Natürlich fragte ich mich, ob es richtig war, was ich hier gerade tat. Ich lief durch das Büro einer Frau, die vor kurzem gestorben war und deren Platz ich nun einnehmen sollte. Erneut ließ ich meinen Blick durch das Büro schweifen und merkte nicht, dass sich hinter mir jemand näherte. Erst, als etwas mit einem dumpfen Knall zu Boden fiel, fuhr ich erschrocken herum.

Hinter mir stand ein Mann und es war nicht irgendein Mann, sondern es war genau der, den ich heute Morgen bereits an der Kreuzung getroffen hatte. Neben ihm lag ein Karton, der ihm wahrscheinlich aus der Hand gefallen war. Jedenfalls hielt er noch zwei weitere gestapelt in den Armen. Und er sah mich an, als ob er mich jeden Moment erwürgen wollte.

"Ha.. Hallo.", sagte ich, jedoch hatte der Mann kein Interesse an Small-Talk. "Was machen sie hier?!", fragte er mich und das in einem ziemlich unfreundlichen Ton. "Vor allem in diesem Zimmer? Was haben sie hier zu suchen?!"

Ich wollte gerade antworten, als Herr Rose zurück kam. "So, ich hätte alles geklärt. Wollen wir dann.." Er brach ab, als er bemerkte, dass ich nicht mehr alleine war.

"Oh, Stefan.", stellte er überrascht fest. "Ich habe dich gar nicht kommen sehen und ehrlich gesagt auch nicht mit dir gerechnet.", fügte er hinzu. "Ich bin zum Ausräumen hier.", antwortete der Mann, der offenbar Stefan hieß. Er ging an mir vorbei und stellte die Kartons auf dem Schreibtisch ab. Ich ging zu Herrn Rose hinaus.

"Das hat keine Eile.", meinte dieser. "Jetzt auf einmal?", fragte Stefan. "Am Montag kommt doch die neue Konrektorin, oder? Bis dahin hab ich das Büro geräumt, so wie verlangt." Der Mann begann langsam ein paar Dinge in den Kisten zu verstauen und langsam dämmerte es mir. Dieser Mann war offenbar der Ehemann von Frau Vollmer, eine andere Erklärung gab es einfach meiner Meinung nach nicht wirklich.

"Um ehrlich zu sein, Stefan.. Unsere neue Konrektorin steht gerade hier neben mir." Stefan blickte daraufhin zu mir hinüber, begeistert sah er definitiv nicht aus. "Sie?", fragte er und klang sehr abwertend dabei. "Da können wir uns ja auf was gefasst machen.", spottete er regelrecht und machte nicht die Anstalten einer professionellen Begrüßung, weshalb ich es meinerseits auch bleiben ließ. Allerdings war ich ihm nicht böse, schließlich hatten wir heute Morgen eine ziemlich unschöne Begegnung gehabt und nun sollte ich den Platz seiner Frau einnehmen.

"Ich glaube, wir gehen besser.", meinte Herr Rose und dafür war ich mehr als dankbar. "Auf Wiedersehen.", sagte ich zu Herrn Vollmer, jedoch bekam ich keine Antwort. Herr Rose merkte wohl, dass ich deshalb sehr geknickt war. "Machen sie sich keine Sorgen, der Vollmer ist eigentlich ein sehr netter Kerl. Er wird aber verständlicherweise noch etwas brauchen, bis er es akzeptieren kann, dass jemand Neues plötzlich die Position seiner Frau einnehmen soll. Dazu gehören auch noch ein paar andere Kollegen und ich muss zugeben, mir geht es ähnlich, aber wir sind hier eine tolle Truppe. Sie sind hier trotz allem herzlich Willkommen!", stellte der Schulleiter klar, aber auf einmal war ich mir da nicht mehr so sicher.

Wir begaben uns schließlich zur besagten Lehrerkonferenz, bei der Herr Rose mich als neue Konrektorin vorstellte. Wider erwarten waren die Reaktionen durchweg positiv und ich war froh, dass Herr Vollmer der Versammlung nicht beigewohnt hatte. Ich bezweifelte, dass unsere Zusammenarbeit jemals harmonisch ablaufen würde und ich war froh, als ich nach der Versammlung und ein paar Gesprächen mit meinen zukünftigen Kollegen schließlich wieder in mein Auto steigen konnte. Das alles musste ich nun erstmal verarbeiten, es waren viele neue Eindrücke und Infos gewesen.

Mein Dienst begann offiziell am Montag. Ich hatte also noch ein paar Tage Zeit, um mich ein wenig damit auseinander zu setzen. Natürlich hatte ich mir den Neustart nicht einfach vorgestellt, aber mit so einer Situation hatte ich nun auch nicht gerechnet.

Einen Rückzieher würde ich jedoch jetzt nicht mehr machen, das stand fest.