Einen schönen Start ins Erntedank-Wochenende mit Nationalfeiertag in Deutschland. :-)
Während die Häuptlinge der Yuma mit den beiden ranghöchsten Kavallerie-Offizieren die Friedenspfeife rauchten, machte sich Lucky Luke mit Jolly Jumper auf den Weg zur Höhle der Daltons, um Miss Dweedlecum aus der Gewalt der Desperados zu befreien. Rantanplan hatte er wohlweislich in der Obhut des jungen Reporters zurückgelassen, der die Friedenszeremonie aus nächster Nähe für seine Zeitung dokumentierte.
Nachdem der Cowboy den Gila-Fluss überquert hatte, aber noch nicht in Sichtweite der Höhle war, blieb Jolly plötzlich stehen und wies laut schnaubend auf den Sandboden. Lucky Luke beugte sich nach vorne und rief voller Verwunderung aus: „Aber das sind ja die Spuren der Rappen von Wells Fargo!"
Er sprang aus dem Sattel und kniete neben den Hufabdrücken.
„Hm, die Spuren sind noch keine Stunde alt. Sie stammen von vier verschiedenen Pferden, die im schnellen Trab gelaufen sind, wie man am Abstand der einzelnen Hufe sieht. Eigenartig – die Hufe haben sich nicht so tief in den Sand gedrückt, wie man annehmen würde. Es sei denn ... das ist es! Die Pferde waren ohne Reiter unterwegs! Jolly, ich glaube, deine Freunde von Wells Fargo sind den Daltons entkommen. Fragt sich nur, ob Miss Augusta sich ebenfalls befreien konnte."
Mit diesen Worten stieg er wieder in den Sattel und ließ Jolly den Hufspuren eine Weile im Schritt folgen. Als ihm jedoch klar wurde, dass die Spuren geradewegs nach Pleasure Gulch führten und er nirgends einen Hinweis auf die Fußabdrücke der Lehrerin entdecken konnte, lenkte er Jolly wieder in Richtung Höhle, wobei er diesmal jedoch einen Zickzackkurs wählte, um ein größeres Gebiet absuchen zu können.
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„I'm lonesome since I crossed the hill,
And o'er the moorland sedgy
Such heavy thoughts my heart do fill,
Since parting with my Betsey
I seek for one as fair and gay,
But find none to remind me
How sweet the hours I passed away,
With the girl I left behind me."
So sangen die Kavalleristen, als sie nach vollbrachter Zeremonie endlich mit ihrem Colonel an der Spitze nach Fort Yuma zurückritten. Stolz flatterte ihr Banner im immer stärker werdenden Winde. Eine kleine Schar von etwa zehn Mann unter dem Kommando von Lieutenant Adams begleitete jedoch den Häuptling Geschmeidiger Geier und ein Dutzend seiner tapfersten Krieger nach Pleasure Gulch, um die Bestrafung der beiden Diebe zu überwachen. Mit ihnen ritt der junge Reporter, und zu Füßen seines Pferdes lief Rantanplan, der sich vergeblich immer wieder nach Jolly Jumper umsah.
Das nunmehr von Furchen übersäte Gelände, auf dem so verzweifelt nach dem Kriegsbeil gesucht worden war, veranlasste seltsamerweise immer wieder vorüberziehende Bleichgesichter dazu, weitere Löcher und Furchen auszuheben, obwohl es sich doch um das Land der Yuma handelte. Das Aufstellen eines Schildes mit der Aufschrift Buddeln zwecklos – kein Gold vorhanden machte das Problem nur noch viel schlimmer. Bis schließlich eine aufgeweckte junge Squaw auf die Idee kam, Samenkörner in die Furchen zu streuen und für ausreichende Bewässerung zu sorgen. Zur Erntezeit konnte sie den besten Mais der gesamten Region einfahren, da der Boden ihres Ackers mit so großer Sorgfalt belüftet und von den Kavalleriepferden gedüngt worden war.
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„Die Sonne steht schon tief, Jolly", bemerkte Lucky Luke mit einem Blick nach Westen.
„Stimmt, und wir reiten nach Osten. Außerdem laufen die Daltons noch frei herum. Wie es aussieht, geht diese Geschichte heute also nicht mehr zu Ende, und wir reiten wohl erst morgen oder übermorgen wieder in den Sonnenuntergang."
„Moment, Jolly, was war denn das?", der Cowboy beschattete seine Augen mit der linken Hand und wies mit der rechten nach Süden. „Da hat gerade etwas aufgeblitzt. Da ist es wieder! Das ist kein natürliches Phänomen. Jetzt blitzt es dreimal kurz hintereinander ... Pause ... wieder ein kurzes Blitzen ... ein langes ... Pause ... Jolly, Old Boy! Das sind Morsezeichen! Da ruft jemand um Hilfe! Sieh nur: dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz – SOS! Einmal kurz, einmal lang, einmal lang, zweimal kurz – A.D. Augusta Dweedlecum! Nichts wie hin, Jolly! Giddy-up!"
Kurze Zeit später erreichten Lucky Luke und Jolly Jumper die Stelle, von der die Lichtzeichen gekommen waren. Augusta Dweedlecum saß im Schatten eines Felsens und schraubte gerade die Feldflasche wieder zu. Neben ihr lag ein kleiner Taschenspiegel sowie ein aufgeschlagenes Notizbuch, dessen Seiten vom Wind hin- und hergeschlagen wurden.
„Bin ich erleichtert, dass Sie es sind, Mr. Luke, und nicht die Daltons oder die Indianer", sagte die Lehrerin und erhob sich. „Wie ich sehe, haben Sie meine als Hinweis abgeworfene Zeitung gefunden."
„Alles in Ordnung mit Ihnen, Miss Augusta?", fragte der Cowboy, ließ Jolly anhalten und sprang aus dem Sattel. „Sie sind sicher sehr hungrig."
„Nicht doch. Der lange Dalton, dieser Averell, hat mir ein reichhaltiges Mittagsmahl serviert. Eigentlich ein sympathischer Bursche ..."
„Sie können mir unterwegs alles erzählen", fuhr Lucky Luke fort und stieg wieder auf. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen in den Sattel."
„Ja, wir sollten uns beeilen", pflichtete ihm die Lehrerin bei, während sie die dargebotene Hand des Cowboys ergriff und einen Fuß in den Steigbügel schob. „Denn da hinten ziehen dichte Regenwolken auf. Wahrscheinlich gibt es ein Gewitter, und wir werden bis auf die Haut durchnässt."
„Oh, da machen Sie sich mal keine Sorgen. So trocken, wie es die letzte Zeit war, verdampfen die Regentropfen wahrscheinlich, bevor sie auf der Erde ankommen. Sitzen Sie gut? Halten Sie sich an mir fest, dann können wir traben und vielleicht sogar galoppieren. Giddy-up, Jolly."
„Wir ist gut, Cowboy. Die Lehrerin und du, ihr sitzt ja bloß die ganze Zeit herum, während ich mir die Hufe wund laufe. Und das mit fast doppelt so viel Mensch auf dem Rücken wie sonst. Auf eine derart tragende Rolle in dieser Geschichte hätte ich gerne verzichtet."
„Wie gut, dass Sie das Morsealphabet beherrschen, Miss Augusta", sagte der Cowboy. „Denn ohne Ihre Signale wäre ich zurück zur Höhle geritten und hätte Sie verfehlt."
„Nun, ich beherrsche das Morsealphabet eigentlich gar nicht, Mr. Luke. Aber wie es der Zufall wollte, fand ich unterwegs ein halb verwittertes Buch über das Morsen unter einem Kaktus. Da es mir zu schwer (und zu unappetitlich) zum Mitnehmen war, habe ich den Morsecode daraus in mein Notizbuch übertragen. Dann bin ich weitergelaufen und habe alle zehn Minuten SOS-A.D. gemorst. Ich hätte nie gedacht, hier mitten in der Wüste ein nützliches Buch zu finden, und dann auch noch genau in dem Moment, in dem ich es brauche."
„Das ist gar nicht mal so abwegig, Miss Augusta", erwiderte Lucky Luke. „Wissen Sie, hier kommen öfter Siedlertrecks nach Kalifornien durch, und da die Leute immer viel zu viel Gepäck mitnehmen, müssen sie unterwegs Ballast abwerfen. Man kann einen ganzen Hausstand aufsammeln, wenn man der Spur eines solchen Trecks folgt. Das ist manchmal sehr praktisch, nämlich wenn man in der Prärie unterwegs ist und plötzlich dringend eine Verkleidung braucht, um zum Beispiel flüchtige Verbrecher dingfest zu machen. Bisweilen findet man auch Ambosse und sogar falsche Bärte, und wenn man ganz großes Glück hat, sogar eine Perücke. Die schnappen einem aber in der Regel die Indianer weg – für ihre Skalpsammlung."
Die Lehrerin hatte mit großen Augen zugehört. Nun fragte sie: „Wer um Himmels Willen nimmt denn Perücken und falsche Bärte mit auf einen Treck?"
„Barbiere", antwortete Lucky Luke grinsend. „Und ich glaube, ich habe noch keinen Treck erlebt, bei dem keiner dabei war. Aber zurück zum Tagesgeschehen. Was wollten die Daltons von Ihnen, Miss Augusta?"
„Ehrlich gesagt bin ich nicht ganz schlau aus ihnen geworden, Mr. Luke. Ihr Anführer, Joe, faselte die ganze Zeit etwas von 'Macht' und dass ich ihnen endlich meine Geheimnisse verraten solle. Offenbar haben sie auch die Zeitung gelesen, denn sie wussten über die Geschichte mit dem Hebel und der Postkutsche Bescheid – wenngleich sie den Namen Archimedes unglaublich verballhornten."
„Die Daltons und Zeitung lesen? Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie die Szene von einem Versteck aus beobachtet haben. Dann geht das Loch auf der Straße also doch auf ihr Konto! Haben sie über ihre weiteren Pläne gesprochen? Banküberfälle, zum Beispiel?"
„Nun, sie sprachen davon, wie viel einfacher ihnen alles fallen würde, wenn sie durch meine Hilfe erst mächtig seien. Was genau sie damit meinten, bleibt mir schleierhaft. Joe sprach außerdem ständig davon ... nun ja, er ... ich fürchte, er sprach ständig davon, sich an Ihnen zu rächen, Mr. Luke."
„Das ist nichts Neues", lachte der Cowboy.
„Er war nicht davon abzubringen, dass er mit Hilfe meiner 'Wissenstricks', wie er es nannte, so gut wie unbesiegbar werden würde und Sie dann mit Leichtigkeit ..." – die Lehrerin schluckte – „umlegen war das Wort, das er benutzte ..."
„Das versucht er schon seit vielen Jahren. Aber eine Lehrerin hat er dazu noch nie entführt."
Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Doch welche Rolle spielt die Witwe Thingleberry bei der ganzen Geschichte?"
„Mrs. Thingleberry hatte mir ein Grundstück für meine Schule versprochen, doch das war eine schändliche Lüge, um mich den Daltons auszuliefern. Möglicherweise hatten die Daltons ihr Geld dafür geboten, doch dann haben sie ihr Wort nicht gehalten."
„Ich glaube kaum, dass Mrs. Thingleberry nur wegen Geld mit den Daltons zusammenarbeiten würde. Nein, sie hatte ihre eigenen Motive. Schließlich hat sie unglaubliche Anstrengungen unternommen, damit ihr Hinterhalt gelänge. Sie hat die Spuren der Daltons verwischt – sowohl an der Scheune, als auch am Stall von Wells Fargo, aus dem die Daltons in der Nacht die vier Rappen gestohlen hatten. Sie hat die Kavallerie ins Indianergebiet geschickt. Außerdem hat sie einen Artikel über angebliche Unruhen bei den Yumas geschrieben, damit wir auch ja alle Hände voll zu tun hätten und Ihre Entführung nicht mitbekämen. Dazu hat sie sich auch extra die Mittagszeit ausgesucht, in der jeder Siesta hält und – natürlich, jetzt fällt es mir wieder ein! – sie war es auch, die vorschlug, das Duell auf zwölf Uhr mittags zu legen! Und sie überredete Henry, mich als Sekundanten für Lord Buttercup zu akzeptieren!"
„Duell? Lord Buttercup hat sich duelliert?"
„Das wird er Ihnen sicher heute Abend noch ausführlich erzählen. Festzuhalten bleibt, dass Mrs. Thingleberry alles darangesetzt hat, damit Lord Buttercup und ich in der Mittagszeit beschäftigt seien. Das ist ihr ja auch gelungen. Ich hätte sie nicht dem Padre, sondern dem Sheriff übergeben sollen!"
„Dann haben Sie sie also gefunden, Mr. Luke?"
„Yep."
Nun schilderte Lucky Luke der Lehrerin kurz die weiteren Ereignisse, insbesondere den Vorfall mit der Indianermaske, und schloss mit den Worten: „Nach der Beschreibung von Geschmeidigem Geier könnte es sich bei den Dieben der Maske um Henry und Frank, die beiden Raufbolde aus dem Saloon, handeln. Die Indianer können wirklich Erstaunliches aus ein paar einfachen Fußabdrücken lesen."
„Zum Glück – denn ansonsten hätten sie womöglich Sie für den Dieb gehalten. Immerhin steckte die Maske ja in Ihrer Satteltasche."
„Ja ... das ist es! Das war überhaupt die Absicht der Diebe! Sie wollten mir die Indianer auf den Hals hetzen. Wahrscheinlich aus Rache."
„Nun, die beiden jungen Burschen waren wegen der Geschichte im Saloon sicher nicht besonders gut auf Sie zu sprechen, Mr. Luke."
„Welche Geschichte ... ach, das mit den Hosenträgern! Das hatte ich schon fast wieder vergessen! Aber ja, das ist es!"
Der Cowboy drehte den Kopf nach hinten und warf Miss Augusta einen bewundernden Blick zu, bevor er fortfuhr: „Der Diebstahl der Maske muss Mrs. Thingleberry sehr gelegen gekommen sein, denn so wurde aus den fiktiven Indianerunruhen ein richtiger Krieg. Zumindest beinahe!"
„Nun, so wie ich diese Dame einschätze, hätte es ihr nicht genügt, sich auf den Zufall zu verlassen. Möglicherweise hat sie auch bei dem Diebstahl der Maske etwas nachgeholfen. Ich hatte schon Schüler wie Frank und Henry. Sie sind boshaft und überraschend geschickt in manchen Dingen, aber für gewöhnlich beschränken sich ihre Racheakte auf Dummejungenstreiche. Falls sie jedoch jemand auf eine Idee bringt ..."
Lucky Luke riss die Augen auf: „Aber ja! So wird es gewesen sein! Henry und Frank sind also nur zwei weitere Bauern auf Mrs. Thingleberrys Schachbrett. Die Rachsucht der beiden Jungen hat sie dabei geschickt für ihre Zwecke ausgenutzt."
Das Lied The Girl I Left Behind Me ist ein englisches Volkslied, dessen Ursprung im Elisabethanischen Zeitalter liegt. Im 19. Jahrhundert war es bei der US-Armee ein beliebtes Marschlied.
Yuma ist nicht nur einer der heißesten Flecken der USA (Temperaturen von über 40°C sind im Sommer die Regel), sondern laut Guinness-Buch der Rekorde auch der sonnigste Ort der Erde: Im Schnitt gibt es dort 4.050 Sonnenscheinstunden pro Jahr, was etwa 90% der Gesamttageslichtdauer von 4.456 Stunden im Jahr entspricht. Die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge beträgt dagegen weniger als 100 mm.
