Nächtelang war Gollum seit seinem Abstieg aus dem Gebirge allein durch die karge Landschaft
gewandert und immer wieder waren seine Augen angezogen worden von dem dunklen Massiv
des Feurigen Berges, der majestätisch die Ebene beherrschte und durch sein Grollen und
Beben die Erde erschütterte. Der Berg schwieg niemals völlig, auch wenn sein roter Schein in
manchen Nächten verblasste; aber das dumpfe Dröhnen blieb, und es pulsierte wie ein großes,
schwarzes Herz.
Bald war dieser Rhythmus zu Gollums Herzschlag geworden; wie eine stetige Trommel
ermahnte er zum Vorwärtsgehen. Mit jedem Tag wurde er drängender, und so vergaß Gollum
eines Nachts jegliche Vorsicht.
Er hatte sich zuvor immer nahe am Schattengebirge bewegt, sich im Zwielicht des Tages
zwischen mächtigen Felsen versteckt und in mond- und sternenlosen Nächten war er ein wenig
auf der Ebene herumgestreift, immer auf der Suche nach Nahrung und ein wenig Wasser, das
er aus schwefeligen Pfützen trank, wo es der letzte Regen hinterlassen hatte.
Aber nun war es wieder da, das Gefühl, das ihn den Weg nach Mordor hatte einschlagen
lassen, und nun quälte es ihn wie nie zuvor. Ehe Gollum sich versah, war er aus dem Schutz
der Berge heraus und schnurstracks in Richtung des Orodruin unterwegs. Er wimmerte und
jammerte vor sich hin, führte einen erbitterten Kampf gegen den übermächtigen Teil seines
Selbst, der nur ein Ziel kannte: den Ring wiederzuerlangen, der ihn rief. Die Vernunft und ein
tieferer Sinn für das Unheil, das gut verborgen irgendwo lauerte, waren nicht stark genug, und
so sehr Gollum sich gegen seinen dunklen Zwilling zu wehren versuchte; er unterlag
hoffnungslos, wie so oft. Dieses Mal jedoch war es anders, schrecklicher und grausamer für
Gollum, denn in einem winzigen, lichten Moment begriff er, dass er unter einem unlöslichen
Bann stand und erkannte sein Elend.
Der Moment war schnell vorüber, und die Weisen würden sicherlich von der Gnade eines
undeutbaren Schicksals sprechen; aber war es nicht eher die Laune höherer Gewalten, die ein
Spiel spielten, das nur sie kannten?
Für Gollum war es einerlei.
Der dunkle Bruder bestimmte fortan sein Geschick, und er war es auch, der den Weg tiefer
hinein in das Land Mordor wählte.
Es war um die Stunde der Mitternacht, als Gollum eine kleine Vertiefung im Boden fand, die
Wasser enthielt. Es war das sauberste Wasser, das er seit vielen Tagen gesehen hatte, und so
stürzte er sich gierig darüber, schlürfend und schmatzend sog er das kostbare Nass auf, ganz
auf diese eine Handlung bedacht.
So hörte er das leise Geräusch nicht, das der Huf eines Pferdes auf dem staubigen Boden
verursachte. Erst das Knarren von Sattelleder ließ Gollum herumwirbeln, dabei verlor er das
Gleichgewicht und taumelte in das Wasser hinein. Als er es sich aus den Augen schüttelte,
hörte er auch hinter sich Zaumzeug klirren und verängstigt schaute er in diese Richtung. Er
sah drei Pferde vor sich, deren Fell im roten Schein des Vulkans blutig schimmerte, sie trugen
bizarre Geschirre und schwere Sättel, an denen menschliche Gebeine baumelten; dazu große
Schilde, von denen das Auge blickte, das Gollum auch bei den Orks in den Braunen Landen
gesehen hatte. Die Rösser standen still da; und auch die Gestalten in ihren Sätteln rührten sich
nicht. Sie schienen zu warten.
Gollum wandte langsam seinen Blick von den Dreien ab und sah den Reiter an, der sich vor
ihm befand. Auch er blieb zunächst regungslos, aber dann sprang er in einer geschmeidigen
Bewegung von seinem Pferd und schritt auf Gollum zu.
Der Reiter war ein Mensch; hochgewachsen und kräftig, angetan mit dunklen Gewändern und
einem bizarr geformten Brustpanzer aus geschwärztem Metall. Auf seinem schmalen, blassen
Gesicht zeigte sich ein finsteres und humorloses Lächeln, während er das zitternde Bündel in
der Pfütze eingehend betrachtete.
"Lange hat es gedauert, aber endlich haben wir dich", sagte der Mann und bediente sich dabei
der Gemeinsamen Sprache, auch wenn sie aus seinem Mund hart und unschön klang. "Es ist
wahrhaftig kaum zu glauben, dass ein Geschöpf wie du es bis hierher geschafft hat. Minas
Morgul scheint ein wenig nachlässig geworden zu sein. Und die Alte muss den fetten Wanst so
vollgefressen haben, dass sie sich um ein mageres Etwas wie dich nicht kümmern wollte.
Selbst die Wächter haben dich unbehelligt ziehen lassen; doch Er hat ihre Neugier und
Verwirrung gespürt. Aber wie dem auch sei. Die elenden Orkspäher wirst du nicht mehr
beunruhigen. `Ein gefährlicher Krieger, der umherstreift´, haben sie gesagt. Man sollte den
Feiglingen ihre räudigen Häute peitschen, bis ihnen Hören und Sehen vergeht!"
Der Mensch schnaubte verächtlich. Seit Tagen befanden er und seine Gefährten sich auf der
Jagd nach der geheimnisvollen Kreatur, der es gelungen war, Mordor zu betreten und selbst
Seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und nun entpuppte sich der Krieger aus Schatten
und Heimlichkeit als dürres, dreckstarrendes Bündel, dem die Angst in den großen Augen
flackerte.
Mit mehr Glück als Verstand hatte das seltsame Wesen einen Weg gefunden, den selbst
Saurons mächtigere Untertanen mit Freude mieden.
Sicherlich würde es einige geben, die ob ihrer Nachlässigkeit eine Strafe erwarten konnten,
denn so etwas war seit vielen Jahren nicht mehr geschehen.
Den Menschen kümmerte es nicht weiter.
"Sag deinen Namen, Elender!" fuhr der Krieger Gollum an, trat rasch einige Schritte vor und
packte ihn tief im Genick mit einem Griff, der wie Eisen war und einen scharfen Schmerz durch
Gollums Körper jagte. Gollum schüttelte mühsam den Kopf. Er war zu verängstigt und
enttäuscht, um einen Laut über die Lippen zu bekommen. All sein Bestreben verborgen zu
bleiben, hatte nichts gefruchtet, die Strapazen, die er auf sich genommen hatte, die Ängste
und Qualen - alles umsonst.
Der Griff verstärkte sich, und mit ihm der Schmerz, so dass sich Gollums Kehle ein gepeinigtes
Stöhnen entwand. Wieder schüttelte er den Kopf und seine Augen suchten die seines Jägers
und flehten um Gnade.
Der Mensch zuckt gleichgültig mit den Schultern. Es ging ihn ohnehin nichts an, er hatte seine
Aufgabe erfüllt: den Störenfried zu finden und dingfest zu machen. Sollten sie sich in Lugburz
um die kleine Kreatur kümmern und ihr die Zunge lösen, wenn man es dort für nötig hielt.
Der Mann sagte etwas zu seinen Gefährten und einer der Reiter holte einen langen Strick
hervor, der Gollum fest um die Handgelenke gewunden wurde. Anfangs wehrte er sich
dagegen, aber einige harte Schläge, die seine spröde Haut reißen und bluten ließen, brachten
ihn zum Stillhalten. Unglücklich wimmerte er vor sich hin.
Der Krieger, der ihn gefesselt hatte, nahm das Seil, schwang sich auf sein Pferd und zog
Gollum hinter sich her. Die anderen Reiter formierten sich um ihn herum, so dass er in ihrer
Mitte war. Anfangs gelang es Gollum, dem schnellen Schritt der Pferde nachzukommen, aber
es war nur eine Frage der Zeit, bis seine Beine erlahmten und seinen schwachen Körper nicht
mehr tragen konnten.
Mit zusammengebissenen Zähnen ließ er sich mitziehen. Die Pferdehufe wirbelten gelblichen
Staub auf, der Gollum in den Augen brannte und in Mund und Nase kroch. Nach einer Weile
ging sein Atem in kurzen, keuchenden Stößen und er begann zu taumeln.
Er stolperte über einen Stein, fing sich und bekam einen heftigen Stoß in den Rücken, der ihn
vollends zu Boden schickte. Wütend funkelte er den Reiter an, der ihm den Tritt versetzt hatte,
während er sich mühsam aufrappelte.
Er blickte in ein teilnahmsloses Gesicht. Der Krieger hatte seine Aufmerksamkeit schon wieder
anderen Dingen zugewandt.
Gollum fühlte sich mit einem Mal unendlich verloren. Er war ein Nichts für die Männer, er
spürte ihre Gleichgültigkeit wie einen Stachel, und als er ein zweites Mal stürzte und sich nicht
mehr erheben konnte, wurde er erbarmungslos mitgeschleift, wie ein totes Ding.
Voller Pein wünschte sich Gollum genau dies: tot zu sein, dem elenden Leben zu entfliehen,
das ihn nicht aus den Klauen ließ. Er fühlte sich verraten und getäuscht.
Wo war sein Schatz?
Er schwieg. Seine süße und verlockende Stimme erklang nicht mehr.
Leise begann Gollum zu schluchzen …
Lange Zeit ließ er sich mitschleifen, seine Widerstandskraft war vollkommen erlahmt. Es war
ihm einerlei, dass kleine Steine, Sand und harter Boden seine Haut aufrissen und der
schwefelige Staub in die Wunden drang, bis sie in einem höllischen Schmerz brannten. Er
achtete nicht auf seine geschundenen Handgelenke, obwohl die Fesseln seine Haut in rohes
Fleisch verwandelt hatten. Gollum fühlte seinen Körper nicht mehr, so groß war die Pein, er
hatte aufgegeben und wartete geduldig auf den Tod, den er begrüßte - ja schier herbeiflehte.
So nahm er kaum wahr, dass sein Leidensweg ein Ende gefunden hatte. Der unerbittliche Zug
an den Fesseln hörte auf und die vier Rösser standen still. Der Morgen graute bereits und
Dämmerlicht lag wie ein feiner Schleier über dem Land. Der Himmel verlor ein wenig von
seiner roten Farbe, aber da es im Lande Mordor niemals hell wurde, seit der Dunkle Herrscher
zurückgekehrt war, blieb das dämonische Licht.
Gollum sah sich mit Augen um, die zugeschwollen und entzündet waren. Er befand sich im
Schatten einer hohen Mauer aus schwarzem Gestein, die seinen Blick versperrte und in der
sich ein einziges Tor befand. Die Eisenbeschläge waren ellenlang und so stark, dass sie niemals
durch die Hand eines sterblichen Wesen erschaffen worden sein konnten. Die schwarzen
Torflügel waren verschlossen, aber nach einer Weile erklang ein dumpfes Dröhnen und sie
öffneten sich gerade soweit, dass die Pferde hindurchgelangen konnten.
Diesmal ging es langsamer vorwärts und Gollum vermochte sich aufzuraffen und auf zitternden
Beinen mitlaufen. Ein breiter Weg tat sich vor ihm auf, der langsam anstieg.
Gollum blieb unwillkürlich stehen, als er sah wohin der Weg führte. Zuerst hatte er das dunkle
Gebilde, das ihm auf seinen nächtlichen Wanderungen schon vor einigen Tagen aufgefallen
war, für einen Berg gehalten, denn es stach aus einer Gebirgskette hervor, aber er hatte sich
geirrt.
Es war ein Turm, schwarz wie die Nacht.
Das Bauwerk war gewaltig. Es ragte in den blutroten Himmel; eine hässliche, schwarze Wunde
in der Welt. Gollum hob den Kopf in den Nacken, die Spitze des Turmes war von tiefhängenden
Wolken verhüllt, aber sie leuchtete in einem geheimnisvollen Schein, heller und intensiver als
der alte Vulkan, der nicht weit entfernt war und dessen fauchender Atem dröhnend die Luft
erfüllte.
Furcht kroch in Gollums Glieder, als er versuchte, sich auszumalen, wer dazu in der Lage war
einen solchen Turm zu bauen wie er ihn vor sich sah.
Ein Ruck an seinen Fesseln erinnerte ihn schmerzhaft daran, dass es klüger war sich wieder in
Bewegung zu setzen, obwohl sich alles in ihm sträubte noch einen einzigen Schritt zu tun.
Doch was blieb ihm übrig?
Resigniert senkte er den Kopf und er schaute auch nicht auf, als die Pferde abermals stehen
blieben. Der Reiter der die Fesseln hielt, schwang sich aus dem Sattel. Die anderen drei zogen
ihre Pferde herum und verschwanden. Am Fuße des Turmes und im angrenzenden Gebirge gab
viele gut verborgene Höhlen, die als Stallungen, Waffenkammern, Unterkünfte und vieles mehr
dienten. Dort herrschte große Geschäftigkeit - aber vor dem Turm war Gollum mit seinem
Fänger allein.
Es dauerte lange, bis aus einer dunklen Nische nicht weit entfernt ein Ork hervorkam.
Vorsichtig näherte er sich. Und das mit gutem Grund. Kaum war er nahe genug heran, da fuhr
ihn der Mensch wütend an. Der Ork duckte sich, mit weinerlicher Stimme gab er abgehackte
Antworten. Unwirsch schnitt der Mann ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab, er fauchte
einen scharfen Befehl und warf dem Ork das Ende des Seiles zu, der es geschickt auffing.
Ein weiterer Befehl brachte den Ork in Bewegung. Zornig redete er nun seinerseits auf Gollum ein,
der verwirrt und verängstigt auf die raue Stimme lauschte und nichts verstand. Schließlich
erging es ihm wie schon zuvor - ein heftiger Ruck an seinen Fesseln ließ ihn vorwärts taumeln,
dem Ork folgen, der ihn keines Blickes mehr würdigte, sondern hinter sich her zog auf einen
weit entfernten, verborgenen Eingang zu, der in die Quartiere der Orks führte, denen die
Wache über gewöhnliche Gefangene oblag.
Und so kam Gollum nach Barad-dûr, nicht ahnend, was ihn erwartete, bis die Orks ihn das
erste Mal folterten. All sein Schreien und Flehen nützte ihm nichts und als er nach drei Tagen
immer noch lebte, begannen die Orks sich Gedanken zu machen. Sie tuschelten miteinander
und dann beschlossen sie, dass es vielleicht besser war, ihren seltsamen Gefangenen in die
Verliese ihres Herrn bringen zu lassen …
"Nein! Nein! Tut uns nicht weh! Nicht mehr! Nein ..."
Gollum konnte sich nicht daran erinnern, wann er das erste Mal mit diesen Worten um Gnade
gefleht hatte. Es gab in seinem düsteren Gefängnis nichts, was ihm ein Gefühl für die Zeit
hätte verschaffen können, die verstrichen war, seit man ihn aufgegriffen und in den Turm
geschleppt hatte.
Kein Lichtstrahl verriet, ob der Morgen graute oder der Abend dämmerte, und wo viele Tage
zuvor der Hunger Gollum dann und wann zeigte, dass etliche Stunden vergangen sein
mussten, gab es nicht einmal mehr diesen Anhaltspunkt, denn sein ausgemergelter Körper
verweigerte die Nahrung, die aus faulen Fleischresten und verschimmeltem Brot bestand.
Gollum lebte einfach dahin, das einzige was er zu sich nahm, war das bittere Wasser, das man
ihm dann und wann gab und dazu zwang man ihn, denn sonst hätte er alles abgelehnt, damit
er endlich sterben konnte.
Aber das Schicksal gewährte ihm keine Erlösung, so sehr er sich wünschte einfach in einen
schönen Traum gleiten zu können und nicht mehr zu erwachen. Statt dessen hörte er jetzt von
Ferne die so vertrauten Schritte der Orks. Ihr Poltern riss ihn aus seiner Teilnahmslosigkeit.
Wie so oft hetzte er in seinem engen Kerker hin und her, um einen Unterschlupf zu finden,
damit die Orks ihn nicht finden und mitnehmen konnten, aber es war immer das gleiche Spiel.
Während er umhertaumelte öffnete sich die schwere Tür, Lichtschein fiel durch sie herein und
die Gestalten zweier Kerkerwächter mit Fackeln in den Händen traten hervor. Einer der Orks
trieb Gollum in die Enge und hatte keine Mühe, den erbarmungswürdig dünnen Körper zu
erhaschen. Gollums Gegenwehr kümmerte den Wächter nicht, sie war so schwach, dass der
Ork verächtlich über sie hinwegsah. Gollums Kreischen und Schreien jedoch brachte er durch
einige Schläge in das Gesicht seines Gefangenen zum Verstummen.
Gollum wusste, was ihn erwartete. Schläge und Fragen, Folter und Fragen, Qualen ohne
Fragen. So sehr er sich bemühte, diese Fragen zu beantworten, so wenig nützte es ihm, denn
nie waren seine Peiniger zufrieden, auch wenn er zum hundertsten Male beteuerte, kein Spion
zu sein, sondern nur ein armseliges namenloses Geschöpf auf Wanderschaft. Den Grund dafür
nannte er nicht.
Sein Schatz war sein eigen!
Niemand durfte etwas davon wissen.
Es hatte lange gedauert, bis Gollum wieder an seinen Schatz dachte, von dem er sich verraten
glaubte, aber nun war sein Sehnen wieder da. Langsam hatte es sich in sein Herz zurück
geschlichen in den Stunden, in denen er seine Wunden geleckt und sein Schicksal verflucht
hatte. Und wieder klammerte er sich an die Erinnerung; und auch wenn es ihm nicht bewusst
war, dies linderte seine Leiden ein wenig und hinderte ihn daran sich völlig aufzugeben.
Die beiden Orks schleppten ihn unzählige Stufen hinab, durch dunkle und stinkende Gänge,
vorbei an Kerkerzellen, wie der seinen - in manchen regte sich etwas, doch in vielen blieb es
stumm, obwohl Gollum zu spüren glaubte, dass sich Lebewesen in ihnen befanden.
Der Weg hinunter war zu etwas Vertrautem für Gollum geworden, an dessen Ende der
namenlose Schrecken lauerte, dem er diesmal nicht würde widerstehen können ...
