Mrs William Collins, Charlotte für ihren Gatten und ihre Freunde, war eine pflichtbewusste Ehefrau. Sie war diese Verbindung eingegangen, der finanziellen Sicherheit und des gesellschaftlichen Status Willen, den diese Ehe mit sich brachte und so war sie stets bestrebt, das ihre dazu beizutragen, Ansehen und Fortkommen ihres Gatten in der Welt zu fördern. Auch wenn dies häufigere und ausgedehntere Besuchte in Rosings Park mit sich brachte, als einem Menschen von einigermaßen Verstand und Bildung zuzumuten war. Nur in einem einzigen Punkt musste sie sich Versagen vorwerfen lassen. Bis heute war sie nicht in der Lage gewesen, Mr Collins einen Erben oder wenigstens eine Tochter zu schenken. Einmal, ungefähr ein Jahr nach ihrer Eheschließung, war sie guter Hoffnung gewesen, doch dieses Kind hatte sie verloren. Danach hatte sie nie wieder empfangen. Ihre zunehmende Lebenserfahrung und das Wissen, das die Frau eines Gemeindepfarrers sich unweigerlich aneignete, hatten sie zu der Überzeugung gebracht, dass die Ursache hierfür wohl weniger bei ihr selbst als bei den seltenen und schlecht terminierten Besuchen ihres Gatten in ihrem Schlafzimmer zu finden sei. Doch sie musste sich eingestehen, es auch nicht über sich zu bringen, ihn zu mehr zu ermutigen. Und so hatte sie sich mit ihrem Schicksal arrangiert. Selbstverständlich sparte die wohledle Gönnerin ihres Gatten, Lady Catherine de Bourgh, nicht mit Ratschlägen, wie Charlotte dem Pfarrhaus reichen Kindersegen bescheren könne. Doch hatte sie keine Veranlassung, Lady Catherine Expertise auf diesem Gebiet zuzuschreiben und ignorierte alle Anweisungen. Und da ihre Gnaden nicht umhinkam festzustellen, dass die Kinderlosigkeit des Paares auch ein Segen sei, da Mrs Collins so mehr Zeit habe, ihr und ihrer Tochter nach dem rücksichtslosen Weggang von Mrs Jenkins Gesellschaft zu leisten, war auch Mr Collins mit seinem Los hinreichend versöhnt.

Und so lebte Charlotte das ruhige und angesehene Leben der Gattin eines Geistlichen. Abwechslung und Freude brachten ihr vor allem die verschiedenen Besucher in Rosings Park. Wenn sie großes Glück hatte, erhielt Lady Cathrine Besuch von ihrem Neffen Mr Darcy und dessen Frau Elizabeth, die Charlotts engste Freundin war. In diesen Wochen fühlte Charlotte sich so jung und lebendig, wie sie es seit ihrer Brautzeit nicht mehr gewesen war. Doch diese Besuche wurden mit der wachsenden Kinderschar der Darcys immer seltener. Häufiger noch kam ein anderer Neffe Lady Catherines, Colonel Fitzwilliam, zu Besuch. Auch wenn dieser die Anwesenheit einer lieben Freundin nicht ersetzen konnte, fand sie doch seine Gesellschaft angenehm und seine Unterhaltung amüsant und anregend. Schon in ihrem ersten Jahr in Hunsford hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, das Pfarrhaus regelmäßig aufzusuchen. Damals hatte Charlotte dies einer Vorliebe für ihre Freundin Elizabeth zugeschrieben, doch zu ihrer großen Freude behielt der Colonel diese Gewohnheit auch in Lizzys Abwesenheit bei.

Bei einem dieser Besuche des Colonels in Rosings Park begab es sich, dass Mr Collins ganz außer sich von einem Besuch bei Lady Catherine zurückkehrte.

„Großartige Neuigkeiten, meine Liebe", verkündete er schon auf der Schwelle des Pfarrhauses.

„Was denn, mein Lieber?"

„Soeben hat Lady Catherine mir die Ehre erwiesen, mich darüber zu informieren, dass ihre Tochter, Miss de Bourgh, beabsichtigt, den Bund der Ehe einzugehen."

„Wie wundervoll."

Lange Zeit war wohl alle Welt davon ausgegangen, dass Miss Anne de Bourgh eines Tages Mr Darcy ehelichen würde, auch wenn sich beide Parteien stets mit größter Gleichgültigkeit begegnet werden. Nach Mr Darcys Eheschließung mit Charlottes Freundin Elizabeth Bennet hatte es lange so ausgesehen, als ob Miss de Bourgh von jeglicher Verbindung absehen würde. Da sie sich nie in Gesellschaft begab, war die Zahl der in Frage kommenden Bewerber sehr begrenzt und als Erbin von Rosings war sie finanziell unabhängig. Charlotte vermutete sogleich, dass nur ein Kandidat in Frage käme und dass die Verbindung auf das Treiben der Mutter ihrerseits, welche unbedingt einen Erben für Rosings wollte, sowie einen Mangel an Alternativen seinerseits zurückzuführen wäre.

„Ich nehme an, Colonel Fitzwilliam ist der Auserwählte?", erkundigte sie sich.

„In der Tat, meine liebe Charlotte, in der Tat. Lady Catherine hat mich heute Vormittag eigens zu sich gerufen, um mich über dieses außerordentlich erfreuliche Ereignis zu unterrichten und darüber hinaus hat sie mich gebeten, die Trauung vorzunehmen. Welche Auszeichnung, meine liebe Charlotte, welche Auszeichnung. Ich werde mich gleich daran machen, eine Predigt zu verfassen, die dem Ereignis und dem hohen Stand des Paares gebührend Rechnung trägt."

Mit diesen Worten flog Mr Collins geradezu in sein Arbeitszimmer. Charlotte war sich sicher, dass bis zur Hochzeit diese Predigt das alles bestimmende Thema im Pfarrhaus sein würde. Sie selbst kam nicht umhin, bei der Aussicht auf die geplante Trauung gemischte Gefühle zu empfinden. Sie freute sich für ihren Mann, dass ihm diese Ehre zuteil wurde. Auch wenn sie sich im Stillen durchaus die Frage gestatte, wen Lady Catherine denn sonst hätte bitten sollen, war er schließlich der einzige Geistliche in Hunsford und Miss de Bourgh nicht bereit, auch nur eine Meile mehr zu reisen als unbedingt notwendig. Sie freute sich auf das Fest und die Aussicht, bei dieser Gelegenheit bestimmt ihre Freundin Lizzy wieder zu sehen. Um Colonel Fitzwilliams Willen empfand sie jedoch gewisses Bedauern. Sie schätzte ihn sehr und hatte größtes Verständnis für seine Entscheidung, unterschieden sich doch seine Motive vermutlich nicht wesentlich von den ihren, doch war er so ein lebhafter und freundlicher Mann. Sie konnte sich kaum eine Frau vorstellen, die von Temperament und Geist weniger zu ihm passte als Miss de Bourgh.

Die Trauung kam und mit ihr fast alles genauso wie Charlotte es vorausgesehen hatte. Die Aufgabe eine angemessene Predigt für dieses herausragende Ereignis zur verfassen, hatte ihren Gatten fast an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Dafür war das Ergebnis seiner Bemühungen eine selbst für ihn außergewöhnliche Mischung von salbungsvollen Worten, geistlosen Plattitüden und unterwürfigen Schmeicheleien. Charlotte sah, wie die Augen ihrer Freundin Lizzy übermütig blitzten, offensichtlich hatte sie einen Spaß wie schon lange nicht mehr, während das Gesicht Mr Darcys so unbewegt blieb, wie es nur bei einem Menschen möglich war, der um äußerste Selbstbeherrschung kämpfte oder tot war. Dem Brautpaar schien jedoch weder Form noch Inhalt der Predigt etwas zu bedeuten. Charlotte glaubte, noch nie ein Paar gesehen zu haben, das seine Trauversprechen gleichgültiger gegeben hatte.

Wenigstens war das Fest angemessen. Lady Catherine hatte an nichts gespart und so hatte Charlotte Rosings nie prachtvoller erlebt als an jenem Abend. Mr Collins schwelgte noch für Jahre bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den hier erlebten kulinarischen Genüssen, der geschmackvollen Unterhaltung und der Wertschätzung, die ihm durch seine Gönnerin zuteil geworden war. Charlotte hingegen genoss die Gesellschaft ihrer Freundin Lizzy, deren gewohnt spitze Zunge manches Pompöse und Lächerliche an dieser Feier mit freundlicher Boshaftigkeit aus Korn nahm.

Doch bald war das Fest Vergangenheit und mit dem nun folgenden Sommer kehrte der Alltag wieder in Hunsford und Rosings ein. Der einzige Unterschied war, dass Colonel Fitzwilliam, durch die Ehe mit Anne zum Herrn von Rosings Park geworden, jetzt ständig im Herrenhaus Quartier bezogen hatte. Eine Änderung, die Charlotte sehr zu schätzen wusste. Waren in der Anwesenheit des Colonels nicht nur die Besuche in Rosings deutlich angenehmer und lebhafter, hatte er es sich außerdem zur Gewohnheit gemacht, ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen und Charlotte bemerkte, dass es auch sie immer häufiger ins Freie zog und so schien es kaum vermeidbar, dass sie einander immer wieder begegneten, dabei ein freundliches Wort wechselten oder auch das ein oder andere Stück gemeinsam gingen.

Im Herbst, ungefähr ein halbes Jahr nach der Eheschließung, hörte man Erfreuliches aus Rosings. Colonel Fitzwilliam war offensichtlich seiner Pflicht nachgekommen, im Frühjahr sollte Rosings den erhofften Erben erhalten. In Hunsford und Umgebung wurde diese Neuigkeit mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die meisten mochten den Colonel und mochten seine Frau zumindest nicht nicht, weshalb sie sich für das Paar freuten. Gleichzeitig war jedoch der fragile Gesundheitszustand von Mrs Fitzwilliam allgemein bekannt und so wurde auch immer wieder Sorge um die werdende Mutter geäußert. Charlotte teilte diese Gefühle. Bei ihren Besuchen in Rosings sah sie das Leuchten in den Augen des Colonels, wann immer von dem Kind die Rede war. Seine Gattin jedoch schien noch lethargischer als sonst. Und tatsächlich, kurz vor Weihnachten verlor Anne Fitzwilliam ihr ungeborenes Kind. Charlotte war anwesend, war sie doch als eine Dame von hinreichend Stand und Erziehung gerufen worden, der Mutter in diesen schweren Stunden den Beistand zu leisten, den Lady Catherine zu geben sich nicht in der Lage sah. Charlotte war es auch, die dem Colonel die bittere Nachricht überbrachte und ihm in diesem dunkeln Moment Trost spendete, während ihr Gatte sich Lady Catherine und deren Tochter widmete. Bald schon erfuhr Charlotte, dass dieses Kind Mrs Fitzwilliams einzige Chance auf Mutterschaft gewesen war. War sie vorher schon kränklich gewesen, hatte der Abort sie noch weiter geschwächt und der extra aus London herbeigerufene Arzt verbot jedwede weiter Schwangerschaft, da diese unweigerlich zum Tod von Mutter und Kind führen würde.

Es war ein dunkler Winter in Rosings. Charlotte tat es weh zu sehen, wie Colonel Fitzwilliam von Lady Catherine mit zunehmender Kühle behandelt wurde. Offensichtlich bedauerte ihre Ladyschaft es, sich einen nun unnützen Schwiegersohn ins Haus geholt zu haben, während ihre Tochter sich vollkommen in sich selbst zurückgezogen hatte und weder für Fitzwilliam noch Charlotte zu erreichen war. Unter diesen Umständen hätte Charlotte es für mehr als verständlich gehalten, hätte er die Flucht ergriffen, doch er harrte pflichtbewusst bei seiner Frau aus.

Im Frühjahr nahm sie ihre Spaziergänge wieder auf und war nicht überrascht, auch den Colonel wieder draußen anzutreffen. Anfangs gingen sie oft nur schweigend nebeneinander her, doch mit der Zeit entwickelte sich ein neues Vertrauen zwischen ihnen beiden und sie führten Gespräche, die von einer Tiefe und einem gegenseitigem Verständnis geprägt waren, das sogar Charlotts Gespräche mit ihrer Freundin Lizzy übertraf. Und noch etwas änderte sich. Immer häufiger suchten beide körperlichen Kontakt zueinander. Wie zufällig streifte er ihren Arm, wie zufällig berührte ihre Hand die seine und wenn er ihr über ein Stück unwegsamen Pfades half, hielt er sie vielleicht einen Moment länger, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Charlotte wusste, dass das Kribbeln und die Wärme, die sie dabei empfand, alles andere als schicklich für eine verheiratete Frau waren, doch sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass ja niemals etwas wirklich Unschickliches zwischen ihnen beiden geschah und so setze sie ihre Spaziergänge mit dem Colonel gerne fort und die beiden dehnten sie sogar noch aus.

An einem besonders warmen Tag Ende Mai waren die beiden so sehr ins Gespräch vertieft gewesen, dass ihnen die schwarzen Wolkenberge, die sich schon einige Zeit über ihnen aufgetürmt hatten, erst bemerkten, als die ersten dicken Tropfen auf sie niederfielen. Da konnten sie sich noch so sehr beeilen, bis sie das Pfarrhaus als ersten sichern Hafen erreicht hatten, waren sie vollkommen durchnässt. Sie hatten auf ein warmes Feuer, trockene Kleidung und stärkenden Tee gehofft, doch im Pfarrhaus wurden sie von Kühle und Schweigen empfangen. Natürlich, es war Dienstag, Mr Collins machte Lady Catherine seine Aufwartung. Ihre Leute hatte sie zum Markt geschickt, Ersatz für das Geflügel zu besorgen, welches der Fuchs letzte Woche gerissen hatte. Keiner von ihnen würde wiederkommen, bis sich das Wetter nicht wieder beruhigt hatte und gerade sah es danach aus, als ob sich der Regen zu einem veritablen Unwetter ausweiten würde.

„Würden Sie so freundlich sein wollen und ein Feuer im Kamin entfachen, Colonel", bat Charlotte. „Ich suche Ihnen derweil trockene Kleidung von meinem Mann heraus und lege sie im Gästezimmer bereit. So durchnässt wie Sie sind, holen Sie sich sonst den Tod."

Als Charlotte das Wohnzimmer wieder betrat, brannte in der Tat ein kräftiges Feuer im Kamin. Colonel Fitzwilliam stand davor und wärmte sich die Hände.

„Colonel." Charlotte stockte der Atem, als Fitzwilliam sich zu ihr umdrehte. Er hatte Jacke, Weste und Halsbinde abgelegt und zum Trocknen vor den Kamin gehängt und stand nun nur in Hemd und Hose vor ihr. Das nasse Hemd tat nicht mehr viel, um einen Oberkörper zu verstecken, der so ganz anders gebaut war als der ihres Mannes. Sie kam nicht umhin festzustellen, dass ihr gefiel, was sie sah. Aber was Charlotte vor allem in ihren Bann zog, war der Blick, mit dem der Colonel sie bedachte. Die Andeutung eines solchen Blickes hatte sie manchmal gesehen, wenn Mr Darcy ihre Freundin Elizabeth beobachtete und sich dabei sich dabei selbst unbeobachtet wähnte. Niemals hatte bisher auch nur der Ansatz eines solchen Blickes ihr selbst gegolten. Die kleine wärmende Flamme, die sie bisher in ihrem Bauch gespürt hatte, loderte heftig auf. Sie schlug die Augen nieder. In der Eile, passende Kleidung zum Wechseln für den Colonel herauszusuchen, hatte sie selbst ihre Kleidung noch nicht gewechselt und so klebte ihr Kleid nun auf äußerst unschickliche Weise an ihr, offenbarte ihren Körper auf eine Weise, wie ihn wohl selbst Mr Collins noch nie gesehen hatte. Sei sah wieder auf. Colonel Fitzwilliam war näher an sie herangetreten, sein Blick nahm sie einmal mehr gefangen. Aus der Flamme wurde brennendes Feuer.

„Meine Liebe…" Es war Frage und leidenschaftliche Erklärung.

„Ja", entgegnete sie nur und ihr war klar, dass sie sich mit dieser Antwort an ihn verschenkte. Sie tat es vollkommen und mit Freuden. Die Lippen des Colonels berührten die ihren und sie erkannte, dass das, was sie gerade eben noch für brennendes Feuer gehalten hatte, nichts war gegen das, was nun folgte und begleitete von den gewaltigen Donnerschlägen eines stürmischen Frühlingsgewitters gab Charlotte Collins sich Gefühlen und Erlebnissen hin, von denen sie bis zu diesem Zeitpunkt zwar hinter vorgehaltener Hand gehört, an deren Existenz sie aber nie wahrhaftig geglaubt hatte.

Als Mr Collins etliche Stunden später heimkehrte, fand er seine Gattin und den Herrn von Rosings Park bei einer Tasse Tee vor dem Kamin. Er war entzückt, dass sein bescheidenes Heim dem edlen Herren hatte Obdach gewähren können und konnte es gar nicht fassen, dass der armseligen Garderobe eines schlichten Geistlichen die Ehre zuteil geworden war, den edlen Körper des Gentleman wenn auch nur für kurze Zeit zu kleiden und diesen damit vor der sichern Lungenentzündung bewahrt zu haben.

Die folgenden Tage waren eine Qual für Charlotte. Sie wusste, dass sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Gatten haben sollte, doch da war nichts. Dafür jedoch hatte sie die größten Befürchtungen, durch ihr Verhalten die Achtung des Colonels verloren zu haben. Außerdem verlangte ihr Körper nach einer Wiederholung der Erfahrungen dieses Nachmittags. In ihrer Verzweiflung hatte Charlotte sogar ihren Gatten in dessen Schlafzimmer aufgesucht, doch wie zu erwarten, war von dieser Seite keine Kur zu erhoffen. Immerhin war die Begegnung nicht ganz so unangenehm wie bisher, da sie dabei, als sie die Augen schloss, anstatt an England diesmal an den Colonel dachte. Mr Collins äußerte sich jedenfalls hochgradig verblüfft sowohl über die unerwartete Zuwendung seiner Gattin als auch über deren ungewohnte Glitschigkeit und äußerte die Sorge, dass sie doch wohl nicht, nun ja, einen dieser Tage, hätte.

In Bezug auf den Colonel hätte Charlotte sich keine Gedanken müssen. Schon bei ihrem ersten Spaziergang begegnete sie ihm wieder und die Begrüßung fiel so freudig und herzlich aus, wie es unter den Umständen gerade noch schicklich für eine Begegnung in der Öffentlichkeit war. Sie führten ihre Gewohnheit der gemeinsamen Spaziergänge weiter fort, doch nahmen sie sich sehr in Acht, sich nicht wieder zu nahe zu kommen, zu wenig konnten sie für ihr eigenes Verhalten garantieren und zu schrecklich wären die Konsequenzen, wenn man sie bei einer Indiskretion beobachtet hätte. Beide waren sich im Klaren darüber, dass sie an jenem selbstvergessenen Nachmittag ihre Existenzen aufs Leichtsinnigste aufs Spiel gesetzt hatten.

Als der Sommer kam, wurde Charlotte bei einem ihrer Besuche in Rosings unglaubliche Ehre zuteil. Der Gesundheitszustand von Mrs Fitzwilliam hatte sich weiter nicht verbessert und der Arzt hatte dringend zu einem Aufenthalt an der See geraten. Als vornehmstes unter den Seebädern kam selbstverständlich nur Brighton in Frage. Lady Catherine hätte ihre Tochter nur zu gerne begleitet, wie sie mit allem Nachdruck versicherte, doch zu ihrem unermesslichen Bedauern ließen ihre vielfältigen Verpflichtungen es unmöglich zu, dass sie Hunsford für länger Zeit verließ und so war Charlotte als Begleitung für Anne auserkoren worden.

„Und vielleicht tut die Seeluft ja auch etwas für Sie", hatte Lady Catherine abschätzig bemerkt. „Sie sollten noch nicht zu alt sein." Den Worten der Lady folgte ein so bedeutungsvoller Blick auf die Leibesmitte der Angesprochenen, dass es keinen Zweifel geben konnte, wofür Charlotte nach Meinung ihrer Gnaden noch nicht zu alt war.

Auf dem Weg zurück ins Pfarrhaus konnte Mr Collins gar nicht an sich halten vor lauter Glück über die Ehre, die seiner Gattin zuteil wurde. Nach Brighton zu reisen. Mit Mrs Fitzwilliam, der Erbin von Rosings Park. Mit derselben über Wochen, wenn nicht gar Monate unter einem Dach wohnen zu dürfen. Mr Collins war sich nicht sicher, ob überhaupt schon einmal einem Menschen solche Auszeichnung zuteil geworden war und er kostete sie mit der größten Freude und Ausdauer aus. Zwischenzeitlich versicherte er ihr, dass es ihm selbstverständlich schwer fallen würde, auf die Liebe und Fürsorge seiner Gattin zu verzichten, aber dieses Opfer wäre er seiner Patronin und deren Tochter mehr als schuldig und als Geistlicher stünde es ihm außerdem wohl an, sich in Verzicht zu üben, wenn er seinem Nächsten damit einen Dienst erweisen könne.

Charlottes Gefühle bei der Aussicht auf die Reise nach Brighton hatten rein gar nichts mit Verzicht zu tun. Sie hatte erfahren, dass der Colonel vorausreisen und ein angemessenes Haus für seine Gattin und ihre Begleitung anmieten würde und dass er außerdem, wann immer sich die Gelegenheit böte, den beiden in Brighton Gesellschaft leisten wolle. Da diese Absicht schwerlich auf der offensichtlich nicht-vorhandenen Zuneigung der beiden Eheleute beruhen konnte, kam Charlotte nicht umhin, sich zu fragen, ob der Colonel diese Zusicherung nicht um ihretwillen gemacht haben konnte und ob nicht überhaupt, die ganze Reise nach Brighton vom Colonel eingefädelt worden war, um ihr nahe zu sein. Natürlich schalt sie sich töricht bei diesem Gedanken, doch er reichte, um ihr nachts den Schlaf zu rauben.

Charlottes Erwartungen an Brighton wurden mehr als erfüllt. Die Stadt gefiel ihr weniger als der Strand und das Meer. Mrs Fitzwilliam zeigte wie zu erwarten wenig Interesse an ihrer Gesellschaft oder etwaigen Ausflügen und blieb meistens in dem großzügigen Haus, das der Colonel für sie angemietet hatte und in dem für Charlott ein gemütliches, wenn auch kleines Zimmer, in einem eher abgelegenen Winkel vorgesehen war. Der Colonel suchte die beiden Damen oft auf und wenn er dabei viel Zeit mit Charlotte verbrachte, wurde dies von seiner Gattin ignoriert, wenn nicht gar ermutigt. Sie selbst hatte zum ersten Mal in ihrem Leben einen Kreis an Damen um sich gezogen, der ganz ihren Neigungen entsprach und so verbrachten sie alle drei eine höchst angenehme und in jeder Hinsicht vollkommen befriedigende Zeit in Brighton.

Und auch Lady Catherine war bald sehr zufrieden, nicht nur war ihre Tochter deutlich rosiger und lebhafter aus Brighton zurückgekehrt, als sie es seit langem gewesen war, noch dazu in Begleitung einer wirklich reizenden jungen Dame als neue Gesellschafterin, auch die Vorhersage ihrer Ladyschaft in Bezug auf Mrs Collins hatte bewahrheitet, denn nur wenige Wochen nach der Rückkehr der Brighton-Reisenden konnte Mr Collins ihr untertänigst die bevorstehende Ankunft eines jungen Olivenzweiges mitteilen und dankte seiner Gönnerinnen überschwänglich für deren Weisheit und Großzügigkeit, seiner geliebte Gattin den so heilsamen und glückbringenden Aufenthalt in Brighton ermöglicht zu haben.

So wurde den Pfarrleuten im Frühjahr eine Tochter geschenkt und falls sich die Hebamme über Größe und Reifegrad des Kindes wunderte, das doch nach allgemeiner Rechnung eher nach acht als nach neun Monaten das Licht der Welt erblickte, ließ sie sich nichts anmerken.

Niemand hätte stolzer sein können als Mr Collins als er höchstselbst Catherine Elizabeth Collins mit der Taufe in den Schoß der Kirche aufnahm. Wenn auch seine Gattin sich nicht sicher war, ob der Stolz wahrhaftig dem empörten schreienden Säugling oder nicht vielmehr den beiden illustren Patinnen galt. Lady Cathrine hatte es sich selbstverständlich nicht nehmen lassen, für dieses Kind, für dessen Existenz sie sich nicht zu Unrecht hohen Verdienst anrechnete, die Patenschaft zu übernehmen, auch wenn sie sich das Amt mit ihrer immer noch wenig geliebten angeheirateten Nichte, Mrs Darcy, teilen musste.

Catherine blieb das einzige Kind im Pfarrhaus zu Hunsford, doch Mr Collins sah mit einiger Genugtuung, mit welcher Zuneigung das Mädchen in Rosings aufgenommen wurde. Allseits wurden ihr wacher Verstand, ihre fröhliche Lebhaftigkeit und ihr freundliches Wesen gepriesen. Insbesondere Colonel Fitzwilliam war Catherine außerordentlich zugetan und verbrachte viel Zeit mit dem Mädchen, aber auch Mrs Fitzwilliam schien Gefallen an dem Kind zu finden und meinte das ein oder andere Mal sogar, die Kleine würde sie an die glückliche Zeit in Brighton erinnern. Charlotte war dem engen Kontakt ihrer Tochter zu den Fitzwilliams zuerst skeptisch gegenüber gestanden, doch gegen das gemeinsame Bestreben von Gutsherren, Ehemann und Tochter konnte sie wenig ausrichten.

Als Catherine eine junge Dame von 14 Jahren war, trat ein Ereignis ein, von dem Mr Collins sich mehr als sein halbes Leben lang größte Mühe gegeben hatte, es nicht heimlich zu ersehen. Mr Bennet verstarb und Mr Collins konnte sein Erbe als Herr auf Longbourn antreten. Doch bevor die Familie Hunsford verlassen konnte, machte Colonel Fitzwilliam den Collins ein Angebot, dessen Ehre so hoch war, dass sogar Mr Collins über mehrere Minuten vollkommen sprachlos war. Der Colonel bot an, Catherine zu adoptieren und sie somit zur Erbin von Rosings Park zu machen. Er beteuerte, dass das Mädchen ihm und seiner kürzlich verstorbenen Frau so lieb geworden war, wie es ein Kind nur sein könne und dass es beider Wunsch gewesen sei, Rosings lieber in ihren Händen als in den Händen eines Fremden zu sehen. Und auch die verblichene Lady Catherine hätte ihr letztes Patenkind gewiss gerne an diesem Platz gesehen. Dies war ein Ansinnen von so ungeheurer Großzügigkeit, dass es von Seiten Mr Collins keinerlei Bedenkzeit bedurfte, darauf einzugehen, sprachen doch mehrere Gründe dafür. So war das Mädchen ihm vor allem durch ihre freundliche Aufnahme in Rosings teuer, zu ihrem Wesen hatte er immer wenig Zugang gefunden. Außerdem enthob es ihn der Verantwortung, für ihre Zukunft zu sorgen. Wie die Töchter des verstorbenen Mr Bennet war auch Catherine von der Erbfolge um Longbourn ausgeschlossen und durch das impertinent zähe Festhalten des alten Mr Bennet an dessen Leben waren Mr Collins wertvolle Jahre entgangen, in denen er nicht aus den Einkünften Longbourns für sie hatte Vorsorge treffen können. Welche Erleichterung, der Sorge um die Zukunft des Mädchens enthoben zu sein und wie bequem, ohne Rücksicht voll über die Einkünfte des Gutes verfügen zu können. Ja, je mehr er darüber nachdachte, desto leichter wurde ihm ums Herz und desto mehr schwoll seine Brust vor Stolz, ob der ungeheuren Ehre, die Colonel Fitzwilliam ihm und seiner Familie mit diesem Angebot angedeihen ließ. So gab er seine Zustimmung freudig und leicht. Und was seine liebe Charlotte anging, würde er bestimmt einen Weg finden, sie über den frühen Verlust der einzigen Tochter hinwegzutrösten. Ein Hündchen vielleicht?

Mrs William Collins war eine pflichtbewusste Mutter. Auch nach dem Aufstieg ihrer Tochter zur Erbin von Rosings Park ließ sie es sich nicht nehmen, so oft wie möglich ihren Platz als Herrin von Longbourn und damit erste unter den Damen von Meryton zu verlassen, um ihrer Tochter beizustehen. Hatte Colonel Fitzwilliam auch eine wundervolle Gouvernante für das Mädchen besorgt, bedufte eine Heranwachsende auch des Beistands und der Leitung ihrer Mutter. Und so bezog Charlotte immer wieder ein bescheidenes Zimmer in einem abgelegenen Winkel des Hauses und erlebte dort ein ums andere Mal so beglückende Momente wie in damals Brighton.