Kapitel 2: Verborgene Pfade
Die Ruhe, die sich über den Wegabschnitt gelegt hatte, konnte man fas greifen. Gespenstisch. Kein Laut war zu hören, nicht einmal das Rascheln von Blättern im Wind, oder die Geräusche von irgendwelchen nachtaktiven Insekten. Es war wie die beängstigende Ruhe vor dem Sturm.
Und dann, wie als hätte jemand ein Kommando gegeben, standen sie sich plötzlich gegenüber. Der schmale Weg war auf einmal überfüllt von Gestallten, die sich feindlich gesinnt waren.
Auf der einen Seite standen dort diejenigen, die sie schon den ganzen Abend über jagten und auf der anderen die, die Leila als Karpatianer vermutete.
Jetzt, wo die junge Frau sie das erste Mal sah, war sie sogar richtig überrascht, dass diese Wesen so menschlich aussahen. Zwar strahlten die älteren unter ihnen wesentlich mehr Autorität aus, als es ein Mensch je könnte, doch hatte Pandoramix sie ganz anders beschrieben.
Ein der der letzt genannten drehte sich nun zu ihnen um. Leila erkannte im Vergleich zu ihren Freuden, dass er rubinrote Augen du schwarzes wuscheliges, zu allen Seiten abstehendes Haar hatte. Mit einer sehr ruhigen Stimme, in der aber durchaus ein autoritärer Unterton mitschwang, sprach er sie an.
„Es wäre besser, wenn ihr hier verschwindet", sagte er sicherheitshalber auf Englisch, immerhin handelt es sich dabei um eine weltweite Wirtschaftssprache und wie einheimische wirkten Leila, Jean und Rahel nicht auf ihn.
Kurz tauschten die drei Blicke untereinander. Ihnen war klar, dass dies nicht viel Sinn machen würde, weshalb Jean schließlich antwortete.
„Sinnlos! Diese Herren dort", er deutete wage in die Richtung in der sieben Gestallten standen, alle gekleidet in dunkle Umhänge, mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen, „beehren uns schon seit Sonnenuntergang mit ihrer Anwesenheit." Der spöttische Unterton, strafte seine doch recht höflichen Worte Lügen.
Der Junge, der sie angesprochen hatte wusste darauf jedoch nichts zu antworten, denn er bezog das „Sinnlos" wohl eher auf die Verletzungen, die zumindest zu einem beachtlichen Teil daran schuld waren, dass sie nicht sehr schnell vorwärts kommen würden.
Leila unterdessen hatte die Gurte von ihrem Rucksack gelöst und stellte diesen nun ab. Sie ahnte schon worauf diese Begegnung hinaus lief. Zudem war sie sich nun auch einer weiteren Sache sicher. Das dort vor ihnen waren, wie sie ihren Freunden in dem Gespräch von eben schon mitgeteilt hatte, tatsächlich Vampire. So richtig glauben, konnte es die junge Frau noch immer nicht, denn bislang kannte sie nur einen, dieser verhielt sich definitiv nicht gruselmärchengerecht. Nun wurde sie eines Besseren belehrt.
Wie, als wäre das Abstellen des Rucksackes ein Zeichen gewesen, kam Bewegung in die Masse. Von den sieben sah man plötzlich nur noch sich schnell bewegende Schatten, die sich auf das Trio zu bewegten. Die Karpatianer, fünf an der Zahl, bildeten nicht minder langsam eine Art lebende Mauer um eben dies zu verhindern. Erfolglos, wie sich schnell heraus stellte.
Ziemlich schnell gelang es zweien der Vampire sich durch zu mogeln. Sie wollten gerade weiter auf das Trio zustürmen, als die jüngste einem der männlichen Angreifer einen Tritt, der sich gewaschen hatte, dahin verpasste, wo es wirklich wehtat. Danach wandte sie sich dem zweiten zu, der aus Reflex heraus einen Schritt zurück trat. Immerhin wollte er nicht auf die gleiche, äußerst schmerzvolle Art zu Boden geschickt werden.
Zeitgleich machte Leila nun, was sich im Nachhinein als sehr dumm und ungeschickt heraus stellen sollte, sie folgte dem Vampir in ihrer Bewegung um diesen Schritt. Damit bildeten die zwei Angreifer, von denen sich einer im Moment noch auf dem Boden krümmte, und Leila genau eine Linie. Sprich, die schwarzhaarige hatte einen der beiden Vampire im Rücken.
Von den restlichen anwesenden bekam die junge Frau unterschiedliche Reaktionen auf diese Aktion. Rahel stieß, als einzige weitere weibliche Person, einen anerkennenden Pfiff aus; der Junge, der sie angesprochen hatte, zog die Augenbrauen nach oben und schenkte ihr einen undeutbaren Blick. Doch die Mehrheit zog scharf Luft zwischen den Zähnen ein und schon einen Augenblick später waren die Kämpfenden wieder zu sehr miteinander beschäftigt um weiter auf die anderen zu achten. Die Vampire griffen verbissener an und die Karpatianer schienen beruhigt, dass sich Leila zu wehren wusste.
Den schon bezeichneten Fehler in ihrer Verteidigung sollte sie allerdings gleich bereuen, denn mittlerweile war auch zwischen ihr und dem noch stehenden Vampir ein Gefecht ausgebrochen, welches es ihr unmöglich machte, gleichzeitig auf den Kontrahenten zu achten, den sie vorher zu Boden befördert hatte. Dieser schaffte es sich wieder auf die Beine zu rappeln und hinter Leila Stellung zu beziehen. Der müden Frau gelang es nicht mehr alle Schläge und Tritte zu parieren, weshalb sie immer wieder zum Ausweichen gezwungen wurde. Ein besser gezielter ließ sie nach hinten taumeln, direkt in die Arme des wartenden.
„So kleine Wildkatze, das war's", säuselte er Leila mit undeutbarem Unterton ins Ohr.
„Wenn du glaubst, ich gebe auf, dann hast du dich geschnitten, du elender, seelenloser Blutsauger!" Während ihrer kleinen Schimpftiade war sie immer lauter geworden, so dass sie zum Schluss alle anwesenden gut verstehen konnten.
Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte man das jetzt entstandene Bild durchaus als lustig beschreiben können, denn absolut alle hatten in ihren Bewegungen inne gehalten. Es war als hätte man ein Photo geschossen oder auf einen Pauseknopf von einem Videospieler gedrückt. Man konnte wie bei einem Gewitter die Sekunden abzählen: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Alle Köpfe und schockiert, fragenden Blicke wandten sich zu der jüngsten. Hatte sie das gerade wirklich gesagt?
Bislang hatten die Vampire nicht wirklich durchblicken lassen, was sie waren; sie hatten nur von vorn herein klar gestellt, dass sie zumindest Leila töten wollten, worauf Jean sie für wahnsinnig erklärte. Nicht ganz falsch, wenn man es genau nahm. Aber viel wichtiger, war das nur Leila von vorn herein vermutet hatte, was sie waren. Gesagt hatten es diese nie.
„Wage es das zu wiederholen", zischte nun jener mit dem Leila bis eben noch gekämpft hatte gefährlich leise. Seine Stimme ließ Jean und Rahel einen kalten Schauer über den Rücken laufen und wurde auf Grund der eingekehrten ruhe von allen verstanden.
„Elender, seelenloser Blutsauber", erwiderte die jüngste mit einer Mischung aus Verachtung und Amüsement. „Oder wenn du es bevorzugst", fuhr sie fort, „können wir auch gerne einfach nur Vampir sagen." Diesmal war es eindeutig Verachtung, die man aus den Worten heraushören konnte.
„Das hättest du besser nicht getan", knurrte ihr gegenüber und hob den Arm, sodass der Ärmel dabei nach unten rutschte und eine klauenbesetzte Hand zum Vorschein kam.
„Sag leb wohl!", flötete der Mann hinter ihr mit zynischem Unterton. Dann raste die Hand auf sie zu und ein vielstimmiges „Nein", unter das sich ein zweistimmiges „Leila" mischte, erscholl (auch erschallte).
Nichts passierte.
Nichts?
Der Mann, der bis eben noch Leila festgehalten hatte, sackte zu Boden und der Angreifer stolperte zurück, wodurch sie den Blick auf einen kleinen Nebelschleier frei gaben. Nur von der Frau fehlte jede Spur. Wo war sie hin?
Darauf gab es keine Antwort.
Jener Nebelschleier bewegte sich jedoch auf den Kameradenmörder zu und umschloss ihn, bis man nichts mehr sah. Das nächste war ein Schrei – ein gequälter, schmerzhafter. Dann verschwand der Schwaden genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war und das einzige, was man sehen konnte, war, wie Leila unter dem hünenhaften Körper des zweiten Vampirs begraben wurde. Beide blieben reglos liegen.
Der erste, der sich wieder regte war Jean. Dieser hatte den Fehler ihres Krümels bemerkt und schon zur Hilfe eilen wollten. Deswegen stand er nur noch etwa drei Schritt von den liegenden Entfernt. Diese Distanz überwindend hockte er sich nieder und versuchte den schweren Körper von seiner Kollegin zu wälzen.
„Hey Krümel, mach keinen Scheiß", sprach er sie gleichzeitig an.
Ein dumpfes „Hn" antwortete ihm.
Gerade als er einen weiteren versuch unternahm den scheinbar leblosen Körper weg zu rollen, griffen noch ein Paar schlanke Hände dazu. Jean sah verwundert auf und direkt in die sanften, von Schmerz und Verlust gezeichneten, goldenen Augen der dazugehörigen Person.
„Lass gut sein", vernahm er eine weiche Stimme und nur Augenblicke später rollte dieses zierliche Wesen, das neben bei erwähnt bestimmt drei Kopf kleiner war als der Tote, die Leiche mit so einer Leichtigkeit von Leilas Körper, als handle es sich um eine einfache Bettdecke.
Jean klappte ein weiteres Mal an diesem Abend die Kinnlade herunter. Doch schnell konzentrierte er sich lieber auf das wesentliche, Erklärungen könnte er später einholen.
„Wie geht es dir", fragte er leise und sehr besorgt. Der gebürtige Franzose und Rahel hatten schon mehr als nur einmal erlebt, wie die jüngste im Bunde so etwas machte. Von daher wussten die beiden auch, wie kräftezehrend so eine Aktion für die schwarzhaarige war. Die Antwort ließ ihn dann erleichtert aufatmen und gleichzeitig bangen.
„Erschlagen", murmelte die jüngere und hatte sichtbare Probleme die Augen offen zu halten.
Dieses Wort rief den Franzosen letztlich auch wieder zurück ins Geschehen. Er riskierte einen Blick nach oben um zu sehen, was zwischenzeitlich passiert war, doch der Anblick ließ ihn stutzen. Die Vampire hatten sich wieder zu einer Gruppe zusammen gefunden, jetzt nur noch zu fünft. Außerdem waren neben dem Helfer noch zwei weitere Karpatianter, wie Leila gesagt hatte, aufgetaucht. Einer davon hatte so unglaublich helle Augen, dass sie fast weiß wirkten.
Jener richtete seinen Blick gerade auf Leila und schien in dem Moment, als er sie sah zu erstarren. Doch nur Sekundenbruchteile war der Eindruck schon wieder verflogen, sodass es Jean fast für eine Sinnestäuschung hielt.
Neben ihm und wenige Zentimeter kleiner als der hoch geschossene, stand ein weiterer Mann. Er erinnerte entfernt an den Wuschelkopf, der sie außer Schusslinie haben wollte. Die Statur war ähnlich, die Bewegungen nahezu identisch. Nur schien dieser eindeutig älter und so als hätte er mehr trainiert, denn die Muskeln waren eindeutig ausgeprägter. Vermutlich waren sie Vater und Sohn, zumindest vermutete es Jean. Nur die Partie um die Augen unterschied sie und die Haarfarbe. Diese entsprach nämlich bei dem älteren einem ähnlichen Farbton, der Leilas Naturhaarfarbe sein könnte. Vielleicht täuschte es, aber der Franzose glaubte, dass sie silbergrau waren.
Eben jener war es, der nun sein Wort an die Angreifer richtete.
„Geht", keine Drohung, nur ein einziges Wort, aber ein Wort in dem so viel Autorität lag, wie sie ein Mensch nie würde aufbringen könnte; eine befehlsgewohnte Stimme, die nicht den kleinsten Widerspruch dulden würde.
Und sie gehorchten. Innerhalb kürzester Zeit waren sie verschwunden, alle, ihre toten Gefährten zurück lassend.
Alle Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die drei Freunde und da Leila auf dem Boden eingeschlafen zu sein schien, konzentrierte sie sich besonders auf Rahel und Jean.
„Wie hat sie das gemacht", platzte der Wuschelkopf – Struwwelpeter, wie ihn Jean getauft hatte – neugierig heraus.
„Das fragst du sie am besten selbst, wenn sie wieder wach ist", antwortete Rahel. Sie hatte diese Erklärung nie verstanden und glaubte nicht, dass sie diese reprojezieren könnte.
„Bin wach", protestierte Leila schwach und reichlich verpennt vom Boden, doch versehentlich in Landessprache, sodass sie nur ein zweistimmiges „wie bitte" ihrer Freunde erntete.
„Fünf Minuten", murmelte sie auf Englisch und bekam ein schmunzeln, das sie aufgrund ihrer geschlossenen Augen nicht sehen konnte.
„Was meinst du", wandte sich Jean da er nicht wollte, dass es alle verstanden auf Japanisch an Rahel. „Fünf Minuten, bis unser Krümel wieder da oder endgültig eingeschlafen ist." Liebevoller Spott schwang in seinen Worten mit, die er sprach während er ihr über die Stirn streichelte.
Leila, die Japanisch zwar verstand, es aber nicht selbst sprechen konnte, nutzte die noch immer abgeschirmten Gedanken um sich von Rahel diese Kenntnisse zu borgen.
„Hör auf über mich zu lästern", schmollte sie und blickte vorwurfsvoll nach oben, wofür sie sich noch eine gehobene Augenbraue einhandelte.
„Lass es gut sein", konnte nun auch Rahel in versöhnlichem Tonfall sagen, als sie ihre Fähigkeiten von der jüngeren zurückbekommen hatte.
„Ihr kommt aus Japan", sagte der junge Mann, welcher Jean mit der Leiche geholfen hatte.
„Könnte man so sagen", wiegelte der Franzose ab. Ihre Unterhaltung war seit seiner spöttischen Bemerkung auf Japanisch geführt worden und wechselte nun zurück ins Englische.
„Wer seid ihr, dass ihr verfolgt wurdet", wollte nun der silbergrauhaarige wissen. Auch er hielt sich an Englisch, doch hatte er einen starken slawischen Aktzent, der Leila wieder dazu verleitete in die Landessprache zu wechseln.
„Touristen, Backpacker, die vermutlich ein wunderbares Abendessen abgegeben hätten."
Die Augenbraue des anderen wanderte steil nach oben.
„Touristen also? Können uns diese Touristen auch sagen woher sie die Landessprache beherrschen? Slowakisch ist nicht all zu weit verbreitet, weshalb es nicht viel Sinn macht es zu lernen."
„Das gleiche", setzte die Slowakin an und begann sich vom Boden aufzurappeln, „könnte ich sie fragen. Obwohl, wenn ich sie so höre… Was suchen Russen in der Slowakei?" Ihr Tonfall wurde zunehmendes schnippischer. „Beziehungsweise Chinesen?", sie warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Mann mit den goldenen Augen, die den ihren unglaublich ähnlich waren.
Das Gespräch ging ihrer Meinung nach in die falsche Richtung. Ihr Beruf hatte sie alle drei gelehrt, dass sie immer mal wieder erkannt werden konnten. Als Agent sollte man nie jemandem wirklich vertrauen.
Dem entsprechend unterkühlt bekam sie jedoch die nächste Frage an den Kopf geworfen.
„Besitzen sie wenigstens die Höflichkeit sich vorzustellen."
Leila stand, wenn auch noch reichlich wackelig, wieder auf den Füßen. Doch ihre einzige Antwort auf die Frage des Russen war eine Hochgezogene Augenbraue.
„Nein.", fügte sie nach einer Weile noch hinzu, was einige der anderen anwesenden dazu brachte die Luft einzuziehen.
Ein leises Lachen war auf dem Weg zu hören, doch bevor noch der Ursprung ausgemacht werden konnte, trat eine Person auf den Weg. Auch sie trug einen dunklen Umhang, von dem Leila jedoch gewettet hätte, dass er eine andere Farbe hatte, als sie der verschwundenen Vampire.
„Sagt nicht, dass Ihr sie nicht erkannt habt?" Seine Stimme klang eindeutig belustigt und es war klar, dass er derjenige war, der gelacht hatte.
„Wer…"
„Das spielt keine Rolle", unterbrach er den mürrischen Russen, der wie nahezu alle anwesenden keine Ahnung hatte, wer das war, vollkommen respektlos. Dann wandte der Fremde sich jedoch Leila zu. „Ich denke, du erinnerst dich, nicht? Auch wenn es beinahe fünfzehn Jahr her ist"
„Kurz vor und an meinem einundzwanzigsten Geburtstag", erkundigte sie sich leicht in Gedanken versunken. Ganz sicher war sich die junge Frau nicht.
„Ja, wir sehen uns bei deinem, wie sagst du doch gleich, alten Väterchen", damit war er auch schon wieder verschwunden.
„Leila, war das", setzte Rahel zaghaft zu einer Frage an. Sie und auch Jean hatten zum Schluss nur noch durch die Verbindung zu Leila mitbekommen, worum sich das Gespräch drehte, verstanden hätten sie es sonst nicht.
„Ja, das war er."
„Wer", fragte nun auch der helläugige.
„Zero, der wohl absolut unvampirischste Vampir der auf dieser Welt wandelt", antwortete Leila schulterzuckend. Durch Rahels frage waren sie wieder im Englischen angekommen. Hier fühlte sich Leila etwas wohler, da nun auch Jean und Rahel mit eingreifen konnten, sollte das Gespräch in die falsche Richtung gehen.
„Vampir", mischte sich Hiwatari wieder ein und klang so, als wolle er ihren Verstand in Frage stellen.
„Ich werde nicht mit einem Karpatianer über Vampire diskutieren", warf die jüngere ein weiteres mal unterkühlt zurück und stapfte zurück zu ihrem Rucksack, denn sie nun gegen ihre Beine lehnte um in ihm etwas zu suchen.
Abermals hatte sie es geschafft, dass allen die Kinnladen nach unten klappten. Ihre Kollegen hatten dafür jedoch nur ein Kopfschütteln übrig.
„Was", wollte die jüngste wissen, während sie sich wieder aufrichtete.
„Sie lesen zu viele Gruselgeschichten", kommentierte das einer der anderen. Er war ebenfalls sehr groß und wirkte in der Dunkelheit ziemlich massig. Vermutlich war er sehr muskulös.
„Sicher", fragte verspottete lieblich und knipste gleichzeitig ihre Stirnlampe an, die sie aus dem Rucksack gefischt hatte. „Ich werde das Licht erst wieder aus machen, wenn sie die Freundlichkeit besitzen unseren Geist nicht weiter zu atackieren. Das einzige was sie sehen können ist sowieso eine Erinnerung an das Great Barrier Reef."
„Woher kannst du das", fragte der schwarzhaarige mit den goldenen Augen, die er jetzt schützend hinter den Händen versteckte. Er selbst hatte nur ganz kurz zu Anfang versucht in ihren Geist einzudringen und es schnell wieder aufgegeben, nachdem sie ihm eine klare Abfuhr erteilt hatte indem sie statt dessen in seinen Geist eingedrungen war und ein paar unschöne Erinnerungen wach gerufen hatte.
„Veranlagung und Training", gab sie ihm bereitwillig Auskunft. Sie kannte diesen Teil von seiner Geschichte und wusste somit, das er der Mensch war der vor, sie korrigierte sich selbst vor ziemlich genau fünfundzwanzig Jahren in Transsilvanien von einem Menschen in einen Karpatianer umgewandelt wurde.
Gleichzeitig schaltete sie die Lampe wieder aus. Der Druck auf ihre mentalen Schilde hatte nachgelassen und von die Angreifer hatten sich zurückgezogen.
„Klever", schmunzelte der Schwarzhaarige und lächelte sie leicht an.
„Danke."
„Ray", empörte sich Hiwatari unterdessen, aber der andere ignorierte ihn geflissentlich.
„Was werdet ihr tun? Ihr seid hier nicht sicher?"
Leila runzelte missbilligend die Stirn. Ging die Fragerunde jetzt schon wieder los. Doch sie brauchte nicht zu antworten. Jean kam ihr zur Hilfe.
„Wir wollten zuerst nur bis runter zum Wasserfall, aber daraus wird wohl nichts. Also müssen wir bis zu den Versorgungsstraßen."
„Ihr glaubt, dass ihr es bis zur Zverovka schafft?"
„Nein, aber bis zur Chata Osolbitá sollte es machbar sein. Wenn möglich dort rasten, wenn nicht, dann weiter abwärts auf den Forstwegen bis Zubareč."
„Das werdet ihr nicht schaffen", protestierte der schwarzhaarige, der das Gespräch nun führte sanft. „Ihr seid viel zu geschafft von dem, was ihr bis jetzt erlebt habt."
„Ich glaube kaum, dass wir eine Wahl haben.", konnte sich Leila nicht verkneifen.
„Du kommst doch aus der Slowakei. Sag wenn ich mich irre."
Leila runzelte nur die Stirn. Jean und Rahel schauten sie fragend an. Ray musste Hiwatari den Mund verbieten und es dauerte tatsächlich eine ganze Weile bis es bei ihr klick machte.
„Oh nein, vergesst es! Das ist lebensmüde! Noch lebensmüder als den Versuch zu starten nach Zubareč laufen zu wollen!"
„Wovon sprecht ihr", wollte Jean wissen, der wusste, dass seine Kollegin sonst auch gerne mal sehr gewagte Aktionen startete. Doch diese schwieg beharrlich.
„Von den ‚Verborgenen Pfaden', erklärte schließlich der goldäugige Karpatianer.
„Was ist das", hakte Rahel vorsichtig nach.
„Ein teilweise natürlich entstandenes, teilweise künstlich ausgebautes Höhlensystem, dass sich unter der gesamten Tatra erstreckt und damit ist nicht nur die Rohače gemeint. Alten Schriften zu Folge geht es von diesen Ausläufern bis unter die eigentlichen Karpaten. Ein Labyrinth aus dem schon mehr als einer nicht mehr herausgefunden hat. Seine Eingänge sind so gut wie überall zu finden und gleichzeitig kann man an ihnen vorbei laufen, ohne sie zu sehen. Nur ein kundiges Auge und ein Kenner der Alten Zeichen finden einen Weg hinein, hindurch und auch wieder hinaus", gab Leila widerwillig Auskunft.
„Warum willst du sie nicht begehen, wo du sie doch zu kennen scheinst", fragte Ray nach.
„Stimmt, es geht ja nicht darum da durch zu laufen, sondern sie einfach kurzzeitig als sicheren Platz zu nutzen.", schloss sich Jean an.
„Wie schon gesagt, nur ein kundiges Auge findet einen Weg hinein."
„Das heißt, du wüsstest nicht wo ein Eingang ist", fragte Rahel nach.
„Nein", widersprach Jean augenblicklich. „Sie könnte einen Eingang finden, aber es hängt an den alten Zeichen, stimmt's?"
„Jean, ein Eingang ist nicht immer gleich ein Ausgang. Es gibt hier Tatsächlich fast überall Eingänge. Wir sind heute und gestern schon an gut fünf oder sechs Stück vorbei gekommen."
„Und?"
„Ich kenne nicht einmal die hälfte der Zeichen, die notwendig wären um sich darin zurecht zu finden. Wenn wir auf einen der Hauptwegweiser stießen, würde ich es vermutlich finden."
„Also warst du schon mal drin."
„Jean, ich war damals fünf Jahre alt. Zero hat mich da raus gefischt, wenn du es so genau wissen willst."
„Wie bist du rein gekommen?"
„Durch einen Eingang, der bei mir zu Hause ist", versuchte sich Leila nicht zu genau auszudrücken. Tatsächlich gab es im Haus ihres Großvaters einen großen Schrank, auf dessen Boden eingeritzt ist ein Viereck. Drückt man dieses nach unten so wird es möglich den Schrank bei Seite zu schieben. Dahinter verbirgt sich ein kleiner Durchgang, der erst in einen kleinen Raum und dann weiter in einen Großen Tunnel führt. Dieser wieder rum führt mit leichtem Gefälle in die Tiefe. Er ist groß genug um Fuhrwerke oder Reiter durchzulassen. Im Raum dagegen befindet sich der Auslöser um das eigentliche Tor zu öffnen. Von Außen sieht es aus wie eine Felswand, es schwingt nach innen, wenn von der Innenseite eine weitere Steinwand zur Seite geglitten ist.
Sie selbst hatte damals vieles erst von Zero und Ramix erfahren, von letzterem erst nach einer gehörigen Standpauke dafür, dass sie da einfach rein gelaufen war.
