„Genau betrachtet hatte ich die ganze Zeit Recht. Wenn dieser Bookah nicht versucht hätte, aus diesem Schrott eine brauchbare Energiequelle herzustellen, sondern gleich auf mich gehört hätte..."
Kopfschüttelnd schmiss die Asura ein kleines, eckiges Gerät mit solcher Wucht gegen die Felswand neben sich, dass es in mehrere winzige Einzelteile zerschellte, von denen nur noch eine unscheinbare Rauchspur aufstieg. Doch sie betrachtete das Gerät, oder was noch davon übrig war nicht weiter, sondern nahm stattdessen ein Pad in die Hand, welches blau aufleuchtete, sobald ihre maulwurfartigen Finger das Display berührten. Es handelte sich hierbei um eine einfache transparente Scheibe, die an den Ecken leicht abgerundet war und bei der richtigen Interaktion Informationen in leuchtenden Farben auf dem Display wiedergab.
Die Asura tippte eifrig darauf herum und ließ die leuchtenden Informationen nahezu über das Pad fliegen, während sie die Füße im hohen Gras hin und her baumeln ließ.
Vorbeiziehende Wanderer würde es nicht wundern, einen Asura draußen arbeiten zu sehen, denn so schönes Wetter hatte Metrica selten: Die stickige feuchte Dschungelluft hatte sich für ein paar Tage verzogen und Platz geschaffen für kühle, trockene Winde aus den Zittergipfeln. In Kombination mit dem Dschungelklima jedoch ergab sich daraus ein angenehm warmes, in keinster Weise aber schwüles Wetter, das viele Bewohner dieser Lande geradezu dazu einlud, auch mal das Tageslicht aufzusuchen. Was (zugegebenermaßen) für Asura eigentlich recht selten der Fall war. Die Tatsache, dass dieses rattenähnliche, aber äußerst intelligente Volk jahrhundertelang unter der Erde gelebt hatte, machte die meisten Asura mehr oder weniger tageslichtscheu, doch ihre Intelligenz war in den knapp dreihundert Jahren nach der Flucht aus dem Untergrund noch um ein Vielfaches gestiegen.
Auch die junge Asura war dort keine Ausnahme; seit einigen Stunden saß sie bereits auf einer alten Holzbank in der Nähe eines verlassenen Labors, zu ihren Füßen eine Kiste, befüllt sowohl mit Materialien als auch mit einem ordentlichen Picknick. Ihre Haare, die in etlichen Dreads von einem lilafarbenen Stirnband zusammengehalten wurden, hatten einen ähnlich warmen Grauton wie ihre Haut selbst, und ihre ebenfalls violett- und fliederfarben gefärbte Kleidung strotzte nur so von glitzernden und teuer aussehenden Accessoires. Es war offensichtlich, dass die Asura viel Wert auf ihr Äußeres legte, doch war sie nicht an diesem Ort, um sich bewundern zu lassen - sie hatte diese Gegend deshalb ausgesucht, weil sie normalerweise von keiner lebenden Seele aufgesucht wurde und daher besonders ruhig war.
Das alte Labor, um das es sich hier handelte, befand sich im Gebiet der Akk-Wildnis, im südöstlichen Bezirk der Provinz Metrica. Vor langer Zeit hatte eine Kru, ein für Forschungszwecke gegründeter Zusammenschluss mehrerer Asura, im Bereich der Golemantie hier ihren Durchbruch gemacht. Doch wie es bei kleineren Krus oft der Fall war, hatte es schließlich ein Experiment gegeben, welches auf fatale Weise fehlgeschlagen war und nicht nur die gesamte Kru, sondern auch einen Großteil des Labors mit in die Nebel gerissen hatte.
Heute, einige Jahrzehnte später, waren bereits Ranken und anderes Gestrüpp über den verkohlten Stein gewuchert und hatten die Ruine in einen idyllischen Platz der Ruhe verwandelt. Lediglich ein paar vereinzelte Skale trieben sich hin und wieder in den sumpfartigen Ausläufern des Flusses herum, und selten verirrte sich ein Skritt in die Ruinen, doch seit die Asura diesen Ort gefunden hatte, war ihr noch niemand begegnet, der sie ernsthaft hätte stören können.
Bis jetzt zumindest.
„Bookah?"
Eine hagere Frau trat aus den Ruinen des Labors, wobei sie einige Ranken zur Seite schob, die einen Teil des Durchgangs versperrten. Wie aus dem Nichts konnte die Asura plötzlich ihre Schritte vernehmen, feste Sohlen auf bröckeligem Stein und vertrockneten Blättern.
Die Frau hatte silbergraues Haar, welches zu einem einfachen Knoten auf dem Hinterkopf zusammengebunden war, und trug eine schlichte schwarze Rüstung, die zwar elegant und zweckmäßig schien, aber aussah, als wäre sie vor langer Zeit hergestellt worden, betrachtete man die Verschlüsse und Nähte, sowie den Schnitt und die Wahl des Materials genauer.
Als die Frau in das Sonnenlicht trat, waren mehrere helle Narben auf ihrem ohnehin bleichen Gesicht zu erkennen, die von ihren fast weißen Augen ausgehend Spuren wie von Tränen nachzuzeichnen schienen.
Sie blickte sich kurz um, als suche sie jemanden oder etwas.
„Habt Ihr mit mir gesprochen?" Ihr Blick huschte zu allen Seiten. „Oder ist hier noch jemand?"
Ungläubig hob die Asura den Kopf. Ein Mensch? Hier? Nicht nur überraschte es sie, eine weitere Person hier anzutreffen, zumal diese schon einige Stunden in der Ruine verbracht haben musste, ohne von der Asura bemerkt worden zu sein, sondern auch die Tatsache, dass sich ein Mensch so tief in die Provinz hinein verirrte, weit ab von der Hauptstraße nach Rata Sum und Meilen entfernt von Götterfels - das war äußerst ungewöhnlich.
„Bookah. Ganz recht. Jemand wie Ihr." Gab die Asura mit schriller Stimme zurück, die auf ein recht junges Alter schließen ließ - und außerdem auf einen enormen Überlegenheitskomplex.
Sie seufzte und streckte währenddessen kurz die Beine, als würden sie vom langen Sitzen schmerzen. Als sie den Blickkontakt der Frau erwiderte, funkelten ihre Augen in einer Farbe, die sich weder als blau, noch als violett definieren ließe; es schien, als würde die Farbe ständig im Takt der eingehenden Sonnenstrahlen wechseln.
„Tatsächlich meinte ich nicht euch. Warum sollte ich mit Euch reden? Genau genommen solltet Ihr nicht einmal hier sein."
Die Menschenfrau beantwortete den Kommentar der Asura mit einem durchdringenden Blick. „Ihr habt Recht, ich sollte nicht hier sein. Seit wann sucht Eure Rasse das Sonnenlicht? Ihr habt unterirdisch gelebt." Sie hielt kurz inne und ihre Augen zuckten, als wolle sie sich erneut umsehen. „Wenn Ihr nicht mit mir geredet habt, mit wem dann?"
Die Asura sog scharf die Luft ein, als hätte die Frau damit einen wunden Punkt getroffen. „Ganz Recht, das haben wir. Und dort unten wäre mein Volk auch jetzt noch, wenn nicht ein Alt-Drache mit seiner Gefolgschaft den kompletten Untergrund für sich beansprucht hätte."
Den letzten Satz spie sie der Frau förmlich ins Gesicht, als wäre diese dafür verantwortlich. Doch schnell fasste sie sich wieder und schüttelte den Kopf.
„Mit wem ich gesprochen habe? Mit mir, mit der Ewigen Alchemie, mit dem Grashüpfer dort - sucht Euch was aus. Es ist nicht nur dummen Kreaturen gestattet, Selbstgespräche zu führen."
Sie zögerte kurz, dann musterte sie den Menschen eindringlich von Kopf bis Fuß. Es war offensichtlich, dass diese Frau viel zu selten Kontakt mit dem Sonnenlicht hatte und dass sie eindeutig einen Kleidungsstil besaß, der älter war als das letzte Jahrhundert. Wieder fragte sie sich, warum dieser Mensch gerade in diesem abgelegenen Fleck Metricas aufgekreuzt war, und das scheinbar ohne wirkliches Ziel. Innerhalb der Ruinen gab es keine geheimen Gänge oder Portale, das wusste sie aus eigener Recherche nur zu gut. Wie also war dieser Mensch hierher gekommen - und warum?
„Sagt, was genau macht Ihr hier?"
Kurz nahm das Gesicht der Frau einen verwunderten Ausdruck an, wobei sich die tränenförmigen Narben unter ihren Augen leicht verzogen, doch bald schon glätteten sich ihre Züge wieder und sie sah die Asura wieder mit ihrem durchdringenden Blick an.
„Ich weiß es nicht. Wie wir beide bereits festgestellt haben, sollte ich nicht hier sein. Die Götter haben sich von der Welt zurückgezogen und ich habe die Unterwelt betreten, um dort darauf zu warten, dass Grenth mir etwas aufträgt." Sie senkte den Blick, sodass ihre Wimpern lange dunkle Schatten auf ihr Gesicht warfen.
„Ich weiß auch nicht, wie ich sein Reich verlassen habe." Fügte sie nachdenklich hinzu.
„Die Unterwelt? Von was redet Ihr da bitte?" Die Asura bedachte die Frau mit einem Blick, als käme sie direkt aus einer Irrenanstalt. Was der Mensch da sagte, ergab für sie keinen Sinn, und außerdem störte es die Asura bei ihrer Arbeit. Nichts davon gefiel ihr sonderlich gut.
„Also, die Ewige Alchemie hat Euch schon mal nicht da rausgeholt. Wir haben mit Euren Göttern nichts zu tun, Vielleicht haben sie Euch deshalb so weit weg von Götterfels rausgeschmissen, um Ruhe vor Euch zu haben?" Sie kicherte über ihren eigenen Witz, denn in diesem Falle hätte sie die Götter durchaus verstehen können. Seufzend griff sie in die Kiste zu ihren Füßen und zog zwei kleine, in Stoff gepackte Pakete heraus. Die ganze Arbeit hatte sie hungrig gemacht, und diese Fremde würde sie ganz bestimmt nicht davon abhalten ihren Hunger zu stillen.
Unschlüssig beobachtete sie die Päckchen einige Augenblicke lang, bis sie mit den Schultern zuckte und eines der Pakete zu der Fremden warf, ohne darauf zu warten ob diese überhaupt bereit war es aufzuheben.
„Habt Ihr auch einen Namen, Fremde?" Murrte sie, während sie den Stoff ihres Päckchens behutsam auseinanderzog und eine Art Sandwich daraus hervorholte. Ihr Magen ließ ein leises Grummeln vernehmen, und sie war dankbar, am Morgen trotz der Hast noch an etwas zu Essen gedacht zu haben.
Die Menschenfrau war ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen offensichtlich verärgert über die Worte der Asura, und sie machte keinerlei Anstalten das Paket zu fangen oder sich überhaupt in irgendeiner Weise zu bewegen.
„Die Unterwelt. Grenths Reich. Das Reich der Toten. Ihr seid doch ein Volk, welches nach Wissen strebt? Haben die Menschen ihre Götter etwa vergessen?" Eine Mischung aus Empörung und Unglauben schwang in ihrer Stimme mit, und sie betrachtete das Päckchen zu ihren Füßen einige Augenblicke lang, bevor ihr Blick wieder zur Asura wanderte.
„Mein Name ist Silencia Cassandra. Wie ist Eurer?"
Nun hob sie das Päckchen auf, hielt kurz inne und warf es dann zu der Asura zurück.
Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete die Asura die Fremde, den Mund zu einem leichten Grinsen verzogen, während sie auf ihrem Sandwich herumkaute. Nun gut, so viel zu der erzwungenen Freundlichkeit, die hier offenbar nicht nötig war.
„Ja, und ja. Wobei, letzteres vielleicht nur halb. Ihr seid doch ein Mensch, solltet Ihr es nicht besser wissen? Die Götter haben die Menschen vor langer Zeit verlassen! Warum sollte Euer Volk noch an sie glauben?" Sie schnaubte. Die Götter hatten selbst in der Zeit, in der sie auf dieser Welt wandelten, nichts als Probleme mit sich gebracht. Es war gut, dass dieses Volk von Bookahs es endlich geschafft hatte, sich von ihren ach so tollen Göttern loszusagen.
„Die Menschen fangen an, lieber in Allianzen zu vertrauen als in Gottheiten, die ihre eigene Schöpfung im Stich lassen."
Lässig fing die Asura das Päckchen wieder auf und lies es im selben Zug wieder in die Kiste fallen. Und es sollte bloß noch einmal einer zu ihr sagen, sie solle öfter versuchen nett zu sein!
„Ich bin Ronnée, Assistentin und Forschungsass der Cybernetics-Kru."
Silencia musterte Ronnée abschätzend. „Vor langer Zeit? Wie lange genau? Wie lange ist es her, seit das Ministerium der Reinheit in Cantha tätig wurde? Und was meint Ihr mit Allianzen? Die Ebon-Vorhut und die Glänzende Klinge haben sich verbündet; Zwerge, Asura, Norn und Menschen haben gemeinsam gegen die Zerstörer gekämpft, die Sonnenspeere -" sie hielt inne, als ihr klar wurde, dass die Asura keinen blassen Schimmer hatte, wovon Silencia sprach, denn die Sprachlosigkeit zeichnete sich sicherlich deutlich genug auf Ronnées Gesicht ab.
Ministerium der Reinheit? ZWERGE? Wie viele Tonnen Stein waren der Frau wirklich auf den Kopf gefallen? Ronnée schüttelte den Kopf und gestikulierte heftig mit den Händen, wie um ihre Gedanken besser sortieren zu können. Dann holte sie tief Luft.
„Frau. Von diesem Ministerium habe ich noch nie gehört, und mit Cantha haben wir erst recht nichts zu tun. Mit Allianzen meine ich den Pakt. Also wenn Ihr von dem noch nicht gehört habt... Aber Zwerge? Aus welchem Jahrhundert kommt Ihr bitte!? Der letzte lebende Zwerg hier in Tyria ist Ogden Steinheiler, und der ist wie der Name schon sagt komplett aus Stein."
Silencia hingegen fuhr unbeirrt mit ihrer Erzählung fort. „Ich habe getan was nötig war und sogar an der Seite von Charr und Zentauren gekämpft, um dem gerecht zu werden, was Grenth von mir verlangt hat." Murmelte sie noch, fast so als wolle sie sich rechtfertigen, doch dann breitete sich wieder ein ausdrucksloser Blick auf ihrem Gesicht aus.
„Es ist interessant Eure Bekanntschaft zu machen, Ronnée, Assistentin und Forschungsass der Khiberneticks-Kru. Ist das wirklich Euer voller Name?"
Obwohl Ronnée am liebsten empört aufgeschrien hätte darüber, dass diese Frau sich über ihren mühsam erworbenen Titel lustig machte, verriet die Stimme des Menschen lediglich aufrichtiges Interesse, ohne eine Spur von Ironie. Es schien fast so, als würde Silencia diese Frage absolut ehrlich meinen. Ronnée schnaubte und verschlang den letzten Bissen ihres Sandwiches.
„Ihr tut so, als seien Charr und Zentauren ausschließlich bösartige Kreaturen. Das sollte ich Kesh sagen, die wird Euch sicher die ein oder andere Seele auf den Hals hetzen wenn sie das hört... Und warum sollte ich Euch nicht meinen vollen Namen nennen? Unsere Titel haben wenigstens eine Bedeutung, nicht so wie die Namen der Menschen. Pah!"
Thackeray, Meade, Cassandra... die Namen der Menschen waren so bedeutungslos wie ihr Dasein selbst, während der Titel eines Asura vieles über seinen Status, sein Können und seine Erfolge aussagte. Ronnée hatte noch nie besonders viel von Menschen gehalten, und ihre Meinung wurde mit dieser Begegnung nicht gerade besser.
Silencia aber sah die Asura weiterhin unberührt an. „Ihr habt gesagt, Ihr hättet noch nie etwas von dem Ministerium der Reinheit gehört? Das Ministerium hatte begonnen, die verbliebenen Befallenen in Cantha zu beseitigen, als ich in die Unterwelt ging. Das war im Jahre 1586 des kaiserlichen Zeitalters. Und Ogden Steinheiler hatte diesen Namen bereits, als er noch aus Fleisch und Blut war. Er hat die Verwandlung in Stein also auch vollzogen?" Sie schien kurz zu überlegen.
„Nachträglich?"
Nachdenklich betrachtete die Menschenfrau Ronnée, so als wolle sie einige Sachen verstehen, die ihr neu waren. Tatsächlich ging es Ronnée in diesem Moment ganz genauso, doch sie ließ die Frau zu Ende sprechen.
„Was ist der Pakt? Haben Menschen, Asura, Zentauren und Charr sich verbündet? Im Übrigen mache ich keinen Unterschied zwischen den Rassen; ich verbünde mich mit denen, die Grenths Sache dienlich sind. Ich habe auch schon Menschen und Zwerge getötet, weil sie ein Hindernis waren."
Kaum merklich huschte ein Ausdruck von Neugierde über das Gesicht der Menschenfrau. „Wer ist Kesh? Ist sie eine Ritualistin? Ihr sagtet doch, Ihr habt mit Cantha nichts mehr zu tun, wieso kennt Ihr dann Leute, die in der canthanischen Kunst der Geisterbeschwörung ausgebildet sind? Und habt Ihr auch eine kürzere Form Eures Namens, mit der ich Euch anreden kann, Ronnée, Assistentin und Forschungsass der Khiberneticks-Kru?"
Verwirrt folgte die Asura dem, was Silencia von sich gab. Nichts davon passte irgendwie ins Bild, und mit jedem Wort, das die Frau ausspie, kam ein neues Rätsel dazu.
„Kaiserliches Zeitalter, hm? Noch nie von dieser Zeitrechnung gehört. Wir schreiben das Jahr 1325 nach Exodus, falls Ihr damit was anfangen könnt. Und woher soll ich wissen, was der Zwerg in seinem Leben schon alles gemacht hat! Der Kerl ist schließlich über dreihundert Jahre alt. Was auch nicht verwunderlich ist, schließlich ist er aus Stein. Aber wie auch immer Ihr in die Unterwelt gekommen seid, Ihr scheint sehr lange darin gewesen zu sein. Wie man den Pakt nicht kennen kann..."
Voller Unglauben schüttelte sie den Kopf und schmiss dann die Hände in die Höhe, wie als würde sie mit einem unverständigen, kleinen Kind reden.
„Der PAKT! Die Allianz zwischen ALLEN Nationen, die gebildet wurde, um den Drachen zu erledigen? Zhaitan? Sagt jetzt nicht, davon wisst Ihr nichts! Seine Untoten verpesten mittlerweile einen Großteil Tyrias, es wird Zeit, dass jemand das Vieh endlich zur Strecke bringt. Gerade eine Nekromantin wie Ihr müsste sich doch mit den Untoten auskennen, oder nicht? Kesh ist nämlich ebenfalls genau das, eine Nekromantin. Pfff."
Ronnée holte tief Luft, um sich nach diesem Wortschwall zu beruhigen, und murmelte dann noch ein paar unverständliche Worte vor sich hin. Bei der Alchemie, mit Menschen zu sprechen war ja schon lästig genug. Aber einer, der außerdem noch keine Ahnung hatte von dem, was in den letzten Jahren in Tyria passiert war und sich scheinbar absolut nicht belehren ließ? Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Das nächste Mal würde sie zweimal überlegen, ob sie für ihre Forschungen diesen Ort hier aufsuchen sollte.
„Ronnée reicht, wenn Ihr den Titel auslassen möchtet. Dabei ist das noch einer der Kürzeren."
Die Menschenfrau sah aus, als würde sie langsam Bruchstücke von dem verstehen, was hier passierte. Ihre Augen wanderten schnell hin und her, als liefen in ihrem Kopf gerade hunderte Gedanken gleichzeitig ab. Dann, als sie wieder das Wort ergriff, weiteten sie sich ein wenig.
„Der Exodus war im Jahre 510 nach canthanischer Zeitrechnung geschehen, also sind 250 Jahre vergangen, seit ich das Reich der Toten betreten habe... Und die Zeit muss dort anders voran geschritten sein als in Tyria." Murmelte Silencia mehr zu sich selbst und wandte sich dann direkt an Ronnée.
„Gemessen an der Lebensspanne eines Menschen war ich tatsächlich sehr lange in der Unterwelt. Könnt Ihr mir kurz erläutern, was in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten passiert ist? Wieso kämpfen alle Völker gemeinsam gegen die Drachen? Meint Ihr die Salzgischtdrachen aus dem Jademeer? Was ist mit Kuunavang? Glint? Was für ein Drache ist Zhaitan? Treiben die Untoten aus Orr auch nach so langer Zeit noch ihr Unwesen? Das Ritual des Wesirs muss wirklich mächtig gewesen sein - aber er hatte dabei nun mal auch Unterstützung von Abbadon."
In der kurzen Pause, die sie dann machte, versuchte Ronnée, die vielen Fragen in ihrem Kopf zu sortieren. Diese Frau schien absolut von dem überzeugt, was sie sagte - und entweder war ihr wirklich eine Labordecke auf den Kopf gefallen, oder, bei Oolas Geist... Womöglich hatte sie sogar Recht mit dem, was sie sagte. Silencia schien ehrlich keine Ahnung davon zu haben, was sich zur Zeit in Tyria abspielte, und obwohl sie die Asura eindeutig schon viel zu lange von ihrer Arbeit abhielt und mit ihrer Fragerei nervte, so hatte sie doch ihr Interesse geweckt. Ronnée mochte es, mit ihrem Wissen angeben zu können, und was eignete sich dort besser als eine Fremde, die über die letzten zweieinhalb Jahrhunderte aufgeklärt werden musste?
„Dann seid Ihr also keine Irre, oder zumindest nicht nur, sondern einfach in der Zeit stecken geblieben... Hah!" Sie rutschte auf ihrer Bank etwas zur Seite, für den Fall, dass die Menschenfrau sich ebenfalls setzen wollte, statt die ganze Unterhaltung über zu stehen, gab aber sonst keinen Kommentar diesbezüglich ab. Silencia schien diese Einladung durchaus zu bemerken, und tatsächlich setzte sie sich ebenfalls, wenn auch mit gebührendem Abstand zu der Asura.
„Das würde dann natürlich einiges erklären. Die letzten zweieinhalb Jahrhunderte, sagt Ihr? Lasst mich überlegen. Nun..." In dieser Zeitspanne war vieles geschehen, was in Silencias Fall wichtig sein konnte, und Ronnée hatte beinahe Mitleid mit der Frau, dass sie so vieles verpasst hatte und nun die ganze Ladung an Informationen auf einmal entgegen geschleudert bekam.
Ronnée holte tief Luft und ging im Kopf noch einmal die einzelnen Fragen durch. „Die Zwerge wurden zu Stein, Jormag hat beschlossen seinen Schlaf zu beenden und uns die Söhne Svanirs geschickt, Primordus hat fast unsere ganze Rasse ausgelöscht und den Rest an die Oberfläche getrieben..." Sie zögerte. Das war natürlich nicht die ganze Wahrheit; eher hatten die Asura mit ihrer Bündelung von Ley-Energie zu viele Chak angelockt und die Warnzeichen so lange ignoriert, bis es längst zu spät war für Rata Novus, die einstige Hauptstadt ihres Volkes... Aber ein Asura würde ein derartiges Versagen niemals freiwillig zugeben! Schließlich war auch der Drache nicht ganz unschuldig an der Misere.
„Zhaitan ist erwacht und hat Orr aus dem Meer gehoben, und mit ihm kam seine Armee von Untoten... Ihr Menschen habt eine neue Hauptstadt, solltet Ihr Euch vielleicht merken. Nennt sich Götterfels, das gute Stück, und wird von Königin Jennah regiert. Komische Frau, läuft immer barfuß durch die Gegend... Oh, und die Pflanzen regieren jetzt hier oben!" Sie grinste, sicher darüber, dass die Entstehung der Sylvari für Silencia sicher eine große Überraschung darstellte. „Den Blassen Baum kennt Ihr ja sicher, oder? Ventari und so, richtig? Vor etwas über zwanzig Jahren hat der Blasse Baum angefangen, seine Kinder hier frei herumlaufen zu lassen. Noch weiß man nicht so recht, woher sie kommen und warum ausgerechnet jetzt... Aber einige von denen sind ganz nett."
Diese Meinung teilte auch ein Großteil der anderen Bewohner Tyrias. Zumindest, nachdem viele der Zweitgeborenen von der Inquestur für Experimente gefoltert und getötet worden waren. Nun ja, nicht jedes Volk hatte eine friedliche Hintergrundgeschichte. Aber auch, wenn Ronnée zugegebenermaßen nicht allzu viele von den Pflanzenwesen persönlich kannte, in Anbetracht der Personen, zu denen sie guten Kontakt hegte, war sie froh, dass diese dunklen Zeiten mit der Inquestur vorbei waren und Sylvari den Asura wieder über den Weg trauten. Zumindest überwiegend.
„Das sollte für Euch das wichtigste zusammenfassen. Allerdings habe ich weder von Kuhvenag noch von Salzgischtdrachen jemals etwas gehört. Zhaitan ist einer der sechs Alt-Drachen, wie Jormag und Primordus auch, und Glint..." Ihr Gesicht nahm einen traurigen Zug an. „Nun ja, Glint starb, als die Klinge des Schicksals versuchte, Kralkatorrik zu töten... Gemeinsam mit meinem Vater."
Silencia schien von Ronnées Wortschwall nicht im Mindesten überfordert. Stattdessen trug sie noch immer ihren durchdringenden, ausdruckslosen Blick, der gelegentlich von einem Hauch Interesse überschattet wurde.
„Wer ist Jormag? Und was meint Ihr mit den Söhnen Svanirs? Svanir, der Nornbär? Er ist tot, ich habe seiner Schwester Jora geholfen, diese Perversion aus Norn und Monster zur Strecke zu bringen und ihren Ruf reinzuwaschen." Zu Ronnées Überraschung zeigte ihre Stimme dabei keinerlei Anzeichen von Ärger oder Wut, die eine beleidigende Intention verraten hätten, sondern blieb sachlich und monoton, während sie von dieser Perversion sprach.
„Und war es nicht der Große Zerstörer, der Eure Rasse an die Oberfläche trieb? Wieso nennt Ihr ihn Pri...- wie auch immer. Wie sagtet Ihr, heißt die Hauptstadt der Menschen? Und was ist mit Ascalon? Löwenstein? Stammt die barfüßige Königin von Prinzessin Salma ab? Und was ist mir Orr? Zhaitan ist ein Altdrache? Was ist das? Wie konnte er ein ganzes Land aus dem Meer heben? Und wieso kontrolliert er die Untoten?" Sie pausierte kurz, wohl um wieder über etwas aus ihrer Vergangenheit nachzudenken.
„Ventari habe ich kennen gelernt, aber was sind die Kinder des Blassen Baums? Lebende Pflanzen wie die Iboga?" Sie hielt inne und sah kurz zu der Asura. „Glint ist tot? Niemand wusste, ob sie überhaupt sterben kann. Wen hat sie bekämpft? Kalkatorrix?"
Wieder Fragen über Fragen, und Ronnée seufzte genervt. Als rede sie mit einem kleinen Kind, das sie mit unnötigen Fragen überhäufte, nur eben mit der monotonen Stimme eines Golems. Dennoch bemühte sie sich, alles beantworten zu können, da es in der Natur der Asura lag, gerne den Lehrmeister zu spielen. Sie würde also die Neugier des Menschen so gut es ging stillen, und hoffentlich würde diese Fragerei dann bald endlich ein Ende nehmen.
„Es ist wohl besser, ich fange etwas weiter vorne an. Tyria wird beherrscht von einem Zyklus aus Zerstörung und aufblühendem Leben, der von den Alt-Drachen gesteuert wird. Es gibt sechs von ihnen: Primordus, der Feuerdrache, den Ihr wohl als den Großen Zerstörer kennt. Kralkatorrik, der Kristalldrache, der die Wüstengegenden Elonas beherrscht, Jormag, der Eisdrache, Zhaitan, der Drache des Todes. Mordremoth ist der Drache des Dschungels, und letztendlich gibt es noch einen Drachen des Meeres, dessen Name unbekannt ist. Diese sechs Drachen sind das letzte Mal vor etwa elftausend Jahren erwacht, haben die ganze Magie des Planeten verschlungen und alles in die Zerstörung getrieben. Nachdem sie gesättigt waren, haben sie sich in den Ewigen Schlaf zurückgezogen - so dachte man. Mit der Zeit hat sich die Welt erholt, der Magiefluss wurde wieder hergestellt, und neue Völker bildeten sich auf ganz Tyria. Doch jetzt erwachen die Drachen wieder, einer nach dem anderen, und drohen, die Welt erneut ins Chaos zu stürzen. Deswegen haben die Bewohner Tyrias den Pakt geformt, um vereint den Alt-Drachen entgegenzutreten und das Chaos zu verhindern. Die Söhne Svanirs sind die Diener Jormags; sie mögen sich zwar nach Svanir benennen, folgen aber dem Ruf des Drachen. Jeder Drache hat seine Diener und Champions, so wie Glint der Champion Kralkatorriks war, der sich von seinem Vater abgewendet hat. Und genau diesen bekämpfte Glint auch, vor gerade einmal sechs Jahren, aber sie scheiterte.
Die Königin stammt von Salma ab, da habt Ihr Recht. Nachdem Ascalon vom Feuer der Charr vernichtet und von ihnen übernommen wurde, sind die Menschen nach Kryta geflohen und haben dort ihr neues Reich errichtet. Löwenstein ist durch das Erwachen Zhaitans völlig zerstört und als unabhängige Stadt für alle Völker wieder aufgebaut worden."
Ronnée machte eine Pause, um zu Atem zu kommen, schließlich gab es doch eine ganze Menge zu berichten. Sie griff erneut in die Kiste zu ihren Füßen, um einen Wasserbeutel herauszunehmen und einen großen Schluck daraus zu trinken, bot diesen jedoch nicht der Fremden an.
„Die Sylvari sind keineswegs wie Iboga. Sie sind Euch Menschen sehr ähnlich, jedoch aus pflanzlichem Material. Intelligente, fühlende Wesen, nur nicht ganz so töricht wie Ihr Menschen. Ich persönlich komme gut mit Ihnen zurecht, aber nicht jeder sieht das so. Da keiner weiß, woher sie wirklich stammen, wird ihnen viel Misstrauen entgegengebracht."
Sie überlegte kurz und blickte mehrmals zwischen der Frau und einem Punkt in der Ferne hin und her. Vermutlich würde es für Silencia äußerst interessant sein, eine Sylvari kennen zu lernen und studieren zu können - aber sollte sie sich wirklich noch weiter mit dieser Frau herumschlagen als nötig?
„Wenn Ihr möchtet, kann ich Euch mit einer bekannt machen."
Silencia räusperte sich und schien darauf zu warten, dass Ronnée noch mehr erzählte. Doch die Asura schwieg, und schließlich ergriff die Menschenfrau das Wort.
„Ich verstehe nicht. Der große Zerstörer - Primordus - wurde von den Zwergen mithilfe der Asura, Menschen, Norn und einiger Charr zu Fall gebracht und getötet. Wie kann er Euch noch bedrohen? Und wenn das Erwachen der Drachen einem natürlichen Zyklus folgt, wieso bekämpft Ihr sie dann? Sind die Bewohner Tyrias nach über zwei Jahrhunderten noch immer der Meinung, sie könnten ihr Schicksal verändern? Andererseits - Glint war selbst eine Prophetin und wenn es die Bestimmung unserer Welt ist, in einem Zyklus aus Zerstörung und Leben zu weilen, dann hätte auch die Drachin wissen müssen, dass sie nichts ändern kann. Sie war also entweder sehr töricht, oder sie wusste mehr als Ihr." Ein kurzes Schweigen folgte.
„Die Söhne Svanirs sind eigentlich die Söhne Jormags, aber benennen sich nach Svanir? Wieso? Und-" wieder hielt sie inne, wie um die richtigen Worte zu finden. „Ascalon wurde zwar von den Charr zerstört, aber König Adelbern, ein starrsinniger alter Soldat, der das Schicksal seines Volkes ebenfalls nicht akzeptieren wollte, weigerte sich, das Land aufzugeben und leistete den Charr Widerstand, auch noch Jahre nach dem Großen Feuer. Hat er letzten Endes doch einsehen müssen, dass der Krieg gegen die Charr verloren ist?" Sie blickte die Asura an und schien zu überlegen, ob sie weitersprechen sollte. „Sylvari? Was Ihr erzählt hört sich positiv an. Dass sie nicht ganz so wie Menschen sind, meine ich. Viele Eigenschaften der Menschen behindern sie eher in ihrem Vorankommen, als dass sie ihnen wirklich nützen, und trotzdem sind sie stolz darauf. Es wundert mich nicht, dass diese Pflanzen misstrauisch beäugt werden; das ist einer der Wesenszüge der Menschen, der ihrer... meiner Rasse die erfolgreiche Entwicklung so schwer macht. Ich denke, es wäre interessant, einen von diesen Sylvari kennen zu lernen."
Bei Silencias Einstellung den Menschen gegenüber konnte Ronnée nur zustimmend nicken. Töricht? Uneinsichtig? Sich selbst behindernd? Das alles passte auch zu dem, was die Asura über Menschen dachte, und es überraschte sie, dass Silencia keine bessere Meinung zu ihrem eigenen Volk hatte. Wenn sie sich denn wirklich noch dazu zählen konnte mit ihren gut zweihundertfünfzig Jahren.
„Scheinbar hat Primordus Euren Angriff irgendwie überlebt." Ronnée schnaubte. Menschen waren nicht sonderlich stark, und auch mit der Hilfe anderer Völker war es nicht einfach, einen Alt-Drachen zur Strecke zu bringen. Natürlich waren die Menschen damals noch nicht in der Lage dazu gewesen, weder in ihren Stärken, noch in ihrem geistigen Fortschritt.
„Wir wissen zwar nicht, welche Völker vor elftausend Jahren den Planeten bevölkert haben, aber eines wissen wir: Wir möchten leben, und dabei sind uns die Drachen im Weg. Und wenn wir die Wahl haben, zu sterben oder wenigstens zu versuchen, zu überleben - dann wähle ich letzteres. Letztendlich sind die Drachen auch nur Bewohner dieser Welt, sie können genauso leben und sterben wie wir. Möglicherweise ist das Zeitalter der Drachen nun vorbei, und wir sind an der Reihe."
Bezüglich der Söhne Svanirs verzichtete Ronnée auf jeden weiteren Kommentar. Sie selbst hatte sich noch nie weiter mit den Norn und ihren Problemen auseinandergesetzt, warum sollte sie das jetzt tun?
Schließlich seufzte sie und ihr Blick verlor sich wieder in der Ferne.
„Adelbern, huh... Euer König hat sein ganzes Volk dazu verdammt, als Geister ewig durch unsere Welt zu streifen, bei seinem Versuch, Acsalon zu befreien. Und was hat er damit erreicht? Alle Ascalonier tot oder in Geister transformiert, und die Charr haben sich das Gebiet trotzdem wieder einverleibt. Tolle Strategie."
Ronnée erhob sich langsam und klopfte sich nicht vorhandenen Staub von den Kleidern, bevor sie alles an Geräten in ihrer Kiste verstaute. Wie lange hatte sie nun hier gesessen, mehrere Stunden? Es tat gut, sich nochmal etwas zu bewegen, und mit einem Seufzer streckte sie ihren kompletten Körper in die Höhe.
„Wenn dem so ist, und Ihr die Sylvari kennenlernen wollt, werdet Ihr mich wohl nach Löwenstein begleiten müssen. Es ist zwar nicht die Heimat der Sylvari, aber es ist ihr Zuhause. Seid Ihr jemals in Löwenstein gewesen, zu Euren Zeiten?"
Silencia zuckte mit den Schultern und stand ebenfalls auf, scheinbar zufrieden mit den Antworten auf ihre Fragen. „Ja, ich war zwei oder drei Mal dort. Weshalb fragt Ihr?"
Schmunzelnd tippte Ronnée einige Kommandos in ihr Pad ein, und plötzlich erschien wie aus dem Nichts aus den Ruinen ein kleiner Golem, mit einer gewaltigen lilafarbenen Schleife verziert, welcher die Kiste zu Ronnées Füßen mit kleinen metallischen Greifarmen aufnahm und dann leise piepend darauf wartete, dass die Asura sich in Bewegung setzte. Was sie schließlich auch tat, nachdem sie das Pad in einer kleinen Tasche an ihrem Gewand verstaut hatte.
Stolz erfüllte ihre Brust, wenn sie den kleinen Golem ansah, denn sie hatte ihn selbst entworfen und zusammengebaut - und er funktionierte einwandfrei. Sogar die eingebaute Reinigungsfunktion schützte die Schleife davor, innerhalb der Ruinen dreckig zu werden, worauf Ronnée ganz besonders viel Wert gelegt hatte.
Ohne einen Blick auf die Frau zu werfen, schlug sie den Weg Richtung Westen ein; in Richtung Rata Sum. Das Portal in der Hauptstadt zu nehmen würde wesentlich schneller sein, als den ganzen Weg durch Maguuma und Kryta zu laufen.
„Es wird sicherlich interessant für Euch, die Stadt heute mit der zu vergleichen, die Ihr in Erinnerung habt. Ich bin mir sicher, dass sich einiges verändert hat! und da Ihr vermutlich keine Marke habt, werde ich Euch schon irgendwie durch die Portale bringen... Die zusätzliche Gebühr wird mich nun auch nicht umbringen. Hoffe ich. Sofern Ihr sie mir zurückzahlt, sobald Ihr dazu in der Lage seid."
Es überraschte Ronnée selbst, dass sie bereit war so viel für Silencia zu tun, allerdings war sie schon immer anfällig für Neues gewesen und diese Frau bot so viele Geheimnisse, da konnte Ronnée nicht einfach ablehnen.
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Silencia auf den Golem deutete, der fröhlich piepend neben Ronnée her schwebte. „Die sind jetzt so klein? Sind sie dann im Kampf überhaupt noch nützlich?" Da Ronnée ohne einen Kommentar losgegangen war, brauchte die Frau einige Schritte, um zu der Asura aufzuholen, die ihr kaum bis zu den Hüften reichte, wie sich jetzt herausstellte.
„Eine Marke habe ich nicht und meine Habseligkeiten habe ich in meine Truhe gelegt, ehe ich in die Unterwelt gegangen bin. Es gibt in Löwenstein doch sicherlich noch Xunlai-Truhen?"
Lediglich ein Schnauben war zu hören, und Ronnée schwieg einige Augenblicke, bevor sie sprach. „Das ist kein Kampfgolem, er assistiert. Wenn er zum Kämpfen gedacht wäre, wäre er wesentlich größer, da habt Ihr Recht. Aber danke, das Kämpfen übernehme ich schon selbst. Und nein, von solchen Truhen habe ich noch nie gehört. Also entweder habt Ihr Glück und irgendein alter Sammler hat so eine für Euch aufbewahrt, oder Ihr habt all Eure Sachen verloren. Tja. Die alten Währungen wären vermutlich ohnehin nichts mehr wert."
„Ich bezweifle, dass diese Truhen ohne die Magie der Xunlai-Gilde so funktionieren wie damals." War der einzige Kommentar, den Silencia von sich gab, und für den Rest des Weges schwieg sie und beobachtete die Umgebung um sich herum, die sich langsam vom sumpfartigen Gelände zu weiten Grünflächen hin veränderte.
Unberührt lief Ronnée weiter, recht schnell für ihre Größe, nur der für Asura typisch-watschelnde Gang hätte von der Menschenfrau als außergewöhnlich bemerkt werden können. Bald befanden sich die beiden Reisenden auf einer gut ausgebauten Straße, zu deren Seiten sich mehr und mehr asurische Labore, Wohnhäuser und sonstige Gebäude häuften, und schließlich konnte man aus der Ferne bereits über den Bergen die Silhouette der Hauptstadt erkennen - Rata Sum, die „fliegende Stadt", wie viele sie nannten.
Das Schweigen, welches den restlichen Weg angedauert hatte, war Ronnée durchaus recht gekommen nach der vielen Fragerei. Nicht nur konnte sie diese Fremde noch immer nicht richtig einschätzen; sie war es auch nicht gewohnt, dass Leute es so lange in ihrer Gegenwart aushielten, abgesehen von ihren Krukameraden. Also führte sie Silencia ohne ein Wort zu verlieren durch Metrica, bis sie das Tor von Soren Draa erreichten und die ersten Treppenstufen Richtung Portal hinaufstiegen. Für Ronnée war das alles ein ganz normaler Anblick, deshalb dachte sie auch nicht im Geringsten daran, dass Silencia die fliegenden Kuben, leuchtenden Labore und durch die Gegend wimmelnden Golems irgendwie als befremdlich empfinden würde.
Keiner der anderen Asura schenkte den beiden Reisenden wirklich viel Aufmerksamkeit, wie üblich waren alle damit beschäftigt, in ihren Laboren zu werkeln, sich gegenseitig anzuschreien und Dinge durch die Gegend zu schmeißen. Ein ganz normaler Tag in Metrica eben.
