Der Verkehr wurde zur Innenstadt hin auch immer zähflüssiger, weshalb ich die Hoffnung auf ein pünktliches Erscheinen bereits aufgegeben hatte.

Jedoch kam ich genau zwei Minuten vor acht Uhr an, was einem Wunder glich. Schnell schnappte ich mir meine Tasche und meine Unterlagen, stieg aus und schloss mein Auto ab.

Danach rannte ich los und zum Glück fand ich ein paar Schüler, die mir den Weg zum Sekretariat und damit zum Direktorat erklären konnten. Gerade, als es klingelte, kam ich dort an und ich zupfte mir meine Klamotten noch ein wenig zurecht, ehe ich klopfte.

Als ich ein deutliches 'Herein' vernahm, öffnete ich die Tür und trat ein. Hinter einem Tresen saß eine Frau vor einem Computer, gekonnt flogen ihre Finger über die Tastatur. "Einen Moment, ich mache das hier nur noch schnell fertig.", sagte die Frau, die unverkennbar die Sekretärin hier war. "Natürlich.", erwiderte ich und kontrollierte derweil nochmal, ob ich wirklich alle Unterlagen dabei hatte. Die duzend Male gestern und und die heute Morgen hätten durchaus gereicht, jedoch wollte ich auf Nummer sicher gehen. So vergingen ein paar wenige Minuten, bis die Frau schließlich aufhörte zu tippen und zu mir kam.

"So, jetzt bin ich soweit. Wie kann ich ihnen helfen?", erkundigte sie sich. "Ich habe einen Termin bei dem Direktor dieser Schule, Herrn.." Ich musste kurz auf das oberste Formular in meiner Hand schauen. Lieber ablesen als etwas falsche sagen. "Günther Rose.", fuhr ich schließlich fort.

"Ich habe heute meinen ersten Tag hier und soll mich vorher bei ihm melden." Nun wurde die Frau hellhörig. "Ah, sie sind also unsere neue Konrektorin!", dämmerte es ihr nun und ich nickte.

"Das bin ich wohl.", bestätigte ich und es hörte sich noch vollkommen unglaublich an. "Frau Richter, nicht wahr?" Erneut nickte ich. "Genau.", erwiderte ich.

"Ich werde Herrn Rose gleich mal über ihre Anwesenheit informieren, warten sie hier." Die Sekretärin, Frau Cornelius wie ich ihrem Namensschild hatte entnehmen können, trat hinter dem Tresen hervor und lief auf eine Tür zu.

An dieser klopfte sie an und öffnete sie nach einem kurzen Augenblick. "Herr Rose, ihre neue Kollegin ist da.", teilte sie dem Mann im Büro mit. "Sie soll reinkommen.", hörte ich ihn sagen und nun lief ich ebenfalls zur Tür hinüber. "Guten Tag, Herr Rose. Ich bin.." Der Mann hinter dem Schreibtisch ließ mich nicht aussprechen. "Emilia Richter, ich weiß. Kommen sie rein und setzen sie sich.", forderte Herr Rose mich auf.

Ich kam seiner Aufforderung nach und setzte mich auf dem Stuhl, der dem Rektor gegenüber stand. Die Sekretärin schloss die Tür und somit waren wir allein.

"Es freut mich, dass sie hier sind.", setzte Herr Rose an. "In letzter Zeit ist es sehr schwer, geeignete Lehrkräfte zu finden und vor allem dann, wenn es gleichzeitig noch um eine Stelle als Führungskraft geht.", erklärte Günter weiter.

"Das Stellenangebot kam wie gerufen.", antwortete ich. "Ich wollte schon immer als Konrektorin arbeiten und vielleicht irgendwann als Rektorin eine Schule leiten." Daraufhin biss ich mir auf die Zunge. Mein Mundwerk war wieder schneller gewesen als mein Gehirn, das ich vorher dringend hätte benutzen sollen. Eine solche Aussage vor seinem neuen Chef zu bringen, konnte definitiv nicht gut ankommen. Schließlich nahm ich als Konrektorin irgendwann seinen Platz ein, sollte er seine Aufgaben als Rektor nicht mehr erfüllen können. Aus welchem Grund auch immer.

Doch zum Glück nahm Herr Rose es relativ locker auf. "Dafür müsste ich erst einmal abdanken und das kann definitiv noch eine ganze Weile dauern. Tut mir leid, wenn ich sie da enttäuschen muss.", sagte er und lachte anschließend. Daraufhin traute auch ich mich, ein wenig zu lachen.

"Aber ich finde es gut, dass sie so zielstrebig sind. Darauf kann man aufbauen. Eigentlich hätten wir die Stelle auch nicht neu besetzen müssen, jedoch.." Der Mann mir gegenüber hielt inne. Er wirkte plötzlich traurig und nachdenklich. "Leider ist unsere verehrte Frau Konrektorin vor ein paar Wochen verstorben.", offenbarte er mir schließlich und ich war entsetzt darüber.

Das hatte ich gerade zum ersten Mal gehört. "Das tut mir sehr leid.", sagte ich und versuchte den Kloß in meinem Hals hinunter zu schlucken. "Danke.", antwortete Herr Rose. "Unsere liebe Frau Vollmer wurde vom ganzen Kollegium sehe wertgeschätzt und hat ihre Arbeit immer vorbildlich erledigt. Es ist also ein großes Erbe, das sie hier antreten." Ich nickte und fragte mich plötzlich wieder, ob ich für diesen Job hier tatsächlich die richtige Person war.

Denn ich hatte mich nie als Konrektorin gesehen und die Stelle hier nur angenommen, weil der Zeitpunkt gerade nicht besser hätte sein können. Das es immer mein Traum gewesen war so hoch aufzusteigen hatte ich nur gesagt, um Eindruck zu schinden.

Ganz ehrlich hätte mir eine ganz normale Stelle als Lehrerin schon gereicht. Hauptsache weit weg von meiner alten Heimat. Einen Neuanfang, genau das brauchte ich jetzt und dann hatte ich zufällig von dieser freien Stelle hier an dieser Schule erfahren. Und bis vor zwei Minuten hatte ich tatsächlich noch geglaubt, der Verantwortung gewachsen zu sein, allerdings war ich mir jetzt nicht mehr so sicher.

Laut Herrn Rose war meine Vorgängerin sehr beliebt hier gewesen und ich bezweifelte, dass die Kollegen diesen Verlust bereits überwunden hatten. Ich hatte Angst, auf harten Gegenwind zu stoßen, denn eventuell könnten sie ja glauben ich würde ihre alte Kollegin ersetzen wollen.

Und das tat ich in gewisser Weise ja auch. Ich übernahm deren Posten als Konrektorin, somit auch ihre Räumlichkeiten die mir bereits zugesichert worden waren und ich unterrichtete sogar dieselben Fächer in den gleichen Klassen wie sie.

Das erfuhr ich jedenfalls im weiteren Verlauf des Gesprächs und je mehr mir das alles bewusst wurde, desto größer wurde meine Angst davor, abgelehnt zu werden. Ich wollte hier niemanden auf die Füße treten, sondern nur mein neues Leben beginnen, doch dieses Erbe das ich antreten sollte würde es mir wohl um einiges schwerer machen als ohnehin schon. Bei diesem Gedanken schluckte ich schwer.

"Frau Richter, alles in Ordnung? Sie sehen ziemlich erschrocken aus.", merkte der Rektor mir gegenüber an. "Ich.. ich weiß nicht, ob.. ich dieser Verantwortung gewachsen bin.", gab ich ehrlich zu. "Laut ihrer Aussage ist der Tod ihrer Kollegin ja noch nicht allzu lange her und ich möchte hier keinem zu Nahe treten, indem ich diese Stelle hier übernehme."

Ich konnte nicht anders, als die Wahrheit zu sagen. Wahrscheinlich hätte ich es mir nie verziehen, wenn ich meine Gefühle für mich behalten hätte. Ich empfand es als wichtig, sie zuzugeben, auch wenn es mich eventuell meinen neuen Job kosten konnte.

Aber zu meiner Verwunderung reagierte der Mann mir gegenüber sehr verständnisvoll. "Ich kann mir vorstellen, dass sie jetzt erstmal geschockt sind. Man kommt ja nicht täglich zu einem Vorstellungsgespräch und erfährt, dass der Vorgänger vor kurzem verstorben ist und die Stelle deshalb neu besetzt werden muss.", setzte Herr Rose an.

"Jedoch.. muss der Schulalltag leider weitergehen und auch wenn es mir persönlich viel zu früh ist.." Er machte eine Pause und ich erkannte seine Betroffenenheit. "..muss ich einen neuen Konrektor oder eine neue Konrektorin vorweisen können. Das Schulamt verlangt es so.", stellte er klar.

"Und machen wir uns nichts vor, Frau Richter. Sie sind perfekt geeignet für diesen Job und ich hätte sie wirklich gerne als neue Konrektorin mit an Bord. Wie gesagt, wird es wahrscheinlich nicht einfach. Aber früher oder später muss die Stelle neu besetzt werden und ich möchte meine Chance nutzen, selbst zu entscheiden, mit wem. Denn irgendwann mischen sich andere in diese Angelegenheiten ein und das wird den Kollegen noch viel weniger gefallen. Ich bin mir sicher, dass sie sich hier in ein paar Tagen oder Wochen sehr gut eingelebt haben und die Kollegen sie akzeptieren werden.

"Und wenn nicht?", fragte ich noch immer verunsichert. "Darüber denken wir nach, sollte es so weit kommen. Und auch dann findet sich eine Lösung.", antwortete der Direktor.

"Allerdings werde ich sie bestimmt nicht dazu überreden zu bleiben. Wenn sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen, kann ich das absolut nachvollziehen. Ich kann ihnen nur das anbieten, weswegen sie sich hier beworben haben und das gehört so leid es mir auch tut dazu. Ich wünschte selbst, es wäre anders." Ich erkannte deutlich die Tränen in den Augen des Mannes mir gegenüber und ich versuchte mich auf das wesentliche zu konzentrieren.

Ein Job als Konrektorin, gute Bezahlung, Beamtin auf Lebenszeit, ein eigenes Büro und ich konnte meine ganzen Fächer hier einbringen und nicht nur eines.

Es waren traumhafte Bedingungen, was mich jedoch nicht davon abhielt noch einen Moment zu zögern. Wie sollte ich mich nur entscheiden? Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich definitiv nicht mehr.

Ein paar Minuten herrschte Schweigen und diese Zeit nutzte ich, um meine Gedanken zu ordnen. Ich wollte doch einen Neuanfang und das war definitiv einer.

Es würde bestimmt nicht einfach werden, aber die Stellen für Lehrer waren rar. Man konnte von Glück reden, wenn man irgendwo eine Festanstellung bekam und dann auch noch unter solchen Bedingungen. Jeder andere würde nicht zögern, keine einzige Sekunde. Nur ich machte mir wieder einmal viel zu viele Gedanken, wo wahrscheinlich überhaupt kein so großes Problem war.

Herr Rose legte mir nun ein paar Dokumente vor und darauf legte er einen Kugelschreiber. "Ihr Arbeitsvertrag.", kommentierte er. "Überprüfen sie ihn auf Richtigkeit und lesen sie sich bitte alles in Ruhe durch. Ich muss kurz mal etwas erledigen, aber das wird nicht lange dauern. In ein paar Minuten bin ich zurück.", erklärte der Direktor mir und verließ daraufhin das Büro.

Nun war ich alleine mit meinen Gedanken und kein Mensch konnte mir diese Entscheidung abnehmen. Unterschreiben oder nicht, es lag ganz allein in meiner Hand. Aber zunächst machte ich genau das, was Herr Rose mir gesagt hatte. Ich las den Vertrag ganz genau durch und als ich fertig war, las ich ihn auch noch ein zweites Mal.

Inzwischen waren ungefähr 20 Minuten vergangen und der Rektor war noch nicht zurück. Es folgte ein dritter Durchgang und ich konnte es einfach nicht leugnen, die Bedingungen waren einfach traumhaft. Wahrscheinlich würde ich nirgendwo ein vergleichbares Jobangebot finden und deshalb nahm ich den Kugelschreiber zur Hand.

Ich setzte die Spitze auf das Papier und atmete tief durch. "Komm, trau dich mal was!", murmelte ich und schloss die Augen. Somit setzte ich schließlich blind meinen Namen auf den dafür vorgesehenen Strich und als ich die Augen öffnete, stand in meiner fein säuberlichen, aber dennoch schwungvollen Handschrift 'Richter Emilia' auf dem unteren Teil des Dokuments. Ich hatte es nun tatsächlich getan.Der Verkehr wurde zur Innenstadt hin auch immer zähflüssiger, weshalb ich die Hoffnung auf ein pünktliches Erscheinen bereits aufgegeben hatte.

Jedoch kam ich genau zwei Minuten vor acht Uhr an, was einem Wunder glich. Schnell schnappte ich mir meine Tasche und meine Unterlagen, stieg aus und schloss mein Auto ab.

Danach rannte ich los und zum Glück fand ich ein paar Schüler, die mir den Weg zum Sekretariat und damit zum Direktorat erklären konnten. Gerade, als es klingelte, kam ich dort an und ich zupfte mir meine Klamotten noch ein wenig zurecht, ehe ich klopfte.

Als ich ein deutliches 'Herein' vernahm, öffnete ich die Tür und trat ein. Hinter einem Tresen saß eine Frau vor einem Computer, gekonnt flogen ihre Finger über die Tastatur. "Einen Moment, ich mache das hier nur noch schnell fertig.", sagte die Frau, die unverkennbar die Sekretärin hier war. "Natürlich.", erwiderte ich und kontrollierte derweil nochmal, ob ich wirklich alle Unterlagen dabei hatte. Die duzend Male gestern und und die heute Morgen hätten durchaus gereicht, jedoch wollte ich auf Nummer sicher gehen. So vergingen ein paar wenige Minuten, bis die Frau schließlich aufhörte zu tippen und zu mir kam.

"So, jetzt bin ich soweit. Wie kann ich ihnen helfen?", erkundigte sie sich. "Ich habe einen Termin bei dem Direktor dieser Schule, Herrn.." Ich musste kurz auf das oberste Formular in meiner Hand schauen. Lieber ablesen als etwas falsche sagen. "Günther Rose.", fuhr ich schließlich fort.

"Ich habe heute meinen ersten Tag hier und soll mich vorher bei ihm melden." Nun wurde die Frau hellhörig. "Ah, sie sind also unsere neue Konrektorin!", dämmerte es ihr nun und ich nickte.

"Das bin ich wohl.", bestätigte ich und es hörte sich noch vollkommen unglaublich an. "Frau Richter, nicht wahr?" Erneut nickte ich. "Genau.", erwiderte ich.

"Ich werde Herrn Rose gleich mal über ihre Anwesenheit informieren, warten sie hier." Die Sekretärin, Frau Cornelius wie ich ihrem Namensschild hatte entnehmen können, trat hinter dem Tresen hervor und lief auf eine Tür zu.

An dieser klopfte sie an und öffnete sie nach einem kurzen Augenblick. "Herr Rose, ihre neue Kollegin ist da.", teilte sie dem Mann im Büro mit. "Sie soll reinkommen.", hörte ich ihn sagen und nun lief ich ebenfalls zur Tür hinüber. "Guten Tag, Herr Rose. Ich bin.." Der Mann hinter dem Schreibtisch ließ mich nicht aussprechen. "Emilia Richter, ich weiß. Kommen sie rein und setzen sie sich.", forderte Herr Rose mich auf.

Ich kam seiner Aufforderung nach und setzte mich auf dem Stuhl, der dem Rektor gegenüber stand. Die Sekretärin schloss die Tür und somit waren wir allein.

"Es freut mich, dass sie hier sind.", setzte Herr Rose an. "In letzter Zeit ist es sehr schwer, geeignete Lehrkräfte zu finden und vor allem dann, wenn es gleichzeitig noch um eine Stelle als Führungskraft geht.", erklärte Günter weiter.

"Das Stellenangebot kam wie gerufen.", antwortete ich. "Ich wollte schon immer als Konrektorin arbeiten und vielleicht irgendwann als Rektorin eine Schule leiten." Daraufhin biss ich mir auf die Zunge. Mein Mundwerk war wieder schneller gewesen als mein Gehirn, das ich vorher dringend hätte benutzen sollen. Eine solche Aussage vor seinem neuen Chef zu bringen, konnte definitiv nicht gut ankommen. Schließlich nahm ich als Konrektorin irgendwann seinen Platz ein, sollte er seine Aufgaben als Rektor nicht mehr erfüllen können. Aus welchem Grund auch immer.

Doch zum Glück nahm Herr Rose es relativ locker auf. "Dafür müsste ich erst einmal abdanken und das kann definitiv noch eine ganze Weile dauern. Tut mir leid, wenn ich sie da enttäuschen muss.", sagte er und lachte anschließend. Daraufhin traute auch ich mich, ein wenig zu lachen.

"Aber ich finde es gut, dass sie so zielstrebig sind. Darauf kann man aufbauen. Eigentlich hätten wir die Stelle auch nicht neu besetzen müssen, jedoch.." Der Mann mir gegenüber hielt inne. Er wirkte plötzlich traurig und nachdenklich. "Leider ist unsere verehrte Frau Konrektorin vor ein paar Wochen verstorben.", offenbarte er mir schließlich und ich war entsetzt darüber.

Das hatte ich gerade zum ersten Mal gehört. "Das tut mir sehr leid.", sagte ich und versuchte den Kloß in meinem Hals hinunter zu schlucken. "Danke.", antwortete Herr Rose. "Unsere liebe Frau Vollmer wurde vom ganzen Kollegium sehe wertgeschätzt und hat ihre Arbeit immer vorbildlich erledigt. Es ist also ein großes Erbe, das sie hier antreten." Ich nickte und fragte mich plötzlich wieder, ob ich für diesen Job hier tatsächlich die richtige Person war.

Denn ich hatte mich nie als Konrektorin gesehen und die Stelle hier nur angenommen, weil der Zeitpunkt gerade nicht besser hätte sein können. Das es immer mein Traum gewesen war so hoch aufzusteigen hatte ich nur gesagt, um Eindruck zu schinden.

Ganz ehrlich hätte mir eine ganz normale Stelle als Lehrerin schon gereicht. Hauptsache weit weg von meiner alten Heimat. Einen Neuanfang, genau das brauchte ich jetzt und dann hatte ich zufällig von dieser freien Stelle hier an dieser Schule erfahren. Und bis vor zwei Minuten hatte ich tatsächlich noch geglaubt, der Verantwortung gewachsen zu sein, allerdings war ich mir jetzt nicht mehr so sicher.

Laut Herrn Rose war meine Vorgängerin sehr beliebt hier gewesen und ich bezweifelte, dass die Kollegen diesen Verlust bereits überwunden hatten. Ich hatte Angst, auf harten Gegenwind zu stoßen, denn eventuell könnten sie ja glauben ich würde ihre alte Kollegin ersetzen wollen.

Und das tat ich in gewisser Weise ja auch. Ich übernahm deren Posten als Konrektorin, somit auch ihre Räumlichkeiten die mir bereits zugesichert worden waren und ich unterrichtete sogar dieselben Fächer in den gleichen Klassen wie sie.

Das erfuhr ich jedenfalls im weiteren Verlauf des Gesprächs und je mehr mir das alles bewusst wurde, desto größer wurde meine Angst davor, abgelehnt zu werden. Ich wollte hier niemanden auf die Füße treten, sondern nur mein neues Leben beginnen, doch dieses Erbe das ich antreten sollte würde es mir wohl um einiges schwerer machen als ohnehin schon. Bei diesem Gedanken schluckte ich schwer.

"Frau Richter, alles in Ordnung? Sie sehen ziemlich erschrocken aus.", merkte der Rektor mir gegenüber an. "Ich.. ich weiß nicht, ob.. ich dieser Verantwortung gewachsen bin.", gab ich ehrlich zu. "Laut ihrer Aussage ist der Tod ihrer Kollegin ja noch nicht allzu lange her und ich möchte hier keinem zu Nahe treten, indem ich diese Stelle hier übernehme."

Ich konnte nicht anders, als die Wahrheit zu sagen. Wahrscheinlich hätte ich es mir nie verziehen, wenn ich meine Gefühle für mich behalten hätte. Ich empfand es als wichtig, sie zuzugeben, auch wenn es mich eventuell meinen neuen Job kosten konnte.

Aber zu meiner Verwunderung reagierte der Mann mir gegenüber sehr verständnisvoll. "Ich kann mir vorstellen, dass sie jetzt erstmal geschockt sind. Man kommt ja nicht täglich zu einem Vorstellungsgespräch und erfährt, dass der Vorgänger vor kurzem verstorben ist und die Stelle deshalb neu besetzt werden muss.", setzte Herr Rose an.

"Jedoch.. muss der Schulalltag leider weitergehen und auch wenn es mir persönlich viel zu früh ist.." Er machte eine Pause und ich erkannte seine Betroffenenheit. "..muss ich einen neuen Konrektor oder eine neue Konrektorin vorweisen können. Das Schulamt verlangt es so.", stellte er klar.

"Und machen wir uns nichts vor, Frau Richter. Sie sind perfekt geeignet für diesen Job und ich hätte sie wirklich gerne als neue Konrektorin mit an Bord. Wie gesagt, wird es wahrscheinlich nicht einfach. Aber früher oder später muss die Stelle neu besetzt werden und ich möchte meine Chance nutzen, selbst zu entscheiden, mit wem. Denn irgendwann mischen sich andere in diese Angelegenheiten ein und das wird den Kollegen noch viel weniger gefallen. Ich bin mir sicher, dass sie sich hier in ein paar Tagen oder Wochen sehr gut eingelebt haben und die Kollegen sie akzeptieren werden.

"Und wenn nicht?", fragte ich noch immer verunsichert. "Darüber denken wir nach, sollte es so weit kommen. Und auch dann findet sich eine Lösung.", antwortete der Direktor.

"Allerdings werde ich sie bestimmt nicht dazu überreden zu bleiben. Wenn sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen, kann ich das absolut nachvollziehen. Ich kann ihnen nur das anbieten, weswegen sie sich hier beworben haben und das gehört so leid es mir auch tut dazu. Ich wünschte selbst, es wäre anders." Ich erkannte deutlich die Tränen in den Augen des Mannes mir gegenüber und ich versuchte mich auf das wesentliche zu konzentrieren.

Ein Job als Konrektorin, gute Bezahlung, Beamtin auf Lebenszeit, ein eigenes Büro und ich konnte meine ganzen Fächer hier einbringen und nicht nur eines.

Es waren traumhafte Bedingungen, was mich jedoch nicht davon abhielt noch einen Moment zu zögern. Wie sollte ich mich nur entscheiden? Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich definitiv nicht mehr.

Ein paar Minuten herrschte Schweigen und diese Zeit nutzte ich, um meine Gedanken zu ordnen. Ich wollte doch einen Neuanfang und das war definitiv einer.

Es würde bestimmt nicht einfach werden, aber die Stellen für Lehrer waren rar. Man konnte von Glück reden, wenn man irgendwo eine Festanstellung bekam und dann auch noch unter solchen Bedingungen. Jeder andere würde nicht zögern, keine einzige Sekunde. Nur ich machte mir wieder einmal viel zu viele Gedanken, wo wahrscheinlich überhaupt kein so großes Problem war.

Herr Rose legte mir nun ein paar Dokumente vor und darauf legte er einen Kugelschreiber. "Ihr Arbeitsvertrag.", kommentierte er. "Überprüfen sie ihn auf Richtigkeit und lesen sie sich bitte alles in Ruhe durch. Ich muss kurz mal etwas erledigen, aber das wird nicht lange dauern. In ein paar Minuten bin ich zurück.", erklärte der Direktor mir und verließ daraufhin das Büro.

Nun war ich alleine mit meinen Gedanken und kein Mensch konnte mir diese Entscheidung abnehmen. Unterschreiben oder nicht, es lag ganz allein in meiner Hand. Aber zunächst machte ich genau das, was Herr Rose mir gesagt hatte. Ich las den Vertrag ganz genau durch und als ich fertig war, las ich ihn auch noch ein zweites Mal.

Inzwischen waren ungefähr 20 Minuten vergangen und der Rektor war noch nicht zurück. Es folgte ein dritter Durchgang und ich konnte es einfach nicht leugnen, die Bedingungen waren einfach traumhaft. Wahrscheinlich würde ich nirgendwo ein vergleichbares Jobangebot finden und deshalb nahm ich den Kugelschreiber zur Hand.

Ich setzte die Spitze auf das Papier und atmete tief durch. "Komm, trau dich mal was!", murmelte ich und schloss die Augen. Somit setzte ich schließlich blind meinen Namen auf den dafür vorgesehenen Strich und als ich die Augen öffnete, stand in meiner fein säuberlichen, aber dennoch schwungvollen Handschrift 'Richter Emilia' auf dem unteren Teil des Dokuments. Ich hatte es nun tatsächlich getan.