Einen Tag nach dem 59. Jahrestag des Mauerbaus und einen Tag vor Mariä Himmelfahrt. :-)
Das heutige Kapitel enthält Passagen, die recht makaber wirken könnten, wenn man nicht mit Mathias Bones und seinen Eigenarten vertraut ist.
„Miss Dweedlecum!"
Die Lehrerin drehte sich überrascht um und erblickte eine etwa 50-jährige Frau, die ihr dunkles Haar zu einem hohen Knoten aufgetürmt trug.
„Ja, Madam?", fragte sie.
„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Ich bin die Witwe Thingleberry, Olivia Thingleberry, und ich begrüße Ihr Vorhaben, in Pleasure Gulch eine Schule zu gründen, aus vollem Herzen."
„Danke!", erwiderte Miss Dweedlecum etwas verwundert. „Die Nachricht scheint sich ja herumgesprochen zu haben wie ein Lauffeuer."
„Ich sehe, Sie haben die Zeitung noch nicht gelesen", antwortete Mrs. Thingleberry lächelnd und deutete auf das Exemplar der Pleasure Gulch Daily News in Augustas Hand.
„Sie haben Recht", gestand Miss Dweedlecum. „Ich war die ganze Zeit beschäftigt. Natürlich – das Interview von gestern Abend steht ja heute darin!"
„Miss Dweedlecum", fuhr die Witwe fort, „mein verstorbener Mann hat kurz vor seinem Tod ein Grundstück am nordöstlichen Stadtrand erworben, das nun ungenutzt brachliegt. Es wäre mir eine Freude, es Ihnen für den Bau einer Schule zur Verfügung zu stellen."
Augusta traute ihren Ohren kaum vor Freude.
,Mrs. Ravenhurst hat Recht', dachte sie. ,Es sind nicht alle gegen mich!'
Laut sagte sie: „Ich bin völlig sprachlos, Mrs. Thingleberry. Das ... das ist sehr großzügig von Ihnen!"
„Nicht doch", wehrte die Angesprochene mit falscher Bescheidenheit ab. „Ich bin glücklich, einen kleinen Beitrag zu Ihrem großartigen Vorhaben, Bildung und Wissen unter die Leute zu bringen, leisten zu können. Was halten Sie davon – möchten Sie sich das Grundstück vielleicht gleich ansehen? Kommen Sie, ich führe Sie dorthin!"
Von beiden Damen unbemerkt folgte Rantanplan ihnen dicht auf den Fersen.
„Hinter diesen breiten Röcken sieht mich der böse Indianer mit den Schlitzaugen, vor dem mich das Pferd gewarnt hat, nicht", murmelte er vor sich hin.
~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~
„Hast und Ungeduld führen stets ins Verderben", sagte Vergesslicher Vogel und stieß seinen Spaten erneut ins Erdreich. „Häuptling Geschmeidiger Geier möge sich in Geduld fassen."
Der untersetzte, rundliche Häuptling, der neben dem eifrig Grabenden stand, erwiderte nichts, ließ aber die rechte Fußspitze mehrere Male ungeduldig auf- und niederwippen, während er mit verschränkten Armen und finsterer Miene seinen Blick über die Ebene schweifen ließ, auf der mittlerweile fast alle seine Krieger mit dem Graben von Löchern beschäftigt waren.
~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~
Die Sonne näherte sich ihrem höchsten Stand, als Lucky Luke und Lord Buttercup auf dem Duellplatz, einer nicht mehr genutzten Pferdekoppel im Nordwesten der Stadt, ihre Stellung bezogen. Die Sporen des Cowboys klirrten leise bei jedem Schritt. Der Engländer hatte sein Jackett ausgezogen und zusammen mit seinem Spazierstock und seinem Zylinder würdevoll seinem Sekundanten gereicht, der alle drei Gegenstände auf einem alten Fass am Zaun deponierte. Die Hitze war fast unerträglich, doch weder der Lord noch der Cowboy schienen dies zu bemerken. Lucky Luke hatte die Daumen vorne in den Gürtel gesteckt, sodass seine Ellenbogen angewinkelt waren. Neben dem Fass stand Jolly Jumper und beobachtete die Menschen.
Von der anderen Seite des Platzes her kamen nun Henry und Frank, in ehrfürchtigem Abstand gefolgt von einigen Jugendlichen ihres Alters, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Auch andere Schaulustige strömten nach und nach von allen Seiten herbei.
„Ach, verzeihen Sie, Mylord", ertönte plötzlich hinter Lord Buttercups Rücken die Stimme des Bestattungsunternehmers Mathias Bones, der Maßband, Notizbuch und Bleistift in der Hand hielt. „Bevorzugen Sie für die Innenausstattung Ihres Sarges Himmelblau oder doch lieber ein kräftiges Weinrot?"
„Los, Alterchen, bringen wir es hinter uns!", rief Henry dem Engländer zu.
„Nicht, bevor es genau zwölf Uhr ist", entgegnete Lord Buttercup ungerührt. „Mr. Luke, wiederholen Sie bitte die vereinbarten Regeln."
„Als Waffen werden Sechsschussrevolver verwendet. Die Duellanten stellen sich an vorher markierten Stellen auf. Jede Partei hat nur einen Schuss. Die beiden Sekundanten sagen die Uhrzeit an. Es darf erst gezogen werden, wenn die Kirchturmuhr anfängt zu schlagen."
„... und was den Trauerkranz angeht, so habe ich für Sie ein ganz besonders exklusives Angebot – Saguaro-Kaktusrosen mit wilden Prärieblumen, Jumbo-Größe, für nur $4.99 ..."
„Von mir aus, Oldtimer, wenn du unbedingt Zeit schinden willst!"
„... und gegen einen geringen Aufpreis könnte ich für Ihr Begräbnis auch noch die Blaskapelle der Kavallerie in Fort Yuma engagieren ..."
„Noch eine Minute!", rief Lucky Luke und blickte von der Taschenuhr in seiner linken Hand auf.
„ ...wenn Sie das Allround-Paket buchen, werde ich selbstverständlich auch Ihre Angehörigen in England per Telegramm von Ihrem Ableben informieren ..."
„Frank, bitte bestätige du als Henrys Sekundant die Uhrzeit!"
„... denken Sie gut darüber nach; eine solche Entscheidung trifft man schließlich nur einmal im Leben ..."
„Noch eine halbe Minute, Cowboy!"
„... Sie werden Verständnis dafür haben, dass man in meiner Branche auf Vorauskasse bestehen muss ..."
In diesem Augenblick begannen die Kirchenglocken zu läuten, Lucky Luke und Frank riefen beide gleichzeitig: „Los!", und Lord Buttercup und Henry zogen ihre Waffen.
„God save the Queen!", rief der Engländer laut und drückte ab. Henry hatte im selben Moment gefeuert.
Der letzte Glockenschlag verhallte, der Revolverrauch verzog sich – und sowohl Lord Buttercup als auch Henry standen unverletzt. Mathias Bones riss verdutzt die Augen auf, dann warf er mit ärgerlicher Miene seinen Hut zu Boden und ließ seinem Unmut freien Lauf.
Lord Buttercup verneigte sich kurz vor seinem Gegner und sagte: „Hiermit ist meiner Forderung Genüge getan und die Ehre Ihrer Majestät wiederhergestellt. Leben Sie wohl, junger Mann."
Mit diesen Worten drehte er sich um und schritt graziös auf das alte Fass zu, wo er sich von Lucky Luke in sein Jackett helfen und Stock und Hut geben ließ.
Henry hatte fassungslos auf seinen Gegner gestarrt. Nun drehte er sich, den Colt noch in der Hand, mit fragendem Blick nach Frank um – und stellte zu seiner Bestürzung fest, dass dieser sich die rechte Hand mit der linken rieb, als ob sie ihn schmerze, und dass sein Revolver zu seinen Füßen lag!
Nur Jolly Jumper konnte sehen, wie Lucky Luke mit behänden Bewegungen und einem zufriedenen Grinsen im Gesicht eine Patrone in die Trommel seines noch ganz leicht rauchenden Colts nachlud.
„Heute hat er sich selbst übertroffen!", wieherte der Hengst anerkennend. „Mit einem gut gezielten Schuss hat er Henrys Geschoss auf Franks Revolver abgelenkt, und sein Schatten hat erst abgedrückt, als seine Kugel bereits in der Hauswand dort drüben steckte."
Schräg gegenüber dem Duellplatz freute sich die alte Mrs. Quiverware darüber, dass das kleine Loch in ihrer Hauswand, das sie bereits seit einigen Tagen gestört hatte, urplötzlich verstopft zu sein schien. Die alte Dame konnte nicht genau erkennen, was darin steckte, denn ihre Augen ließen bereits nach, aber jedenfalls füllte der unbekannte, längliche Gegenstand das Loch vollkommen aus.
„Da sieht man es mal wieder", murmelte sie zufrieden. „Man muss nur lange genug beten – dann löst der Herr auch die kleinsten Probleme seiner Schäfchen! Amen."
~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~
„So, Jolly Jumper, dann wollen wir mal endlich losreiten, um die Daltons zu fangen", sagte Lucky Luke und tätschelte seinem Pferd den Hals.
„Was denn, den ganzen Morgen vertrödelt er mit Damen und anderen Menschen, und jetzt, in der größten Mittagsglut, will er plötzlich in die Wüste hinaus!", schnaubte der Hengst empört.
„Es ist ziemlich heiß, Old Boy. Besser, du trinkst noch einen ordentlichen Schluck. Wer weiß, wie lange der Ritt dauert."
„Das sind ja schöne Aussichten. Aber denk daran, Cowboy: Kein Galopp unmittelbar nach dem Trinken!"
Kurze Zeit später trabten Ross und Reiter durch die wie ausgestorben wirkenden Gassen des kleinen Städtchens. Da der Duellplatz im Norden des Ortes lag, verließen sie die Stadt in dieser Richtung. Lucky Luke beabsichtigte, einen Bogen nach Westen – also auf Yuma zu – zu schlagen, um dann schließlich in südlicher Richtung zur mexikanischen Grenze zu kommen. Er hoffte, unterwegs auf irgendwelche Spuren der vier Desperados zu treffen.
~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~
Mathias Bones lud den letzten Sarg – ein überaus luxuriöses Modell – auf die Ladefläche seines Leichenwagens und warf eine große Stofftasche, die seine persönlichen Habseligkeiten enthielt, hinterher. Auf der vorderen Dachkante saß der Geier Oskar und machte ein betrübtes Gesicht.
Aus dem schräg gegenüberliegenden Gebäude der Pleasure Gulch Daily News stürmte ein blondgelockter, sommersprossiger Junge von vielleicht zwölf Jahren, der in den Händen einen Stapel bedruckter Papiere trug.
„Extrablatt! Extrablatt!", rief er laut, kaum dass er auf der Straße angekommen war. „Englischer Lord überlebt Duell! Alle Einzelheiten in den Pleasure Gulch Daily News! Extrablatt!"
Der Bestattungsunternehmer bestieg mit sauertöpfischer Miene den Kutschbock und ergriff die Zügel des Rappen, der dem Wagen vorgespannt war.
„Ich möchte wetten, dass hinter dem vermasselten Geschäft mit dem Lord auch wieder dieser Lucky Luke steckt! Dass er jetzt auch schon in Duelle eingreift! Komm Oskar, wir fahren nach Purgatory! Giddy-up, Epitaph!"
~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~
Die Sonne brannte erbarmungslos vom strahlend blauen Himmel auf Rücken, Kopf und Nacken von Cowboy und Pferd und ließ die Luft um sie herum vor Hitze flimmern. Vor ihnen erstreckte sich die durch ausgeklügelte Bewässerungskanäle halbwegs fruchtbar gemachte Ebene des Gila-Flusses, den sie weiter im Norden als schmales, Abkühlung verheißendes Band erahnen konnten. Dahinter erhoben sich in noch weiterer Ferne imposante Felsengebilde, Ausläufer der Chocolate Mountains.
„Nicht ein einziges Wölkchen am Himmel", murmelte Lucky Luke in Gedanken versunken. „Bloß diese Rauchsäulen da vorne am Horizont, die hinter den Felsen aufsteigen – Moment mal!"
Mit einem scharfen Ruck riss er die Zügel zurück, sodass Jolly sich wiehernd aufbäumte und zum Stehen kam. Lucky Luke war plötzlich hellwach und starrte mit wachsender Bestürzung auf die kleinen Rauchwölkchen, die an vielen verschiedenen Stellen am Horizont hinter den rotbraunen Felsen in Kolonnen aufstiegen, bis sie schließlich im Himmelsblau verpufften.
„Tod ... den Bleichgesichtern ... jenseits des kleinen Flusses ...", entzifferte der Cowboy mit geübtem Auge. „Wir rufen ... unsere Brüder ... aus den Bergen ... auf den Kriegspfad ... PS: Könnt ihr noch ein paar Schaufeln mitbringen? – Um Himmels Willen, Jolly! Sieht aus, als stünde uns ein neuer Indianerkrieg bevor! In der Zeitung stand ja auch, dass sie unruhig seien. Wozu sie die Schaufeln wohl wollen? Für gewöhnlich lassen sie die Toten doch nach dem Skalpieren einfach liegen ... los, wir müssen schleunigst zurück in die Stadt und die Kavallerie rufen! Giddy-up!"
~~~~~~~~~~~~~~~s~~~~~~~~~~~~~~~
Gemächlich rollte der Leichenwagen nach Norden. Der Rappe Epitaph schritt mit der ihm anerzogenen Würde langsam und andächtig vorwärts. Mathias Bones auf dem Kutschbock machte noch immer ein griesgrämiges Gesicht und ließ die Schultern noch tiefer als sonst sinken. Der Geier Oskar, der wie üblich auf der vorderen Dachkante des Wagens saß, blickte zu seinem Herrn hinab, machte ebenfalls ein missmutiges Gesicht und ließ die Flügel hängen.
Plötzlich kniff der Bestattungsunternehmer die Augen zusammen und beschattete sie mit der Hand. Kein Zweifel, das war eine Staubwolke dort vorne, wahrscheinlich von einem Reiter aufgewirbelt, der im schnellen Galopp auf ihn zukam. Oskar hielt sich die rechte Flügelspitze an die Stirn und spähte gleichfalls nach Norden. Bereits wenige Augenblicke später weiteten sich Bones' Augen, und er rief ärgerlich aus: „Da soll mich doch ... es ist schon wieder dieser Lucky Luke! Mal sehen, was er diesmal für schlechte Nachrichten bringt, Oskar!"
Es dauerte nicht lange, und Lucky Luke hatte den Leichenwagen erreicht. Er ließ Jolly im Schritt gehen, hielt jedoch nicht an, sondern rief dem Totengräber im Vorbeireiten zu: „Kehren Sie auf der Stelle um, Bones! Die Yuma-Indianer sind auf dem Kriegspfad!"
Sodann schnalzte er mit der Zunge, ließ die Zügel kurz nach oben schießen und drückte Jolly Jumper die Fersen in die Flanken, sodass dieser mit Wiehern und Schnauben wieder in schnellen Galopp verfiel. Bald waren sie am südlichen Horizont verschwunden.
„Sieh mal einer an, Oskar", murmelte Mathias Bones zufrieden, während er Epitaph mit den Zügeln zu einer Kehrtwende veranlasste. „Dieser Cowboy kann also auch gute Nachrichten bringen! Ein Indianerkrieg beschert uns zwangsläufig Kunden ..."
Der Geier grinste und rieb sich vergnügt die Flügelspitzen.
Während der Geier Oskar in den Lucky-Luke-Alben und -Serien regelmäßig vorkommt, ist der Rappe Epitaph meine Erfindung. Wie ich finde, trägt er einen passenden Namen für das Pferd eines Bestattungsunternehmers - Epitaph bedeutet nämlich wörtlich "zum Grab gehörend" und wird in der Bedeutung Grabinschrift verwendet.
Die Chocolate Mountains (dt. Schokoladenberge) gibt es wirklich, und sie heißen auch tatsächlich so. ;-)
