Trapper saß auf dem Feldbett und blickte unschlüssig auf den braunen Umschlag in seinen Händen. Er drehte ihn hin und her und betrachtete schließlich das Ende, das eigentlich verschlossen sin sollte. Die Lasche war jedoch nur hineingesteckt, nicht zugeklebt. Es wäre ein leichtes den Brief zu öffnen und zu lesen. Niemand würde es jemals erfahren. Und doch zögerte er.
Er hatte Skrupel. So, als würde er das Schicksal geradezu herausfordern, wenn er diesen Brief lesen würde, den er eigentlich erst sehen sollte, wenn - Trapper wollte diesen Gedanken eigentlich gar nicht zu Ende denken.
Er legte den Umschlag wieder zurück in die Truhe und nahm einen langen Schluck aus seinem Martiniglas. Es war nicht sein erstes heute, musste er zugeben, und so, wie es aussah, würde es auch nicht sein letztes bleiben. An Schlaf war sowieso nicht mehr zu denken.
Seit die ersten Sonnenstrahlen die dünnen Zeltwände penetriert hatten, war er wach. Er hatte versucht, wieder einzuschlafen, doch seine Gedanken ließen dies nicht zu. Er hatte einen langen Spaziergang gemacht, doch es gelang ihm nicht, die vielen Dinge, die ihm durch den Kopf schwirrten, zu ordnen. Als er zurück in den Sumpf gekommen war, war Frank Burns schon aufgestanden. Vermutlich saß er gerade beim Frühstück oder versuchte mal wieder Soldaten mit seiner medizinischen Versorgung um die Ecke zu bringen. Die armen Tölpel dachten wohl, die Front wäre das Gefährlichste in Korea.
Dieser Gedanke hatte ihm schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr Hawkeye im Camp fehlte - der hätte diesen Kommentar, hätte er ihn geäußert, bestimmt mit dem ihm typischen ansteckenden Lachen quittiert.
Trapper rieb sich die brennenden Augen und nahm noch einen Schluck Gin. Wie gerne er einfach schlafen würde. Aber das würde wohl eine Wunschvorstellung bleiben, solange Hawkeye an der Front war. Nicht nur, weil es ihnen nun an einem Chirurgen mangelte, sondern auch, weil er sich Sorgen machte.
Es war schwierig, sich einen Ort vorzustellen, der grauenhafter war als dieses Camp und doch musste er sich eingestehen, dass es direkt im Kampfgebiet wohl um einiges schlimmer sein musste. Oft genug hatte er die nackte Panik in den Augen der Soldaten gesehen, die er mühevoll zusammengeflickt hatte, nur, damit ihnen dann gesagt wurde, dass sie wieder zurück an die Front müssten. Das war etwas, das man nicht so leicht vergessen konnte. Vermutlich würde er es nie schaffen.
Und er kam nicht umhin sich zu fragen, ob Hawkeye es warm hatte. Bequem. Sauber. Sicher. Hatte er Angst? Und wenn ja, zeigte er diese offen oder überspielte er sie mit dummen Witzen?
Es fühlte sich immer noch unwirklich an, dass er dort war. Sie hatten so viel Zeit miteinander verbracht, dass ihm sein Fehlen fast körperlich schmerzte. Oder vielleicht kam auch einfach nur sein Magengeschwür wieder zurück.
Trapper nahm den Umschlag wieder in die Hand. Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Gespräch, als Hawkeye diesen Brief das erste Mal ihm gegenüber erwähnt hatte.
"Versprich mir, dass du dich mit anderen Ärzten triffst, während ich weg bin."
Trapper verzog beim Gedanken daran die Lippen zu einem schiefen Grinsen. Als ob! Als ob auch nur die leiseste Chance bestehen könnte, dass er jemanden treffen würde, der ihn vom ersten Moment an so faszinieren - und zum Lachen bringen - würde wie er. Vor allem nicht unter den hiesigen Ärzten.
Die Gefühle, die er gegenüber Hawkeye hegte, unterschieden sich fundamental gegenüber den Gefühlen, die er spürte, wenn er an Frank Burns dachte. Zumindest hatte er gegenüber Hawkeye noch nie Mordgedanken verspürt. Bei Frank sah die Sache eventuell ein wenig anders aus.
Niemals würde er den Ausdruck auf Hawkeyes Gesicht vergessen, als er ihm von diesem Brief erzählte, der sein Testament darstellte. Und Trapper hatte sich gefühlt, als hätte ihm jemand mit einem Bleigewicht in den Magen geboxt. Testament war eines der Wörter, dass er niemals aus Hawkeyes Mund hatte hören wollen.
Sie waren nicht gut darin, über ernste Dinge zu reden. Nicht einmal im OP schafften sie dies wirklich. Nur, wenn es ihnen möglich war, diese in flapsige Sprüche zu verpacken, dann klappte es. Was sie auch in diesem Gespräch kurz darauf getan hatten.
Er wusste gar nicht so genau, warum er wissen wollte, was Hawkeye geschrieben hatte. Würde es ihm irgendeinen Benefit bringen, eine Liste von Hawkeyes Habseligkeiten zu lesen und wie er diese verteilt haben wollte? Vermutlich nicht. Und doch...
Trapper zog die Lasche vorsichtig aus dem Umschlag und zog ein paar säuberlich gefaltete Seiten Papier heraus. Er leerte sein Glas und atmete tief durch. Dann entfaltete er die Seiten und begann zu lesen.
"Lieber Trapper,
ich habe lange überlegt, wie ich diesen - meinen ersten und meinen letzten - Brief an dich beginnen soll. Und ehrlich gesagt, weiß ich es immer noch nicht. Wenn du das hier liest, dann bedeutet es, dass ich dasselbe Schicksal erlitten habe wie der unglückselige Chirurg vor mir. Oder, dass mich Margaret mit ihrer Pistole erwischt hat. Zumindest würden mir ein, zwei Streiche einfallen, die wir ihr gespielt haben, die jedes Gericht davon überzeugen würden, dass es Notwehr gewesen sein muss."
Trapper musste gegen seinen Willen lachen, obwohl sich sein Magen bei jedem Wort schmerzhaft zusammenzog. Dieses verdammte Magengeschwür.
"An diesen Brief angehängt ist ein Brief für meinen Vater. Bitte sorge dafür, dass er ihn erhält. Vielleicht kannst du ihn auch einmal besuchen kommen, wenn du wieder in den Staaten bist. Es würde mir viel bedeuten, wenn ihr euch persönlich kennenlernen würdet. Ich habe ihm so viel von dir erzählt, dass es ihm schon vorkommt, als hätte er dich selbst großgezogen.
Zudem habe ich eine Liste verfasst, wie meine Habseligkeiten aufgeteilt werden sollen. Ich hoffe, du freust dich über die Distille. Es hängen schließlich viele Erinnerungen daran - es wären noch mehr, allerdings hat die Distille einen großen Anteil daran, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Nun gut, nicht nur die Distille hat daran schuld, sondern auch du.
Trapper, du warst einer der Guten.
Du warst einer derjenigen, der diesen ganzen Krieg für mich erträglich gemacht hat. Ohne dich wäre ich schon längst durchgedreht. Du bist mein bester Freund, Trapper, und allein dafür schulde ich dir alles. Und ich hasse den Gedanken daran, dass du nun dieses Höllenloch allein aushalten musst. Nicht nur, weil du jetzt der einzige Zeltkumpane von Frank bist. (Wenn du mein Testament studierst, wirst du feststellen, dass er alleiniger Erbe meiner dreckigen Socken geworden ist. Und bitte, wascht sie nicht, bevor ihr sie ihm aushändigt. Das ist ein Part des Deals.)
Ich trauere um die Erinnerungen, die wir nicht mehr bauen können. Es gab noch so viel, dass ich mit dir erleben wollte, dass ich mit dir teilen wollte. Nicht hier, sondern auch zuhause, in den Staaten."
Trapper schluckte schwer. Er wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen und konnte gar nicht sagen, wann er genau angefangen hatte, zu weinen. Er musste tief durchatmen, bevor er weiterlesen konnte.
"Ich wollte mit dir zusammen nach Crabapple Cove fahren. Den ganzen Tag fischen und zum Abendessen Burger und Rippchen essen bei Eddies Bar und Grill. Und danach im Garten meines Dads sitzen, den Grillen zuhören und ein Bier trinken. Und reden. Einfach nur reden.
Und dann fällt mir wieder ein, dass wohl auch dies niemals Realität geworden wäre - Front hin oder her.
Weil ich in Maine gesessen hätte und du in Massachusetts. Mit deiner Familie. Deiner Frau. Deinen Töchtern. Da, wo du auch sein solltest. Du solltest jede Minute mit deiner Familie verbringen und nicht mit einem ehemaligen Kollegen aus Korea.
Und trotzdem habe ich mir jedes Mal, wenn du mir einen Brief von zuhause vorgelesen hast, vorgestellt, wie es wäre, Becky und Kathy kennenzulernen. Ich bin immer noch der Meinung, dass wir uns hervorragend verstanden hätten."
Trapper lächelte. "Das glaube ich auch, Hawk. Das glaube ich auch.", murmelte er, bevor er sich wieder auf den Brief konzentrierte.
"Vielleicht ist es aber auch ganz gut so, wie es nun gekommen ist. So muss zumindest keiner von uns miterleben, wie unsere Freundschaft langsam versiegt und aus den Erlebnissen, die uns hier zusammengeschweißt und geprägt haben, billige Anekdoten bei Dinnerpartys werden. Und ich hoffe, du hältst mich in guter Erinnerung, Trap.
Denk an mich, immer, wenn du einen schlechten Martini trinkst. Und halte Frank, diesen Paragraphenpupser, für mich auf Trab. Bitte sei nicht zu traurig über das Geschehene und das, was nun nie Wirklichkeit werden kann.
Ich schätze, du und ich - das wäre zu viel Ärger gewesen. Für dich. Für mich. Für deine Familie. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich der Grund gewesen wäre, dafür, dass deine Töchter keine unbeschwerte Kindheit mehr haben würden. So gesehen haben wir so doch einen eleganten Ausweg gefunden. Das ist der einzige Gedanke, der mich tröstet. Und dich nun hoffentlich auch.
Du warst mir immer ein guter Freund - und mehr.
Du bist ein guter Mensch und ich wünsche dir nur das Beste. Ich kann dir nicht genug danken für all das, was wir gemeinsam geteilt haben. Du hast mir gezeigt, dass dieser Ort - diese Hölle auf Erden - auch schöne Seiten haben kann.
Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist das größte Kompliment, das ich geben kann: Du hast es erträglich gemacht. Bitte pass auf dich auf. Ich werde dich vermissen. Nein, besser: ich vermisse dich.
Ich hoffe, wir sehen uns irgendwie, irgendwo, wieder.
In Liebe,
Hawkeye."
Trapper wischte sich eine Träne von der Wange. sein Blick ruhte auf den eben gelesenen Worten und seine Gedanken liefen auf Hochtouren.
Er verspürte so viele unterschiedliche Emotionen, dass es ihm schwerfiel, diese zu benennen. Sein Herz ächzte vor Sehnsucht und Schmerz und er musste sich zusammenreißen, um nicht anzufangen, wie ein kleines Kind zu weinen.
Und er musste sich immer wieder sagen, dass das Schlimmste noch gar nicht eingetroffen war. Dies hier war ein Abschiedsbrief - aber niemand wusste, ob es wirklich einen Abschied gegeben hatte und geben würde.
Trapper atmete zittrig ein.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Erschrocken zuckte er zusammen, steckte den Brief hastig wieder zurück in den Umschlag und warf ihn zurück in die Truhe. Dann wischte er sich noch einmal über die Augen, um die letzten verirrten Tränen wegzuwischen.
„Herein!"
Die Tür ging auf und Radar stürzte herein. Sein Gesicht glühte.
„Sie sind auf dem Rückweg! Die Ablöse ist eingetroffen und sie kommen zurück!"
Trapper schoss auf. „Bist du sicher?"
Radar nickte mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Trapper schoss auf, kam auf ihn zu und drückte ihn fest an sich. Radar, völlig überfordert mit der Situation, blieb stocksteif stehen. Trapper bemerkte dies nicht. Zu sehr war er mit dem einzigen Gedanken in seinem Kopf beschäftigt.
Er kam zurück. Er war gesund – oder zumindest am Leben. Und er kam zurück. Zu ihm.
Trapper löste sich von Radar und erwiderte nun dessen Lächeln. „Das ruft nach einer Party!"
Radar blickte ihn verwirrt an. „Jetzt, Sir?"
„Nein, nicht jetzt – erst, wenn sie da sind. Wir schmeißen ihnen eine Willkommensparty, wie sie sie nicht erwarten würden. Mit Alkohol und Tänzerinnen und Kuchen und Musik!"
Radar rückte seine Mütze zurecht, die bei der stürmischen Umarmung verrutscht war und schien sich schnell mit der Idee anzufreunden. Man konnte schon fast sehen, wie es hinter seiner Stirn schon arbeitete.
„Ich kümmere mich um alles, Sir."
Trapper drückte seine Schulter. „Danke, Radar. Nur um den Alkohol kümmere ich mich selbst. Ich sitze sozusagen an der Quelle."
„Natürlich, Sir." Radar verließ, nach einem letzten zweifelnden Blick auf die Distelli, das Zelt.
Selbst, als Trapper wieder allein im Zelt war, konnte er das breite Lächeln, das auf seinem Gesicht wie festzementiert war, nicht abstellen.
Am Spätnachmittag hatte Trapper seine Arbeit für den Tag beendet.
Er hatte am Vormittag noch eine Wundrevision bei einem Patienten machen müssen, der beim Eintreffen ins Camp mit Granatsplittern übersäht gewesen war. Dieser hatte zwar die erste Operation den Umständen entsprechend gut überstanden, hatte aber postoperativ hohes Fieber und ein Delir entwickelt. Als sich dann auch noch die Bauchnaht entzündet hatte, war ihm nichts Anderes mehr übriggeblieben, als nochmals nachzusehen, ob er nicht etwas vergessen hatte. Bei der zweiten Operation hatte er dann noch zwei winzige Splitter gefunden, die sich tief in das Duodenum gebohrt hatten. Ein Fehler, der ihm sonst nie untergekommen wäre. Er machte seine momentane Gefühlslage dafür verantwortlich und versuchte, es sich nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, dass er seinem Patienten nur wegen seiner Nachlässigkeit noch eine Operation zugemutet hatte.
Nach der Operation hatte er ein mehr oder weniger genießbares Mittagessen zu sich genommen. Es wäre ein hervorragender Hackbraten gewesen – schade, dass es laut Koch Gulaschsuppe hätte sein sollen.
Radar hatte sich zu ihm gesellt – mit zwei Portionen des dickflüssigen, klumpigen Eintopfes, was Trappers Appetit nochmal mehr gezügelt hatte – und hatte ihn über die Partyvorbereitung informiert.
Die Party würde hier, im Messezelt, stattfinden und Radar hatte sogar ein paar Luftschlangen und Girlanden aufgetrieben. Der Koch würde ein kleines Büfett vorbereiten und mit etwas Glück waren ungefähr dreißig Prozent davon sogar genießbar. Father Mulcahy hatte seine Schallplattensammlung angeboten, so dass sie sogar Musik haben würden.
Nachdem noch die letzten Details geklärt waren – da man nicht genau wusste, wann die Drei im Camp eintrudeln würden, war die Logistik ein wenig schwieriger – hatte Trapper seine Visite auf Station gemacht. Diese hatte sich wie gewohnt länger hingezogen und so war er erst spät unter die Dusche gekommen.
Nur mit Shorts und seinem Bademantel bekleidet, schlenderte er nun zurück zum Sumpf, um sich für den heutigen Abend in Schale zu werfen. In Gedanken versunken bemerkte er das Stimmengewirr erst, als es kaum mehr zu überhören war. Er blieb stehen und wandte sich in die Richtung, aus der der Lärm kam.
„Over hill, over dale, we will hit the dusty trail. And those Caissons go rolling along. Up and down, in and out…"
Er kniff die Augen zusammen und sah schließlich einen Jeep, der ins Camp fuhr. Und dann erkannte er die drei Insassen, die darinsaßen und in überraschend lauter Lautstärke irgendein militärisches Lied sangen.
Trappers Herz schlug ihm auf einmal bis zum Hals.
Der Jeep blieb keine fünf Meter vor ihm stehen und niemand geringeres als Hawkeye lachte ihn vom Steuer aus an. Trapper konnte nichts anderes tun, als ihn mit offenen Mund anzustarren. Es fühlte sich unwirklich an, ihn auf einmal gesund und wohlbehalten wiederzusehen.
Inzwischen hatte sich eine kleine Menschentraube um den Jeep gebildet.
Margaret wurde von ihren Schwestern herzlich empfangen. Klinger, der inzwischen aus dem Jeep geklettert war, wurde von Radar umarmt, bevor er von den anderen mit Schulterklopfern und warmen Worten begrüßt wurde.
Und Hawkeye saß noch immer da und blickte Trapper an. Langsam stand er auf, sprang aus dem Jeep und kam direkt auf Trapper zu. Kurz vor ihm blieb er stehen und salutierte mit ernster Miene.
„Hey, Trap." Er ließ seine Hand sinken und lächelte beim Anblick des Bademantels. „Hast du dich nur für mich so chic gemacht?"
Trapper riss sich aus seiner Trance und grinste. Jedoch bemerkte er an seiner zitternden Lippe, dass er bald die Beherrschung über sich verlieren würde. Bevor dies passieren konnte, überwand er die kurze Distanz zwischen ihnen und zog Hawkeye in eine feste Umarmung, die ebenso fest erwidert wurde.
Er roch nach Schweiß, Dreck, Wundbrand und Rauch, aber er war wieder da.
Plötzlich wurde Hawkeye an der Schulter gefasst.
„Pierce, ich habe gehört, dass ihr da unten wirklich unglaubliche Arbeit geleistet habt." Colonel Blake stand hinter ihnen. „Ich möchte alles erfahren. Komm, ich habe einen wunderbaren Scotch aus Seoul zugeschickt bekommen – ein Freund von mir ist dort in den Alkoholhandel eingestiegen. Wir genehmigen uns ein Glas und du erzählst mir alles, du Teufelskerl!"
Hawkeye löste sich aus der Umarmung.
„Lass uns nachher reden.", raunte er Trapper zu, warf ihm noch einen entschuldigenden Blick zu und wandte sich zu Henry um, der ihn sofort in Beschlag nahm.
Trapper atmete tief durch. Die Menschenmenge begann sich zu zerstreuen und niemand achtete auf ihn. Radar, der Klinger gerade eine Hand mit dem wenigen Gepäck gab, warf ihm einen Blick zu. „Sir, starten wir mit der Party in einer Stunde?"
Trapper nickte. Radar lächelte und wandte sich ab. Trapper ließ seinen Blick über die anderen Anwesenden schweifen und beschloss, dass es wohl niemanden auffallen würde, wenn er verschwinden würde.
Er brauchte einen Moment Ruhe und er brauchte ihn jetzt. Und er wusste, wohin er dafür gehen musste. Der Sumpf fiel dafür flach. Auch alle anderen Orte hier wären voller aufgeregt schnatternder Menschen.
Also wandte er sich um und ging.
Seine Füße trugen ihn an den Zelten vorbei zu der kleinen Anhöhe, auf der der Hubschrauberlandeplatz eingerichtet war. Dort angekommen ließ er sich am Rande nieder und lehnte sich gegen einen Baum.
Er war unglaublich erleichtert, Hawkeye – und natürlich auch die anderen beiden – lebend wiederzusehen, doch in seinem Inneren herrschte ein solcher Aufruhr, dass er sich komplett überfordert fühlte. Er wusste gar nicht so recht, wie er sich genau fühlen sollte.
Er ließ den Kopf auf seine Knie sinken und atmete tief durch. Seine Lippe zitterte noch mehr. Und ehe er sich versah, weinte er. Er weinte, wie er seit seinen Kindertagen nicht mehr geweint hatte. Er spürte, wie der ganze Stress der letzten Tage von ihm abfiel und stattdessen Erleichterung und einer bleiernen Müdigkeit Platz machte.
Als er merkte, dass er sich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte, stand er langsam auf.
Ihm wurde auf einmal bewusst, dass er noch immer nichts anderes trug, als seinen Bademantel. Es fröstelte ihn plötzlich an seinen nackten Beinen.
Er zog den Stoff fester um sich und machte sich auf den Weg zurück zum Sumpf. Das Camp lag nun fast wie ausgestorben dar und er war erleichtert, als er feststellte, dass ihr Zelt verlassen war.
Er rollte sich auf seinem Feldbett zusammen, zog die Decke über den Kopf und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen.
„Trap? Trapper! Hey."
Trapper öffnete mühsam die Augen und war für einen Moment lang komplett desorientiert. Draußen war es dunkel und das Zelt war nur von einem schwachen Licht beleuchtet. Seine Augen brannten und fühlten sich geschwollen an und sein Mund war trocken.
Er setzte sich umständlich auf und blickte sich um. Hawkeye saß am Fussende des Bettes und sah ihn besorgt an.
„Wie viel Uhr ist es?"
Seine Stimme war rau und seine Kehle schmerzte. Er atmete durch und rieb sich dann schwerfällig den Schlaf aus den Augen.
„Kurz nach neun. Ich kam eigentlich nur vorbei, um zu fragen, warum du meine Willkommensparty verpasst, die du – wie ich von Radar erfahren habe – auch noch selbst angezettelt hast." Doch trotz der anklagenden Worte lächelte Hawkeye.
Trapper griff nach dem Glas auf seinem Nachttisch und nahm einen Schluck. Kaum spürte er die Flüssigkeit jedoch seine Kehle herunterrinnen, verzog er das Gesicht. Gin. Und noch dazu alter, abgestandener Gin. Er hätte es wissen müssen.
Zumindest war er nun etwas wacher.
„Ich hatte einfach einen stressigen Tag. Ich wollte mich nur kurz hinlegen und muss wohl meinen Wecker überhört haben." Er schwang die Beine über den Bettrand und vergrub den Kopf in seinen Händen. „Gib mir fünf Minuten, dann bin ich parat für deine Party."
„Okay." Hawkeye schwieg kurz. „Ich dachte schon, du würdest mir aus dem Weg gehen, weil es dir unangenehm ist, was du in meinem Testament gelesen hast."
Trapper riss ertappt den Kopf hoch und blickte ihn an. Nun schmerzte seine Kehle nicht nur, sondern war auch noch staubtrocken. Er war nur wenig erleichtert, als er bemerkte, dass Hawkeye noch immer lächelte.
„Ich – wie hast du es herausgefunden?" Er war zu erschöpft, um sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Zudem konnte er Hawkeye nicht anlügen. Das hatte er noch nie übers Herz gebracht.
Hawkeye nahm einen Schluck. „Zum einen lag der Brief nicht mehr dort, wo ich ihn zurückgelassen habe. Zum anderen hast du wohl vergessen, eine der Seiten wieder mit in den Umschlag zu stecken. Zumindest lag eine auf dem Boden. Da musste ich nur noch eins und eins zusammenzählen."
„Hawk, hör zu, ich hätte das nicht tun dürfen. Es war ein Fehler und es tut mir furchtbar leid. Ich-"
Hawkeye hob die Hand, um ihn zu unterbrechen.
„Es ist okay. Wirklich. Ich kann es verstehen. Mir wäre es wohl ähnlich gegangen. Du musst dich nicht entschuldigen." Er zögerte kurz. „Es tut mir nur leid, dass ich nie Manns genug gewesen bin, dir die Dinge, die im Brief standen, persönlich zu sagen."
Trappers Magen machte einen Satz. Er konnte seinen Ohren kaum trauen. Ein schiefes Lächeln trat auf seine Lippen. „Ich glaube, dann sind wir wohl schon zwei."
Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen. Trapper starrte auf seine ineinander verknoteten Hände. Hawkeye reichte ihm sein Glas, das dieser dankbar entgegennahm.
Der Alkohol brannte in seiner Kehle.
Er räusperte sich. „Ich will nur, dass du weißt, dass es nicht zu viel Ärger wäre."
Hawkeye blickte ihn fragend an. „Was meinst du?"
„Das, was du in dem Brief geschrieben hast. Es wäre nicht zu viel Ärger." Er versuche, so viel Bedeutung wie möglich in diese Worte zu legen.
„Du meinst-", begann Hawkeye, brach jedoch ab, als Trapper nickte. Sie lächelten sich einen Moment schweigend an.
Hawkeye lehnte sich zu ihm. Der Kuss dauerte nur einen Moment.
Trapper schmeckte den Gin auf seinen Lippen und hatte das Gefühl, dass all die unausgesprochenen Gefühle zwischen ihnen in dieser Berührung ihrer Lippen lag.
Als sie sich voneinander lösten, lächelte Hawkeye.
„Und jetzt sollten wir feiern gehen."
Trapper leerte das Glas in seinen Händen und nickte. „Lass uns deine Rückkehr feiern."
An der Tür drehte sich Hawkeye nochmals zu ihm um. Einen Moment lang schien er nach den richtigen Worten zu suchen.
„Danke, Trap. Für alles."
Trapper lächelte ihn an und für einen Moment lang war alles erträglich.
