Endlich hatte ich den Stau hinter mich gebracht. Ich war seit Stunden unterwegs, war davon um die drei im Stau gestanden und war einfach nur unsagbar müde. In ungefähr 20 Minuten würde ich endlich dort ankommen wo ich hin wollte. Beim Arbeitsplatz meiner Tante, die Chefin einer Polizeizentrale war.

Ich hatte sie lange nicht mehr gesehen und freute mich jetzt schon riesig darauf. Mein Leben war die letzten Monate aus dem Ruder gelaufen und ich brauchte nun einfach eine Auszeit. Das meine Tante einige hundert Kilometer weit weg wohnte kam mir da gerade ganz gelegen. Und ich hatte keinem gesagt wo ich hin fuhr, wahrscheinlich hatten sie noch nicht einmal gemerkt das ich weg war und wenn doch war es mir egal.

Ich hatte mein Handy ausgeschaltet und wollte die nächsten Tage keinen mehr von meinen angeblichen Freunden hören. Vor allem aber wollte ich endlich meine Ruhe von ihm.

Gerade als ich an ihn dachte, machten sich wieder die Schmerzen in der Hüfte bemerkbar. Deshalb sog ich scharf die Luft ein, die mir einmal mehr weg zu bleiben drohte. Aber ich blieb ruhig und kurz darauf ging es wieder. Mir tat wirklich jeder einzelne Knochen weh, aber bis jetzt war ich nicht zum Arzt gegangen und das würde ich auch nicht tun. Ich hatte es bis jetzt vor jedem verbergen können und ich hoffte es auch vor meiner Tante geheim halten zu können, die von meinem Kommen nichts wusste.

Der Kontakt war vor Jahren abgebrochen und ich hatte mich immer melden wollen, hatte mich aber nicht getraut. Nur war sie jetzt die Einzige, zu der ich konnte. Die Einzige, bei der ich in Sicherheit sein würde. Zumindest glaubte ich das und ich hoffte sie würde mich nicht wieder wegschicken. Ansonsten stand ich vor dem Nichts.

'Davor stehst du doch jetzt schon!', dachte ich bitter und unterdrückte die Tränen. Sie durfte keinen Verdacht schöpfen. Meine Tante sollte glauben, ich hätte den langen Weg nur auf mich genommen, um sie zu sehen. Und das stimmte ja, ich würde ihr nur ein paar Details verschweigen müssen. Und im Schweigen war ich inzwischen Profi.

"Sie haben Ihr Ziel erreicht.", teilte mir die vertraute Stimme meines Navis mit, als ich das Auto auf einem Parkplatz vor der Zentrale zum Stehen brachte. "Endlich.", sagte ich erleichtert und atmete erstmal tief durch. Das tat wieder ziemlich weh. Als es wieder ging, schaute ich mich einmal im Rückspiegel an. Die Wunden in meinem Gesicht waren nicht mehr so auffällig wie noch vor ein paar Tagen. Nur das blaue Auge war noch deutlich zu sehen, aber die Ausrede das ich mich gestoßen hatte, hatte mir bis jetzt jeder geglaubt.

Nur meine Mutter hatte es genau hinterfragt und zum Glück hatte ich die anderen Blessuren vor ihr verbergen können. Auch heute trug ich lange Kleidung und war somit viel zu warm angezogen, jedoch war es wirklich besser so. Ich stieg aus, schloss das Auto ab und sah mich um. Ich stand nun vor einem Gebäude auf dem groß 'Autobahnpolizei' stand. Ich war demnach wirklich richtig. Hier gewesen war ich noch nicht, aber dank Navigation fand man heutzutage ja überall hin.

Herausgefunden, wo meine Tante arbeitete, hatte ich mithilfe von Bekannten. Ein wenig aufgeregt war ich schon. Es würde die erste Begegnung seit Jahren mit ihr sein. Ob sie mich auf Anhieb erkennen würde? Ob sie überhaupt etwas mit mir zu tun haben wollte? Fragen über Fragen, die nur beantwortet werden konnten wenn ich da jetzt rein ging.

Vielleicht war sie heute auch nicht im Dienst, das war natürlich auch möglich. Ich lief auf den Eingang zu und ging in das Gebäude. Überall Leute, Polizisten, meine Kollegen aus einer anderen Stadt. Gerade als ich nach jemandem suchte, der mir weiterhelfen konnte, stürmten plötzlich zwei Männer auf mich zu.

Dem einen konnte ich nicht mehr ausweichen und wir stießen zusammen. Aber nur ich landete auf dem Boden, der Aufprall war hart und durch meine Verletzungen tat er nochmal um einiges mehr weh.

"Sorry!", rief mir der Mann zu und rannte einfach weiter. "Idiot!", rief ich hinterher. Er hatte mir nicht mal beim Aufstehen geholfen, weshalb ich ohne Hilfe wieder auf stand und versuchte die Schmerzen zu ignorieren. Das Gesicht des Typen hatte ich allerdings noch sehen können, wenn auch nur flüchtig.

Plötzlich stand eine junge Frau neben mir. Sie war sichtlich älter als ich, aber sicherlich nicht großartig. Vielleicht vier oder fünf Jahre. Das Alter von Personen konnte ich gut schätzen, genau wie ich den Charakter erahnen konnte. Das gewöhnte man sich als Polizistin so an. "Ist Ihnen was passiert?", fragte sie mich. "Nein.", antwortete ich und das stimmte auch. Mir tat alles jetzt nur ein bisschen mehr weh, aber noch mehr angetan hatte ich mir durch den Sturz offenbar nicht. "Die Jungs sind manchmal etwas stürmisch, wenn ein Einsatz rein kommt.", erklärte sie mir. "Kann ich ihnen vielleicht weiterhelfen? Wollen Sie eine Aussage machen oder etwas dergleichen?", wollte sie nun von mir wissen. Sie war eine Kollegin, ganz klar.

"Deshalb bin ich nicht hier.", erwiderte ich. "Aber weiterhelfen könnten sie mir vielleicht schon. Ich bin auf der Suche nach Kim Krüger, sie soll hier arbeiten, hab ich gehört." Die Frau nickte. "Ja, sie ist meine Chefin.", bestätigte sie, dass sie wusste wen ich meinte. "Das trifft sich gut. Könnten sie mich vielleicht zu ihr bringen?", fragte ich. "Natürlich, kommen sie mit.", forderte die Beamtin mich auf und lief voraus. Ich folgte ihr.

"Wo ist denn die Chefin?", fragte sie einen ältere Kollegen. "Telefonkonferenz.", antwortete dieser. "Das wird noch dauern fürchte ich.", fügte er hinzu. "Das ist nicht schlimm.", sagte ich. "Ich kann draußen warten, wenn.." Die junge Beamtin fiel mir ins Wort. "Oder sie bleiben einfach hier, setzen sich, erholen sich von dem Sturz gerade und trinken in Ruhe einen Kaffee." Dieser Vorschlag gefiel mir sofort um einiges besser.

"Sehr gern.", stimmte ich zu. "Was'n für'n Sturz?", wollte ihr Kollege wissen. "Ben hat sie gerade über den Haufen gerannt.", antwortete die Frau und ging. Wahrscheinlich um den Kaffee zu holen. "Jungspunde.", seufzte der Ältere und widmete sich wieder seinem Papierkram. "So sehr ich meinen Job liebe.. Dieser Papierkrieg müsste echt nicht sein!", beschwerte er sich. "Dem kann ich nur zustimmen.", meinte ich darauf und er sah mich fragend an.

"Ist es in ihrem Job auch so schlimm?", wollte er nun wissen."Ich hab den gleichen Job wie sie, demnach ja.", antwortete ich. Der Mann wirkte überrascht. "Sie sind eine Kollegin?", fragte er und ich nickte. "Interessant. Sie sehen eigentlich viel zu zierlich aus, um Polizistin zu sein.", meinte er. "Das höre ich öfter.", gab ich zu. "Aber gut, das erklärt jetzt wenigstens das Veilchen." Er deutete auch sein Gesicht, in der Nähe des linken Auges. Genau da hin, wo sich bei mir die blauen Flecken befanden.

"Wohl einen unschönen Einsatz gehabt, was?" Das traf nicht ganz zu, aber trotzdem bestätigte ich das. "Ziemlich unschön, ja." Er widmete sich wieder dem Papierkram und kurz darauf kehrte die junge Frau mit zwei Tassen Kaffee zurück. "Hier, bitte." Sie reichte mir eine Tasse. Sie setzte sich ebenfalls hin. "Jetzt erzählen sie mal, wie wir ihnen helfen können. Sie sehen aus, als hätten sie eine Auseinandersetzung hinter sich." Die Beamtin dachte offenbar immer noch, ich wäre hier um irgendwas zu melden. Aber ihr Kollege klärte sie mithilfe der falschen Tatsachen auf.

"Sie ist eine Kollegin, Jenny. Daher das Veilchen." Auch Jenny, wie die Frau anscheinend hieß, blickte mich erstaunt an. "Wirklich?" Erneut nickte ich. "Puh, das wurde aber auch Zeit das jemand neues kommt! Die Chefin hat ja ewig nach neuen Leuten gesucht!"

Mir war sofort klar, was sie glauben musste. Allerdings lag sie erneut falsch. "Nein, nein, ich bin nicht hier um zu arbeiten.", sagte ich gleich. "Aber sie wollten doch zur Chefin.", antwortete sie verwirrt. "Aus privaten Gründen.", erwiderte ich lächelnd. "Oh.. okay. Dann hab ich mich wohl geirrt, schade.", meinte Jenny und wirkte ein wenig geknickt. "Ich bin sicher, dass noch jemand gefunden wird.", sagte ich zuversichtlich und nahm einen Schluck von meinem Kaffee. "Chefin kommt.", meinte Jenny auf einmal und blickte hinüber zu einer Frau. Ich erkannte sie sofort, sie war es tatsächlich.

"Frau Krüger, sie haben Besuch.", teilte Jenny ihr mit und ich stand auf, um ihr entgegen zu laufen. Sie schien zu überlegen, war sich anscheinend noch nicht so wirklich sicher ob sie mich kannte. "Ich glaub's nicht!", flüsterte sie. "Hallo, Tante Kim.", sagte ich mein Herz klopfte bis zum Hals. Meine Tante blickte mich für ein paar Augenblicke einfach nur ungläubig an, was meine Aufregung nur noch verstärkte. "Erkennst du mich?", fragte ich vorsichtig. Meine Tante hatte Tränen in den Augen. "Was für eine Frage!", sagte sie und schloss mich daraufhin in ihre Arme.

"Meine kleine Liv!" Sie hatte mich wirklich erkannt und auch ich kämpfte mit den Tränen. Wir hatten uns vor ungefähr 10 Jahren das letzte Mal gesehen. Schon damals war sie immer ein Vorbild für mich gewesen und ich hatte sie so sehr vermisst.

"Du hast mir so gefehlt!", gab ich zu. "Und du mir erst!", antwortete meine Tante. "Aber was machst du denn hier?", fragte sie, nachdem wir uns wieder voneinander gelöst hatten. "Lange Geschichte.", erwiderte ich. "Dann lass uns in mein Büro gehen und du erzählst mir alles.", schlug sie vor und ich willigte ein. Die ganze Wahrheit würde ich ihr nicht sagen, aber wenigstens einzelne Dinge.

Die zwei anderen Beamten waren sichtlich überrascht, sagten aber nichts zu uns. Ich folgte Kim in ihr Büro, meinen Kaffee hatte ich mitgenommen. "Lass dich anschauen." Meine Tante stand vor mir und hob leicht mein Kinn an. "Groß bist du geworden.", stellte sie fest. "Und unbeschreiblich hübsch.", fügte sie hinzu und strich mir über die Wange. Aber plötzlich verschwand ihr Lächeln. Sie musste die blauen Flecken entdeckt haben und so war es schließlich auch. "Woher hast du das?", verlangte sie zu wissen.

"Eine kleine Auseinandersetzung.", erklärte ich ihr wir geplant. "Auseinandersetzung?", fragte sie skeptisch. "Ja.", bestätigte ich. "Ich bin Polizistin, genau wie du.", erklärte ich ihr. "Das hast du mir damals schon immer prophezeit.", erinnerte Kim sich nun und schien mir das wirklich zu glauben. "Setz dich doch.", bat sie mich.

Ich setzte mich auf einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch, sie setzte sich auf die andere Seite. Wir hatten uns wahnsinnig viel zu erzählen und ich spürte einfach das es die beste Lösung gewesen war hierher zu kommen.