Ihr Blick war fixiert auf das Glitzern und Funkeln. Sie fuhr mit ihrem Finger über die glatte Oberfläche des grün schimmernden Steines. Gedämpft drangen vielzählig Stimmen an ihr abgelenktes Ohr. Mengen an Besuchern aus dem ganzen Universum drangen durch die ansehnlich zu schmal angelegten Wege. Eine froschartige Kreatur warf ihre drei Arme in die Höhe und übergab freudig den Gewinn seines Wurf-Könnens an seine Catkind Freundin. Eine lange Schlange hatte sich vor dem Trirad gebildet. Eine riesige Konstruktion von zwei riesenradartigen gebilden, verbunden durch ein drittes horizontales Rad.
Ein Schatten schlich sich an der Seite des Trirads entlang.
Ihr Vater nahm Alexa bei der Hand und zog sie einen der vollen Wege entlang. Mit der anderen Hand umschloss sie den glitzernden Kristall. Sie schaute zurück Richtung Trirad und sah einen Humanoiden mit blassblauer Haut, der eine kleine Box unter dem Trirad platzierte. Mit Blick nach vorne sah sie, dass die freudigen Gesichtszüge aus dem Blick ihres Vaters verschwunden waren. Plötzlich stand Alexa vor der großen blauen Telefonzelle. "Warte hier. Ich bin gleich zurück.", rief ihr Vater, während er bereits in die andere Richtung zurück rannte. Sie legte ihre Hand auf die Tür und spürte das sanfte, so vertraute summen. Sie nahm ihren Schlüssel aus ihrer roten Jeanshose. Doch sie zögerte. Neugierde breitete sich in ihr aus. Hatte er wirklich geglaubt, sie würde einfach hier warten. Er kannte sie besser. Die Neugierde zog sie zurück den Weg entlang durch die vielen verschiedenen Kreaturen, auf die große Metallkonstruktion zu. Aus der Ferne sah das kleine Mädchen wie ihr Vater eilig auf das Gestell des Trirads zulief.
Sie verlangsamte ihre Schritte, entfernte sich von den Mengen, die Stimme ihres Vaters drang mit jedem Schritt lauter an ihr Ohr.
"Tu das nicht!"
"Die haben meine Kinder auf dem Gewissen", donnerte eine fremde Stimme verzweifelt hinterher.
Alexa schlich vorsichtig den schmalen Pfad hinter dem Ticketschalter entlang. Um die Ecke blickend sah sie ihren Vater. Panisch blickte er sein Gegenüber an. Der Mann mit der blassblauen Haut, den Alexa vorher gesehen hatte.
"Ich werde dieses verdammte Trirad hochjagen und dann werden sie die Sicherheitsmaßnahmen verbessern müssen und niemand stirbt so wie meine Kinder.", gab der Humanoide aufgebracht von sich. Seine Augen bestätigten, dass er es ernst meinte. Der Schmerz und Verlust. Die Einsamkeit und die Wut. Alles war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Dies war keine Impulshandlung. Es war geplant. Sein Projekt, seine Mission, im Namen der Familie.
Alexa wagte sich näher heran. Sie vernahm die Worte ihres Vaters. Sie wusste, sie braucht keine Angst zu haben. Alles wird gut. "Du willst also dutzende töten, um einen Punkt zu machen? Dutzende unschuldige Leben?"
Ein kleines rotes Licht leuchtete im Schatten des Fundaments. Alexa kam ihm näher und erkannte eine kleine Box. Eine kleine Box mit großer Zerstörungskraft. Der Alien Mann bemerkte nicht, wie sie sich der Bombe näherte.
"Sollte ich mich etwa schuldig fühlen? Das Ding fliegt gleich, genau hier in die Luft und dann muss ich mir um gar nichts mehr Sorgen machen.", die Stimme des Verzweifelten endete in einem tiefen, erleichterten Seufzen. Zwischen seinen fast weißen Fingern fummelte er an einem zylindrischen Gerät, welches er in der Hand hielt. Ein Fernauslöser. Alexa blickte auf, zu ihrem Vater hinüber. Dieser versuchte möglichst unauffällig ein kleines silbernes Gerät aus seinem Mantel zu ziehen, in der Hoffnung sein Gegenüber nicht darauf aufmerksam zu machen. In dem Moment erinnerte sich Alexa an den Stein in ihrer Hand. Ein Kristall, der, wenn richtig platziert, eine Menge Energie aufsaugen kann. "Warte", hörte ihr Vater Alexas Stimme in seinen Gedanken und er sah, was sie vorhatte. Ein letzter Schritt vorwärts, eine geschickte Handbewegung und der Kristall saß fest. Mitten in der Konstruktion von Kabeln und explosivem Material.
Alexa lächelte. Ihr Vater streckte dem blauen Mann seine Hand entgegen: "Ich kann dir helfen, aber wir sollten gehen, bevor noch irgendjemand uns hier sieht." Nicht wissend, dass seine Bombe außer Kraft gesetzte wurde, schaute der verzweifelte Mann, schockiert auf: "Ich gehe nirgendwo hin. Es ist jetzt aus." Er drückte den Auslöser in seiner Hand. Nichts passierte. Panisch hämmerte er auf den Knopf. Ein leises Zischen ertönte. Ein grelles Licht erschien, von wo die Bombe lag, und schließlich war diese verschwunden. Und zum ersten Mal bemerkte er das kleine Mädchen, dass hinter ihm stand. Sie schaute ihn an mit einem mitfühlenden Lächeln. Der Vater des Mädchens sagte daraufhin: "Tut mir leid deine Pläne zu durchkreuzen, aber wir konnten niemanden sterben lassen. Aber du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde dich nicht den Sicherheitskräften übergeben. Wie gesagt, ich will nur helfen. Erzähl mir alles und ich werde dir zeigen, es gibt einen besseren Weg. Es gibt immer einen besseren Weg." Der schmerzerfüllte Mann gab sich geschlagen.
Manchmal läuft alles genau wie es sollte. Manchmal stirbt niemand. Aber manchmal auch nicht.
Nachdem Freyas Freundinnen gekommen waren, konnte Peter sich endlich etwas beruhigen. Die größte Sorge in seinem Leben war schon immer Freya, aber diesmal war es anders. Es war ernst. Jedoch musste er sich endlich nicht mehr alleine sorgen. Meredith konnte Freya schon immer aufmuntern. Hoffentlich konnte sie das auch bei einem Problem wie diesem.
Zusammengerollt, voller Angst, lag das junge Mädchen in ihrem Bett. Langsam näherte sich Meredith. "Hey…" Freya so zu sehen, verletzt, in sich gekehrt, versetzte ihr einen schmerzvollen Stich im Herzen. Was könnte ihr das nur angetan haben. Freya ist normalerweise so unbeschwert. Sie hat immer diese festen Ziele, die sie mit freudiger Motivation verfolgt. Als sie an dem Projekt über Artgerechte Tierhaltung im Zoo gearbeitet hat, schleifte sie ihre Freundinnen durch die ganze Stadt. Zur Bibliothek, in mehrere Buchläden, Zoohandlungen und natürlich auch in den Zoo. Weil Freya erpicht darauf war einen der Tierpfleger abzufangen, um diesem tausend Fragen zu stellen, hatten sie beinahe Lisa verloren, die sich ins Insektenhaus verirrt hatte und aufgrund ihrer Arachnophobie nicht mehr heraus kam. Später fanden die Freundinnen sie in einer Ecke kauernd umgeben von Spinnenterrarien.
Meredith fuhr sich mit der Hand durchs strahlend blonde Haar. 'Ich brauche meine Freundin wieder.' dachte sie beunruhigt. Irgendwie musste sie Freya aufmuntern. Ihre Gedanken rasten über die letzten Tage hinweg. Irgend etwas aufmunterndes gab es sicher zu erzählen.
"Erinnerst du dich, wie Mr Tarmak, unser Physiklehrer, immer von seinen Schildkröten redet. Die tollkühne Trixie, die verschlafene Vara und Alvin der Angsthase."
"Ich dachte wir reden über Schildkröten", warf Marsha verschmitzt ein, die gerade hinter Meredith durch die Tür eintrat. Freya schaute auf zu ihren Freundinnen. Ein kleines Lächeln stahl sich über ihr Gesicht. Die Freundinnen verteilten sich in ihrem Zimmer. Marsha lehnte sich an die blassblaue Wand neben dem Fenster. Nahe des Bodens konnte man Kinderzeichnungen an der Wand entdecken. Eine Blume mit einem ungewöhnlichen, verschlungenen Muster, ein Tier, das wage an eine Katze erinnerte. Lisa setzte sich auf einen Stuhl neben Freyas Schreibtisch. Etwas zu schwungvoll landete sie auf dem Sitzkissen, der Schreibtischstuhl drehte sich einmal um seine Achse, seine Begleiterin schwang die Arme wild umher, um ihre Balance nicht zu verlieren. Alle Augen waren auf Lisa gerichtet. Meredith fing sofort an lauthals zu Lachen, auch Marsha stimmte mit ein. Freya drehte sich in ihrem Bett um, ihre Embryohaltung löste sich auf. Unsicher richtete sie sich auf, ihre Hände klammerten sich an die Bettdecke. Jeder andere hätte es wahrscheinlich nicht bemerkt, aber Meredith konnte in ihrer Freundin erkennen, sie lachte im inneren auch.
Schritt Nummer eins, und ganz ungeplant. Motiviert durch diesen überraschenden Start setzte Meredith ihre Geschichte fort.
"Ich sah Herr Tarmak vor zwei Tagen im Park. Er saß am Rand des kleinen Sees im Gras und bastelte an irgendetwas herum. Natürlich war ich neugierig, was es damit auf sich hat. Als ich näher kam, erkannte ich, dass zwei kleine Boote neben ihm lagen, kaum einen halben Meter lang. Ein weiteres trieb bereits vor ihm im Wasser. Ich schloss daraus, dass er gerade an einem Motor für eines der Boote arbeitete. Aber das beste ist, das Boot im Wasser war nicht unbemannt. Auf dem rot gestrichenen Boot saß eine kleine Schildkröte. Sie kletterte auf dem wackeligen Bootlein umher. Es sah aus, als ob sie jeden Moment herunterfallen könnte. In dem Moment beschloss ich, das ist Trixie, die mutigste der drei Schildkröten. Nachdem ich mir einen Überblick über die Situation geschaffen hatte, sah ich auch die anderen zwei, welche noch im Gras saßen. Eine lag ganz ruhig mit ihrem Kopf leicht in ihren Panzer gezogen. Die andere konnte man kaum von einem Stein unterscheiden, denn sie hatte sich komplett in ihrem Haus verkrochen. Vara und Alvin.
Da ich das Spektakel weiter verfolgen wollte, begrüßte ich schließlich Herr Tarmak. Dieser bot mir eine Fernsteuerung an, um das Boot, das schon auf dem Wasser taumelte zu steuern. Dann setzte er den Motor, an dem er bis dahin gewerkelt hatte, in das grüne Boot auf der Wiese ein. Als nächstes nahm er Vara hoch und legte sie auf das andere Boot, welches blau gefärbt war und schließlich setzte er Alvin auf dem grünen ab. Dieser schreckte dabei plötzlich aus seinem Panzer hervor und zappelte mit seinen Beinchen hin und her, bis er sich auf dem Boot angekommen plötzlich wieder in seinen Panzer verzog. Dabei redete Herr Tarmak auf ihn ein: 'Es ist nur ein Boot, du bist eine Schildkröte, du kannst schwimmen. Es wird dir nichts passieren.'
Ich schaute mir die Fernbedienung in meiner Hand an und bewegte den Knüppel nach oben. Schon sauste das Boot mit seinem Passagier davon. Trixie rutsche nach hinten. Ich befürchtete schon ich hätte sie vom Boot geworfen. Ich nahm meinen Finger schnell wieder weg und sah dann aber, dass sie am Hinterteil vom Boot noch gerade liegen geblieben war. Daraufhin versuchte ich es mit einer langsameren Geschwindigkeit. Neben mir hatte Herr Tarmak auch eine Fernbedienung in die Hand genommen und tuckerte mit Alvin auf mein Boot zu und umkreiste es gekonnt, während ich, wie die Anfängerin, die ich war, versuchte das kleine Boot auf einer geraden Linie zu halten. Trixie machte es mir nicht einfacher damit, dass sie quer auf dem Boot hin und her lief und es so zum Schaukeln brachte. Solange ich noch konzentriert übers Wasser steuerte, ließ Herr Tarmak Alvin zu Land fahren, wo er sein Boot mit einer Schnur mit dem mit Vara verband und schließlich beide Boote ins Wasser ließ und drauflos fuhr. Vara reagierte auf nichts von alledem, immer noch friedlich dösend.
Eine Weile lang fuhren wir beide mit unseren Booten auf dem kleinen See hin und her. Über sanfte Wellen und an Seerosen und Enten vorbei. Dabei wurde ich mit jeder Minute geschickter und wagte schließlich einen Slalom durch das dichte Schilfrohr. Währenddessen wirbelte Alvins Boot um die Enten herum, Vara mit sich schleifend. Diese muss bei dieser Geschwindigkeit aufgewacht sein, denn nachdem ich aus dem Schilf heraus gesteuert war, schnappte sie nach den Enten. Furchtvoll schraken sie auf und schnatterten wild umher. Die Angst übertrug sich in windeseile auf Alvin, welcher so zuckte, dass er von seinem Boot viel. Da die Kettenreaktion noch nicht vorbei war, sprang Vara ihrem Artgenossen hinterher ins kühle Nass. Beide paddelten hektisch - wenn man das bei Schildkröten, die trotz allem recht langsam sind so nennen kann - Richtung Ufer. Als die beiden an meinem Boot vorbei schwammen, entdeckte Trixie sie und beschloss sich das Schwimmerlebnis nicht entgehen zu lassen. Ich sah, was sie vor hatte, aber das ganze Schauspiel brachte mich dazu, dass ich zu beschäftigt damit war ein heftiges Lachen zu unterdrücken. Mit einem Ruck stieß sie sich vom höchsten Punkt des Bootes und platschte mit einem großen Spritzen in den See.
Und ich lachte lauthals los. Herr Tarmak lächelte mir zu: 'Nun gut, dann hatten sie eben auch ein bisschen Bewegung. Und da kommen sie auch schon.'
Alvin zuerst, gefolgt von Vara und Trixie - Trixie hatte die beiden schnell eingeholt, ich kann mir gut vorstellen, dass sie es als Rennen sah - kletterten nacheinander ans Ufer."
Freya schaute Meredith mit einem breiten Grinsen an:"Ich erinnere mich, wie er die drei einmal in der Schule dabei hatte. Sie sind echt lustig." Sie saß mit aufgestellten Beinen auf ihrem Bett. Vorgebeugt über ihre Knie hatte sie gespannt der Geschichte ihrer Freundin gelauscht.
Ihr keine Zeit ihre Gedanken wieder zu furchteinflößenderen Dingen schweifen zu lassen, sagte Marsha: "Weißt du was, heute morgen sind wir eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht gekommen und es war alles Lisas Schuld."
"Hey, dafür kann ich nichts", wendete die Erwähnte schnell ein.
"Also musste ich dich nicht zur Krankenschwester tragen, weil…"
"Sie war riesig!"
"Ja", fing Marsha erneut an, sich an Freya wendend, "als Lisa heute morgen ihr Schließfach geöffnet hat, hatte sie einen Besucher. Und wie ihr euch vorstellen könnt, sie mochte diesen nicht. Sie schrie, ich wusste noch gar nicht, was eigentlich, das Problem war, und dann fiel sie einfach hinten über."
"Ich mag nunmal keine Spinnen. Und die war riesig!"
Freya lachte freudig. Das waren ihre Freundinnen. Immer freudig, mit etwas spannendem zu erzählen. Die interessantesten Menschen, die sie je getroffen hat - abgesehen von Alexa.
Das Lachen verstummte. "Hey, alles ok? Freya.", Meredith schaute besorgt zu ihrer Freundin, welche plötzlich ihre Hände an den Kopf gelegt hatte. Ein Ausdruck des Schmerzes lag auf ihrem Gesicht. Meredith legte ihre Hand beruhigend auf Freyas Schulter, doch ein heftiges Zucken durchzog plötzlich Freyas Arm und stieß die besorgte Freundin weg. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich. Zucken und Starre. Schlagen und Ziehen. Es ließ sich nicht stoppen. Die drei Freundinnen standen alle besorgt, um die Schmerzerfüllte herum. Sie wollten helfen, aber wie?
"Sollten wir einen Krankenwagen rufen?", fragte Lisa unsicher.
"Ich denke...ja...ich weiß nicht", stotterte Meredith beunruhigt.
Währenddessen versuchte Marsha Freya ruhig zu halten. Das zucken zu stoppen. Meredith wollte gerade ihr Handy herausholen, um einen Notruf zu machen, als sie etwas sah, dass sie sich nicht erklären konnte. Die Farbe von Freyas Haut fing an sich zu ändern. Es bildeten sich dunkle Flecken. Sie wurden größer und größer. Zwangen sich auf die Oberfläche des Körpers. Lisa entdeckte, wie sich nach und nach auch winzige schwarze Punkte bildeten. Nein, keine Punkte. Haare. Pechschwarze Haare wuchsen über den ganzen Körper des bedauernswerten Mädchens vor ihr.
Dann ein Knacken. Marsha schreckte zurück. Hatte sie ihre Freundin unabsichtlich verletzt, indem sie sie festhielt. Mit Zitternden Händen wagte sie sich zurück zu Freya hoffend ihr nicht wieder weh zu tun. Doch bevor sie dazu kam, wurde klar, es war nicht ihr beschützender Griff, was das Knacken verursacht hatte. Das Zucken, es begann noch unnatürlicher auszuschauen. Freyas Gliedmaßen bewegten sich in Winkeln, in die sie nicht gehörten. Ihr ganzer Körper verwandelte sich in etwas komplett neues. Inzwischen konnte man nicht einmal mehr ihr Gesicht erkennen. Es war mit schwarzem Fell überzogen und Mund und Nase hatten sich zu einer Schnauze gebildet. Auf allen Vieren stand Freya auf ihrem Bett. Schwarz, bedrohlich blickte die große Katze ihre ehemaligen Freundinnen an. Ein Fauchen, sie fuhr die Krallen aus, und sprang.
Alexa starrte eindringlich in die dunklen Augen. Mit aufrechtem Kinn hielt der mysteriöse Junge ihrem Blick stand: "Wer glaubst du, dass du bist, hier einfach in mein Haus einzudringen?"
"Du wirst sofort damit aufhören, meine Freunde zu verletzen!", entgegnete Alexa stur. Wieder wandte sich ihr Blick in den Raum. Die mystische Wolke schwebte immer noch neben Frederik in der Luft. Inmitten dieser war ein Bild zu erkennen, dass die schockierenden Ereignisse in Freyas Haus wiedergab. Alexa sah die verschreckten Gesichter der Freundinnen. Meredith, die unbedingt helfen wollte, aber nicht einmal annähernd verstand wie, Marsha, die sofort zur Tat Schritt, aber nichts ausrichten konnte und Lisa, die einfach nur weglaufen wollte, aber aufgrund von Schuldgefühlen in der Tür erstarrte.
Riesige Tatzen mit scharfen Klauen schnellten auf die Mädchen zu. Alexa musste sich was ausdenken und zwar schnell.
"Du wirst mir keine Befehle erteilen, verschwinde sofort oder…"
"Oder ,was?", unterbrach Alexa ihn verschmitzt. Währenddessen hatte Frederik wieder seine Ringe auf sie gerichtet.
"Du kannst mir damit keine Angst machen. Dachtest du etwa ich renne zitternd davon, nach deinem kleinen Stunt am Fenster eben. Ich habe solche Energieringe schon mal gesehen und ich weiß sie brauchen eine gewisse Nachladezeit. Also...," sie begann locker durch den Raum zu schlendern, "...ich schätze ich habe fünf Minuten." Neugierig ließ sie ihren Blick im Raum schweifen, der überfüllt war mit Regalen und Schränken, die überschwollen an Büchern und Flaschen jeglicher Größen, Formen und Materialien. Plastikflaschen, Glasflaschen, Metallflaschen, kleine Parfümbehälter, die definitiv kein Parfüm mehr enthielten. Trübe Flüssigkeiten, bunte Flüssigkeiten, feste Flüssigkeiten füllten ihre Gehäuse. Antike Bücher, neuwertige Bücher, kaputte Bücher säumten nicht nur die Regale sondern lagen auch quer über den Boden verstreut. Alexa bahnte sich einen Weg durch das Chaos und versuchte irgendetwas zu finden, das ihr weiterhalf: "Erzähl mir, was hast du mit Freya gemacht!"
Frederik hatte sichtlich nicht erwartet jemandem über den Weg zu laufen, der seine Magie verstand. Zögernd nahm er seine Hand hinunter und folgte mit seinem Blick dieser ungewöhnlichen Frau. 'Nagut, dann weiß sie eben Dinge, die andere Menschen nicht kennen, was solls, ich bin immer noch mächtiger als - wer auch immer sie ist!', er schob die Gedanke zur Seite und antwortete selbstbewusst: "Wenn du es unbedingt wissen musst, ich habe sie verflucht." Alexa drehte sich zu ihm um: "Magie also… ich bin mehr eine Wissenschaftsperson, aber ok, wäre nicht das erste Mal." Sie schlug eines der Bücher auf, welches besonders benutzt aussah. Die Schrift war äußerst verkrackelt und es standen unzählige kleinen Notizen an den Rändern. Ein Notizbuch. So dick? Fast schon mit Sorge blickte sie ihm tief in die Augen. Was war das für ein Junge und seit wann war er hier? Alleine.
"Wo sind deine Eltern?", fragte sie leise.
Der Junge, der doch nicht älter aussah als vierzehn Jahre, wurde bei dieser Frage wütend: "Oh nein! Jetzt bist du dran. Wer bist du eigentlich?"
Aufbrausend ging er auf sie zu und riss ihr das Buch vor der Nase weg.
Die lodernden schwarzen Augen bohrten sich geradewegs in ihre Seele und sie fühlte den Zorn, den Zorn der sie selbst zu den schlimmsten Taten verleitet hatte. Schmerz und Einsamkeit sind keine gute Kombination. Aber jetzt war keine Zeit die Vergangenheit zu bereuen, sie musste etwas tun, um Freya zu helfen. Doch beschlich sie das Gefühl, dass der gebrochene Junge vor ihr genauso ihre Hilfe brauchte: "Nimm den Fluch einfach zurück und wir können klären, was auch immer es ist, dass dich dazu verleitet hat, Freya zu verletzen." Sie wollte ihre Hand beruhigend auf seine Schulter legen, doch Frederik stoß sie gewaltsam weg, entfernte sich von Alexa und griff nach einer kleinen Glasflasche: "Ich brauche meine Ringe nicht, um dich davon abzuhalten in meinem Leben herum zu schnüffeln."
Energisch warf er die Flasche auf den Boden vor Alexa. Sie wollte noch ausweichen, aber es war zu spät. Ehe sie sich versah, stand sie im Dunkeln, inmitten einer leeren Straße.
Meredith war erstarrt vor Angst. Jede millisekunde konnte sie sterben, zerfetzt von ihrer eigenen Freundin und sie konnte sich keinen Zentimeter rühren. Das Adrenalin, welches verfehlte Meredith zu retten, ließ Marsha sich auf ihre Freundin stürzen. Die schwarze Katze, die einmal Freya gewesen war, landete auf der tapferen Heldin, fauchend und knurrend, kratzte sie deren Haut auf. Blut floß über den Boden. Plötzlich tauchte Peter, Freyas Vater, vor der Tür auf. Sich keinerlei Schock anmerken lassend zog er Meredith und Lisa aus dem Zimmer, nahm einen Stuhl, schlug die wilde Katze damit von Marsha weg und brachte die Verletzte in Sicherheit. Schließlich stieß er schnell die Tür zu und stellte einen schweren Schrank davor: "Was ist hier los?"
Nachdem sie kurz in ihren Taschen gewühlt hatte, fand Alexa schließlich eine Münze und steckte sie in den Schlitz der roten Telefonzelle. Die nächtliche Straße war immer noch leer. Nur die ein oder andere Person ließ sich kurz den Gehweg entlang schlendern sehen. Alle paar Minuten kam auch mal ein Auto vorbei. In der Ferne stand ein Junge mit braunem Haar. Er schaute genau in ihre Richtung. Wie lange stand er da? Was hatte er gesehen? Er kam ihr bekannt vor.
"Hallo, wer ist da?", das Telefon hatte die Verbindung aufgebaut.
"Alexa hier, ähm, Personalcode 2363, schickt ein Team, Code 'Wild Animal', schwarz, katzenartig." Sie nannte Freyas Adresse, wartete auf die Bestätigung und legte auf. Besorgt rannte sie schließlich die Straße entlang, in der Hoffnung es war nicht zu spät, in der Hoffnung, dass sie, oder UNIT rechtzeitig am Haus ankamen.
Den Jungen, den sie aus der Ferne nicht wiedererkannt hatte, vergaß sie.
