Ich legte den Kugelschreiber aus der Hand und legte die Blätter des Vertrages wieder ordentlich aufeinander. So blieb er dann vor mir liegen und während ich auf die Rückkehr von Herrn Rose wartete, sah ich mich ein wenig im Büro um.
Ich lächelte bei dem Gedanken, bald mein eigenes Büro zu haben, das ich nach meinen Vorstellungen einrichten konnte. Es dauerte nochmal knapp zehn Minuten, bis der Direktor wieder kam.
"Verzeihung, es hat doch ein wenig länger gedauert als gedacht.", entschuldigte er sich und nahm wieder auf seinem Stuhl mir gegenüber Platz. "Wie ich sehe, sind sie fertig.", stellte er fest und ich nickte. "Sehr schön. Und wie haben sie sich nun entschieden?", wollte Herr Rose wissen. Ich nahm den Vertrag und hielt ihn dem Rektor der Schule hin.
"Ich habe mich dazu entschlossen, dem Ganzen eine Chance zu geben.", erklärte ich ihm. "Bei diesen Konditionen, wäre ich doch verrückt, wenn ich ablehnen würde." Herr Rose begann zu lächeln und nahm die Papiere an sich. "Das möchte ich meinen.", antwortete er und sah nochmal nach, ob ich auch tatsächlich unterschrieben hatte.
Anschließend erhob er sich. "Nun gut, Frau Konrektorin. Es freut mich, sie an meiner Schule begrüßen zu dürfen!" Herr Rose hielt mir die Hand hin und ich stand ebenfalls auf, um ihn meine zu geben. Ein Handschlag, der den Vertragsabschluss nochmal zusätzlich symbolisieren sollte. "Danke, ich freue mich ebenfalls.", erwiderte ich und das stimmte wirklich. Plötzlich waren alle Zweifel verschwunden und ich war mir sicher, richtig gehandelt zu haben.
Und ich musste mir eingestehen, dass 'Frau Konrektorin' doch recht ansprechend klang.Herr Rose und ich besprachen dann noch einige weitere Dinge, die für meine Arbeit hier von Bedeutung sein würden. Dazu gehörten zum Beispiel der Stundenplan und der Lehrplan, sowie die Aufklärung über wichtige Termine. Aber auch über meine Aufgaben als Konrektorin klärte mich der Direktor nochmal genauestens auf.
Anschließend überreichte er mir einige Schülerakten, mit deren Hilfe ich mir schon mal ein Bild über meine zukünftigen Schüler machen sollte. Offiziell würde mein Dienst als Lehrerin erst kommenden Montag beginnen, so hatte ich wenigstens noch genügend Zeit mich ein wenig ein zu lesen und mir einen Plan zu machen.
Jedoch bot Herr Rose mir an, dass ich mein Büro auch jetzt schon beziehen könnte, um mich ein wenig einrichten zu können und da sagte ich gleich zu. Nach Hause fahren konnte ich jetzt sowieso noch nicht, da später eine Konferenz an stand und bei dieser Gelegenheit wollte Herr Rose mich gleich dem Kollegium vorstellen.
Ich packte also meine Sachen, nahm die Schülerakten wieder an mich und folgte Herr Rose aus dem Büro hinaus. Wir durchquerten das Sekretariat und blieben an einer Tür gegenüber schon wieder stehen. Herr Rose holte einen Schlüssel hervor und verschaffte sich so Zugang zu dem hinter der Tür liegenden Raum. Nachdem die Tür offen war, erstarrte mein neuer Kollege plötzlich und ich konnte mir diese Geste nicht sofort erklären.
Allerdings fiel mir dann wieder ein, dass meine Vorgängerin ja erst vor kurzem verstorben war und dieser Raum sah definitiv nicht danach aus.
Er war noch vollkommen eingerichtet und wirkte, als würde hier nach wie vor jemand arbeiten. 'Als würde Frau Vollmer noch hier arbeiten.', fügte ich gedanklich hinzu, denn dieses Büro hatte ihr gehört. Zumindest hatte ich das dem Schild neben der Tür entnehmen können und auf einmal wusste ich ganz genau, was in Herr Rose gerade vorgehen musste.
Es dauerte noch ein paar Augenblicke, bis dieser seine Sprache wieder fand. "Es.. es tut mir leid. Ich dachte eigentlich, der Mann meiner Kollegin hätte sich darum gekümmert, dass ihre Sachen zusammen gepackt werden. Jedenfalls hat er darauf bestanden, dass er das persönlich machen darf.", erklärte der Direktor mir.
Er wirkte sehr betroffen und ich wusste zunächst nicht, wie ich mich nun verhalten sollte.
Allerdings hatte ich kein Problem damit, dass das Büro noch nicht leer geräumt war. Ganz im Gegenteil, ich konnte den Mann von Frau Vollmer absolut verstehen. Einen geliebten Menschen, in diesem Falle seine Frau zu verlieren, musste verdammt schmerzhaft sein.
„Das ist doch gar kein Problem.", sagte ich deshalb zu Herrn Rose, der wieder Tränen in den Augen hatte. „Ich kann warten. Herr Vollmer soll sich ruhig die Zeit nehmen, die er braucht. Es wird sich bestimmt eine Übergangslösung finden lassen.", meinte ich zuversichtlich.
„Es ist nett, dass sie das sagen. Vielleicht können wir uns ja vorübergehend mein Büro teilen oder so.", schlug Herr Rose vor und ich nickte. „Zum Beispiel.", erwiderte ich und in diesem Augenblick klingelte das Telefon im Sekretariat. Die Frau hinter dem Tresen hob fast sofort ab und teilte Herrn Rose mit, dass der Anruf für ihn war und sie ihn in sein Büro weiterleiten würde. Der Rektor nickte und wandte sich dann an mich. „Sie entschuldigen mich?", fragte er. „Aber natürlich.", antwortete ich und er ging zurück zu seinem Büro.
Nun stand ich also alleine vor dem geöffneten Zimmer, das das Büro meiner verstorbenen Vorgängerin gewesen war und nun meines werden sollte. Allerdings konnte ich das mit meinem Gewissen noch nicht so wirklich vereinbaren, da mir der Gedanke nicht gefiel, dass ihre persönlichen Dinge wegen mir ausgeräumt werden mussten.
Ich ließ meinen Blick über die Einrichtung schweifen und lächelte. Sie musste wohl eine sehr ordentliche Person gewesen sein, jedenfalls war hier alles sauber und geordnet hinterlassen worden. Nachdenklich betrachtete ich dann das Schildchen, welches sich neben der Tür befand. ‚Frau Karin Vollmer', stand darauf. Und darunter ‚Konrektorin'. Erneut schaute ich in den Raum, der durch das große Fenster sehr freundlich und hell wirkte. Nachdem ich kurz gezögert hatte, ging ich schließlich ein paar Schritte hinein und sah mich erneut um.
Ganz ehrlich konnte ich kaum glauben, dass die Frau die hier gearbeitet hatte, wirklich tot sein sollte. Es wirkte auf mich eher, als wäre sie gerade einfach mal kurz nicht da.
