Das zehnte Kapitel - Zweistelligkeit! :-D
Unterdessen hatte am Nachbartisch eine etwa 50-jährige Frau, die ihr dunkles, von grauen Strähnen durchsetztes Haar in einem Knoten aufgetürmt trug, die Interaktionen Miss Dweedlecums mit wachsender Missbilligung verfolgt. Nun machte sie ein äußerst finsteres Gesicht, musterte die neue Lehrerin voller Abscheu und verließ schließlich den Saloon. Lucky Luke war der hasserfüllte Blick, mit dem sie Miss Dweedlecum bedachte, nicht entgangen, und er nahm sich vor, ein Auge auf diese Dame zu haben.
Im nächsten Augenblick lenkte jedoch ein Gespräch am Nachbartisch seine Aufmerksamkeit auf sich: „Und ich sage dir, du hast dich übers Ohr hauen lassen, Edward McCaine. ¡Caramba! Dein Gelump ist keinen Pfifferling wert, amigo!"
„Wie kannst du nur so von einem Talisman reden, Gonzalez? Hier, ich überlass ihn dir für zwei statt fünf Dollar – weil du mein Freund bist."
„Was soll ich mit diesem alten, lumpigen Stück Strick? Für zwei Dollar kaufe ich mir ein Dutzend Lassos", erwiderte Gonzalez verächtlich, warf Edward McCaine das Stück Seil, das dieser ihm offenbar unbedingt verkaufen wollte, in den Schoß und nippte an seinem Tequila.
„Du weißt sehr wohl, dass dies nicht einfach nur ein Stückchen Seil ist, sondern vielmehr ein ganz besonderer Glücksbringer – nämlich ein Stück vom Strick eines Gehenkten!", versuchte McCaine es aufs Neue.
„Willst du mich für dumm verkaufen, McCaine?", fragte Gonzalez ärgerlich. „Der alte Muffin läuft noch putzmunter herum. Er hat die Schlinge noch nicht mal berührt – der Talisman ist wertlos! Frag doch Mathias Bones, der weiß es ganz genau!"
Lucky Luke musste lachen. Miss Dweedlecum, die mittlerweile ihr Interview mit den beiden jugendlichen Reportern beendet hatte, fragte hingegen mit besorgter Miene: „Mr. Luke – was hat diese Konversation am Nachbartisch zu bedeuten? Was für eine Art von Geschäft wird hier gemacht?"
Noch bevor der Cowboy antworten konnte, trat Lord Buttercup wieder an den Tisch heran und richtete das Wort an die Lehrerin: „Einem Aberglauben hier im Westen zufolge bringt das Tragen eines Stückes vom Seil eines Gehenkten Glück. Darum machen manche Leute ein gutes Geschäft, indem sie nach Hinrichtungen – oder Lynchmorden – Seilstückchen als Talismane verkaufen, ob sie nun vom Strick des Gehenkten stammen oder nicht."
„Was für eine Unsitte!", empörte sich Miss Dweedlecum. „Aber Aufklärung und Bildung werden ihr mit der Zeit ein Ende bereiten."
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In diesem Augenblick ging der Vorhang wieder auf und gab den Blick auf die mittlerweile aufgeräumte Bühne und auf Molly Mulligan frei. Sie war mit einem hellblauen Kleid, das ihr bis auf die Füße fiel, sowie der Plüschstola, die sie in der Postkutsche getragen hatte, bekleidet und rief: „Ich sing' euch jetzt ein Lied aus meiner irischen Heimat, das euch gefallen wird!"
Und zum Klavierspieler gewandt fuhr sie fort: „Los, Bill, Whiskey In The Jar!"
Bill griff in die Tasten, und Molly sang:
„As I was going over the far famed Kerry Mountain,
I met with Captain Farrell and his money he was countin' ..."
Das Publikum johlte sofort begeistert mit, und einige junge Paare erklommen sogar die Bühne und begannen zu tanzen.
„Musha rigga-dum, digga-dum do!
Whack for the daddy´o,
Whack for the daddy´o,
There´s whiskey in the jar!",
erscholl Mollys Stimme, und das Publikum klopfte mit Whiskeyflaschen und Biergläsern im Takt auf die Tische und grölte mit.
„Whiskey in the jar! Das ist genau das richtige für diese versoffene Bande von Wilden", schimpfte Laura Legs, die von allen unbemerkt zwischen Lucky Luke und Augusta Dweedlecum Platz genommen hatte. „Für Kultur mit Niveau sind sie einfach zu ungebildet!"
„Nimm's nicht so tragisch, Laura", tröstete sie Lucky Luke. „Dein Stück ist doch eigentlich ganz gut angekommen – die Leute haben sich prächtig amüsiert, oder?"
„Sie sollten sich aber nicht amüsieren!", brauste Laura auf. „Das war schließlich eine Tragödie! Sie hätten zu Tränen gerührt sein müssen! Und mit dir habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen, Luke! Schließlich hat dein Köter mein Bühnenbild vernichtet!"
„Mach mich bitte nicht für Rantanplans Taten verantwortlich, Laura", erwiderte der Cowboy ernst. „Er ist schließlich nicht mein Hund, sondern gehört eigentlich ins Gefängnis von Yuma. Ich weiß auch nicht, warum er sich mir immer wieder anschließt."
„Trotzdem könntest du dafür sorgen, dass er draußen bleibt. Dein Pferd kommt schließlich auch nicht mit in den Saloon", murmelte Laura, noch immer verdrossen.
„Jolly Jumper findet das sicher auch ungerecht", lachte Lucky Luke und fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Wenn das Publikum in Pleasure Gulch noch nicht reif für deine großen Tragödien ist, kannst du es vielleicht Schritt für Schritt an Kultur gewöhnen. Wie wäre es für den Anfang mit einem Stück, das von Dingen handelt, mit denen die Leute hier etwas anfangen können – vielleicht von Cowboys und Indianern. Danach dann vielleicht ein Stück, in dem es um amerikanische Geschichte geht."
„Das ist eine ausgezeichnete Idee, Mr. Luke!", schaltete sich nun auch die Lehrerin ein. „Auf diese Weise könnte man ganz spielerisch historische Fakten vermitteln. Miss Legs, Sie könnten z. B. ein Stück über die Erlangung unserer Unabhängigkeit schreiben. Die Episode der Boston Tea Party eignet sich ganz besonders als Bühnenstück, was meinen Sie?"
„Eine Teeparty als Theaterstück? Das ist doch sicher ziemlich langweilig!", gab Laura zu bedenken und bekam glücklicherweise nicht mit, wie Miss Dweedlecum mit Lord Buttercup einen äußerst bestürzten Blick wechselte. Zu Laura gewandt fuhr die Lehrerin schließlich fort: „Vor über hundert Jahren, als unser Land noch englische Kolonie war, erließen die Briten viele ungerechte Steuern und Gesetze. Eines davon verbot den Verkauf von Tee, der nicht von der East India Company stammte, und deren Tee war hoch besteuert. Am 16. Dezember 1773 schlich sich eine Gruppe junger Männer – sie nannten sich die Söhne der Freiheit – im Hafen von Boston an Bord eines Schiffes der East India Company und warf aus Protest gegen die ungerechten Steuergesetze alle Kisten mit Tee ins Hafenbecken. Dieses Ereignis wird The Boston Tea Party genannt und führte schließlich zur Amerikanischen Revolution und somit zur Erlangung unserer Unabhängigkeit. Das ist mit Sicherheit kein langweiliges Theaterstück!"
Laura schien nicht überzeugt zu sein. Auch Lord Buttercup runzelte die Stirn – ihm war nicht entgangen, was Miss Dweedlecum über die Briten gesagt hatte.
„Nun", ergriff Lucky Luke schnell das Wort, „für den Anfang würde es ja auch ein Ereignis tun, das noch nicht so lange zurückliegt. Vielleicht der Goldrausch in Kalifornien von 1849."
In diesem Augenblick gesellte sich Molly Mulligan, die gerade Pause machte, zu ihnen: „Der 49er Goldrausch? Da kann ich ein Lied von singen – eigentlich sogar mehrere! Ich war damals zwölf oder dreizehn. Wegen dem verfluchten Gold sind meine Leute ja damals von der Ostküste nach Westen gekommen! Das war vielleicht eine Schinderei, kann ich euch sagen! Im Planwagen über die Rockies! Die transkontinentale Eisenbahn gab's damals nämlich noch nicht – an der hat mein Bruder Sean zwanzig Jahre später mitgearbeitet. Ach übrigens Laura, ich soll dir von Pablo sagen, dass er aussteigt. Er fand die Romeo-Nummer vorhin zu peinlich."
„Dieser Feigling!", schimpfte Laura. „Das könnte er mir doch selbst sagen! Na ja, eigentlich kein großer Verlust, wenn man bedenkt, wie er als Romeo auf der Bühne rumgestottert hat. Dumm nur, dass er unser einziger Mann war. Miss Dweedlecum, können Sie ein Theaterstück schreiben, in dem nur Frauen vorkommen?"
„Sicher könnte ich das. Aber warum sollen wir uns derart einschränken? Schließlich können die Männerrollen doch auch von Frauen übernommen werden!"
„Wirklich?", fragten Laura und Molly ungläubig.
„Aber sicher!", bekräftigte die Lehrerin. „Zu Shakespeares Zeiten war es üblich, dass sämtliche Rollen von Männern gespielt wurden, da Schauspielerei für Frauen als unschicklich galt. Die Frauenrollen wurden für gewöhnlich von bartlosen Knaben übernommen. Daher ist es nur ein gerechter Ausgleich, Miss Legs, wenn in Ihrem Ensemble umgekehrt alle Männerrollen von Frauen gespielt werden. Wir leben schließlich im 19. Jahrhundert!"
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In diesem Moment drang ein lautes Jaulen von der Straße an die Ohren der Saloongäste und unterbrach die Unterhaltung am Tisch der Lehrerin. Lucky Lukes rechte Hand legte sich wie von selbst um den Griff seines Colts. Alle blickten unwillkürlich zur Flügeltür hinüber, doch dort trat lediglich ein schwarzbezopfter Chinese von äußerst kleinem Wuchs in den Raum ein. Als er die Blicke bemerkte, mit denen ihn die meisten Saloongäste betrachteten, blieb er mit in den Ärmel des jeweils anderen Armes geschobenen Händen stehen und sagte: „Velzeihen Sie dem unwühldigen Ming Li Foo, dass el Ihle wohlveldiente Luhe stölt, um nach getanel Albeit eine bescheidene Tasse Jasmintee zu sich zu nehmen."
„Quatsch keine Opern, Ming Li Foo!", rief Laura ihm zu. „Erzähl uns lieber, was das eben für ein Gejaule auf der Straße war. Sam! Bring Ming seinen Jasmintee hierher!"
Ming Li Foo trippelte auf den Tisch zu, an dem Laura mit ihren Bekannten saß, verneigte sich höflich, während er ihnen vorgestellt wurde, und nahm schließlich neben Molly Mulligan Platz. Sam brachte eine Tasse mit dampfendem Jasmintee, stellte sie vor dem Chinesen auf den Tisch und ging zur Bar zurück.
„Miss Laula Legs ist zu gütig", sagte Ming.
„Schon gut. Was war da draußen jetzt eben los?"
„Ming Li Foo ist untlöstlich, den ehlenwelten Damen und Hellen keine genauele Auskunft geben zu können als dass ein höchst eigenaltigel Veltletel del Gattung Hund, del mit elhobenen Voldelpfoten vol del Stalltül saß und seine plächtige Schnauze in den Abendwind stleckte, beim Anblick des nichtswühldigen Ming Li Foo in lautes Wehklagen ausblach und jaulend das Weite suchte."
„Rantanplan, dieser verwünschte Köter!", entfuhr es Lucky Luke. „Ich hatte ihm doch gesagt, er solle bei Jolly im Stall bleiben!"
„Von Rantanplan habe ich heute Abend genug gehabt!", sagte Laura. „Erzähl uns lieber was anderes, Ming. Wie läuft die Wäscherei?"
„Mein elbälmliches Geschäft geht viel bessel, als ich nichtswühldigel Wicht es veldiene", begann der Chinese. „Gesteln hatte ich wiedel die Ehle, die velschmutzten Anzüge del ehlenwelten Stlafgefangenen im Gefängnis von Yuma abzuholen, da del Dilektol die bescheidenen Dienste von Ming Li Foo ungelechtfeltigtelweise höhel schätzt als die del ehlenwelten Wäscheleibesitzel in Yuma."
„Du bist eben billiger als die amerikanische Konkurrenz, Ming, und das ist es, was der Direktor zu schätzen weiß", sagte Laura augenzwinkernd und zog an ihrer Zigarettenspitze.
„Ming Li Foo wülde es niemals wagen, dem ehlenwelten Dilektol in Yuma übelhöhte Pleise abzuvellangen. Selbst wenn wie gesteln alles schwalz von einel Dynamitexplosion ist, weil die ehlenwelten Blüdel Dalton ein Loch in die Wand gesplengt haben, um ihle gelechte Haftstlafe volzeitig zu beenden."
„Sie waren dabei, als die Daltons aus dem Gefängnis geflohen sind, Ming Li Foo?", fragte Lucky Luke interessiert.
„Um ein Haal wäle dem nichtswüldigen Ming Li Foo die Ehle zuteil gewolden, die viel ehlenwelten Gefangenen in seinem bescheidenen Wäscheleiwagen in die Fleiheit zu beföldeln. Abel del glößte Bludel entzündete ein plächtiges Feuelwelk, wolauf die dlei andelen, die ihle edlen Leibel beleits mit den velschmutzten Wäschestücken auf Ming Li Foos mindelweltigen Kallen bedeckt hatten, helvolklochen und das unwüldige Gefählt velließen."
„Joe, William und Jack hatten sich also schon im Wäschereiwagen versteckt, als Averell aus welchem Grund auch immer mit Dynamit ein Loch in die Gefängnismauer gesprengt hat?", hakte Lucky Luke nach. „Und nach der Explosion sind sie natürlich alle durch das Loch in der Wand abgehauen. Konnten Sie zufällig sehen, in welche Richtung sie geflohen sind, Ming?"
„Ming Li Foo ist untlöstlich, abel del Lauch und die Staubwolke, die nach del gewaltigen Explosion die Luft elfüllten, hindelten seine unfähigen Augen dalan, die Bewegungen del ehlenwelten Banditen zu beobachten."
„Macht nichts, Ming", antwortete der Cowboy versöhnlich. „Selbst wenn ich wüsste, welche Richtung sie zuerst eingeschlagen haben, würde mir das nicht viel weiterhelfen. Immerhin hatten sie einen ganzen Tag Vorsprung und könnten die Richtung mehrmals geändert haben."
Kleine Anregung: Es lohnt sich, sich ein wenig mit der Geschichte der East India Company, die eng mit der britischen Kolonialgeschichte verwoben ist, zu beschäftigen. Ganz allgemein hilft die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die gegenwärtige Lage der Welt besser zu verstehen.
