aber der alte Joker Jim ist blau wie'n Strauß Kornblumen und verlangt nach Ihnen. Er sagt, Sie würden für ihn bezahlen."

„Bitte entschuldigen Sie mich, Miss Dweedlecum", sagte der Lord, erhob sich und folgte Sam zur Bar.

Dort hing der alte Joker Jim mit dem Oberkörper auf der Theke und brabbelte wütend vor sich hin. Als er des Lords ansichtig wurde, rief er aus: „Da kommder ja! Jesst könnder'n selber frag'n, obber mir was schpendierd oder nich'!"

„Nicht doch, Jim, du hast genug", erwiderte Sam streng.

„Genuch?!", empörte sich der alte Kutscher. „Wenn's um Whiskey geht, kennich das Word genuch gar nich'! Ich vertrach noch jede Menge, ich ...", und mit diesen Worten stakste er auf Sam zu, verlor den Halt und zog sich schließlich kichernd am Tresen wieder empor.

„Wenn du den Spucknapf nicht mehr triffst, hast du genug!", sagte Sam bestimmt und nahm schnell eine halbvolle Whiskeyflasche an sich, an der Jim gerade zweimal vorbeigegriffen hatte.

„Den Sp... Schpuggnapf? Ha! Den treff' ich aus einer Meile Endfernun' noch genau – pass bloß ma' auf".

Mit diesen Worten richtete er sich auf – soweit ihm das bei seinem Schwanken möglich war – und visierte den golden schimmernden Metallnapf am Fuße des Tresens bei der blankgeputzten Kupferstange an.

„Sicher, wir glauben Ihnen ja", beeilte sich Lord Buttercup zu sagen, denn er legte keinen Wert auf Jims Demonstration.

„Sie sinn eh der Beste hier!", grölte Joker Jim. „'n richtiger Busenfreund eben! Komm in meine Arme, Kumpel!"

Mit diesen Worten versuchte er den Engländer zu umarmen, verfehlte ihn aber und fiel wieder zu Boden.

„He, Jim, kommst du endlich? Wir spielen sonst ohne dich weiter!", ließ sich ein stämmiger, schlecht rasierter Cowboy mit Zigarette im Mundwinkel von einem der Tische nahe der Theke vernehmen und hielt ein paar speckige Spielkarten in die Höhe. Lord Buttercup zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Mr. Joker Jim", begann er. „Hatten Sie mir nicht versprochen, heute Abend nicht zu pokern?"

„Ja, schon, aber die Jungs da ham mir einfach keine Ruhe gelassen", verteidigte sich der Kutscher. „Einfach keine Ruhe! Sie seh'n ja, wie das is'."

„Es tut mir leid, Mr. Joker Jim, aber wenn Sie Ihren Teil unserer Abmachung nicht einhalten, sehe ich keinen Grund, den meinigen einzuhalten. Ich werde Ihre bisherige Rechnung begleichen, aber von jetzt an zahle ich Ihnen keinen Drink mehr!"

Doch der alte Kutscher hörte den Lord schon gar nicht mehr. Er war nämlich über die Theke gesunken und eingeschlafen und schnarchte lautstark vor sich hin.

„Was bin ich schuldig, Herr Wirt?", wandte sich Lord Buttercup an Sam.

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Währenddessen brachte Lucky Luke den Hund Rantanplan, den er unter dem weinroten Vorhang hervorgezogen hatte, zu Jolly Jumper in den Stall des Saloons und schärfte ihm ein, dort zu bleiben. Der Mustang war alles andere als erfreut über die Gesellschaft des Hundes. Er drehte demonstrativ den Kopf weg und blickte angestrengt durch die offene Stalltür nach draußen. Sein Blick fiel auf die kleine Wäscherei gegenüber, wo offenbar noch immer gearbeitet wurde – zumindest konnte der Hengst durch das Fenster die Umrisse eines Menschen sehen, der sich über einen Waschzuber beugte. In diesem Augenblick durchzuckte ihn eine Idee, und er verzog das Gesicht zu einem hämischen Grinsen.

Als Lucky Luke gegangen war, wandte sich Jolly mit boshafter Miene an Rantanplan: „Weißt du, du hast Glück, dass mein Cowboy kein Chinese ist. Sonst würde er dich nämlich glatt aufessen, wenn du dich so danebenbenimmst. Chinesen essen nämlich Hundefleisch!"

,Ich wusste ja gleich, dass mich dieses Pferd hier mag', dachte Rantanplan bei sich. ,Jetzt warnt es mich sogar vor gefährlichen Typen, die mir ans Leder wollen.'

„Schau her, du Köter", fuhr Jolly fort und begann, mit dem rechten Vorderhuf die Umrisse eines Menschen in die Spreu zu zeichnen. „Einen Chinesen erkennst selbst du an seinem Zopf und seinen Schlitzaugen. Wenn dir jemals so jemand begegnet, dann lauf, was du kannst!"

Und etwas leiser fügte er hinzu: „Und komm ja nicht wieder zu meinem Cowboy und mir zurück!"

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Als Lucky Luke wieder an seinem Tisch im Saloon ankam, sah er Miss Dweedlecum in ein Gespräch mit einigen ortsansässigen Leuten vertieft.

„Johnny, der Telegrammbote, hat uns da so eine merkwürdige Geschichte über Sie erzählt, Miss", sagte ein älterer Mann mit an den Ellenbogen geflickter Jacke.

„Genau, Sie sollen angeblich die Postkutsche hochgehoben haben – ganz alleine!", stimmte eine rundliche Frau, die offenbar eine Mexikanerin war, ein.

„Das ist natürlich Blödsinn", fiel eine junge Farmersfrau ein. „Wie kann eine so zarte Person eine Concord-Kutsche anheben?"

„Also, Señorita, wie war es nun wirklich?", fragte ein junger Farmer mit Sombrero.

„Es ist wahr, dass ich die Postkutsche alleine angehoben habe", begann Miss Dweedlecum zur grenzenlosen Verwunderung ihrer Zuhörer. „Aber nicht mit meinen bloßen Händen. Vielmehr habe ich mich dabei eines Hebels bedient und das archimedische Hebelgesetz angewandt. Mr. Luke hier kann das bezeugen, er war dabei."

„Yep", bestätigte der Cowboy lakonisch und nahm neben der Lehrerin Platz.

„Aber wie ist so was möglich? Das grenzt ja an Zauberei!", rief der Mann mit der geflickten Jacke.

„Ich versichere Ihnen, dies hat nichts mit Zauberei zu tun, sondern lediglich mit Wissen", erwiderte die Lehrerin. „Und um mein Wissen mit Ihnen zu teilen, bin ich hier."

„Damit unsere Kinder auch Postkutschen anheben können?", fragte eine ältere Farmersfrau und machte ein zweifelndes Gesicht. „Wozu soll das gut sein?"

„Wissen befähigt uns nicht nur dazu, Postkutschen anzuheben, sondern vielmehr in jeder Lebenslage eine Lösung für unsere Probleme zu finden."

„Kann Ihr Wissen mir helfen, meine Felder zu bewässern?", fragte der junge Farmer.

„Nun, auch da kann ich wieder auf Archimedes verweisen: Die archimedische Schraube ist eine Erfindung, die es erlaubt, mit relativ wenig Aufwand große Wassermengen von tiefergelegenem Gelände nach oben zu befördern. Möglicherweise wäre das etwas für Ihre Felder, Sir."

„Wann eröffnen Sie Ihre Schule, Señorita?", fragte die rundliche Mexikanerin.

„So bald wie möglich. Ich gehe davon aus, dass das Schulgebäude erst gebaut werden muss – so ist es doch, oder? In der Zwischenzeit kann vielleicht ein anderes Gebäude als provisorischer Schulraum dienen."

„Ich weiß!", rief die junge Farmersfrau strahlend. „Die Kirche! Die wird ja sowieso nur am Sonntag benutzt, und Reverend Billings ist sicher einverstanden, da es ja um die Bildung unserer Kinder geht."

„Das ist eine ausgezeichnete Idee!", riefen einige der Anwesenden.

„Gleich morgen sprechen wir mit dem Reverend", beschloss die junge Farmersfrau und nickte Miss Dweedlecum aufmunternd zu, bevor sie sich mit den anderen Farmern zurückzog.

Sodann drängten sich zwei junge Burschen von etwa 14 bis 16 Jahren um die Lehrerin. Einer hielt einen schmutzigen Zettel in der rechten und einen angekauten Bleistiftstummel in der linken Hand. Der andere zog höflich seine Mütze vom rotbehaarten Kopf, bevor er die Lehrerin ansprach: „Ach bitte, Miss Dweedlecum, wir schreiben für die Pleasure Gulch Daily News und möchten in unserer morgigen Ausgabe einen Artikel über Sie und Ihre neue Schule bringen. Würden Sie uns ein Interview geben?"


Jolly Jumper ist offenbar jedes Mittel recht, um Rantanplan loszuwerden. Er schreckt nicht einmal davor zurück, ein ganzes Volk zu diffamieren! Dabei ist Jolly ja eigentlich kein schlechter Kerl - aber er hat eben seine Ecken und Kanten.