Voll widerwilliger Faszination sah Gollum über die Ebene zu dem Gebirgszug hin, der jetzt zum
Greifen nahe war. Er brauchte vielleicht noch drei Stunden, dann hatte er ihn erreicht. Seine
scharfen Augen wurden von der gähnenden Schwärze angezogen, die die Berge genau vor ihm
durchschnitt. Im fahlen Licht des Morgens fiel es ihm zunächst schwer zu erkennen, was es
war, aber als sich ein wenig Helligkeit durch die dichten Wolken kämpfte, sah er, dass es ein
Tor war - so gewaltig und ehrfurchtgebietend, dass Gollum der Atem stockte. Nach und nach
gelang es ihm, Einzelheiten auszumachen, und so wurde ihm bewusst, dass er ans Ende seines
Weges gekommen war: das Tor wurde bewacht, daran bestand kein Zweifel, und auch wenn
dies nicht so gewesen wäre, hätte er niemals hindurch gelangen können, denn ihm fehlte die
Kraft eines Riesen, um es zu öffnen.
Aber er musste in das Land, das sich hinter dem Tor auftat! Sein Ring rief ihn mit immer
drängenderer Stimme; doch sie kam von jenseits des Gebirges, hatte dort ihren Ursprung, wo
der Himmel glühte, als stände er in Flammen.
Langsam ließ Gollum sich zu Boden gleiten, seine Glieder waren unendlich schwer. Er war so
weit gekommen und doch blieb sein Schatz unerreichbar für ihn, hinter einem schwarzen
Ungetüm aus Eisen verborgen. Gollum spürte den Ring stärker denn je und auch seine Gier
nach dem schönen Gold war so groß wie nie zuvor. Voller Verzweiflung saß er da, grub seine
dürren Hände in den harten Boden, bis sie bluteten, fluchte und jammerte und verfiel
schließlich in ein finsteres Grübeln. Erst als die Abenddämmerung hereinbrach rührte er sich
wieder. Er hatte einen Entschluss gefasst. Es musste einen anderen Weg geben, und wenn er
über das Gebirge kletterte!
Gollum schlug einen weiten Bogen nach Westen, nutzte jede Deckung, die er fand und schlich
langsam voran. Erst als er sich sicher war, dass ihn vom Tor aus niemand mehr erblicken
konnte, wandte er sich schnurstracks den hohen Bergen zu.
Er verbrachte Tage damit, nach Felsspalten oder Pässen Ausschau zu halten, die ihm Zutritt
gewähren würden, aber seine Suche blieb erfolglos. Allein sein Mut und seine Entschlossenheit
sanken nicht. Er bezwang seine Ungeduld, und Zuversicht erfasste sein Herz, während er
seinen Weg die Gebirgskette entlang nach Süden fortsetzte.
So schlich Gollum sich durch Ithilien, lautlos wie der Nebel, der an einem Herbsttag über das
Wassers eines Sees gleitet. Seine Vorsicht war berechtigt, denn hier, an der Grenze nach
Mordor, waren die Menschen auf der Hut. Waldläufer durchstreiften das Gebiet - wachen Auges
und Ohres, damit ihnen keine Regung aus dem Osten entging, dessen Dunkel böse Kreaturen
ausspie, die mordeten und dann verschwanden, wie sie gekommen waren: unerkannt, aber
Furcht und Verzweiflung zurücklassend.
Einige der Dúnedain und eine kleine Schar Recken aus den Reihen der Krieger von Minas Tirith
hatten in Osgiliath ihr Lager aufgeschlagen, der alten und ersten Hauptstadt des Reiches
Gondor. Dort, zwischen den Ruinen, die die einstige Schönheit der Stadt noch erahnen ließen,
lebten diese Getreuen, seit der Truchsess Boromir die Orks vor Jahren aus Osgiliath vertrieben
hatte. Gollum sah die Stadt, aber er hielt sich fern von ihr. In Ithilien fand er, was er brauchte,
so dass er nicht stehlen musste. Gegen die Wochen des Hungers und der Qual war die
Wanderung durch diese Gegend eine wahre Wonne, tat sich hier doch ein schier unendlich
gedeckter Tisch vor ihm auf, und so konnte er sich erholen. Er jagte Hasen und Vögel, Fische
aus klaren, kleinen Bächen, labte sich am Honig der Wildbienen und an schmackhaften Beeren.
Er kam wieder zu Kräften, bewegte sich des Nachts und schlief am Tage in kleinen Erdhöhlen
oder unter dichtem Gestrüpp, verborgen und geschützt.
Dann und wann vernahm er leise Schritte und sah vermummte Gestalten fast lautlos durch das
ausgedehnte Waldgebiet streifen, das sich am Fuße des Schattengebirges auf unzählige Meilen
hin erstreckte. Gollum nahm an, dass es Menschen waren, denn sie hatten einen hohen und
schlanken Körper - nicht gedrungen und krummbeinig wie die Orks - und trugen große Bögen
und lange Schwerter mit sich. Gollum verhielt sich in ihrer Gegenwart vollkommen still, er
wagte kaum zu atmen und war erleichtert, wenn sich die unbekannten Krieger entfernten. Sie
hinterließen kaum sichtbare Spuren; dafür waren die Fährten der Orks umso deutlicher zu sehen,
so dass Gollum den kleinen Horden, die den Menschen zum Trotz in Ithilien
herumstreiften, ausweichen konnte, ohne viel Mühe dadurch zu haben.
Noch immer suchte er nach einem Weg über das Gebirge, und als er eines Nachts auf einen
Fluss stieß, dessen Wasser in einem bleichen Schein schimmerte und in dessen Licht er eine
alte Straße erkannte, die sich an das Gebirge schmiegte und sich schmal aber stetig nach oben
wand, machte sein Herz einen Sprung. Hier gab es einen Pfad den er nehmen konnte, um an
sein Ziel zu gelangen. Verwittert und offenbar seit Jahrhunderten sich selbst überlassen, aber
immer noch gut begehbar und für einen geschickten Kletterer, wie Gollum es war, keine
ernsthafte Herausforderung.
In den Stunden vor Mitternacht wagte er mit neuem Mut den Aufstieg. Die Luft gewann an
angenehmer Kühle, je höher Gollum kam, und roch würzig. Nach einer Weile tauchte ein Licht
vor Gollum auf. Es schwebte weit über ihm und verwundert besah er es sich. Lange Zeit blieb
er reglos, denn das Licht konnte auf Menschen oder Orks hindeuten; aber es veränderte sich
nicht, zudem war es seltsam bleich, nicht einladend wie die Flammen eines großen
Lagerfeuers, eher unnahbar wie das Licht des Mondes. Es leuchtete stetig in einer blassen
Farbe, und Gollum sah schließlich keine Gefahr mehr darin. Er begrüßte den Schein sogar, war
er doch ein guter Wegweiser in der finsteren Nacht, die selbst Gollums Augen nur schwer zu
durchdringen vermochte.
Mit schnellen, aber gezielten Schritten kam er voran - dennoch dauerte der Aufstieg geraume
Zeit. Die Dunkelheit war wie ein ruhiges Meer um Gollum, sie hüllte ihn ein, strich mit kalten
Fingern über sein Gesicht und flüsterte mit fremden Stimmen in seinen empfindlichen Ohren.
Er erschauerte und wünschte sich, wenigstens dann und wann die Laute zu vernehmen, die es
in der Nacht gab. Aber nichts regte sich, kein Flügelschlag, kein Tappen kleiner Füße oder das
Zirpen einer Grille ...
Fast verzweifelt griff Gollum nach unten auf den Weg und erhaschte einen Stein. Mit großer
Wucht schleuderte er ihn, so dass der Stein rechts von ihm in der Finsternis verschwand.
Gollum lauschte lange Zeit, doch hören konnte er nichts. Der Abgrund neben ihm war tief und
geheimnisvoll, keine Regung schien dem Dunkel entlockt werden zu können. Mit Unbehagen
wanderte Gollum weiter. Nach der Lebendigkeit Ithiliens, die er vor wenigen Stunden noch
durchstreift hatte, war das finstere und tote Gebirge, das er erklomm, ein erschreckender
Gegensatz. Und auch das kleine Licht, welches ihm den Weg wies, kam ihm mit einem Male
nicht mehr einladend und harmlos vor.
Aber Gollum wollte und konnte seinen Vorsatz, das Bergmassiv zu überqueren, nicht
verwerfen. Der innere Drang war zu mächtig geworden, als das Gefühle oder kluge Gedanken
gegen ihn hätten bestehen können.
So folgte Gollum dem Pfad ins Ungewisse, in der Hoffnung, bald seinen Schatz wieder in den
Händen zu halten.
Ganz schwach begann der schmale Weg vor Gollums Augen zu leuchten je weiter er ihm folgte
und je höher er kam, und so wie der Weg sich offenbarte, zeigte sich auch das bleiche Licht
immer deutlicher, bis es eine helle Säule in der Nacht war.
Mit Neugier und Faszination sah Gollum wenig später, das der Ursprung des Lichtes ein großer
und schlanker Turm war, der sich mächtig über die Mauern einer alten Stadt erhob. Auch sie
leuchteten schwach, fast so, als streiften Nebelfetzen um das verwitterte Gestein. Aber dieser
Schein war bei weitem nicht so hell, wie der des Turmes.
Gollum empfand plötzlich Furcht, und er kauerte sich auf dem Weg nieder, lauschte
angestrengt in die Ferne, wartete auf Stimmen oder die Geräusche von Füßen, das Klirren von
Waffen ...
Immer wieder zog der Turm seine Augen an. Obwohl die Fenster dunkel und leer waren,
konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass unsichtbare Augen auf ihn hinunter starrten,
dass irgendwer genau wusste, dass vor der Stadt ein Geschöpf auf einem längst vergessenen
Weg ausharrte.
Doch als lange Zeit nichts geschah, fasste Gollum schließlich wieder Mut und schlich sich
vorsichtig weiter.
So kam er nach Minas Morgul, das einst Minas Ithil gewesen war. Von der ursprünglichen Stadt
war nichts weiter geblieben als der Turm, eingestürzte Häuser und verwilderte Gärten. Aber
die starke und wehrhafte Mauer zeigte sich wie eh und je. Sorgfältig wurde sie instand
gehalten. Ein breites Tor hatte man in sie geschlagen, aus Eisen und mit Sternensilber verstärkt, vor dem eine gewaltige Steinplatte einen Felseinschnitt überspannte, der wie ein
natürlicher Graben war.
Das Tor führte auf einen befestigten Weg, der einer Heerschar Platz zu bieten vermochte.
Große Kräfte waren am Werk gewesen und hatten diesen zweckmäßigen Zugang erschaffen,
der ein schnelles Kommen und Gehen ermöglichte, denn Minas Morgul war mitnichten
verlassen. Der Turm, dem die Feste ihren Namen verdankte, gehörte den mächtigsten Dienern
des Dunklen Herrschers; und seine Bewohner waren häufig in Eile, wenn der Ruf ihres Meisters
sie aufscheuchte.
Auch zahlreiche Orks befanden sich in der alten Stadt. Sie bevölkerten die weitreichenden
Kellergewölbe, die wie ein unterirdisches Netz von Haus zu Haus gingen und den Menschen
von damals gute Dienste geleistet hatten. Jetzt hausten die Morgul-Orks darin. Sie wiederum
unterstanden den Nazgûl, die sie zum Schrecken der immer weniger werdenden Menschen
Ithiliens auf Raubzüge schickten, damit der Blutdurst der Orks gestillt und zugleich verstärkt
wurde.
Gollums Augen folgten dem Weg, der in langen Windungen hinab in das Tal des Morgulduin
führte, bis er im Dunkel verschwand. Er hatte den alten Aufgang gefunden, der einst zur Stadt
führte, den man aber hatte verfallen lassen, weil er nicht mehr gebraucht wurde. Er lag ein
gutes Stück höher als die neue Straße, deren Gefälle sie schnell nach unten führte, und
schmiegte sich linker Hand an den Fels, der das Morgul-Tal nach Norden hin begrenzte.
Am Ende des Weges fand Gollum eine verwitterte Zugbrücke. Sie war heruntergelassen und
hing an rostigen Ketten. Genau in der Mitte hatte sie etwas mit großer Wucht getroffen, so
dass ihre dicken Holzbohlen zersplittert waren. Regen und Wind hatten dem Holz Jahrhunderte
lang zugesetzt, Fäulnis war hineingekrochen und hatte es aufgeweicht - aber es stammte noch
aus einer Zeit, in der alle Bäume stark und mächtig gewesen waren; selbst ihr Holz vermochte
viele Menschenalter zu überdauern.
Zwischen dem Fels, auf dem Gollum stand und dem zerborstenen Ende der Brücke gähnte der
Abgrund der Felsspalte, die sich vor der gesamten Stadtmauer erstreckte.
Doch dies hatte man nicht für ausreichend befunden, ungebetene Gäste fernzuhalten.
Das Tor, das einstmals Einlass in die Stadt gewährt hatte, war mit großen Steinquadern
verschlossen worden, so dass es kein Durchkommen mehr gab.
Gollum stand da und betrachtete die alte Zugbrücke im geisterhaften Licht der Stadtmauer und
des Turmes. Er scheute sich davor, ein Stück seines Weges wieder zurückzugehen und sich
eine Stelle zu suchen, die er hinabklettern konnte, damit er auf die neue Straße gelangte, um
dort sein Glück zu versuchen. Er hätte die Mauer neben dem Tor erklimmen können, aber der
Gedanke daran weckte Furcht in ihm. Auch wenn sich in der alten Stadt nichts regte, wollte er
sie nicht von diesem Tor aus betreten.
Doch die Aussicht, über die Spalte zu springen, war nicht weniger beängstigend. Gollum wurde
hin und her gerissen von dem Verlagen, in die Stadt zu kommen, um den Weg fortsetzen zu
können und seiner Angst vor dem Abgrund, und dem, was vielleicht hinter der Mauer lauerte.
Aber hinein und hindurch musste er, denn er glaubte fest daran, dass sein Weg hinter der
Stadt weiterging, auf die Gipfel des Schattengebirges und schließlich wieder hinunter.
Gollums Schultern strafften sich, als er endlich einen Entschluss fasste.
Die kräftigen Muskeln seiner Beine kamen ihm nun zu Gute, sie stießen ihn vom Boden ab und
mit einem flachen Sprung erreichte er die Zugbrücke; ihre morschen Bretter knarrten und sie
schwankte gefährlich - doch Gollum war behände und leicht. Mit zwei weiteren, großen Sätzen
war er bis an das zugemauerte Stadttor gelangt und warf sich vorwärts. Seine langen Finger
fanden Halt in den schmalen Fugen der Steinquader und so konnte er sich langsam
hinaufziehen und dann seitwärts auf die Mauer klettern. Erschöpft und zitternd hielt er auf der
Mauerkrone inne, kauerte sich zusammen und wartete, bis sein Atem wieder ruhig ging und
sein Herz aufhörte wild zu schlagen.
Das Knarren der Brücke verstummte nach einer Weile; Gollum war es entsetzlich laut
erschienen. Hastig sah er sich um, während er nach unten auf den Wehrgang glitt und ihm
geduckt folgte. Dann krabbelte er einen steinernen Aufgang von vielen Stufen hinunter und
verharrte eine Weile vor der Treppe. Kein Laut war zu hören und auch keine Bewegung zu
sehen; einzig das geisterhafte Licht des Turmes strahlte kalt über allem.
Schaudernd setzte Gollum sich in Bewegung. Er vermeinte durch eine Stadt der Toten zu
gehen, fast konnte er sie sehen, die einstigen Herren, wie sie die Hände nach ihm
ausstreckten, die Gesichter zu hässlichen Fratzen verzogen und mit Augen, in denen die Schwärze einer sternenlosen Nacht lag. Dieser Ort war verflucht und seines Bleibens nicht
lange.
Schnell durchmaß Gollum die alten Gassen, immer auf der Hut, obwohl sich nichts Lebendiges
zeigte, den alles beherrschenden Turm im Augenwinkel, dessen Schein ein böses Omen und
eine Warnung war.
Er kam an das andere Ende der Stadt, dessen natürliche Mauer ein spitzer Gipfel des
Schattengebirges war. Man hatte den Fels in seiner ursprünglichen Form belassen - nur an
wenigen Stellen war er geformt worden, und diese Stellen weckten Gollums Interesse.
Er schlich sich an eine von ihnen näher heran. Sie entpuppte sich als geschickt angelegte Treppe,
die kaum als solche auszumachen war, denn ihre Stufen waren schmal, sehr steil und bewusst
uneben gehalten. Einem flüchtigen Blick entging ihr Geheimnis.
Gollum zögerte nicht lange, kurz sah er sich aufmerksam um, dann huschte er an die Treppe
heran und hinauf; froh, die Stadt hinter sich lassen zu können.
