Magische Portale, die Städte oder Außenposten von der Wildnis abschirmten, kannte Silencia zwar, aber ein Portal, das sich einfach in einem großen, freistehenden Ring befand, ohne dass es offensichtlich der Eingang zu einer Ortschaft war, war ihr selten untergekommen - die Avatare der Götter öffneten nach einer Opfergabe eines in das Reich der jeweiligen Gottheit und Glint hatte sie mit Hilfe eines Portals von Droknars Schmiede direkt auf den Feuerring gebracht, aber dieses hier schien fest installiert zu sein. Kurz überlegte sie, die Asura danach zu fragen, entschied dann aber, dass es im Grunde nicht wichtig für sie war zu wissen, woher dieses Portal kam und wie es funktionierte. "Ist dahinter Löwenstein?", fragte sie, da sie sich sicher war, dass sie mit dem Portal eine große Entfernung überbrücken würden.
Als Antwort starrte Ronnée sie nur mit offenem Mund an, zu gleichen Teilen verwirrt und empört über diese Frage. "Nein. Dahinter ist natürlich Rata Sum, unsere Hauptstadt. Dort nehmen wir dann ein Portal, das uns nach Löwenstein bringt. Ist kürzer als der Fußweg." Kopfschüttelnd stolzierte sie die letzten Stufen zum Portal hinauf und kramte währenddessen eine goldene Marke aus ihrer Tasche, die sie dem Portalwächter dann so rasch unter die Nase hielt, dass dieser kurz den Kopf zurückzog, aus Angst vor einem möglichen Schlag ins Gesicht. Dann deutete sie auf Silencia. "Die da gehört zu mir. Und der Golem sowieso." Der Portalwächter starrte die Menschenfrau skeptisch an während er die Marke mit einem kleinen Gerät scannte. "Hat sie keine eigene?"
Ronnée schnaubte abfällig, riss ihm die Marke aus der Hand und zischte unwirsch "Sie ist ein Mensch! Natürlich hat sie keine!" Dann führte sie Silencia, die das alles schweigend beobachtet hatte, durch das Portal.
Als sie aus dem Portal heraus traten, blieb die Menschenfrau kurz stehen und sah sich um. "Seltsame Erfahrung. Die Portale die ich bisher benutzt habe, fühlten sich nicht so an." Sie dachte an das Portal in die Unterwelt, das sich beim Durchschreiten anfühlte, als würde einem die Seele aus der Brust gezogen und der Körper folgte dieser Bewegung nur unwillig. Das Gefühl, ihre einzelnen Körperteile wie individuelle Entitäten zu spüren, die sich nur sporadisch wieder zusammenfügten, als sie aus dem Asura-Portal trat, war ganz anders, aber dennoch ähnlich surreal.
Vergeblich versuchte sie, bekannte Strukturen auszumachen, aber von dem Rata Sum, das sie kannte, war nichts zu erkennen. Sie spürte, dass sie weit über dem Erdboden waren und blickte sich vergeblich nach den drei markanten schwebenden Kuben um, die einst mittig in Rata Sum gethront hatten.
Durch die enorme Höhe, in der sich die Oberfläche der Stadt befand, war die Luft wesentlich zugiger und frischer als im Dschungel, zumal sie sich hier noch mit der Meeresluft der befleckten Küste, die an den Dschungel von Maguuma angrenzte, vermischte. Im Würfel selbst war die Luft stickig von den vielen Laboren, doch an der Oberfläche merkte man nichts davon - lediglich das stetige Summen und Brummen der vielen tausend Stimmen, Golems und anderer Geräusche, die aus den vielen Ebenen nach oben drangen war zu spüren.
"Das ist ganz anders, als ich es in Erinnerung habe. Aber nach so langer Zeit haben die Asura aus dem ausladenden Außenposten, den ich kannte, sicherlich eine große Stadt gemacht."
"Tja, zumindest ist es schon so, seit ich lebe. Wie es vorher war, kann ich nicht sagen." Viel Zeit verplemperte Ronnée nicht mit Besichtigungstouren, sondern marschierte schnurstracks auf eine der anderen Seiten des Dreiecks zu, in dem sie herausgekommen waren, wo sich zwei weitere Portale befanden. Von der Plattform aus hatte man einen wunderschönen Blick auf das Gebirge, das das Herz des Dschungels vom Rest Maguumas abtrennte, und sich in der heranschleichenden Dämmerung bereits gelblich färbte.
Die Nekromantin musterte die Asura kurz und wartete darauf, dass Ronnée durch ein Portal trat, schließlich war Löwenstein ihr Ziel gewesen und nicht Rata Sum. Ronnée schickte den kleinen Golem mit einem kurzen Befehl in die unteren Ebenen Rata Sums, ins Labor der Cybernetics-Kru, ehe sie vor dem rechten der beiden Portale zum Stehen kam. Sie hielt dem Portalwächter wieder ihre Marke hin und erklärte ihm das Gleiche wie dem Wächter in Soren Draa. Dieser ließ sie ohne Weiteres passieren, und wenige Augenblicke später wurden die Reisenden förmlich von der kühlen Seeluft Löwensteins erschlagen, die so gar nichts mit der stickigen Dschungelluft gemein hatte. Die beiden befanden sich in einem Kreis aus sechs Portalen, zwischen denen insgesamt drei Tore zu allen Seiten in die Stadt führten, und vor denen sich die unterschiedlichsten Leute tummelten - von Charr bis hin zu Skritt, einem rattenähnlichen Volk, das noch nicht lange genug auf der Oberfläche Tyrias lebte, damit Silencia diese Spezies kannte, aber da waren diese Wesen nicht die einzigen. "Willkommen in Löwenstein.", verkündete Ronnée, „Wie sieht's aus - wollt Ihr erst Eure Truhe ausfindig machen oder lieber eine sprechende Pflanze kennen lernen?"
"Ihr sagtet doch, dass es keine Xunlai-Truhen mehr gibt. Wieso sollte ich dann danach suchen?" Die Nekromantin löste ihren Blick von der Asura und sah sich um. Sie begutachtete die Portale und versuchte ein weiteres Mal vergeblich, ein bekanntes Merkmal auszumachen, als ihr Blick an zwei Quaggan hängen blieb. "Bei Gelegenheit müsst Ihr mir noch mehr über die Rassen von Tyria erzählen. Über diese...äh...Wesen zum Beispiel." Sie deutete auf die beiden Gestalten, deren Körperform an heranwachsende Frösche erinnerte. Dann straffte die Nekromantin sich wieder und sah entschlossen zu der Asura. "Aber zuerst die Pflanzen."
"Ich sagte lediglich, dass ich noch nie von ihnen gehört habe. Was nicht bedeutet, dass es gar keine mehr gibt. Und diese laufenden Kaulquappen da sind Quaggan. Einfach gestrickte Wesen, die ebenfalls aus ihrer Heimat vertrieben wurden und so bei uns gelandet sind. Aber man kommt ganz gut mit ihnen klar." Ronnée nickte wie zur Bestätigung und verließ den großen Platz durch das westliche Tor, welches genau in das Zentrum Löwensteins führte. Bei dem reich verzierten und gut besuchten Gebäude der örtlichen Bank führte sie die Menschenfrau etwas weiter südlich und dann am Ufer entlang, bis sie im Wohnviertel angekommen waren. Hier schienen nicht gerade die wohlhabendsten Bürger zu leben, dafür waren die Häuser aber umso eindrucksvoller: Boote, die in den Felswänden befestigt und zu Häusern umfunktioniert worden waren, oder Wohnräume, die man komplett aus Trümmern und Strandgut errichtet hatte - keines der Häuser ähnelte einem anderen, jedes hatte seinen eigenen Stil. In eine der Felswände war eine unscheinbare Treppe gemeißelt, deren Stufen anscheinend willkürlich einen Weg zu den oberen Hausbooten bildeten, und genau dort führte Ronnée die Menschenfrau hin.
Silencia beobachtete ihre Umgebung genau, um sich später auch alleine zurecht finden zu können, folgte der Asura dabei aber zügig. Sie nahm zur Kenntnis, dass anscheinend kein einziger Stein vom alten Löwenstein stehen geblieben war und versuchte dann, ihren Geist von den vielen Eindrücken frei zu machen, um sich auf die Begegnung mit der Sylvari vorzubereiten. Langsam gewöhnte sie sich wieder an den Kontakt mit anderen Lebewesen und es fiel ihr etwas leichter, die Geschehnisse um sich herum einzuordnen - wenn jetzt jemand ein Päckchen mit Essen zu ihr werfen würde, würde sie es wahrscheinlich nicht mehr für ein Begrüßungsritual halten.
Für ihre Größe erstaunlich leichtfüßig meisterte Ronnée die unterschiedlich hohen Stufen, als ließe sie sich von nichts durch ihre Größe einschränken. Die Treppe führte die beiden Reisenden zu einem steinernen Plateau, das scheinbar auf natürliche Weise im Fels entstanden, dann aber durch fleißige Hände zu einem bewohnbaren Bereich ausgebaut worden war. Hier oben waren die wenigen Gebäude keine Schiffe, sondern Höhlen, die ausgebaut und verfeinert wurden, und nur die Öffnungen waren mit Schiffstrümmern und ähnlichem verkleidet worden, um dem Wind Stand zu halten. Dennoch flatterten unzählige Girlanden und Lichterketten im Wind, ließen den Stein in den unterschiedlichsten Farben aufleuchten, und dazwischen hingen überall Fackeln an den Wänden, die nach und nach entzündet wurden, als die Dunkelheit langsam hereinbrach. Ronnée führte Silencia zu einem Haus, dessen Eingang zusätzlich bunt bemalt war, und klopfte ein paar mal laut an. Dann drehte sie sich zu der Menschenfrau um und sagte "Sie kann sehr direkt sein. Denkt daran, dass nichts, was sie sagt, beleidigend gemeint ist."
Silencia sah ausdruckslos zu Ronnée. "Verstanden."So etwas hatte sie nicht erwartet, Asura hatte sie deutlich arroganter und weniger hilfsbereit in Erinnerung. Im Allgemeinen brachten unschöne Kommentare sie nicht in Rage, seien sie nun beleidigend gemeint gewesen oder nicht. Sich über gesprochene Worte aufzuregen war eine weitere menschliche Eigenschaft, die sie nicht mehr besaß und bei anderen auch nicht schätzte, da sie den Blick für das große Ganze, für die wirklich wichtigen Dinge trübte. Die Gesellschaft der Asura war ihr angenehm, da diese keine unnötigen Worte zu verlieren schien und sehr zielorientiert handelte, aber nichts anderes kannte sie von dieser Rasse. Ob die Pflanzenwesen ähnlich hilfreiche oder eher hinderliche Begleiter waren, würde sie hoffentlich bald wissen. Sie blickte zur Tür und wartete darauf, dass jemand öffnete.
Tatsächlich wurde die Tür schnell geöffnet, oder besser gesagt, mit einem gewaltigen Windstoß förmlich aufgerissen. Es grenzte an ein Wunder, dass die Tür dabei nicht abgerissen wurde, und genauso stürmisch wurden die beiden Reisenden begrüßt. Der Kopf einer Frau erschien im dämmerigen Licht, die Haut aus blasser, rötlicher Rinde, die hier und da von leuchtend blauen Adern durchzogen war. Sie leuchteten tatsächlich, denn mit Eintreten der Dunkelheit kam die fluoreszierende Wirkung des Sylvariblutes erst vollständig zur Geltung und zeigte sich nun in filigranen blauen Mustern überall auf ihrem Körper. Ihr Haar selbst hatte die Form von Efeu, der in unzähligen kleinen Blättern in einer aufwändigen Frisur um ihr Gesicht waberte - und das in allen Farben des Regenbogens. Im krassen Gegensatz dazu starrten sie ein paar pechschwarze Augen an, dies jedoch mit einer Freundlichkeit, die dem restlichen Regenbogen in nichts nachstand.
"Ronnée-Maus! Welche Überraschung. Seid Ihr geschrumpft seit dem letzten Mal? Und wer ist das bei Euch? Ich dachte, Ihr könnt Menschen nicht ausstehen? Ach, was mache ich denn - kommt erst mal rein! Was kann ich Euch bringen? Tee, Kekse?"
Genauso schnell wie sie aufgetaucht war, verschwand die Sylvari nun auch wieder im Inneren der Hütte und hinterließ nur eine Spur aus lautem Gerümpel und vereinzelten Kommentaren. Ronnée schmunzelte, sah Silencia mit hochgezogener Augenbraue an und sagte dann lediglich: "Nuriel.", so als würde das alles erklären, und trat dann in die Hütte ein, die im Übrigen genauso chaotisch aussah wie die Sylvari selbst, aber dennoch hatte es etwas Gemütliches – auch wenn es scheinbar keine freie Fläche gab, auf der man sich hätte niederlassen können.
Silencia ließ diese Erfahrung kurz auf sich wirken, ehe sie ebenfalls hinter der Asura in die Hütte trat und versuchte, die Tür zu schließen - diese war etwas unförmig und hing leicht schief in den Angeln, deshalb war sie nicht ganz so einfach zu zu bekommen. Sie begutachtete das Interieur genau und versuchte, daraus etwas auf die Sylvari zu schließen, da ihr die meisten Gegenstände aber unbekannt waren oder seltsam verfremdet aussahen, kam sie damit nicht weit. Ohne eine Miene zu verziehen blickte sie zu Ronnée, um zu sehen wie diese sich verhielt und es ihr gleich zu tun.
Ronnée suchte sich eine der Ecken aus, die etwas weniger vollgestopft waren, und schob mit einer Hand achtlos etwas Gerümpel zur Seite um sich dann auf etwas niederzulassen, was sich tatsächlich als Stuhl entpuppte. Es dauerte ein paar Minuten, bis Silencia unter dem Gerümpel einen weiteren Stuhl ausgemacht hatte, den sie aber mit einer fließenden Bewegung ebenso schnell leer fegte wie die Asura zuvor und sich dann darauf niederließ. Schon bald kam auch Nuriel wieder aus dem Dunklen ihres Heims, mit einem Tablett voller Kekse in der Hand und einem Krug in der anderen. "Ich habe die hier noch gefunden, die sehen noch brauchbar aus. Und Tee kann ich leider gerade doch nicht anbieten, dafür aber das hier! Zuerst hatte ich einen Krug Milch in der Hand, die scheint mir aber dann doch etwas zu lange gestanden zu haben... Also habe ich hier etwas Saft! Und zwar..." Sie schnupperte kurz an dem Krug, überlegte dann und zuckte die Schultern. "Irgendwas Fruchtiges. Scheint noch nicht vergoren zu sein. Becher findet Ihr irgendwo auf dem Tisch."Die Sylvari schob, ebenso wie Ronnée und Silencia, etwas von dem Gerümpel einfach beiseite, um Krug und Teller abzustellen, und fischte dann wie durch Zauberhand zwei Becher aus dem Chaos hervor, die zumindest noch nicht lebendig waren. Ronnée nahm einen davon, stellte ihn jedoch sofort wieder hin, als dieser an ihren Fingern kleben blieb. Von den Keksen jedoch nahm sie einen. "Und jetzt erzählt! Was macht Ihr hier? Wer ist der Mensch? Wieso bringt Ihr sie mit?" Die Neugier war der Sylvari ins Gesicht geschrieben, und erwartungsvoll sah sie die Menschenfrau an, nachdem Ronnée lediglich mit dem Kinn in Silencias Richtung gedeutet hatte. Die Menschenfrau beäugte sowohl den Becher als auch die Kekse ganz genau, machte aber keine Anstalten, etwas davon zu nehmen. Die Geste der Asura nahm sie zum Anlass, selbst das Wort zu ergreifen. "Ronnée hat mir angeboten, mich einer Sylvari vorzustellen. Ich habe zugestimmt." Sie machte eine kurze Pause, sprach dann aber weiter. "Ich war lange in den Nebeln und hatte vorher noch nie etwas von Eurer Rasse gehört." Mehr fügte sie nicht hinzu; die Pflanzenfrau würde schon fragen, wenn sie etwas wissen wollte, dessen war sie sich sicher.
Nuriel machte ganz große Augen, während sie ebenfalls einen der Kekse verspeiste und dabei mehr als die Hälfte auf dem Boden verlor, der allerdings kaum auszumachen war unter den wild durcheinander liegenden Sachen. "In den Nebeln... Also wart ihr tot? Wie ist es passiert? Und wie lange wart ihr da? Wie seid Ihr wieder raus gekommen? Und wie habt Ihr Ronnée kennengelernt? Das Mädchen bringt nicht wirklich oft..." Sie warf einen Seitenblick auf die Asura, "...Freunde mit, wisst Ihr?" Ronnée selbst bedachte diesen Kommentar lediglich mit einer hochgezogenen Augenbraue, sonst nichts.
Silencia sah fragend zu Ronnée herüber. Sie hätte die Asura-Frau nicht unbedingt als Freundin bezeichnet. "Ich bin gewissermaßen tot, aber deswegen bin ich nicht in den Nebeln gewesen. Als die Götter die Menschen endgültig alleine ließen und ich Grenths Anwesenheit nicht mehr spüren konnte, bin ich in sein Reich, die Unterwelt, gegangen und habe darauf gewartet, dass er mir wieder eine Aufgabe gibt. Ich spüre seine Anwesenheit noch immer nicht, aber trotzdem hat mich etwas aus der Unterwelt hierher gebracht - mir ist selbst nicht klar, was oder wie. Meine Erinnerung setzt an dem Punkt wieder ein, wo ich Ronnée habe reden hören, irgendwo in einer Ruine nahe des Dschungels." Sie machte eine Pause um auf neue Fragen zu warten.
Ein kurzes Schmunzeln ging über das Gesicht der Asura, als sie Silencias Blick bemerkte, die Sylvari hingegen war ernst und konzentriert, ihre Gedanken waren mit den Erzählungen der Menschenfrau beschäftigt. Mit großen Augen saß sie am Tisch und schob geistesabwesend etwas Gerümpel hin und her. "Wann war das? Und wie ist das, tot zu sein? Ihr...müsst aber nicht regelmäßig Opfer bringen oder sowas, um weiterzuleben, oder? Oder euch von Menschenfleisch ernähren?", bei den letzten Worten war ein leichtes Grinsen auf Nuriels Gesicht zu erkennen, die offenbar einen etwas schrägen Sinn für Humor hatte.
Silencia seufzte leise und erhob ein weiteres Mal ihre Stimme. "Ich muss gar nichts essen. Und in die Unterwelt bin ich - " kurz überlegte sie, welchem Jahr es in der tyrianischen Zeitrechnung entsprach " - 1076 nach Exodus gegangen." Wie sich 'tot sein' anfühlte und wann und unter welchen Umständen sie gestorben war - wobei man sich darüber streiten konnte, das wirklich als ihren Tod zu bezeichnen - verschwieg sie bewusst. Die Sylvari schlug ihre Hand vor den Mund, als die Nekromantin das Jahr ihres Verschwindens aussprach und sog leise die Luft ein, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. „Und wie habt Ihr beiden Euch kennen gelernt? Ronnée und Ihr meine ich."
Silencia warf einen kurzen Blick zu der Asura, als diese aber keine Anstalten machte zu antworten, ergriff die Menschenfrau abermals das Wort. "Ronnée hatte etwas gesagt und da weit und breit niemand außer mir da war, dachte ich, sie hätte mit mir geredet. Ich war anfangs auch etwas desorientiert und habe sie deshalb um Informationen gebeten."
Nun schaltete auch Ronnée sich wieder ein. „Selbstgespräche führen ist kein Verbrechen. Freiwillig würde ich niemals ein Gespräch mit Menschen anfangen!"
Für einige Augenblicke wurde es still zwischen den Frauen, bis die Asura erneut begann zu sprechen. "Gar nichts essen? Wie soll das denn funktionieren?"
Daraufhin hakte auch Nuriel weiter nach. "Wie sieht es aus mit Schlaf? Wenn Ihr so gesehen bereits tot seid - könnt Ihr dann nochmal sterben? Also richtig?"
Die Dunkelheit war inzwischen ganz hereingebrochen, und das Licht der Fackeln von draußen spiegelte sich in den staubigen Fensterscheiben. Die Sylvari selbst hatte zwischenzeitlich eine kleine Öllampe entzündet, die zwar kärgliches Licht spendete, aber es reichte, um zumindest den Tisch und die daran Sitzenden zu erhellen. Der Rest des Heims lag im Dunkeln und die Schatten des Gerümpels hatten sogar etwas Unheimliches, wie sie sich im Licht des Feuers bewegten und verzerrten.
Langsam blickte die Nekromantin von einer zur anderen. "Wie genau es funktioniert weiß ich nicht, ich habe bisher angenommen, dass Grenth meinen Körper am Leben hält. Ich esse nicht, ich schlafe nicht, in meinen Adern fließt kein Blut. Ich empfinde auch nicht besonders viele Emotionen." Kurz zögerte sie, sprach dann jedoch unbeirrt weiter. "Ich nehme an, wenn Ihr meinen Körper in mehrere Stücke zerteilt wäre ich tot - oder zumindest handlungsunfähig. Es ist einmal vorgekommen, dass meine Gruppe nahezu komplett ausgelöscht wurde - meine Verbündeten waren tot und ich war für eine Weile wie benommen und konnte mich kaum bewegen, wohl aber meine Umgebung wahrnehmen." Sie hielt inne und wartete, ob neue Fragen kommen würden. Es machte ihr nichts aus über ihre Art der Existenz zu erzählen, denn wie sie gesagt hatte empfand sie kaum Emotionen, also auch keine Scham oder Angst vor Ablehnung. Dass jemand aber so viel aufrichtiges Interesse wie die beiden zeigte, hatte sie jedoch selten erlebt.
Nuriel rückte mit ihrem Gesicht ganz nah an das von Silencia heran, wie als betrachtete sie ein seltsames Artefakt. "Gegen wen habt Ihr bitte gekämpft, dass so viele Leute dabei gestorben sind? Von so etwas weiß ich lediglich bei dem Kampf um die Klaueninsel…" Kurz hielt die Sylvari inne, ehe sie wieder unbeirrt weitersprach. „Aber - kein Essen, kein Schlaf - Wird Euch dann nicht langweilig? Was macht Ihr die ganze Nacht?" Die Nekromantin blickte unbeeindruckt zurück, als die Sylvari ihr so nahe kam. "Wie ich bereits sagte, ich empfinde nicht sonderlich viel. Ich spüre keine Langweile. Ich warte einfach." Ronnée hatte nur stumm in sich hinein gegrinst, während Nuriel ihre vielen Fragen ausgesprochen hatte, meldete sich nun aber auch zu Wort. „Körper zerteilen? Sagt das bloß nicht gegenüber anderen Asura. Wir sind sehr erfindungsfreudig, am Ende landet Ihr noch in einem Labor und werdet unter Beobachtung zerstückelt." Ohne weitere Erklärungen zu ihrer Anmerkung zu liefern streckte Ronnée die Füße aus und stemmte die Fäuste auf den Tisch. "Also gut Ihr beiden, Ihr könnt Euch gerne noch nett unterhalten, bis die Sonne aufgeht. Ich aber sollte langsam nach Rata Sum zurück, es ist schon spät."
Nun sah Silencia zu Ronnée. "Ich verstehe nicht, was es einem Asura bringen sollte, mich zu zerschneiden." Als die Asura aufbrechen wollte, blieb sie weiter still sitzen. Da sie keine Aufgabe oder ein Ziel hatte, auf das sie hinarbeitete, sah sie kein Problem darin, noch eine Weile bei der Sylvari zu bleiben - auch wenn sie keinen Zeitvertreib gebraucht hätte.
"Wissen." Mehr erwiderte Ronnée nicht, stand vom Tisch auf und winkte den beiden ein mal kurz, bevor sie aus der Tür verschwand.
Nuriel blickte ihr einige Augenblicke lang schweigend hinterher, dann kehrte das Grinsen auf ihr Gesicht zurück. Leicht den Kopf schüttelnd stützte sie das Kinn auf ihre Handfläche. "Diese Asura... Kommt mich nur selten besuchen, aber wenn, hat sie immer eine Überraschung parat!" Kichernd goss Nuriel sich selbst etwas aus einer Schale ein, die sie irgendwo hinter sich hervorgekramt hatte, und die klare Flüssigkeit schien tatsächlich einfach nur Wasser zu sein. "Also, was ist jetzt Euer Plan, langfristig? Ich meine, Ihr habt kein Zuhause, keine Familie, zu der Ihr zurückkehren könntet. Kein Geld, keinen Besitz. Wie wollt Ihr jetzt weitermachen?"
"Das weiß ich nicht." Antwortete Silencia ruhig. "Ich warte immer noch darauf, wieder von Grenth geleitet zu werden. Bis dahin werde ich einfach - " sie zuckte mit den Schultern " - abwarten."
Mit hochgezogener Augenbraue lehnte Nuriel sich zurück und strich sich dabei eine ihrer bunt-blättrigen Strähnen aus dem Gesicht. "Ich dachte, Grenth hätte diese Welt zusammen mit den anderen Göttern vor langer Zeit verlassen. Möglicherweise hat er Euch deshalb aus der Unterwelt geworfen, um alles aufzuräumen, bevor er endgültig gehen kann?" Sie stand auf, um aus einer dunklen Ecke etwas Öl zu holen, um damit die Lampe aufzufüllen, die kurz vor dem Erlöschen war. "Für was auch immer Ihr Euch entscheidet - ich biete Euch gerne an, eine Weile hier zu bleiben. Nur ein Bett kann ich Euch nicht anbieten, aber das braucht Ihr schließlich auch nicht, richtig?"
Die Menschenfrau musterte die Sylvari kurz aber eindringlich. "Wie ich bereits sagte, lebe ich nur durch - und für - Grenth. Ohne ihn habe ich keine Aufgabe mehr in dieser Welt. Wenn die Götter die Welt endgültig verlassen haben, dann gibt es für mich hier nichts mehr, was ich tun kann." Sie dachte einige Augenblicke nach. "Wenn Ihr mit Eurer Vermutung Recht habt, wird mich Seine Macht nicht mehr lange am Leben erhalten und ich werde früher oder später mein Bewusstsein für immer verlieren; sterben würde ich es nicht unbedingt nennen."
"Nun... Ich bin mir nicht sicher, was ich mir für Euch eher wünschen sollte. Das, was Ihr führt, kann ich nicht wirklich Leben nennen, zumindest nicht nach meiner Vorstellung. So gesehen ist der Tod, oder was auch immer Euch dann erwartet, nichts Schlechtes, lediglich eine weitere Etappe auf Eurer Reise." Nuriel nippte an ihrem Krug, sah Silencia dabei aber weiterhin in die Augen. "Ich bin froh, Euer Leben nicht leben zu müssen. Ich lebe für Freude und Trauer, für die Höhen und Tiefen, die die Welt mir zu bieten hat. Ohne all dies... Würde ich nicht mehr leben wollen." Silencia blickte eine Weile still in die Ferne. "Vielleicht war es der menschliche Überlebenswille in mir, der mich damals dazu brachte, diese Existenz einem Tod vorzuziehen oder die Angst vor dem, was folgen könnte, aber ich bereue diese Entscheidung nicht. Nicht nur, weil ich es nicht kann oder will, ich empfinde kein Leid, so wie es jetzt ist. Diese Existenz ist nur ein weiteres Teil in einem unendlichen Puzzle, das keiner von uns ganz verstehen kann und ich habe das einfach angenommen und wehre mich nicht dagegen. Und wenn meine Existenz endet, dann ist es so. Ich sehe es nicht als Befreiung, aber ich fürchte es auch nicht. Es ist das unausweichliche Ende, dem jeder irgendwann gegenüberstehen wird."
Ein warmes Lächeln umspielte den Mund der Sylvari bei Silencias letzten Worten. "Da bin ich froh, als das geboren zu sein, was ich bin. Denn ich weiß, wohin ich nach meinem Tod gehen werde. Dort war ich bereits vor meiner Geburt, und dorthin kehre ich zurück, wenn mein Körper nicht mehr ist. Es ist ein friedlicher Ort, von Schönheit und Ruhe geprägt, und selbst nach meinem Ableben werde ich mein Wissen mit denen teilen können, die erst in vielen Jahren das Licht dieser Welt erblicken werden." Eine Spur von Interesse streifte das Gesicht der Nekromantin. "Wie meint Ihr das? Ist das der Glaube der Sylvari?" Kurz wurde sie still. "Für zwanzig Jahre, die Euer Volk existiert ist das eine ziemlich individuelle Vorstellung."
Nuriel schüttelte den Kopf. "Es ist kein Glaube, es ist das, was war, was ist und was sein wird. Uns Sylvari gibt es seit zwanzig Jahren, ich selbst bin vor vier Jahren geboren worden. Allerdings lebte ich schon lange vorher, nur eben im Traum, dem Ort, an dem alle Seelen der Sylvari sich vor oder nach ihrem Tod aufhalten. Viele Jahre streifte ich durch diesen Ort, nicht mehr als ein Gedanke, ein Hauch von Leben, ohne festen Körper. Aber als ich dann geboren wurde, hatte ich bereits alles Wissen von meinen Brüdern und Schwestern, die vor diesem Tag wieder in den Traum zurückgekehrt waren. Und eines Tages werde auch ich zurückkehren und denen mein Wissen über die Welt vermachen, die selbst noch darauf warten, in ihrem Körper zu erblühen."
Eine Weile blieb Silencia still und dachte nach. "Kehrt Euer Geist von sich aus in diesen Traum zurück? Oder muss Euer Körper auch wieder zu dem Ort Eurer Geburt? - Wird Euer Geist dann möglicherweise irgendwann wiedergeboren?" Setzte sie noch hinzu. So ganz durchschaute sie das was die Pflanzenfrau ihr erzählte noch nicht.
"Nein, das muss er nicht. Der tote Körper wird verwesen, verbrennen, oder was auch immer die Hinterbliebenen mit ihm anstellen, aber der Geist wird seinen Weg immer in den Traum zurückfinden, solange die Blasse Mutter über uns wacht. Ob wir aber wiedergeboren werden weiß ich nicht - möglich wäre es. Das wäre eine Frage, die ich unserer Mutter stellen müsste." Antwortete Nuriel nachdenklich. Silencia war nun endgültig verstummt und starrte auf einen unbestimmten Punkt. Wenn Ihre Existenz bald ein Ende finden würde, war es unwichtig, neue Informationen zu sammeln und diese Welt kennen zu lernen um sie besser zu verstehen. Sie richtete ihren Blick wieder auf die Sylvari und überlegte, was sie noch sagen sollte. "Ich bin sicher, Ihr werdet es irgendwann erfahren." Sie rückte ihren Stuhl etwas nach hinten und stand auf. "Entschuldigt mich bitte, aber ich denke, ich werde jetzt gehen und einen Platz aufsuchen, an dem mein Körper bleiben kann, wenn - " Sie suchte nach umschreibenden Worten. Lebende sprachen nicht gerne vom Tod und waren oft unangenehm berührt gewesen, wenn sie die Dinge klar und sachlich formuliert hatte. " - wenn der Rest von mir von dieser Welt geht." Überrascht starrte Nuriel Silencia an. "Ihr wisst doch gar nicht, wie nah oder fern dieser Zeitpunkt ist. Wollt Ihr nicht noch die Welt neu entdecken, solange es noch möglich ist?" Etwas verlegen wickelte Nuriel sich eine ihrer Blättersträhnen um den Finger, auf und ab, immer wieder. "Was ich sagen möchte, ist, dass es auch andere gibt, die für Euren Körper eine geeignete Ruhestätte finden können, wenn es soweit ist. Oder Ihr sucht diesen Ort aus und jemand anderes bringt Euch dann dorthin - es sei denn, Ihr wollt wirklich auf unbestimmte Zeit dort meditieren, bis es passiert, statt zu erkunden, was wirklich alles in zweihundert Jahren passiert ist. Die Entscheidung liegt bei Euch." Die Sylvari unterdrückte ein leichtes Gähnen und warf einen verstohlenen Blick nach draußen, wo die Fackeln bereits nach und nach heruntergebrannt waren. "Ihr mögt vielleicht keinen Sinn darin sehen, noch etwas zu lernen - aber ist es nicht besser, seine Zeit mit Dingen zu verbringen, die den Geist noch etwas auf Trab halten?"
Die Menschenfrau sah Nuriel mit ihren ausdruckslosen, weißen Augen an und seufzte leise. "Wisst Ihr, ich folge keinem Antrieb oder Willen der aus mir selbst kommt, so wie Lebende; ich bin wie ein Golem ohne Meister. Ich wurde belebt um zu dienen und nun bleibt mir nichts als auf den Tod zu warten. Oder - " Unwillkürlich musste sie an einen abtrünnigen Magier aus Kryta denken, der durch langjährige Experimente mit Kadavern außergewöhnliche Fähigkeiten erworben hatte und in der Lage gewesen sein sollte, die Knochendiener seiner Gegner deren Einfluss zu entziehen oder sogar unter seine Kontrolle zu bringen. " - naja." Als sie ihren Blick ziellos durch die Wohnung streifen ließ, erinnerte sie sich, dass die Sylvari im Gegensatz zu ihr sehr wohl Schlaf und Erholung brauchte. "Meine Anwesenheit hält Euch vom Ausruhen ab. Danke für Eure Zeit." Sie blieb noch kurz unschlüssig im Raum stehen, bevor sie sich langsam durch das Gerümpel zum Ausgang schob. Auch die Sylvari stand nun auf, nahm die Lampe um der Frau den Weg zur Tür zu leuchten und lächelte sanft. "Ihr seid jederzeit willkommen, hier zu verweilen. Aber ich verstehe, wenn Ihr dies nicht tun wollt. Doch seid Euch gewiss, dass Ihr jederzeit hierher zurückkehren könnt, wenn Ihr es Euch anders überlegt. Ich kann Euch nur anbieten, mich um Euren Körper zu kümmern, wenn es soweit ist. Die Entscheidung müsst Ihr treffen." In Nuriels Stimme lag keinerlei Trauer oder Forderung, lediglich eine Tatsache, das konnte Silencia klar erkennen. An der Tür blieb sie noch einmal stehen und drehte sich zu der Sylvari um. "Meint Ihr, ich könnte mich einem Asura zu Forschungszwecken zur Verfügung stellen? Ronnée hatte doch gesagt, dass Asura Wissen daraus gewinnen könnten." Dass das für sie eine sehr unangenehme Erfahrung sein könnte, kam ihr nicht in den Sinn, denn in ihr war nur Leere, die gefüllt werden wollte. Dass sie trotz Grenths Abwesenheit noch weiter existierte, hatte möglicherweise doch einen tieferen Grund; sie musste ihn nur finden. Vielleicht war das die Aufgabe gewesen, mit der Grenth sie aus der Unterwelt hier hin gebracht hatte und es war kein Zufall gewesen, dass sie als erstes dieser Asura begegnet war. Als die Nekromantin ihre Frage ausgesprochen hatte, machte sich kurz Fassungslosigkeit in Nuriels Blick breit. Sie blinzelte mehrere Male, wie um diesen Ausdruck wieder loszuwerden, dann neigte sie ein wenig den Kopf, als könne sie so besser verstehen, was Silencia gerade gesagt hatte. "Oh? Nun... Sicher. Es wird bestimmt einige Krus geben, die Euch mit offenen Armen empfangen werden. Ganz besonders die Inquestur, aber... Bitte, vermeidet diese Schurken. Die Inquestur hat nie etwas Gutes im Sinne, und sie wird Euch womöglich sogar als Waffe nutzen... Als Waffe gegen das Gute."
Sichtlich besorgt hielt Nuriel ein paar Herzschläge lang Silencias Blick fest, dann nickte sie mehr zu sich selbst. "Was Ihr auch vorhabt, gelangt nicht in die falschen Hände. Bitte." Die Nekromantin blickte der Sylvari einige Augenblicke lang stumm entgegen, ehe sie antwortete. Die erschrockene Reaktion war ihr nicht entgangen und sie fragte sich, woran Ronnée wohl arbeitete und ob sie dort von Wert sein konnte, aber sie wollte Nuriel nicht noch länger mit ihren Fragen aufhalten. „Wisst Ihr was - bevor ich Euch noch länger aufhalte - ich warte bis Ihr Euch ausgeruht habt. Dann ist immer noch Zeit für diese Dinge." Nuriel nickte. "Kommt nach Tagesanbruch wieder zu mir, dann können wir Eure nächsten Schritte in Ruhe besprechen."
"Bei Tagesanbruch." Silencia nickte zum Abschied und ging ein paar Meter über das Plateau, auf dem sich die Wohnung befand, bis sie eine Stelle gefunden hatte, an der sie bis zum Morgengrauen ausharren wollte, kniete sich hin und wartete.
