Kapitel 1: Gejagt durch die Nacht
„Achtung! Er ist hinter dir", rief ihr ihre Freundin und Kollegin zu. Doch hätte sie erst auf diese Warnung reagiert, währe sie jetzt tot.
Glücklicher Weise war dem nicht so. Sie war schon vorher herum gefahren und stellte sich ihrem Gegner mit einer ausgeklügelten Abwehr, bestehend aus mehreren Kampftechniken, entgegen. Nun lag er regungslos vor ihr auf dem Waldboden. Aber es war noch nicht an der Zeit aufzuatmen, denn irgendwo dort draußen waren noch andere, die im Schutz der Nacht lauerten, darauf warteten, dass sich die kleine Wandertruppe in Sicherheit wiegen und einen Fehler machen würde.
Leila Navratilová, Rahel Javobi und Jean Abbé waren diese Wanderer, die mitten in der Nacht, nur knapp unterhalb der Baumgrenze, noch unterwegs waren. Alle drei waren an für sich erfahrene Bergsteiger des Hochgebirges. Jeder von ihnen war schon an Überhängen geklettert und auch war es für alle nicht das erste Mal, dass sie sich nachts in den Bergen aufhielten und wanderten. Doch das was sie heute erlebten, war auch für sie außergewöhnlich und vor allem kräftezehrend, denn sie wurden verfolgt und das schon seit die Sonne untergegangen war. Dabei wollten sie eigentlich nichts anderes, als eine einfache Backpackingtour machen. Zwei den Wochen, in denen sie Urlaub hatten, wollten sie quer durch die Rohače zu Leilas Großvater wandern. Der weg war geplant. In zwei Tagen sollte es von Zuberec nach Podbanské gehen und in drei weitern Tagen bis zur Hütte in der Pandoramix lebte.
Er war zwar nicht Leilas richtiger Großvater, doch er hatte sie als Baby aufgenommen und aufgezogen, als wäre sie sein eigenes Kind gewesen. Leila selbst hatte viel von ihm gelernt, denn er gehörte zum Volk der Druiden. „Ein seltsames Völkchen voller höchst interessanter Persönlichkeiten", wie die junge Frau manchmal mit lieb gemeintem Spott in der Stimme sagte. So hatte sich Pandoramix auch den Namen „Großväterchen" oder „mein altes Väterchen" eingefangen, als er und Leila sich einmal über das Alter unterhalten hatten und sie bei der Gelegenheit erfuhr, dass ihr bis dato genanter „Ramix" wesentlich älter war, als er für das Mädchen von damals ohnehin schon zu sein schien. Mittlerweile wusste sie jedoch, dass dieser mit 1511 Jahren zu den Ältesten seines Volkes gehörte. Die jüngeren Generationen wurden nicht mehr so alt, da aus unerklärlich en Gründen nur wenige Weibliche Druiden geboren wurden. Die meisten der Mädchen wurden Priesterinnen, wenn eine solche Stelle unbesetzt war und neu besetzt werden musste. Daher war man irgendwann mit Menschen Verbindungen eingegangen. Diese hatte zwar einen rapiden Abfall der Lebenserwartung auf maximal 900 Jahren zur Folge, aber nur so konnte man für den Fortbestand des Volkes sorgen.
Leila, selbst erst 20, war meistens traurig gestimmt, wenn sie daran dachte, dass er wohl eher sterben würde, als sie, denn durch Pandoramix kannte sie natürlich auch andere Druiden, die Älter gewesen waren und auch von diesen hatte sie einige von diesen nur noch einmal sprechen können, da sie zwischenzeitlich aufgrund ihres hohen Alters gestorben waren. Der älteste unter den derzeit lebenden Druiden war 1538 während der älteste der Verstorbene nur sechs Jahre mehr gesehen hatten.
Im Vergleich zu ihrer jüngeren Freundin, waren Rahel and Jean dagegen ganz normal aufgewachsen, um nicht zu sagen langweilig. Rahel gehörte zu einer Familie, die von Israel in die Vereinigten Staaten gezogen war. Ihr Vater wurde dort hin versetzt und so beendete sie dort ihre Schule und fing die Ausbildung an.
Jean, stammte wie Rahel eher aus der oberen Mittelschicht der Bevölkerung und hatte einen vollkommen durchschnittlichen Werdegang, nun ja, mit Ausnahme seiner Noten. Sah man sich seine Zeugnisse an, so grenzte es schon an ein Wunder, fand man darauf eine zwei. Im Grunde war der Durchschnitt immer eins Komma null. Aufgewachsen war er allerdings in Frankreich. Später ging er aufgrund seiner Interessen um Hobbys, die sich stark um Kampfsport und Sprachen drehten nach Japan, wo er im Alter von 25 auf die nur zwei Jahre jüngere Rahel traf.
Durch ihre Fähigkeiten bot man ihnen dort eine Stelle in eben jeder Organisation an, für die sie jetzt arbeiteten. Drei Jahre später trafen sie durch Zufall bei einem Einsatz auf Leila, die zu diesem Zeitpunkt als Dolmetscher für mehrere Sprachen arbeitete. Japanisch lernte sie zwar auch, trotzdem gelang es ihr nie eine derartige Perfektion zu entwickeln wie ihre älteren Kollegen.
Seit zwei Jahren, die sie ohne Wochenende, Feiertage oder Urlaub gearbeitet hatten, bildeten sie nun in nahezu unschlagbares Team. In zwischen waren sie 20, 28 und 30, doch das hatte ihrer Abenteuerlust keinerlei Abbruch getan.
Langsam und auf jedes noch so kleines Geräusch achtend ging die schwarzhaarige nun wieder zu ihren Freunden zurück. Der Wind, der mit ihren langen Haaren spielte und ihr ein müdes Lächeln abrang, wehte lau über die Lichtung und der Frühlingsvollmond stand klar am Himmel.
Bei Rahel und Jean angekommen musterte sie diese besorgt. Beide hatten so einiges mehr abbekommen, als sie selbst, was wohl hauptsächlich daran lag, dass Rahel zwar sehr sportlich war, aber nicht viel mit Kampftechniken am Hut hatte.
„Wie geht es euch", fragte sie leise und sah ihnen dabei in die Augen, denn schon mehr als einmal hatte zumindest Jean seine Situation herunter gespielt und war im Endeffekt für zwei Wochen im Krankenhaus gelandet.
„Es muss gehen", sagte dieser nun auch prompt, eine Antwort, die die jüngste schon befürchtet hatte, denn sie hieß etwa so viel wie: Mir geht's sch***, aber nehmt keine Rücksicht darauf.
„Wie schlimm ist es", fragte nun auch die ältere und sah ihren Freund kritisch an. Rahel wusste, dass es Jean nicht mochte, wenn man ihm zu gegebenen Umständen mit Mitleid kam. Natürlich tat er ihnen Leid, jedoch zeigten sie es nicht so deutlich.
„Der Verband am rechten Oberschenkel müsste erneuert werden. Außerdem glaube ich nicht, dass ich noch lange einen Rucksack tragen kann. Leila, das obere Stück war relativ flach, aber die Serpentinen die jetzt kommen sind es definitiv nicht. Ganz davon zu schweigen, dass der Weg jetzt langsam feucht und damit ziemlich rutschig werden dürfte."
„Ich weiß", seufzte sie und machte sich schon daran das Verbandszeug heraus zu holen. „Rahel was macht dein Fuß, hält die Stütze?" Mit diesen Worten drückte sie ihr das Erste-Hilfe-Packet in die Hand und machte sich selbst daran ihre Rucksäcke umzupacken. Jetzt kam es vor allem darauf an, dass sie möglichst schnell zu den Forst und Versorgungsstraßen kamen. Einmal auf diesen würden sie wesentlich schneller vorankommen, da diese breit und geschottert waren.
Die Zeit, die Leila zum Umpacken brauchte, nutzte die ältere um Jean zu versorgen und die entsprechenden Verbände neu zu machen. Die dreckigen tat sie in ihren Müllbeutel. Dann reichte sie beides der jüngsten. Diese hatte mittlerweile stark ausgesondert, was sie brauchen würden und was nicht. Diese Sachen hatte sie dann in zwei Rucksäcke gepackt, wobei einer wesentlich schwerer war und bestimmt gute 25 Kilo wog und der andere wesentlich leichter, aber nicht minder voll. Den erstgenannten schnappte sie sich nun selbst während sie den zweiten an ihre Freundin reichte.
„Tut mir Leid, aber anders geht es leider nicht."
„Schon gut, mach dir keinen Kopf", versuchte Rahel zu trösten. Sie wusste, dass sich ihr Krümel, wie Jean und sie selbst Leila gerne betitelten, gerne übernahm, wenn sie ihre Freunde entlasten wollte.
Gemeinsam halfen sie dem Ältesten auf und machten sich auf, die Serpentinen und damit das steilste Stück des gesamten Abstieges in Angriff zu nehmen.
Ab jetzt würden sie wieder im Wald laufen. Davon das kürzeste Stück zwischen Krüppelkiefern und den Rest in einem Mischwald, auch wenn Nadelbäume etwas überwogen. Nun hieß es auch doppelt aufpassen, denn das Mondlicht würde nicht mehr den Weg beleuchten und ihre Stirnlampen anzumachen trauten sie sich nicht. Diese würden sofort verraten wo sie sich befanden.
So bewegten sie sich mehr tastend als gehend vorwärts, immer darauf bedacht nicht auszurutschen. Der Weg, keine zwei Mann breit, bestand vom Untergrund her aus natürlichen Steinplatten, die man künstlich angeordnet hat um der Auswaschung entgegenzuwirken und um den Auf und Abstieg leichter zu gestalten. Von daher wäre er mit Turnschuhen begehbar. Doch die Natur geht ihren eigenen Weg, weshalb der Weg mittlerweile von einer leichten Moosschicht überzogen war, die mit der Feuchtigkeit, immer rutschiger wurde und zur Falle für ungeeignetes Schuhwerk. Wer hier nicht locker in den Knien blieb und mit den Fußspitzen in Richtung des Gefälles lief, der konnte schnell auf seinen vier Buchstaben landen und das schmerzhaft, denn es wird wohl allen bekannt sein, dass das Steißbein sehr empfindlich ist.
Sie hatten ungefähr die Hälfte des Weges, gemessen von der Lichtung bis zur Abzweigung zum Wasserfall hinter sich, als Leila an der nächsten Kurve der Serpentinen das Zeichen zum Anhalten gab. Beide, sowohl Rahel als auch Jean, waren erstaunt. Auch sie hatten die ganze Zeit die Ohren gespitzt und keine einziges Geräusch vernommen, doch schon oft hatte sich das Gehör der jüngsten als das beste erwiesen weshalb sie ihre Fragen nicht laut, sondern nur in Form von kleinen Gesten ausdrückten.
Jedoch hatte die schwarzhaarige nichts gehört, denn zu hören war tatsächlich nichts. Statt wie ihre Freunde auf Geräusche zu achten, hatte sie sich einer Fähigkeit bedient, von der die Beiden nur in Ansätzen wussten, was sie da genau tat. Tatsächlich öffnete sie nämlich ihren Geist und suchte auf mentaler Ebene nach anderen Geschöpfen. Warum Leila das konnte, hatte sie nie herausgefunden und sie hatte auch nie wirklich geschafft es Rahel und Jean beizubringen. Doch die Tatsache blieb bestehen. Sie beherrschte diese Fähigkeit. Punkt. Aus. Ende.
Bewiesen hatte sie es ihnen indem sie in den Kopf der Beiden eingedrungen war und ihnen etwas über sich gesagt hatte, das nur die beiden über den jeweils anderen wussten. Sprich: sie war dreist genug vor den beiden zu sagen, das Jean tiefere Gefühle für Rahel hegte und umgekehrt, worauf diese sie anschauten wie ein neues Weltwunder. Als ob diese Situation jedoch nicht schon bizarr genug gewesen wäre, steckten sie zu diesem Zeitpunkt jedoch, wenn man es so ausdrücken wollte, etwas in Schwierigkeiten. Jedenfalls wären sie bei dieser Aktion drauf gegangen, wenn sie ihre Fähigkeit nicht offenbart und so eine Möglichkeit der Kommunikation geschaffen hätte. Auch hatte es wesentlich zur Verbesserung ihres Arbeitsklimas beigetragen, da Rahel und Jean jetzt nicht mehr um den jeweils anderen herumgeschlichen waren, sondern offiziell als Paar galten.
Nun nutzte sie, sich darauf verlassend, dass ihre Freunde eine Gefahr schnell genug hören würden, diese Gabe wieder.
Dabei konnte sie nach einiger Zeit Verfolger feststellen, die sich, soweit sie schon in die einzelnen Geister eingedrungen war, als ihre erklärten Feinde herausgestellt hatten. Zudem registrierte sie noch eine Person, die sich zwar in deren Nähe, aber vermutlich nicht in Sichtweite dieser aufhielt. Wer oder vielleicht sogar was es war wusste sie nicht, da diese Person oder dieses Wesen sie blockierte. Bis jetzt hatte er, sie, es nur observiert, nicht aber gehandelt, weshalb Leila davon bis jetzt noch nichts gesagt hatte, da sie nicht wusste, ob sie es bedenklich oder harmlos einstufen sollte.
Doch das war weniger der Grund, warum sie anhalten wollte. Vielmehr lag es an den Wesen, anders traute sie sich in anbetracht der Umstände nicht zu bezeichnen, die sich ihnen von vorn, also aus dem Tal näherten. Von ihnen konnte sie nur wenig oder gar nichts empfangen. Mit Sicherheit sagen konnte die junge Frau nur, dass es am Anfang sieben waren, von denen sich einer getrennt hatte. Nun teilten sie sich noch einmal und es blieben fünf bestehen, sie sich anscheinend abseits des Weges bewegten und einer der auf sie zukam.
An dieser Stelle brach sie ab, gab das Zeichen anzuhalten und verband nun ihren Geist wie inzwischen schon öfter mit dem Pärchen. Leila schilderte die Lage und Positionen zusammen mit den Bewegungsrichtungen, zumindest so weit sie diese wusste.
‚Ich habe keinen blassen Schimmer wer oder was sie sind', schloss sie letztendlich ihren Monolog.
‚Ich auch nicht', antwortete ihr Jean.
‚Wer sind unsere Verfolger überhaupt, wenn wir schon dabei sind', mischte sich Rahel ein, denn bisher waren sie nicht dazu gekommen dies zu klären.
‚Ganz ehrlich. Ich vermute Vampire. Lacht nicht, sie sind mehr oder weniger seelenlos und dürsten immer zu nach Blut. Ramix zu Folge sind es Karpatianer, die der Dunkelheit zu nahe gekommen sind. Fragt mich aber nicht was das heißt. Er hat es mir nie erzählt.'
‚Moment, meinst du die Geschichte, die du auf der Zugfahrt erzählt hast? Die von den Wesen, die sich angeblich von Blut ernähren, aber gegen Kruzifixe, Knoblauch etc. immun sind, da es trotz allem keine Vampire sind.'
‚Ja Rahel, genau die.'
‚Aber du hattest doch auch gesagt, dass die letzten dieser Art vor Jahren getötet worden sein sollen.'
‚Ich weiß es nicht genau Jean, ich kenne nur die Verhaltensmuster und dieses entspricht nun einmal den Vampiren. Trotz allem reicht es vollkommen aus, wenn ein einziger Vampir am Leben bleibt, da diese angeblich einen gebissenen Menschen umwandeln können. Von Torax glaube ich einmal gehört zu haben, dass dazu ein dreimaliger Blutaustausch notwendig ist. Das gleiche sollen auch die Karpatianer können.'
‚Das ist doch Humbug', brauste dieser auf.
‚Vielleicht sind das alles noch böhmische Dörfer, aber es gibt berichte aus einem kleinen Dorf in Transsilvanien in dem vor etwa zwanzig Jahren ein junger Mann zu einem Karpatianer umgewandelt worden sein soll.'
‚Transsilvanien, da hast du's. Die glauben da unten doch tatsächlich noch an Graf Dracula. Wo kommen wir denn da hin.' Den Sarkasmus in diesen Worten konnte Leila beinahe spüren, so deutlich wurde er mit den Worten mit gesandt.
‚Aber Leilas Großvater gehört auch zu den Druiden, vielleicht sollten wir uns wirklich daran gewöhnen, dass es so etwas gibt. Ich darf dich an den Gestaltwandler erinnern, den wir als letztes hatten', warf nun Rahel ein.
‚Schon, aber es widerstrebt mir immer noch so etwas einfach hinzunehmen. Es widerspricht aller Logik.'
‚Schluss jetzt wir sollten die Logik später diskutieren. Während wir uns hier unterhalten wurden wir eingekreist. Unsere Mentale Verbindung ist zwar restlos abgeschirmt, aber wenn ich jetzt mehr auf unser Umfeld achten soll, schaffe ich das nicht mehr. Auch ich bin reichlich müde. Außerdem solltet auch ihr euch wieder auf die Geräusche konzentrieren. Hier hat schon viermal irgend ein kleines Ästchen geknackt und ihr seit nicht einmal zusammengezuckt.'
Damit wurde das Gespräch beendet und Rahel und Jean versuchten, nebst dem, dass sie sich auch die Geräusche konzentrierten, ihren Kopf möglichst von jedem überflüssigen Gedanken zu befreien, damit es für ihre Freundin leichter wurde ihre Gedanken und Gefühle mit abzuschirmen.
