Die Haustür fiel mit einem sanften Klick in ihre Angeln. Den ganzen Tag hatte Peter sich den Kopf zerbrochen, was er für seine arme Tochter tun konnte. Diese Sorge zu verspüren, die nur ein Vater verstehen kann, jedoch nicht in der Lage zu sein, irgendetwas zu unternehmen. Der schlimmste Schmerz. Doch dann, wie vom Himmel entsandt, kam die eine Person, die alles besser machen konnte. Peter drehte sich langsam um und betrat das Zimmer seiner Tochter. Ohne zu zögern nahm er sie endlich in den Arm. Alles würde gut werden. Jetzt da die stärkste Person, die sie kannten die Sache in die Hand nahm.

Alexa stand vor dem alten Gebäude. Rundherum sah man weite grüne Weiden. Hier und da unterbrach ein Baum die einheitliche Landschaft. In der Ferne sah man vereinzelt ein paar Häuser, die sich schließlich zu einem kleinen Dorf formten. Sie drehte sich nach rechts und stöhnte: "Sag mir nochmal, warum ich auf eine dieser Schulen gehen soll? Ich weiß all die Dinge, die sie hier unterrichten doch schon und tausendmal mehr!"

"Damit du dich hier besser eingewöhnen kannst und vielleicht findest du ja auch ein paar neue Freunde. Außerdem habe ich nicht die Zeit dich den ganzen Tag im Auge zu behalten, was notwendig wäre, wenn du auch nur ansatzweise dasselbe Talent hast in Schwierigkeiten zu geraten wie dein Vater.", der Mann mit dem grauen Haar und den ernsten Augen legte seine Hand sanft auf Alexas Schulter. "Dein Vater hat mir anvertraut, auf dich aufzupassen. Ich will nur, dass du glücklich bist. Und ich denke, es wird dir guttun ein bisschen Zeit mit normalen Leuten zu verbringen."

Ein Seufzen verließ Alexas Lippen. "Ok, aber ich kann nicht versprechen, dass es mir gefallen wird." Sie lief auf die großen braunen Eingangstüren zu. Ein kurzer Blick zurück auf den Mann. Den besten Freund ihres Vaters. Den Brigadier.

Ihre Muskeln entspannten sich. Ein erleichtertes Ausatmen. Es war nicht dieselbe Tür. Alexa betrat die Pardus Public School.

"Pinke Tasche mit Sternen, ein lavendelfarbenes Kleid der neuesten Mode. Du musst Meredith sein." Alexa streckte ihre Hand aus. Meredith strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und schaute sie überrascht an: "Und du bist?"

"Alexa, eine Freundin von Freya. Würdet ihr mir ein paar Fragen beantworten? Ich will Freya helfen."

Meredith steckte ein paar Bücher aus ihrem Schließfach in ihren Rucksack, setzte diesen auf und blickte schließlich zwischen ihren Freundinnen hin und her.

"Hi, schön dich kennenzulernen. Das sind Lisa und Marsha. Lass uns nach draußen gehen."

Alexa folgte den drei Mädchen zu einer Bank vor dem Schulgebäude. Ein Baum spendete ihnen ein wenig Schatten.

"Also, ich muss wissen, was vor drei Wochen passiert ist?" Bevor Alexa aber eine Antwort bekam, mischte Marsha ihre eigene Frage dazwischen: "Erst einmal, woher kennst du Freya?" Sie lehnte sich zu Alexa mit strengem Blick. Dabei fielen ihre wilden, dunklen Haare über ihre Schultern. Alexas Schultern sackten zusammen. Sie schloss ihre Augen für einen bedeutungsvollen Moment: "Es ist lange her. Ich traf sie zum ersten Mal, da war sie noch sehr jung. Wir wurden Freunde." Meredith merkte wie es Alexa augenscheinlich unwohl wurde und schob ihre aufdringliche Freundin zurück auf ihren Platz. "Marsha macht nur Spaß. Freya hat uns von dir erzählt." Marsha verschränkte ihre Arme: "Ich wollte nur sicher gehen, dass sie es auch wirklich ist."

"Genau, weil wir ja so wichtige Geheimnisse zu bewahren haben." Meredith verdrehte ihre Augen gegen ihre Freundin. "Um zu deiner Frage zurückzukommen, Alexa. Natürlich ist uns das merkwürdige Verhalten von Freya aufgefallen. Aber sowie das klingt, meinst du etwas bestimmtes, das dies vor drei Wochen ausgelöst haben soll?" Meredith lehnte sich zurück und überlegte, was vor drei Wochen gewesen war. "Irgendwas? Es kann auch irgendeine Kleinigkeit sein, die euch in dem Moment völlig unbedeutend erschien.", versuchte Alexa ihren Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen. Da bemerkte Lisa: "Vor drei Wochen war doch der Frühlingsabend. Das ist ein Fest bei uns in der Wohngegend. Da sind wir zusammen hingegangen." "Natürlich", setzte Marsha fort, "Gegen Ende hatten wir Freya aus den Augen verloren. Wir nahmen an sie sei nach Hause gegangen, denn es wurde langsam spät und Freya enttäuscht ihren Vater eigentlich nie, wenn es ums Pünktliche Zuhause sein geht." Plötzlich kam Meredith dazwischen: "Oh, ich erinnere mich an einen komischen Moment auf dem Fest. Es gab Musik und man konnte tanzen und ein Junge von unsere Schule war auch da. Frederik ist sein Name, glaub ich. Er war immer etwas merkwürdig. Die meiste Zeit ist er alleine und er hat nicht die besten Noten. Ich habe ihn Mal erwischt, wie er meine Hausaufgaben stehlen wollte. Da hat er sich einfach davon gemacht ohne auch ein einziges Wort dazu zu äußern. Auf dem Fest dann hat er überraschenderweise Freya gefragt, ob sie mit ihm tanzen will. Sie hat verneint. Ich denke, es war einfach zu merkwürdig für sie, da sie ihn kaum kannte und wie du weißt ist Freya nicht die selbstbewussteste Person. Also, unbekanntes Terrain, nein danke." Sie zuckte mit den Schultern. "Wie du schon sagtest, es schien wie keine große Sache zu der Zeit, aber als er weglief sah er ziemlich wütend aus."

"Wo würde ich diesen Frederik denn finden?"


Die drei Mädchen schritten durch die blaue Türe. Sie fragten Peter nach Freya. Es wurde auch langsam Zeit, dass sie sich nach ihrer Freundin erkundeten. Sie wollten ihr nur ein bisschen Raum lassen, aber vielleicht war das falsch. Die drei Freundinnen betraten Freyas Zimmer. Als sie sahen, wie schlimm ihre Freundin aussah, brauchte keine von ihnen mehr dieses nagenden Schuldgefühl, um zu wissen, dass Freya ihre Freundinnen jetzt brauchte.

Nachdem sich Alexa Frederiks Adresse, mit ein wenig Überzeugungsarbeit, von der Direktorin geholt hatte lief sie schließlich die Straßen entlang. Durch ein großes Tor. In einen großen Park. Fast da. Es ist schön, wenn eine Stadt daran denkt Platz zu halten für ein bisschen Natur.

Die aufgehende Sonne ließ die Wiesen feurig erstrahlen. Die silbernen Blätter der Bäume glitzerten in der Ferne. In seelischer Ruhe bewunderte das junge Mädchen den Beginn eines neuen Tages. Hinter sich ließ sie die mächtige Gestalt einer zeitlosen Stadt. Aus jener Richtung näherte sich eine zierliche Figur. In einer langen glänzenden Robe glitt sie voran. Wenige Schritte hinter dem Mädchen kam sie zum stehen. Vereint richteten sich ihre Blicke in die weite Landschaft.

Feuchtigkeit begann sich in Alexas Augen zu bilden. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, blinzelte die Tränen davon und blickte nach vorne. Dort stand ein einsames Haus. Nur wenige Minuten entfernt befanden sich die Wohngebiete mit netten Familien, und Gärten, aus denen man das Lachen von Kindern hören würde. Doch dieses Haus schien umgeben von Dunkelheit und Trübsal. Überlasse es einem komischen Typen ein gruseliges allein stehendes Haus in der Mitte einer großen Stadt zu finden.

Die Sonne verschwand hinter den Häusern in der Ferne. Dunkle Schatten umrandeten das Haus vor ihr. Sicheren Schrittes ging Alexa auf dieses zu. Ein Rascheln in den Bäumen. Ein paar Vögel verließen ihre Nester. Kurz vor dem Haus blieb Alexa plötzlich stehen. Aus dem Inneren hörte man unnatürliche Geräusche. Alexa lenkte ab und schlich vorsichtig an der Eingangstür vorbei und an der bröckeligen Wand entlang. Ein Quietschen, ein Rauschen, ein unbeschreibliches Geräusch. Alexa ließ ihre Hand über die Wand gleiten. Plötzlich ein statischer Schlag. Sofort zuckte ihre Hand zurück. Langsam schritt sie voran. Neben einem Fenster angelangt, hörte sie schließlich Stimmen.

"potesta obscura excitarer!"

Ein kurzes Zischen. Stille. Plötzlich erklangen andere Stimmen.

"Und dann fiel sie einfach hinten über." Lachen.

"Ich mag nunmal keine Spinnen. Und die war riesig!"

Das Lachen verstummte. "Hey, alles ok? Freya."

Alexa blickte rasch durch das Fenster und erblickte Meredith. In der Mitte des Raumes schwebte wie eine Wolke das Antlitz Merediths. Dann bewegte sich das Bild aber plötzlich. Ruckartig änderte sich der Anblick. Für einen kurzen Moment war Marsha zu sehen. Im Hintergrund ein Bett. Alexa erkannte diesen Ort sofort. Das Bild verschwamm. Alexa wendete ihren Blick kurz nach links. Sie blickte in die dunklen Augen eines Jungen. Seine schwarzen Haare standen von seinem Kopf ab, als ob er sie gerade an einem Ballon gerieben hätte. Er trug dunkle, zerfetzte Hosen und ein grün schimmerndes Shirt. Sein wütender Blick wurde unterstrichen von dem düsteren rötlichen Licht, das den Raum einhüllte. Er hob seinen Arm bedrohlich in ihre Richtung. Einer der Ringe an seinem Finger begann aufzuleuchten. Schnell reagierend verschwand Alexa von dem Fenster, kurz bevor eine elektrische Entladung dieses zum zerbersten brachte. Aus dem Inneren hörte sie nun leise Schreie. Freya.

Sie fühlte wie sich das Adrenalin in ihren Venen sammelte. Mit einem lauten Krach brach die Tür auf und Alexa stand in dem mysteriösen Raum und hatte ihre Augen fest auf Frederik gerichtet. "STOP!"