Wie ich mein Leben hasse. Nichts ist mehr wie es einmal war. Mein Bruder. Mein lieber Bruder, fort. Weggegangen in diesem Kampf, in diesem Kampf um unsere Freiheit. Ich liebte ihn so sehr, aber wie konnte das nur passieren. Wie konnte es nur so weit kommen. Ich dachte wirklich wir hätten gelernt. Wie konnte eine Partei so viel Macht gewinnen, eine Struktur so weit weg von der Mitte wegbewegen. Das einzige was mein lieber großer Bruder, der einzige der immer für mich da war wollte, war doch nur, dass jeder Mensch ein recht auf sein eigenes Leben hat. Ein Leben, dass man einfach nur Leben kann. Nicht ein Leben, in dem man ohne nachzudenken Menschen auf offener See ertrinken lässt. Politikern, die behaupten, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt werden würde, auch noch erzählen lässt, warum wir diese Menschen nicht aufnehmen dürfen. Mein Bruder war dagegen. Mein Bruder war auf einer Demonstration die komplett eskalierte. Wer greift nur einen friedlichen Demonstranten an. Er war doch Pazifist. Er wollte doch nur seine Meinung gegen ein System kundtun, was gegen seine eigenen Grundsätze spricht. Danach war nichts mehr wie es war. Mama, meine liebe fürsorgliche Mama, ihr Leben war vorbei. Ihr Sohn, ihr ältestes Kind, ihr ein und alles, war von uns gegangen. Wir konnten ihr nicht helfen. Als der Täter freigelassen wurde, war es zu viel für sie. Von ihrem Zusammenbruch konnte sie sich nicht erholen. Ich war bei meiner besten Freundin als es geschah. Mama hatte einen Zusammenbruch und keiner war zuhause, der Nachbar fand sie und so war ich allein. Papa starb als ich noch sehr, sehr jung war bei einem Flugzeugunfall. Irgendwelche Terroristen haben das Flugzeug entführt. Keiner hat überlebt. In was für einer Welt leben wir eigentlich. So blieb ich, ich alleine übrig. Ich mit meinen gerade mal 8 Jahren. Die Schwester meines Vaters nahm mich auf, meine letzte lebende Verwandte. Davor hatten wir nie Kontakt. Ich hatte noch zwei Cousinen. Die größere Hannah, sie war die einzige, die mir noch das Gefühl gab, dass ich gewollt wurde. Ich weiß nicht warum meine Tante mich aufgenommen hatte. Ich kann es mir nicht erklären. Hannah ist aber mittlerweile 21 Jahre alt, und wohnt nicht mehr bei Tante Magdalene. 3 Jahre ist es nun schon her, wo ich meine Familie verloren habe. Meine Tante hielt nicht viel von mir. Meine Hobbies musste ich aufgeben. Klavierunterricht ist zu teuer, Mamas Klavier verkaufte sie als erstes, Turnen wäre zu gefährlich und „zum Tanzen kann ich dich nicht fahren, dafür habe ich keine Zeit". Als meine Cousine anbot, mich zum Tanzen zu bringen, meinte meine Tante nur nein, sie hätte besseres zu tun. Meine kleinere Cousine Claudia durfte aber natürlich zum Cheerleading. Für sie musste alles tiptop sein, und als Cheerleading zu anstrengend wurde, durfte sie sich natürlich das nächste Hobby aussuchen, was halbjährlich der Fall ist. Aber diesmal, dieses Jahr hat Hannah ihren Willen einmal durchgesetzt. Sie wollte mich schon im Vorjahr, als Geschenk zu meinem 10. Geburtstag mit in den Urlaub nehmen. Zu den Wurzeln unserer auf die nordfriesischen Inseln fahren, aber meine Tante meinte nein, nur wenn Claudia auch mit darf, aber das ging zu dem Zeitpunkt nicht, da Tante Magdalene schon einen Urlaub gebucht hat. Sie fuhren in die USA. Ich durfte in ein Sommercamp irgendwo in den Harz. Naja, wenigstens mal Ruhe. Aber dieses Jahr hat Hannah vorgeplant. Ihr Freund, mit dem ich mich wirklich gut verstehe, verdient relativ gut. Er war ein alter, älterer Kumpel meines Bruders. Er will Hannah, Claudia und mich mitnehmen. Er möchte mir sogar meinen großen Wunsch erfüllen. „Damit du mal wieder etwas Freude hast im Leben, dein Bruder wollte schon immer mit dir da hin." Wir fuhren nach Schottland, zu den Wurzeln meiner Mutter. Meine Oma gehörte zu Clan Fraser, von ihr habe ich wohl auch meine roten locken geerbt, die meine Tante so verachtet. Sie sind irgendwann zwischen 1600 und 1800 wohl über Frankreich nach Deutschland übergesiedelt. Elisabeth Helena Gerhard, nun hast du endlich die Möglichkeit mal etwas neues kennen zu lernen. Ich freute mich schon richtig auf diesen Urlaub. Eine Woche in Schottland wandern gehen. Hannah und Mark holten uns ab, Claudia hatte überhaupt kein Interesse an diesen Urlaub und machte auch ihrer Laune Luft. Das Auto wäre zu klein, ich wäre ihr im Weg, sie hat Hunger, warum bekommt sie kein Ticket für die erste Klasse und so weiter, aber selbst sie, konnte meine Vorfreude auf diesen Urlaub nicht trüben. Und so ging es von Hamburg, über Edingburgh nach Inverness, eine wunderschöne Stadt, die ihre eigene wunderschöne Geschichte hat. Mittlerweile sind schon drei Tage vergangen und wir haben einige wunderschöne Burgen erkundet und die Landschaft. Ich könnte mich in die Landschaft Schottlands verlieben. Heute wollten wir zu den Steinkreisen, Craigh na dun, in der Nähe von Inverness. Ich mochte schon als kleines Kind sagenumwobene Orte, Feen und all die zauberhaften Wesen, aber Claudia hatte kein Interesse. „Wir haben uns schon all die ollen Burgen angesehen. Ich will einfach nur meine Ruhe und fernsehen. Was will ich mit ein paar Steinen." Hannah rollte mit den Augen. „Können wir bitte fahren?" Ich fragte sie, kannte aber die Regeln. Wir fahren nur, wenn alle wollen. Wir konnten von Glück reden, dass sich Claudia die Tage davor überreden lassen hat. „Bitte?" Ich floh sie an. Sie schaute mich an. Hannah wusste wie sehr mich solche Orte interessieren. „Du weißt.." fing sie an „Ach Bullshit" „Mama möchte nicht das du fluchst. Ich sag Mama, dass du in meiner Gegenwart geflucht hast." „Och, halt die Klappe" fuhr ich Claudia an. „Das erzähle ich Mama auch, dass du gemein zu mir warst und mich beleidigt hast und mich mobbst." Sagte sie. „Dann darfst du lange nicht mehr raus und Mama gibt dir noch mehr Aufgaben und nimmt dir deine Musik weg." Magdalene wusste wieviel mir meine Musik bedeutet. Sie machte sich einen Spaß daraus, sie mir zur „Bestrafung" wegzunehmen. Papas Schallplatten hatte sie auch schon verkauft, das war das letzte was ich von meinen Eltern hatte. Nun hatte ich eigentlich nur noch mein Medaillon, was mein Bruder mir zum 7. Geburtstag geschenkt hatte. Dort war mein letztes Familienfoto eingebracht. Claudia wollte es mir schon wegnehmen. Sie wollte mein Medaillon unbedingt und Magdalene wollte ihr schon nachgeben, dann ist damals zum Glück Hannah eingeschritten. Claudia bekam dafür ein neues Kleid. Ich lernte kochen. Hannah schaute mich an. „Weißt du was?" „Claudia kann sagen was sie will und ich werde so oder so Hausarrest und Strafarbeiten bekommen.?" Ich fragte sie und Hannah schmunzelte. „Du weißt, dass Mark und ich dich zu uns nehmen wollten, aber als zu jung galten." Ich nickte. Hannah, hatte das damals als ich 9 Jahre alt war schon versucht, als relativ klar war, dass Tante Magdalene und ich nicht harmonieren, aber ich galt relativ schnell als Problemfall und Hannah wurde gesagt, dass sie mit 19 Jahren und ihr Freund, wenn auch gut verdienend, mit gerade mal 25 Jahren als zu jung für ein Problemkind von galten. Ein Streitpunkt, den Tante Magdalene und Hannah oft hatten. „Weißt du, ich denke es ist heute Zeit für einen Schwesterwellnesstag." Sie begann. Also werde ich wahrscheinlich alleine auf dem Hotelzimmer sitzen. Ich wurde traurig. „Warum machen du und Mark sich nicht einen schönen Tag und macht gemeinsam einen Ausflug zu Craigh na dun. Immerhin wollte er schon länger mal wieder etwas mit seiner, wie hat er es letztens so treffend genannt, Schwester in allem außer Blut, machen. Er hielt so viel von deinem Bruder." Das wusste ich, Mark war auch damals dabei, als es passierte, er kam nur mit einer Narbe davon. „Mark!" rief Hannah. „Du und Elli fahrt heute alleine zu den Steinen." Sie zwinkerte mir zu. „Ich brauche unbedingt einen Tag mal ganz alleine mit meiner kleinen Schwester, seit sie ihren 13. Geburtstag feiern durfte. Macht du und Elli euch einen schönen Tag, bei den ach so langweiligen Steinkreisen." Und sie gab mir meinen Wanderrucksack und ging zu Claudia. „Wollen wir los?" fragte Mark mich. Er hatte schon alles gepackt. „Gerne." Und ich war gespannt, wie der Tag nun werden würde.