Unsanft landete Gollum auf dem besudelten Boden und langsam erlangte er das Bewusstsein

wieder. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, die er in der Folterkammer verbringen musste und

die dieses Mal noch größere Pein für ihn bereitgehalten hatte, als in all den Wochen und

Monaten zuvor.

Sein Körper war seltsam steif und als er sich vorsichtig streckte, durchfuhr ihn ein Stich, der

ihn aufkeuchen ließ. Die lange Wunde an seinem Bauch sandte heiße Wellen des Schmerzes

aus. Gollum kauerte sich zusammen, ganz gleich, was die Orks tun würden; doch weder Tritte

noch Beschimpfungen quälten ihn. Die Orks verhielten sich seltsam, Gollum spürte ihre Angst,

sie übertrug sich auf ihn und vorsichtig sah er sich um. Als sein Blick auf die hohe Gestalt in

schwarzen Gewändern fiel, die in den Schatten verharrte, schrie er entsetzt auf. Die

Erinnerung an die alte, verfallene Stadt und ihre namenlosen Schrecken überkam ihn.

Wimmernd begann er fortzukriechen, hoffte auf ein Versteck oder Schutz.

Ein derber Schlag ließ ihn verharren und verstummen.

"Halt dein Maul, du Wurm!" fauchte ihn einer der Orks an. "Der Herr erwartet Respekt!"

Gollum schüttelte den Kopf, was ihm einen weiteren Schlag einbrachte. Endlich blickte er auf.

Die Gestalt trat aus den Schatten hervor. Fast hätte Gollum vor Erleichterung einen weiteren

Ausruf getan, denn nun sah er, dass das schreckliche Wesen ein Mensch war, kein Nachtmahr

ohne Angesicht. Doch seine Erleichterung währte nicht lange. Das bleiche Antlitz des Menschen

war ohne Regung und ohne Mitleid, von grausamer Schönheit und unendlicher Verderbtheit.

Die dunklen Augen funkelten, es lag kaltes Interesse in ihnen, aber keine Anteilnahme.

Erneut wurde Gollum von Furcht ergriffen. Er kam sich vor wie ein Tier, das begutachtet und

dessen Nutzen abgewogen wurde. Doch weshalb sollte der Mensch ihn der Beachtung wert

finden?

Wie zur Antwort auf diese unausgesprochene Frage, gab der Mann zwei Folterknechten ein

Zeichen. Ohne zu zögern führten die beiden Orks den stummen Befehl ihres Herrn aus.

Gollum trat und er biss und kratzte um sich wie ein Wahnsinniger, als man ihn packte wie so

oft in der letzten Zeit, wenn man ihn wieder in das dreckige Verlies zu werfen gedachte, damit

er allein war mit seiner Verzweiflung und den grausamen Schmerzen.

Aber diesmal führte der Weg nicht hinab in die Tiefen des Dunklen Turmes, sondern hinauf in

ungeahnte Höhen. Gollum wusste nicht, was erschreckender für ihn war: die modrige

Einsamkeit seines Gefängnisses oder die Ungewissheit, der man ihn entgegenschleppte.

Veränderungen hatten in der Vergangenheit nichts Gutes verheißen, waren sie doch immer nur

von neuen Quälereien bestimmt gewesen. Gollum wollte keinen neuen Raum sehen, der nach

Blut und Exkrementen stank; er hatte aufgehört, die Folterkammern zu zählen und auf die

Schreie zu lauschen die von überallher kamen und sich mit seinen eigenen vermischten. Angst

und Entsetzen hatten ihn ergriffen, er keuchte, als unsichtbare Finger sich um seine Kehle

legten. Schließlich gab er alle Versuche der Gegenwehr auf. Die Orks zerrten ihn nun wie ein

schlaffes Bündel mit sich.

Und der bleiche Mann mit den kalten Augen schritt voran …

Lange dauerte dieser Weg ins Ungewisse, über unzählige Stufen, die sich wanden, dann und

wann ging es nach rechts oder nach links, Treppe um Treppe aus grauem Stein, bis er endlich

endete.

Gollum sah eine hohe Tür vor sich, die vollkommen glatt und schmucklos war.

Als der Mann sich ihr näherte, öffnete sie sich langsam und lautlos nach innen und gab den

Blick auf ein Zimmer frei, das sich über die gesamte Breite des Turmes erstreckte. Der Mensch

trat hinein und die Orks folgten ihm vorsichtig. Ihr eiserner Griff lockerte sich merklich,

während sie Gollum mit sich zogen.

Gollum fröstelte, obwohl es unerträglich heiß in dem düsteren Zimmer des Turmes war, in dem

es nichts gab - rein gar nichts. Nackten Stein, geschwärzt als habe ihn ein Feuer versengt,

mehr sah Gollum nicht. Aber dennoch war der große und hohe Raum nicht vollkommen leer;

selbst die Orks konnten den bösen Geist spüren, der hier wohnte, denn unruhig sahen sie sich

um und rückten ein wenig zusammen, als fürchteten sie sich bis in die Tiefen ihrer

verdorbenen Seelen.

Und als eine Geste des Menschen sie für eine Weile aus ihrem Dienst entließ, eilten sie so flink

und leise davon, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. Die gewaltigen Türflügel

schlossen sich hinter den beiden und dann herrschte Stille, die nur durch Gollums hastiges

Atmen durchbrochen wurde.

Vergeblich bemühte er sich ruhiger zu werden, aber seine Lunge brannte und eine seltsame

Anspannung hatte seine Glieder gepackt - sie war nicht einmal unangenehm zu nennen; eher

erregend, so wie die Vorfreude auf etwas sehnsüchtig Erwartetes.

Aber zugleich hielt ihn das Grauen in einem unbarmherzigen Griff. Er war lange genug

gefangen gewesen, um von den Orks Geschichten über das gestaltlose Böse aufzuschnappen,

das den Turm und das Land Mordor beherrschte, und das in der Spitze Barad-dûrs hauste.

Verängstigt schlich sich Gollum an den Menschen heran, der regungslos verharrte, als ob er

auf etwas lauschen würde und dann ließ der bleiche Mann sich auf ein Knie nieder und senkte

das Haupt, ein kaum sichtbares Beben hatte seinen Körper erfasst.

Erstaunt und noch verängstigter wurde Gollum bewusst, dass es ein Zittern war, welches den

Menschen durchdrang.

Die Luft im Turm begann zu knistern, und plötzlich bildete sich ein Strudel aus Schwärze in der

Mitte des Raumes, der sich drehte, immer schneller und schneller und der wuchs. In ihm war

nichts als Dunkelheit, aber mit einem Mal flammte ein winziges Feuer auf, das an Größe

gewann, als käme es aus weiter Ferne mit der Geschwindigkeit eines Gedankens

herbeigeflogen.

Gebannt starrte Gollum in den schwarzen Strudel, der nun so schnell herumwirbelte, dass die

Luft von einem unirdischen Tosen erfüllt war. Das Feuer erstarkte und es war beinahe da ...

Gollum warf sich auf den Boden und presste die Hände an die Schläfen, die Augen fest

geschlossen. Wild schüttelte er den Kopf, um die donnernde Stimme zu vertreiben, die ihm jäh

durch Mark und Bein fuhr, wie ein scharfes Schwert; genauso überraschend und schmerzhaft.

Schau mich an! befahl sie erbarmungslos.

Gollum wimmerte und krümmte sich auf dem heißen Stein zusammen. Er wollte nicht sehen,

zu welchem Körper diese Stimme gehörte, in deren Worten ein fremdartiger Klang

mitschwang, ein Hall wie aus weiter Ferne, der nichts anderes mit sich führte als abgrundtiefe

Bosheit.

Aber unsichtbare Hände ergriffen seinen Schädel und zwangen sein Kinn nach oben. Mit dem

Mut der Verzweiflung versuchte Gollum sich zu befreien. Seine sinnlosen Versuche brachten

jedoch nichts weiter als Schmerz. So blieb ihm nur, die Augen geschlossen zu halten gegen

das Licht, das mit einem Male aufflammte und durch seine Lider hindurchdrang. Hitze schlug

ihm entgegen, wie von einem Feuersturm.

Schau - mich - an!

Es waren nur drei Worte, zum zweiten Mal gesprochen - doch jetzt konnte Gollum ihnen nichts

mehr entgegensetzen. Verzweiflung packte ihn, als seine Augen sich langsam und gegen alle

Vernunft öffneten. Er starrte in einen Kreis aus lodernden Flammen, der das gesamte

Turmzimmer ausfüllte, und in diesem Kreis schwebte ein gewaltiges Auge aus Feuer. Eine

schmale Pupille, wie die eines Reptils oder einer Katze, funkelte in einem eigenen Licht, obwohl

sie vollkommen schwarz war.

Das Auge musterte Gollum mit boshaftem Interesse für wenige Sekunden, es erforschte den

winzigen Geist des Wesens vor sich, der gänzlich von Entsetzen beherrscht wurde. Dann

wandte es sich dem ehrerbietig wartenden Menschen zu.

Was bringst du mir da, mein Diener? Ist dieses wimmernde Elend es wert vor mein Angesicht

gekrochen zu kommen?

Der Mensch neigte seinen Kopf noch tiefer und antwortete leise, aber mit fester Stimme in der

Gemeinsamen Sprache, die auch der Dunkle Herrscher gewählt hatte: "Herr, diese Kreatur lebt

seit Monaten in den Verliesen des Turmes, sie wurde gequält zur Belustigung der

Folterknechte. Torturen hat sie hinter sich, wie sie noch niemand überlebt hat. Ihre Wunden

haben sich immer aufs Neue geschlossen, doch keine Zauberkraft ist ihr zu eigen. Aber der

Tod verschmäht sie. Ich weiß nicht, welches Blut sie in sich trägt, gewiss ist jedoch, dass ihre

Lebensspanne über alle Maßen verlängert sein muss."

Der Mensch zögerte, suchte nach Worten für das Außergewöhnliche, was er seinem Gebieter

nun kundtun wollte. Es versetzte ihn in Aufregung, dass er es gewesen war, der das Geheimnis

der jämmerlichen Kreatur ergründet hatte, und das, was es bedeutete.

Gollum indessen schluchzte leise, er wurde es kaum gewahr, dass er Gegenstand der

Unterhaltung zwischen dem Menschen und dem Herrn des Dunklen Turmes war. Sein Verstand

wollte sich verkriechen, weil seine Seele noch immer die Berührung des Bösen spürte. Er

suchte Trost und Sicherheit, doch wo konnte er beides finden?

Ja!

Das war es!

Sein Schatz - das glitzernde Gold des Ringes, der ihn so viele Jahre begleitet hatte, der zu

einem Teil seiner Selbst geworden war. Ihn einfach überzustreifen und unsichtbar zu werden

und dem Auge zu entfliehen, wie schön war dieser Gedanke.

Sein Schatzzz!

Bevor Gollum es verhindern konnte, hatten seine Lippen dieses Wort geformt und

ausgesprochen, und seine Hände hielten einen Ring, den nur er sah. Verzückt starrte er auf

seine dürren Klauen und krümmte die Finger zu einer grotesken Liebkosung um ein Stück

Gold, das nicht da war …

Ungeheure Hitze wallte ihm von einem Augenblick zum anderen entgegen, das Auge ruhte auf

ihm wie ein unsichtbares Gewicht, das ihn ohne Gnade zu erdrücken schien. Wieder waren die

geisterhaften Finger da, und wieder ergriffen sie Gollums Gesicht - so heiß waren sie, dass sie

Gollums bleiche Haut verbrannten bis auf das rohe Fleisch.

Nun wehrte Gollum sich wie ein Wahnsinniger, aber nichts bewahrte ihn davor, seine

Erinnerungen an den Ring preisgeben zu müssen. Sie wurden seinem Geist entrissen mit

unbegreiflicher Macht und Gewalt.

Gollum klammerte sich verzweifelt an den letzten Funken Willen, der ihn die Berührung des

Bösen ertragen ließ, die so entsetzlich war und doch so vertraut. Sie währte nur einen

Lidschlag lang; genug, um Gollum fast den Verstand zu rauben.

Wirre Gedanken kreisten in seinem Schädel umher, nahmen Formen und Farben an und

verursachten Schwindel und Übelkeit. Sie wurden zu einem grellen Schleier, der sich um ein

glitzerndes Stück Gold legte.

Sein Schatz!

Nein!

Der Schatz des Auges.

Diese Erkenntnis drang Gollum so jäh ins Bewusstsein, dass er zitternd zusammenbrach. Aber

der Ring gehörte doch ihm - Gollum -, ihm allein. Er hatte ihn geschenkt bekommen vor so

unendlich langer Zeit, es war sein Recht, ihn zu besitzen. Sein Recht, ihn sich wiederzuholen -

von Beutlin, dem Dieb!

"Beuuutliiin! ... Diiieeeb!"

Da war es wieder, dieses Gefühl eines abgrundtiefen Hasses, das Gollum schier die Brust zu

zerreißen drohte, wenn er es nicht hinausschrie mit all seiner Kraft, ganz gleich wer diese

Worte hörte ...

Gollum fletschte die spitzen Zähne, ein tiefes Knurren kam aus seiner Kehle. "Wir werden dich

finden, Beutlin!" brachte er hervor. "Verkriech dich in deinem Auenland. Wir finden unseren

Schatzzz!"

Schweig.

Obwohl die Stimme nicht an Stärke gewonnen hatte, war die Schärfe in ihr so gewaltig, dass

Gollum all seinen Hass vergaß; ja selbst seinen geliebten Schatz.

Voller Angst warf er sich nach hinten und kroch auf allen Vieren davon, bis die Wand des

Turmes ihn stoppte. Er drängte sich an sie, obwohl der Stein heiß war - viel heißer als der

Boden - und seine dünne Haut verbrannte.

Das Auge flammte auf und es wurde noch beeindruckender als zuvor, schob sich auf Gollum zu

Abwehrend hob Gollum die dürren Hände. Er war von panischem Entsetzen ergriffen worden,

sah die Flammen, die näher krochen und ihn zu verschlingen drohten. Aber der erwartete

Schmerz kam nicht. Denn das Auge zog sich zurück. Der Flammenkranz um die schmale

Pupille verlor an Größe und Strahlkraft …

Gollum schluchzte vor Erleichterung laut auf. Er kauerte sich zusammen, sein Körper war in ein

Zittern verfallen, dass sich nicht beherrschen ließ. Dennoch war Gollum froh. Der Schatten auf

seiner Seele erdrückte ihn nicht mehr, er war leichter zu ertragen, jetzt, wo sich der Herr des

Turmes zurückzog.

Noch einmal hörte Gollum die Stimme des Dunklen Herrschers, doch die Worte, die sie nun

sprach, waren nicht für seine Ohren bestimmt. Sie hallten durch den hohen Raum, ein Klang

entsetzlicher als alles, was Gollum jemals zuvor vernommen hatte. Sie waren wie der Biss

eines scharfen Dolches, dessen Spitze sich langsam in sein Herz bohrte.

Doch bevor er endgültig den Verstand verlor, verebbte der böse Hall. Das Turmzimmer lag

wieder in Dunkelheit, nur die Hitze zeugte von der Anwesenheit des überirdischen Feuers, das

Saurons Gestalt war - die Hitze und die Schwärze seines Geistes.

Der alte Númenórer erhob sich aus seiner demütigen Haltung nachdem der Dunkle Herrscher

sich zurückgezogen hatte. Sehr nachdenklich besah er sich das zitternde Bündel, das auf dem

Boden an der Wand kauerte.

Ob der Kreatur bewusst war, welch große Bedeutung sie hatte?

Wohl kaum.

Doch Sauron maß ihr ein Gewicht zu, wie keinem anderen niederen Lebewesen jemals zuvor.

Und Sauron hatte einen Befehl gegeben ...

Der Mann vollführte eine Geste und die Türflügel öffneten sich lautlos. Ein wenig abseits hatten

sich die beiden Orks bereitgehalten, nun kamen sie zögernd heran. Ihre ängstlichen Augen

suchten im Gesicht ihres Herrn nach Anzeichen einer Regung.

Manchmal, wenn Saurons Mund das Zimmer des Gebieters verließ, dann gab er harte Order,

die nicht selten den Tod des Befehlsempfängers zur Folge hatte; manchmal brachte er selber

das Verderben ...

Diesmal jedoch geschah nichts dergleichen.

Der große Mann sagte nur drei Worte: "Hinaus mit ihm!" Dann verschwand er in den Schatten,

wie er es immer tat, als hätten starke Mauern keine Bedeutung für ihn, ihn, der an jedem Ort

des Dunklen Turms sein konnte mit der Schnelligkeit eines Gedankens.

Die beiden Orks sahen sich an.

Es stand ihnen nicht zu, über die Befehle des Herrn verwundert zu sein, und ihr Geist war für

das Grübeln nicht geschaffen, aber so groß war die Überraschung ob des Befehls, der ihnen

erteilt worden war, dass sie eine Weile stehen blieben.

Denn noch nie war es vorgekommen, dass ein Gefangener die Folterkammern des Dunklen

Turmes lebend verließ. Doch diesen hatte man vor das Angesicht Saurons geschleppt und der

Gebieter gab ihm die Freiheit!

Wenige Augenblicke lang dachten die beiden Orks daran, wieviel Aufruhr diese Kunde unter

ihren Kameraden verursachen würde, doch dann entschied jeder für sich, dass es klüger war,

kein Wort darüber zu verlieren.

Der eine knurrte dem anderen etwas zu und sie betraten das Turmzimmer, um Gollum zu

ergreifen, der noch immer nicht fähig war, seines Körpers Herr zu werden.

Diesmal zögerten die Orks nicht, denn sie hatten nichts zu befürchten. Grob packten sie die

erbärmlich dünnen Arme, die mit Narben bedeckt waren und zerrten Gollum davon …

Und so ließ man Gollum gehen.

In tiefschwarzer Nacht öffnete sich das Morannon für ihn, er spürte die Blicke der Orks, die

dort Wache hielten, auf sich, und die der Trolle, deren Kraft die gewaltigen Tore bewegte.

Aber mehr noch als ihre Neugier und Verwunderung fühlte er das Auge auf sich ruhen, das sich

ihm zugewandt hatte von der Spitze des Dunklen Turmes aus. Ein stummer Befehl und eine

Drohung lagen in dem heißen Hauch, der Gollum streifte und kläglich wimmern ließ.

Geduckt hastete er davon, fort aus dem kargen Land, das zu betreten ihn so unendlich viele

Mühen gekostet hatte. Durch Gefahren war er gegangen und Schrecken, hatte Qualen

erduldet, die sich als feine Narben in seinen Körper gegraben hatten und die als tiefe Wunden

auf seiner Seele lagen.

Seinen Schatz zu finden, das hatte er gehofft. Aber statt dessen war er dem Herrn des Ringes

begegnet, vor dem er sich hatte beugen müssen. Der ihm seinen Schatz streitig machte und

der so unendliche Macht besaß.

Gollum murrte und klagte mit seiner dünnen Stimme, während er sich über seine nächsten

Schritte klar wurde. Er wollte die kalte Spur Beutlins wiederfinden und es würde ihm gelingen,

mochte es Wochen und Monate dauern.

Denn nun wusste er, dass der Ruf, der ihn ereilt und nach Mordor gelenkt hatte, nicht die

Stimme des Ringes gewesen war. Ihren falschen Lockungen würde er nicht ein zweites Mal

erliegen; sein Schatz war zärtlicher und freundlicher, streichelte seine Seele, aber verbrannte

sie nicht.

Also machte Gollum sich auf den Weg, den er schon einmal gegangen war - nach Westen hin,

auf Ithilien zu, das er nun zu durchstreifen gedachte, in ausreichender Entfernung zum

Schattengebirge, dessen schroffe Höhen ihn ermahnen würden, dass hinter ihrer imposanten

Gestalt ein namenloses Grauen lauerte, das garstig und unbarmherzig war.

Unwillkürlich warf Gollum einen letzten Blick zurück.

Wie ein spöttischer Abschiedsgruß hing ein rotes Leuchten in den tiefen, schwarzen Wolken

und erhellte den Nachthimmel. Der Feurige Berg war es - so als wollte er den Anbruch einer

neuen Zeit verkünden; einer Zeit großer und schrecklicher Ereignisse, denn Sauron kannte nun

nur noch ein Ziel: den Einen Ring wiederzuerlangen, der sich offenbart hatte durch die

seltsamste Kreatur, die jemals in den Mauern Barad-dûrs gefangen gehalten worden war, und

die er hatte gehen lassen, weil sie ihm nützlich erschien.

Und in der Tat sollte Gollum seinen Nutzen wenig später erweisen - aber das ist eine

Geschichte, die schon erzählt wurde …

Dairyû/Heru 05-09/2003

Überarbeitet 11/2003 01/2004 11/2020