,Hallo Saffiyah, schön dass du hier bist." begrüßt Harry die Schulfreundin seines Sohnes. Schüchtern erwidert sie ihm ein Lächeln und reicht ihm die Hand. Sie wusste ja gar nicht wie sie mit der Situation umgehen sollte. Wie auch? Sie hatte nie Freunde gehabt und war also auch noch nie bei Fremden zuhause gewesen. Albus Severus schien dies zu verstehen, denn er nickte ihr bestätigend zu. Auch Harry gab sich mit der Geste zufrieden, zumal er auch nicht mehr von einer Erstklässlerin erwartet hatte.
,Hallo, habt ihr Hunger?" Nun war es Ginny, die aus der Küche kam und die Neuankömmlinge auf deren nicken hin herzlich begrüßte.
Sie hatte Kürbiscreamsuppe gekocht. Albus Severus hatte seinen Eltern per Briefeule mitgeteilt, dass das Saffiyahs Lieblingsspeise war. Um ihr den Einstieg in die unbekannte Situation möglichst einfach zu gestalten, gab Ginny alles, um ihre beste Kürbiscreamsuppe zu kochen.
Es war ein schöner Sommermorgen, als Saffiyah am nächsten Tag die Augen öffnete, sie durfte das Gästezimmer der Potters über die Zeit der Ferien für sich beanspruchen. Im Haus war es still, offensichtlich war noch niemand ihrer Gastfamilie wach, so beschloss das Mädchen aufzustehen und sich im Garten um zu sehen, denn zur Zeit ihrer Ankunft war es bereits dunkel gewesen. Leise erhob sie sich aus dem Bett, ihre Hare steckte sie nur schlampig zusammen. Sie zog einen von Albus Severus geliehenen Pullover und eine Jogginghose an. Leise öffnete sie die Türe ihres Zimmer und schlich nach draußen. Die Sonne lachte ihr in das Gesicht. Zum ersten mal fühlte sie sich in den Ferien frei – sie hatte keine Angst hungern zu müssen, sie hatte jemanden mit dem sie sprechen konnte und endlich – nach langer Zeit – würde sie sich ihren Vater besuchen zu können. Das St. Mungos Hospital war von der Wohnung der Potters gerade einmal einen Fußweg von zehn Minuten entfernt. Sie atmete tief ein und schloss ihre Augen, für einen Moment genoss sie das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Als sie die Augen wieder öffnete, stellte sie erschrocken fest, dass Albus Severs neben ihr stand. ,Guten Morgen," sagte der Gryffindor Junge ohne sie anzublicken, ,soll ich dir was zeigen?" Ihn von der Seite musternd nickte sie – ein Freund, ihr erster richtiger Freund.
Er wies sie an ihm zu folgen und führte sie auf einen kleinen Hügel, von welchem man den halben Stadtteil überblicken konnte, sie fühlten sich rießig.
Die Sonne war nun vollständig aufgegangen und ließ die Fassade des weißen Hauses hell erleuchten. An dessen Mauern rankte sich ein hoher Rosenstock hinauf, die rosafarbenen Blüten schienen sich der Sonne entgegen zu strecken.
Potter Junior führte seine Freundin anschließend um und durch das Haus. Es war ein liebevoll eingerichtetes Haus, Saffiyah war begeistert, sie war noch nie in einem richtig eingerichtetem Familienhaus gewesen. Die Wohnungen in der sie als Kind mit ihrem Vater gewohnt hatte, bis dieser in das Hospital verlegt wurde, waren nur provisorisch eingerichtet, da sie regelmäßig umziehen musste, damit niemand raus fand wo sie sich aufhielten – sie wusste bis heute nicht weshalb sie verfolgt wurden. Vielleicht konnte ihr Vater es ihr irgendwann erklären, vorausgesetzt sie würde einen guten Tag erwischen, an dem er die Kraft fand zu sprechen. Auf jeden Fall war sie sich mittlerweile sicher, dass sie ihrem Vater ihren neuen Freund vorstellen wollte. Doch wie sollte sie ihn vorstellen – sie wusste nicht einmal wie er hieß. Hallo Papa das ist mein Freund Albus Severus, Albus Severus, dass ist….mein Papa. – Hallo Saffiyahs Papa? sie schüttelte den Gedanken schnell ab und beschloss ihn erst einmal alleine zu besuchen um dies vielleicht raus zu finden.
Bereits am nächsten Tag beim Frühstück bat sie die Potters, mittags Ausgang zu bekommen um ihren Vater zu besuchen. Ginny bot ihr an, sie auf dem Weg zu ihren Eltern mit zu nehmen und am Hospital ab zu setzen, auf dem Rückweg würde sie sie wieder ein sammeln und zurück ,nachhause" nehmen. ,Nachhause." Dieses Wort erwärmte er ihr Herz, obwohl sie hier nur vorrübergehend ,zuhause" war. Sie willigte ein und freute sich, dass sich jemand um sie kümmerte. Bereits nach dem Mittagessen war es so weit, sie stieg mit der Mutter ihres besten Freundes in das große Familienauto. Ginny musste sie daran erinnern sich an zu schnallen, sie war zuvor noch nie Auto gefahren und kannte sich in diesem ,Raum auf vier Rädern" nicht aus.
Nach kurzer Fahrt hielt Ginny an,Hier wären wir Mäuschen, ich hole dich so in zwei Stunden wieder ab, ist das in Ordnung?" Saffiyah nickte: ,Vielen Dank.", sie verließ das Auto.
Vor dem Hospital blieb sie noch einen Moment stehen. Ihr Magen verkrampfte sich und die mächtigen Mauern des Klinikums schienen sie zu erdrücken, sie müsste sich setzen um sich nicht zu übergeben. Ob ihr Vater sie noch erkannte? Sie hatte ihn bereits seit eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen, es war kein Geld übrig geblieben um sich ein Fahrticket zu kaufen. Sie sammelte ihre Gefühle, atmete noch einmal tief durch und schritt durch das hölzerne Tor in die mächtige Eingangshalle.
Ohne sich zu vergewissern ob ihr Vater noch im selben Zimmer lag, machte sie sich auf den bekannten Weg. Entlang des langen hellen Korridors, der stark nach Desinfektionsmittel roch – das war jedoch auch das einzige, was einem Muggel Krankenhaus ähnelte. Auf den Gängen schwebten Patientenunterlagen, die ihren Weg von selbst fanden, anstatt Kaffee brodelten zahlreiche Tränke in den Schwesternzimmern und die Betten hatten keine Räder, sondern schwebten über den Boden.
Sie erreichte die Tür zum Abteil der dauerhaft stationären Behandlung. Dort musste sie klingeln und warten bis man ihr Eintritt gewährte. Die Ärzte und Schwestern kannten Saffiyah bereits und öffneten ihr die Türe ohne weitere Fragen zu stellen. Ihre Beine trugen sie fast automatisch zum letzten Zimmer des Ganges, nur ein Vorhang verdeckte das Bett ihres Vaters.
Noch einmal sog sie tief Luft in ihre Lunge, dann öffnete sie den Vorhang. Ihr Vater lag auf dem weißen Bett, die Decke zum Kinn hinauf gezogen, die schwarzen Haare mittlerweile ellenbogenlang gewachsen. Sein blasses Gesicht – schien ihr – war noch eingefallener als bei ihrem letzten Besuch.
,Hallo Papa." flüsterte sie, um ihn nicht zu erschrecken und nahm neben ihm Platz. Schwach drehte er seinen Kopf und lächelte seiner Tochter zu. Seine Augen weiteten sich ,Hallo Schatz." wollte er sagen, konnte jedoch nur die Lippen bewegen, seine Stimmbänder wollten ihm nicht gehorchen, doch seine Tochter verstand und legte ihm einen Finger auf die Lippen,Ist schon gut Papa, du musst nicht reden." Liebevoll streichelte sie über seine knochige Wange. Einige Zeit saß sie einfach nur so da, sie erkannte viele Fragen in den Augen ihres Vaters, weshalb sie schließlich einfach anfing zu erzählen: ,Hogwarts ist schön, ich hab viel gelernt dieses Jahr." Sie erzähle von Lumos, von Professor Slughorn, dass sie Felix Felicis gewonnen hatte und Horace ihr sagte, sie hatte das Talent von ihrem Vater hatte. Als sie mit allem Unterrichtsstoff durch war, konnte sie endlich von ihrem Freund erzählen – das Beste hatte sie sich bis zum Schluss aufgehoben,Ich habe einen Freund in Hogwarts gefunden, er ist ein Gryffindor und ich durfte in den Ferien mit zu ihm kommen, damit ich nicht auf der Straße leben muss."
Ihre Worte versetzten dem kranken Vater einen stich in sein Herz, wie gerne er für sie da gewesen wäre! Das traurige Gesicht ihres Vaters war Saffiyah nicht entgangen, so fuhr sie schnell fort,Seine Eltern sind total nett und es ist wirklich schön bei ihnen. Vor allem wohnen sie nicht weit weg von hier, das heißt ich kann dich ganz oft besuchen."
Ein breites lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit, sie freute sich sehr darüber, ohne zu wissen wie schwer es für ihren Vater war sie in seiner Nähe zu haben, ohne für sie da sein zu können.
Er wusste wie schrecklich ihre Kindheit wegen ihm gewesen war, sie konnte sich nirgends länger als zwei Wochen zuhause fühlen. Bei ihrer Mutter konnte sie nicht leben, da das Mädchen Resultat einer Affäre war und niemand aus der Reinblüter Familie davon erfahren durfte, nicht zuletzt weil er selbst lediglich ein Halbblut war. Sie hatte jedoch versprochen dem Mädchen regelmäßig Geld zukommen zu lassen, doch auch daran hielt sie sich nicht und er konnte nichts dagegen tun, er war zu schwach sie zu kontaktieren. Und auch zu schwach jemandem mit zu teilen, dass er einen Trank erfunden hatte, der seinen Zustand bessern könnte.
An guten Tagen konnte er ein paar Sätze sprechen, doch diese wenigen Worte würden auch nicht ausreichen um die komplizierte Brauweise zu erläutern.
,Ich würde ihn dir gerne vorstellen, wenn das für dich ok ist." riss ihn sein Mädchen aus den Gedanken. Er nickte, zwar war es ihm unangenehm, wenn ihn jemand in diesem Zustand sah, doch es war das Mindeste was er für seine Tochter tun konnte. Sie freute sich sichtlich, was seinen inneren Schmerz etwas geringer werden ließ.
,Wie geht es deinem Papa?" fragte Albus Severus als sie gemeinsam beim Essen saßen. Saffiyah blickte auf und zögerte kurz, eigentlich wusste sie nicht wirklich wie es ihm ging und so antwortete sie auch und fügte hinzu,Ich war damals zu klein um zu erfahren was passiert war, da ging es ihm auch noch gut, auf einmal konnte er dann nicht mehr gehen und hat alles vergessen, mich kannte er auch nicht mehr. Seitdem ist er in St. Mungos, zwar weiß er jetzt vermutlich wieder alles, aber kann nicht mehr reden oder sich groß bewegen. Die Ärzte meinen nur er wurde vergiftet, aber genaueres wissen sie auch nicht. Ich denke dass nur meine Mama weiß was wirklich passiert ist, aber sie kenne ich nicht."
Die Familie hatte ihr aufmerksam zugehört. Sie hatte zum ersten mal über ihren Vater gesprochen, erst jetzt spürte sie wie viel Schmerz und Tränen sie über die Jahre verdrängt hatte. ,Ich glaube ich werde ins Bett gehen." ohne fertig zu essen, stand sie auf und schlurfte in ihr Zimmer.
Im Hause der Potters wurde es nun still, jeden hatte ihre Geschichte berührt. Auch Albus Severus war früh ins Bett gegangen, er war jung, hatte jedoch sehr wohl verstanden wie schlecht es seiner Freundin gehen musste.
Ginny beschloss, bevor sie ins Bett ging, noch einmal nach ihrem kleinen Gast zu sehen, also klopfte sie leise an ihrer Türe und ohne eine Antwort abzuwarten öffnete sie diese leise und trat ein. Die rothaarige Frau fand das Mädchen weinend in einer Ecke sitzend vor. ,Darf ich rein kommen Saffiyah?" erneut wartete sie keine Antwort ab und nahm neben ihr Platz. ,Möchtest du darüber reden?" fragte Ginny vorsichtig, ,Ich hätte auch so gerne eine Familie." Platzte es schluchzend aus ihr heraus.
,Ich vermisse meinen Papa, der mit mir über die Wiesen fliegt und Schach spielt. Wir haben so viel unternommen, auch wenn wir immer umziehen mussten, er hat sich so viel Zeit für mich genommen und mir alle wünsche erfüllt." dicke Tränen kullerten über ihre Wangen, der Schmerz zerriss sie fast. ,Ich vermisse ihn einfach so sehr!"
Die Mutter ihres Freundes legte die Arme um sie und zog sie fest an sich. Auf einmal fühlte Saffiyah sich sicher, seit fast sechs Jahren hatte sie niemand mehr in den Arm genommen, auch in der Schule hatte jeder – Albus Severus ausgenommen – jeglichen Körperkontakt zu ihr vermieden.
,Lass los Mäuschen!", sie ließ los, alle Gefühle, alle Gedanken, all den Schmerz, der so lange auf ihr lastete, zum ersten mal konnte sie sich jemanden anvertrauen und sie war unendlich dankbar dafür.
Wie versprochen gingen sie für das Mädchen neue Klamotten kaufen. Hierfür begaben sie sich in die Londoner Innenstadt, Saffiyah war nie zuvor im Kontakt mit Muggeln gewesen, alles sah so anders aus als in der Winkelgasse – dem einzigen Ort an dem sie jemals etwas gekauft hatte.
Gewohnt hatte sie zwar immer in Muggelorten, jedoch weit ab vom Schuss, in Waldhütten, verlassenen Häusern, Fabriken oder am Berg in einem von ihrem Vater herbeigezauberten Zelt, die Elfjährige war sehr selten Menschen begegnet.
Sie betraten ein großes Kaufhaus, helle Lichter, viele Menschen und aus jeder Richtung glitzerte etwas. Saffiyah durfte aussuchen wohin sie gingen. Ihre Intuition führte sie zuerst in den Laden, der am wenigsten glitzerte. Prompt wurde sie dort fündig. Zwei Pullover, drei T-Shirts, zwei Hosen und neue Socken und Unterwäsche.
Nachdem sie noch ein Restaurant – auch so etwas hatte Saffiyah noch nie gesehen – gegessen und ein Eis gekauften hatten, machten sie sich auf den Heimweg. Sie waren an diesem wundervollen Sommertag zu Fuß in die Innenstadt gegangen. Müde aufgrund der zahlreichen Eindrücke und der vielen Spielplätze auf dem Rückweg zum Hause Potter, gingen die Kinder recht schnell schlafen.
Ginny die sich selbst und Harry ein Glas Wein einschenkte, wirkte bedrückt. ,Alles ok, Schatz?" wollte Harry, dem ihr bedrückter Blick keinesfalls entgangen war, wissen. ,Ich weiß nicht, Harry," erwiderte sie ,die Kleine tut mir leid. Sie wirkt so, als hätte sie wirklich eine schlechte Kindheit gehabt. So viel sollte keine kleine Kinderseele aushalten müssen."
,Sie wird es überleben Ginny, meine kleine Kinderseele hat auch viel durchgemacht und ich lebe auch noch."
Ginny verdrehte die Augen: ,Harry, du musst nicht immer von dir auf andere schließen, du hattest Hilfe und Freunde und selbst du hattest wenigstens ein Dach über dem Kopf und Geld, all das hat sie ja nicht mal."
,Hast recht." erwiderte ihr Mann nur. Ginny, die sichtlich sauer war, warf ihm einen bösen Blick zu. Harry legte die Zeitung weg und entgegnete forsch: ,Was erwartetest du denn jetzt? Dass ich sie adoptiere?"
,Oh Harry," Ginny konnte Harrys Reaktion nicht nachvollziehen ,Ich wollte mit dir darüber reden weil es mich belastet! Aber ich werde ins Bett gehen."
Sie trank ihren Wein aus und begab sich nach oben in das Schlafzimmer.
Nach ewiger Zeit der Schlaflosigkeit, ging die Schlafzimmertüre auf und kurz später wieder zu, Harry legte sich zu ihr. ,Ginny?" flüsterte er ,Bist du noch wach?" Sie drehte sich mit dem Gesicht zu ihm, eine Geste die seine Frage beantwortete. ,Es tut mir leid, Schatz. Ich sollte einfühlsamer sein." ,Darum geht es nicht Harry, es wäre schon mal schön, wenn du nicht nur immer an dich denkst und das nicht mit deiner Kindheit vergleichst, ja du hast schlimmes erlebt, aber sie auch – anders halt. Aber deswegen ist es vielleicht nicht weniger schlimm."
Ginny schaute ihm mahnend in die Augen. ,Ja, du hast recht." Und diesmal meinte er es ernst.
Ohne weiter drüber sprechen zu wollen, nahm Ginny seine Hand und legte ihren Kopf auf seinem nackten Brustkorb ab. So schlief das Ehepaar schließlich auch ein.
Die Ferien vergingen aller Meinung nach viel zu schnell.
Saffiyah fühlte sich wohl bei den Potters, sie wurde behandelt wie deren eigene Tochter. Auch das Verhältnis zwischen ihr und Albus Severus entwickelte sich eher zu etwas geschwisterlichem.
Ihren Vater besuchte das Mädchen fast jede Woche, sein Zustand war in dieser Zeit stabil geblieben.
Am Tag vor der Rückreise nach Hogwarts, nachdem die Potters Saffiyah eine neue Robe und einen Umgang gekauft hatten, war es so weit und Albus Severus durfte mit zu ihrem Vater. Er war ähnlich aufgeregt wie am Tag seiner Einschulung. Sie führte ihn zum dunklen Vorhang und drückte dann kurz seine Hand bevor sie den Vorhang aufzog.
Ihr bester Freund erschrak kurz, nie zuvor hatte er einen derart zerbrechlich und blass aussehenden Menschen gesehen. Doch er erlangte die Fassung schnell wieder und bewegte sich auf den kranken Mann zu um ihm die Hand zu reichen: ,Hallo ich bin Alb." Der Mann nickte ihm freundlich zu und reichte ihm unter höchster Anstrengung einen Finger, bei Merlin, hätte er das gewusst, hätte er ihm seine Hand nie angeboten.
Der Mann musterte den Freund seiner Tochter – er kannte diese Augen.
