Heute musste ich nicht lange nach einem Jahrestag suchen - der 11. September 2001 ist vielen von uns ja noch sehr gut im Gedächtnis ... :-/
Der Bezug zum aktuellen Kapitel: Jene tragischen Ereignisse jähren sich nun zum 19. Mal, und dies hier ist das 19. Kapitel.


Im Nordosten von Pleasure Gulch erhob sich einsam und allein eine alte hölzerne Scheune auf dem kargen Wüstenboden. Schon von Weitem konnte Lucky Luke erkennen, dass das Dach schadhaft war und das große Tor mit den in Form eines Z darüber genagelten Brettern schief in den Angeln hing. Er ließ Jolly langsamer werden, beugte sich nach unten und betrachtete aufmerksam den Boden.

„Da! Spuren von Damenstiefeln! Sie sind leicht verwischt und an den Seiten gibt es ganz leichte Schleifspuren im Sand ... von den Säumen ihrer Röcke! Jolly, wir sind endlich auf der richtigen Fährte! Und da sind auch Rantanplans Pfotenabdrücke!"

„Wurde auch Zeit, dass wir in dieser seltsamen Geschichte endlich mal etwas erreichen. Allerdings bräuchten wir Rantanplan meinetwegen nicht zu finden."

Vorsichtig näherten sie sich dem Scheunentor. Jetzt konnten sie Spinnweben und verlassene Vogelnester unter der Dachkante erkennen, ebenso wie Dornbüsche, die sich zu den schiefen Türangeln emporreckten. Lucky Luke sprang mit einem geschickten Satz über Jollys Kopf aus dem Sattel und zog dabei seinen Revolver. Mit einem Kopfnicken bedeutete er dem Pferd, in Deckung zu gehen, was dieses sogleich befolgte. Dann schlich er leise an das Tor heran und spähte durch den schrägen Türspalt hindurch, den Revolver mit gespanntem Hahn direkt vor seiner Nase. Drinnen war es so dunkel, dass er zunächst nichts erkennen konnte. Seine Ohren vernahmen jedoch ein undeutliches Gestammel – wie von jemandem, der einen Knebel trägt! Er wartete einige Augenblicke, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann suchte er den Raum nach Personen ab. Doch er konnte nur einen alten Strohhaufen in der Mitte der Scheune erkennen. Die Geräusche kamen hinter ihm hervor.

Entschlossen schob er das Tor so weit auf, dass er hindurchschlüpfen konnte, und lief mit gezücktem Revolver, den er abwechselnd in alle Ecken des Raumes richtete, hinter den Strohhaufen. Dort bot sich ihm ein unerwartetes Bild: Auf einer Schicht Stroh lag eine gefesselte und geknebelte Frau, die trotz ihres in Unordnung geratenen Haares und kleinerer Risse in ihrer Kleidung vornehm und würdevoll wirkte. Vor ihr saß in stolzer Wachhundpose, die große Schnauze mit der schwarzen Nase hoch erhoben – Rantanplan! Als er des Cowboys ansichtig wurde, legte er die Ohren zurück und begann drohend zu knurren: „Du wirst die Siesta dieser Dame nicht stören, Fremder! Nicht, solange ich es verhindern kann!"

Der Cowboy stieß einen Ruf der Verwunderung aus, sicherte den Colt, steckte ihn zurück ins Halfter und machte sich sogleich daran, die Frau zu befreien.

„Ruhig, Rantanplan, ich bin's doch!", rief er dem Hund beschwichtigend zu.

Rantanplan hielt inne und schnupperte zum Scheunentor hinaus.

„Ja so was", sagte er zu sich selbst. „Da draußen riecht es nach dem netten weißen Pferd, das mich durch die Wüste getragen und vor dem Hundefresser gewarnt hat. Ich werde mich gleich mal zu ihm gesellen und es begrüßen."

Damit trollte er sich zum Tor hinaus. Ein wütendes Schnauben bestätigte kurz darauf, dass er Jolly auch wirklich gefunden hatte.

Nachdem Lucky Luke der Frau das Tuch, mit dem sie geknebelt worden war, abgenommen hatte, durchzuckte ihn plötzlich das Gefühl, als ob er sie schon einmal gesehen hätte.

„Die D... es ... es waren die Daltons!", japste die Dame und rang nach Luft. Sie zupfte die Falten ihres Kleides zurecht, bevor sie fortfuhr: „Sie haben Miss Dweedlecum entführt! Schnell, Sie müssen die Verfolgung aufnehmen, Sir! Sie sind nach Süden geritten, nach Mexiko!"

„Immer langsam, Madam", erwiderte der Cowboy freundlich. „Jetzt kümmere ich mich erst mal um Sie. Mein Name ist übrigens Lucky Luke."

„Thingleberry. Ich bin die Witwe Thingleberry."

„Das dachte ich mir schon. Ihr Hausmädchen hat Sie als vermisst gemeldet. Kommen Sie, Mrs. Thingleberry, können Sie aufstehen?"

Die Witwe erhob sich ächzend und mit seiner Unterstützung. Als sie vor ihm stand und ihr wirres dunkles Haar mit den Händen zu einem hohen Knoten auftürmte, wusste er plötzlich, wo er sie gesehen hatte! Im Saloon am Abend zuvor! Sie war die Frau, die der Lehrerin einen hasserfüllten Blick zugeworfen hatte! Er hatte sie doch im Auge behalten wollen! Nach außen hin ließ er sich jedoch nichts anmerken, sondern bot ihr hilfsbereit seinen Arm als Stütze an. Doch Mrs. Thingleberry war bereits wieder ganz gefasst und bedeutete ihm, dass sie alleine laufen könne. Zusammen traten sie ins Freie, wo auf einen Pfiff des Cowboys sogleich Jolly Jumper angetrabt kam. Ihm auf dem Fuße folgte Rantanplan, der eifrig mit dem Schwanz wedelte.

„Das ist vielleicht ein dummer Köter!", schimpfte die Witwe. „Glauben Sie, er hätte begriffen, dass er Hilfe holen solle?"

„Nein, so was übersteigt Rantanplans Horizont", lachte Lucky Luke. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen in den Sattel und bringe Sie zurück in die Stadt."

Doch Mrs. Thingleberry schüttelte den Kopf: „Ich komme schon alleine zurecht. Reiten Sie lieber den Daltons hinterher, Mr. Luke! Wer weiß, was sie der armen Lehrerin alles antun! Ich flehe Sie an, Eile tut Not!"

Dem Cowboy wirkte dieser Gefühlsausbruch etwas zu künstlich. Darum setzte er ein liebenswürdiges Lächeln auf und entgegnete: „Oh wissen Sie, Madam, die paar Minuten machen es jetzt auch nicht mehr aus. Und Jolly ist das schnellste Pferd westlich des Mississippi – die Daltons holen wir im Nullkommanichts ein!"

Mit diesen Worten komplimentierte er die sich sträubende Witwe in den Sattel (selbstverständlich im Damensitz) und schwang sich selbst hinter ihr auf.

„Aber die Banditen haben einen Vorsprung von mehreren Stunden! Sie sind sicher schon über der Grenze! Und sie reiten die Postkutschenpferde! Die sind auch nicht gerade langsam!"

,So, so', dachte der Cowboy. ,Die Rappen von Wells Fargo! Dann möchte ich mal wissen, wer die Spuren am Stall verwischt hat!'

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Kurze Zeit darauf hatte Lucky Luke Mrs. Thingleberry der Obhut von Padre Pedro übergeben und war mit Jolly zurück zur Scheune geritten. Rantanplan war ihnen unaufgefordert nachgelaufen. Jetzt suchte der Cowboy das Innere des halb verfallenen Schuppens gewissenhaft nach Spuren ab, die ihm den wahren Ablauf der Ereignisse verraten würden. Jolly Jumper knabberte währenddessen an dem großen Strohhaufen.

„Es hat auf alle Fälle ein Kampf stattgefunden, Jolly. Aus irgendeinem Grund sind Miss Augusta und die Witwe einzeln eingetreten und wurden von jemandem, der hier drinnen lauerte, überwältigt. Ob es wirklich die Daltons waren? Stiefelabdrücke, die ihnen gehören könnten, habe ich bisher nicht gefunden. Und auf die Aussagen dieser zwielichtigen Witwe gebe ich keine zwei Cents. Mit den Postkutschenpferden hatte Mrs. Thingleberry allerdings Recht. Hast du die Hufabdrücke da draußen gesehen? Die Eisen trugen die Aufschrift Wells Fargo & Co. Aber sie führen aus der Scheune hinaus. Es gibt außer den Spuren der zwei Damen keine, weder von Stiefel noch Huf, die hineinführen. Irgendwer muss also auch hier Spuren verwischt haben."

Er hielt inne, um sich einen Strohhalm zwischen die Lippen zu schieben, bevor er fortfuhr: „Hm, sieht so aus, als ob unsere geheimnisvollen Entführer hier übernachtet hätten: Dort drüben haben sie sich Strohlager errichtet, und die leeren Dosen und Knochen weisen auf ein oder zwei Mahlzeiten hin. Die Knochen sind von Rantanplan fein säuberlich abgenagt worden. Und die vielen Streichhölzer und Zigarettenstummel! Die ältesten sind etwa 15 oder 16 Stunden alt. Die Zeit haben sie sich mit Schießübungen vertrieben, wie man an den zerlöcherten Dosen und leeren Patronenhülsen erkennen kann. Einschusslöcher, Essensreste und Kippen könnten schon von den Daltons stammen, aber sie haben nicht alleine gearbeitet. So, jetzt lass uns mal die Hufspuren draußen verfolgen. Nachdem uns die Witwe Thingleberry unbedingt nach Mexiko schicken wollte, möchte ich Sattel und Stiefel wetten, dass die Spur nach Norden führt."

Mit diesen Worten führte er Jolly ins Freie hinaus und schritt die Spur der Hufabdrücke entlang. Tatsächlich machte sie bei der ersten Gelegenheit einen Bogen nach Norden.

„Was habe ich gesagt?", strahlte Lucky Luke. „Komm, Jolly, wir reiten los. Rantanplan!"

„Konnten die Daltons, oder wer auch immer das jetzt war, nicht Rantanplan entführen und die Lehrerin dalassen?", schnaubte der Apfelschimmel verdrießlich.

„Wo steckt dieser Hund bloß wieder? Rantanplan! Bei Fuß! Es gibt Essen!"

Diese letzten Worte fanden ihren Weg zielsicher in Rantanplans Gehirn, und schon wenige Augenblicke später saß der Hund zu Lucky Lukes Füßen und wedelte mit dem Schwanz. In der Schnauze hielt er einen länglichen, weißen Gegenstand.

„Was hast du denn da für einen Knochen, mein Junge? Halt, das ist ja eine zusammengerollte Zeitung! Wo hast du die denn gefunden? Gib mal her."

Vorsichtig entwand der Cowboy Rantanplan das Papier und richtete sich wieder auf.

,Und was ist jetzt mit dem Essen?', dachte Rantanplan enttäuscht.

„Sieh mal, Jolly: Die Zeitung wird von einem Haarband zusammengehalten. Es ist dasselbe, das Miss Augusta heute getragen hat."

Er streifte das Band ab und rollte die Zeitung auf:

*** The Pleasure Gulch Daily News ***

Pleasure Gulch, Yuma County, Arizona Territory Wednesday, May 12th, 1880

Er überflog die Schlagzeilen, bis er gefunden hatte, was er suchte:

Yuma-Indianer bald auf dem Kriegspfad?

Trotz des vor langer Zeit ausgehandelten Friedensvertrages, in dem die Gebietsansprüche beider Parteien genau festgelegt wurden, scheinen die am Fuße der 'Chocolate Mountains' ansässigen Indianer vom Stamme der Yuma Übergriffe auf das Stadtgebiet von Pleasure Gulch zu planen. Wie Reisende berichteten, sind in der letzten Zeit vermehrt Rauchsignale zu sehen und Kriegstrommeln zu hören. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Rothäute eines Tages einen Raubzug gegen unser schönes Städtchen unternehmen werden. Alle Siedler sind daher angehalten, äußerst wachsam zu sein, ihre Waffen gut in Schuss zu halten und bis auf Weiteres auf Ausflüge in die Umgebung zu verzichten.

„Was soll dieser Unsinn, Jolly?", rief Lucky Luke mit gerunzelter Stirn. „Das ist doch alles gar nicht wahr!"

Er hielt einen Moment inne, dann wandte er sich erneut der Zeitung zu.

„Hm, und weißt du, was mir sonst noch auffällt? Der Artikel über die Indianer ist fehlerfrei geschrieben – wenn man mal von ein paar verkehrt herum gesetzten Buchstaben absieht. In den anderen Artikeln wimmelt es von Rechtschreibfehlern, und Miss Augusta würde sich auch sicher über den Stil aufregen; dieser Artikel hier wirkt dagegen jedoch ziemlich professionell. Den haben jedenfalls nicht die beiden Jungen geschrieben, die die Lehrerin gestern interviewt haben. Aber wer war es dann? Und warum wollte Mrs. Thingleberry mich auf eine falsche Fährte locken? Aber wenn sie es war, die Miss Augusta in einen Hinterhalt gelockt hat, warum war sie dann gefesselt, als ich sie fand?"


So, heute mal ein kurzes Kapitel mit wenigen Schlussbemerkungen.

Für diejenigen, die es interessiert: Der 12. Mai 1880 war tatsächlich ein Mittwoch - das habe ich nachgeschaut, denn ich lege Wert auf solche Details. ;-)

Hier ist eine gute Gelegenheit, abermals zu betonen, wie sehr ich die Gräueltaten, die mit der sogenannten "Eroberung des Westens" einhergingen, missbillige (unabhängig davon, auf welcher Seite sie begangen wurden) und dieses problematische Kapitel der Weltgeschichte nicht verharmlosen oder idealisieren will. Die Leseschaft ist hiermit offiziell aufgefordert, auf eigene Faust Recherchen zu diesem Thema anzustellen, um sich selbst ein möglichst umfassendes und akkurates Bild zu machen. Wissen um die Vergangenheit schärft das Bewusstsein für die Gegenwart.