Heute erscheint das letzte Kapitel vor dem astronomischen Herbstbeginn.
In hastiger Eile packte Mrs. Thingleberry eine große Reisetasche. Padre Pedro hatte sie von einem der Mexikaner nach Hause begleiten lassen, wo sie sich umgezogen und ein eiliges Mahl eingenommen hatte. Dann hatte sie ihrem Hausmädchen Susan bis auf Weiteres frei gegeben und sie nach Hause zu ihrer Familie geschickt.
„Zu dumm, dass die Daltons sich nicht an die Abmachung gehalten haben! Banditen darf man eben niemals trauen! Da ich ihre Spuren nicht verwischen konnte, ist ihnen dieser verwünschte Lucky Luke sicher schon auf der Fährte, und spätestens, wenn er die Lehrerin gefunden hat, sieht es für mich gar nicht rosig aus. Sie wird erzählen, dass ihre Entführung abgekartetes Spiel war. Dabei hatte ich den Daltons doch eingeschärft so zu tun, als ob ich von dem Hinterhalt nichts wüsste! Und wie gemein von ihnen, mich nicht nur zum Schein zu fesseln! Von Uhr und Geldbörse ganz zu schweigen! Jedenfalls muss ich für eine Weile aus der Stadt verschwinden, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Die Lehrerin wird sich nach der Sache mit den Daltons bestimmt nicht mehr hierher zurücktrauen. Ich muss also nur warten, bis Lucky Luke weitergezogen ist. Dann komme ich zurück und erzähle den Leuten irgendeine Geschichte, um wieder salonfähig zu werden. Ich bin schließlich die angesehene Witwe Thingleberry, meinen Worten wird man eher Glauben schenken als denen eines dahergelaufenen Kuhtreibers."
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Im Höhlenversteck der Daltons war es trotz des hellen Sonnenscheins draußen schummrig. Auf einer wackligen Kiste, die als Stuhl diente, saß Miss Dweedlecum und blickte überraschend gelassen auf die auf sie gerichteten Revolverläufe.
„Jetzt verliere ich aber langsam die Geduld, Lehrerin!", zeterte Joe Dalton mit hochrotem Kopf und fuchtelte mit den beiden Colts in seinen Händen herum. „Wenn Sie uns nicht bald Ihre Tricks verraten, dann pumpen wir Sie voll Blei! Wir haben acht Sechsschüsser auf Sie gerichtet, das sind also mindestens hundert Kugeln, die Sie durchbohren werden!"
„Ihre Arithmetik ist fehlerhaft, mein Herr", antwortete Augusta ungerührt.
Joe hielt bestürzt inne, drehte die Waffe in seiner rechten Hand um, kniff ein Auge zu und starrte mit dem anderen ins Innere des Laufes hinein.
„Fehlerhaft? Dabei haben wir die aus Armeebeständen geklaut! Haben sie wohl jetzt auch schon bei der Kavallerie nur noch billige Massenware?"
„Ich sehe, Sie bedürfen meiner Dienste wirklich dringend, meine Herren", ergriff die Lehrerin wieder das Wort. „Darum will ich Ihrem Wunsch gemäß mein Wissen preisgeben: Arithmetik ist die Kunst des Rechnens. Acht vollgeladene Sechsschussrevolver enthalten genau 48 Kugeln, den ergibt 48. Fangen wir also am besten mit dem kleinen Einmaleins an. Einmal eins ist eins, zweimal eins ist zwei – und nun fahren Sie fort, meine Herren!"
„Dreimal eins ist wahrscheinlich drei, viermal eins ..."
„Averell, halt die Klappe!"
In diesem Augenblick ertönte von draußen ein markerschütterndes Hundegeschrei. Sofort rannten Joe, Jack und Averell ins Freie, um nach dem Rechten zu sehen. William war auf einen Wink Joes hin zurückgeblieben, um die Lehrerin zu bewachen.
„Still, Rantanplan, du verdirbst ja alles!", rief Lucky Luke zornig, während Jolly Jumper die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.
„Das nette Pferd hat mich zu meinen Freunden aus dem Gefängnis geführt! Jetzt bekomme ich meinen Bisonknochen wieder!", jaulte der Hund und führte einen wahren Freudentanz auf.
Da es nun zwecklos war, weiter im Verborgenen zu bleiben, erhob sich Lucky Luke mit gezogenem Revolver und rief den drei Desperados, die vor dem Höhleneingang Aufstellung genommen hatten, mit lauter Stimme zu: „O.K., Daltons! Werft die Waffen weg! Kommt schön langsam und mit erhobenen Händen her! Wo ist William?"
„Er hat eine kleine Überraschung für dich, Cowboy", antwortete Joe mit niederträchtigem Grinsen. „William! Komm raus – und bring die Geisel mit!"
Kurz darauf erschien William mit Miss Augusta, wobei er ihr deutlich sichtbar einen Revolver in die Seite drückte. Die Lehrerin trug keine Fesseln.
„Eine falsche Bewegung, und sie muss dran glauben, Luke."
Auch die anderen Daltons zielten nun mit ihren Waffen auf die Lehrerin. Lucky Luke ließ seinen Sechsschüsser sinken und machte ein zerknirschtes Gesicht. Dann kam ihm ein Gedanke. Er warf den Revolver auf den Boden, hob die Hände hoch und rief: „Ihr wollt doch eigentlich mich. Also lasst die Lehrerin frei und nehmt stattdessen mich."
Doch zu des Cowboys größter Verblüffung schnaubte Joe nur verächtlich: „Für einen Kuhtreiber bist du reichlich eingebildet! Was sollen wir denn mit dir? Die Lehrerin hier ist viel wertvoller als du! Sie kann uns durch ihr Wissen Macht verleihen! Und jetzt zieh Leine!"
„Hören Sie auf ihn, Mr. Luke", rief nun auch Miss Dweedlecum. „Und seien Sie unbesorgt. Die Daltons sind lediglich wissbegierig, das kann man ihnen doch nicht zum Vorwurf machen. Ich betrachte sie als meine ersten Schüler hier im Wilden Westen."
Der Cowboy machte ein äußerst verblüfftes Gesicht und kratzte sich am Kopf. Doch dann bemerkte er ein Zwinkern in den Augen der Lehrerin. Darum sagte er: „Na schön, diese Runde geht an euch, Daltons. Aber verlasst euch drauf, wir sehen uns wieder!"
Unter dem höhnischen Gelächter der Banditen hob Lucky Luke seinen Revolver auf und zog sich langsam zurück. Als er nicht mehr zu sehen war, kehrten die vier Brüder mit ihrer Geisel in die Höhle zurück. Einen Augenblick später erscholl ein klägliches Winseln, gefolgt von ein paar derben Flüchen, und Rantanplan rannte, was das Zeug hielt, aus der Höhle hinaus, wobei er mit der rechten Vorderpfote nur leicht auftrat, als ob sie ihn schmerze.
„Aber Joe, er wollte doch nur mit dem Gefängnisschlüssel spielen!", erklang Averells vorwurfsvolle Stimme.
„Ich weiß nicht, wer mich mehr nervt: dieser dämliche Gefängnisköter oder mein idiotischer Bruder!"
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„Tja, das war wohl nichts, Cowboy", schnaubte Jolly Jumper, als Lucky Luke unverrichteter Dinge und mit mürrischem Gesichtsausdruck in den Sattel stieg. „Wir haben weder die Lehrerin, noch die Kollegen von Wells Fargo befreien können."
„Immer muss Rantanplan alles vermasseln!", ärgerte sich der Cowboy. „Ich hätte ihn irgendwo einsperren sollen! Es war ja klar, dass die Daltons Miss Augusta als 'Schutzschild' benutzen! Hier können wir momentan nichts ausrichten, Jolly. Was mich erleichtert, ist, dass die Lehrerin offenbar ganz gut mit der Sache fertig wird. Vielleicht hat sie einen Plan. Wir bleiben vorläufig in der Nähe, allerdings nicht zu nahe, um die Daltons nicht zu reizen. Am besten sehen wir mal nach, was die Kavallerie im Indianerland so treibt. Hoffentlich ist der Kampf mit den Yumas nicht zu heftig."
In diesem Augenblick holte Rantanplan Ross und Reiter ein und nahm zwischen Jollys Beinen Zuflucht, sehr zum Verdruss des Apfelschimmels. Der Hund leckte sich die rechte Vorderpfote und keuchte: „Sie haben den Bisonknochen noch immer nicht weich bekommen! Das war's, ich gebe es auf. Sollen sie ihn doch behalten und sich die Zähne dran ausbeißen. Ich suche mir einen anderen Knochen!"
„Du weißt, dass ich wegen dir Miss Augusta nicht retten konnte, Rantanplan?", schimpfte Lucky Luke. „Wärst du doch bloß in der Stadt geblieben. Oder noch besser im Gefängnis!"
Jolly Jumper nickte zustimmend.
„Ich habe ja von Anfang an gewusst, dass der Cowboy gegen mich ist", sagte Rantanplan zu sich selbst. „Wie schön, dass wenigstens mein Freund, das Pferd, mir aufmunternd zunickt."
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,Wieso haben sie denn die Stadt noch immer verbarrikadiert? Die Kavallerie ist doch immer pünktlich. Sie müsste doch schon lange mit den Indianern fertiggeworden sein', dachte Mrs. Thingleberry erbost, als sie in einer kleinen Gasse, die im Nordwesten aus der Stadt herausführte, stand und nach einer Möglichkeit suchte, mit ihrem Wagen die Stadt zu verlassen.
Die Barrikade bestand im Wesentlichen aus Mathias Bones' Leichenwagen, und sie wurde von nur zwei Männern bewacht. Der Bestattungsunternehmer hatte sich in den Schatten eines nahen Hauseinganges zurückgezogen, den Geier Oskar auf der Schulter. Epitaph stand ein Stück weiter weg an einer Tränke und verscheuchte von Zeit zu Zeit ein paar Fliegen mit dem Schwanz.
„Wo bleiben die Indianer denn bloß? Die waren früher auch schon mal zuverlässiger!", schimpfte der Leichenbestatter und klappte ärgerlich den Deckel seiner silbernen Taschenuhr zu. „Hoffentlich lassen sie sich nicht bis heute Abend Zeit. Ich wollte doch schließlich noch heute nach Purgatory aufbrechen. Nach dem Geschäft, versteht sich."
,Hört, hört ...', dachte Mrs. Thingleberry bei sich. Dann war sie plötzlich verschwunden.
Und wieder ein kurzes Kapitel ohne allzu viele Bemerkungen. Dafür wird das nächste Kapitel ziemlich lang. ;-)
