Kapitel 4: Frühmibrot

Einige Sekunden lang wurde der Vampir ungläubig angesehen. Doch schließlich fand Kai als erster seine Sprache wieder.

„Du nimmst uns auf den Arm!"

„Welchen Grund hätte ich dazu", erwiderte Zero gelassen und ein leichtes Lächelnd legte sich auf seine Lippen.

„Welchen Grund hätten wir einem Gefallenden zu trauen", warf Jurij ein.

„Den Grund, dass er die Wahrheit sagt", mischte sich auch Ray ein und zog zweifelnde Blicke auf sich. „Er lügt nicht. Ich kann es in seinem Geist spüren. Aber, er sagt auch nicht alles."

Auf diese Worte hin, machte Zero, was man gut und gerne eine kleine Verbeugung nennen konnte und meinte belustigt:

„Meine Hochachtung, nur deine Tochter ist besser darin mich zu lesen."

„Aber wieso…", begann der rothaarige, wurde jedoch sofort wieder unterbrochen.

„Ich kann nicht erinnern, dass du früher nicht so auf den Kopf gefallen warst. Sie hat euch doch gerade erst gesagt, dass sie bei Pandoramix aufgewachsen ist. Was meinst du macht er wohl mit jemanden, der eigentlich so viel anders aufwachsen müsste als ein Mensch."

„Sie ist gebannt", fragte nun wieder Kai mit deutlicher Skepsis in der Stimme.

„Ja, das nehme ich zumindest an. Es ist die einzig logische Erklärung, warum ihr sie nicht spüren könnt, ihr Sonnenlicht nahezu überhaupt nichts ausmacht und sie kein Blut trinken muss."

Ray, der unterdessen zu seiner schlafenden Tochter hinübergegangen war und nun neben ihr hockte, strich vorsichtig einige Strähnen, die ihr ins Gesicht gefallen waren, beiseite. Konzentriert schien er ihr Profil zu mustern, ganz so, als wolle er es sich einprägen. Tatsächlich jedoch versuchter er sich vorsichtig an ihre Gedanken heran zu tasten. Wenn es wirklich ihre tot geglaubte Tochter war, dann müsste er in der Lage sein sie teilweise zu lesen, ohne, dass sie ihn gleich als Eindringling empfand.

Sein Verhalten blieb jedoch nicht unbemerkt von den anderen. Auch Jurij näherte sich seiner schlafenden Gefährtin. Doch anders als Ray versuchte er es nicht einmal. Er sah sie nur an und versuchte mit seinen eigenen Emotionen klar zu kommen. Da war einmal die Tatsache, dass er ihre Anwesenheit nicht fühlen konnte. Leila oder richtiger Nadjeschda, wirkte auf ihn wie jeder andere Mensch auch – genauso wie Jean und Rahel. Dabei bestand zwischen Gefährten immer ein Band, das sie einander erkennen, die Anwesenheit und Gefühle des jeweils anderen spüren ließ. Dagegen stand die Aussage von Zero, der behauptete, dass dies Kais und Rays Tochter sei.

Die Verwirrung und innerliche Zerrissenheit musste ihm wohl ins Gesicht geschrieben gestanden haben, denn Zero meldete sich erneut zu Wort:

„Versucht nicht in ihre Gedanken einzudringen", mahnte er. „Ich habe es versucht, als wir uns das erste Mal begegneten, nachdem ich sie bei Pandoramix abgegeben hatte."

„Was ist passiert", hakte Ray neugierig nach, wofür er einen gequälten Ausdruck auf dem Gesicht des Vampirs erntete.

„Sagen wir so, ich weiß, wie gut diese Schutzzauber des alten Druiden sind und werde mich hüten noch mal auch nur etwas zu versuchen." Wenig angetan von dieser wohl recht unschönen Erinnerung fuhr er sich durch die Haare. „Es wäre besser, wenn ihr sie schlafen lasst. Diese Chaoten sind seit den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages unterwegs."

„Hast du nicht gerade noch gesagt, du könntest sie nicht lesen."

„Das kann ich ja auch nicht, Kai. Aber das hält sie nicht davon ab sich mit mir gedanklich zu unterhalten."

„Sie vertraut uns nicht, aber dir schon, oder", mischte sich erstmal wieder Yuki ein.

Zero nickte.

„Einem Vampir", schnaubte Kai.

„Ja, einem Vampir, Vater", bestätigte der Struwwelpeter in einem Tonfall, der von einem kleinen Kind stammen könnte, das erklärte, dass das Tannennadeln nicht nur grün, sondern dunkelgrün – man bemerke das Ausrufezeichen – waren.

„Sie hört übrigens die ganze Zeit zu, während wir uns hier unterhalten", setzte der zweitjüngste noch einen oben drauf.

„Du auch?" Der Vampir war verwundert. Eigentlich hatte Zero angenommen, dass nur er immer mal wieder einen genervten Kommentar von ihr gesandt bekam, aber der kleine auch?

„Ja", grinste dieser nun frech. „Und ich soll ausrichten, dass sie sich überlegt allen für die nächsten 72 Sunden die Stimmen zu nehmen, wenn wir nicht bald mit unserem nervigen Gequatsche aufhören. Und wenn Daddy und Jurij ihr nicht sofort von der Pelle rücken, kleben sie an der nächsten Wand, für den gleichen Zeitraum."

Zero lachte und den beiden anderen angesprochenen viel die Kinnlade herunter.

„A-aber…"

„Nein, Daddy, sie schläft nicht. Na ja, nicht so richtig. Sie hat sich irgendwie bei mir und ihm", er nickte in Richtung Zero, „mit in den Kopf eingeklinkt. Wie sie das macht, keine Ahnung. Aber sie gibt euch noch fünf Sekunden." Seine Augen leuchteten amüsiert, als er das alles ausrichtete.

Jurij erhob sich als erster wieder und schritt kopfschüttelnd davon, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

„Sie ist keine Furie, nur genervt und sie wünscht eine gute Nacht. Jean, Rahel und sie, werden so gegen 15 Uhr wieder aufstehen."

Jurijs Kopf schoss herum. Seine Augen schreckgeweitet.

„Deine Gedanken waren nicht abgeschirmt", erklärte Yuki. „Ich habe die Erinnerung auch gesehen. Es ist nicht nett jemanden, der noch nicht mal geboren wurde, schon als Furie zu bezeichnen." Bei der letzten Aussage wandte er sich wieder an seinen Vater und grinste verschmitzt. „Ich bin mir doch sehr sicher, dass wir von dir genauso viele Eigenschaften übernommen haben wie von Daddy und sei es nur deine Dickköpfigkeit."

Auch Ray erhob sich und musterte seine beiden Männer leicht schmunzelnd. Bevor es aber in einen Streit ausarten konnte, schritt er lieber ein. Er wuschelte Yuki durch seine ohnehin immer zerzausten Haare und schickte ihn schlafen. Dieser tollte sich nach einem letzten frechen Blick auf seinen Vater zu Adrian und damit begannen dann auch alle anderen sich zur Ruhe zu begeben.

Niemand außer Zero merkte, dass die jüngste noch einmal kurz die Augen geöffnet hatte und ihrer Familie einen nachdenklichen Blick zugeworfen hatte. Danach war auch sie endlich in die Arme des Schlafs geglitten.

Als Leila um punkt drei Uhr wieder wach wurde, war es stockfinster um sie herum. Die Windlichter waren offenbar ausgemacht worden und so tatstete sie sich vorsichtig zu ihrer Taschenlampe vor um diese einzuschalten. Schnell hatte sie mit Hilfe des Lichtkegels die Streichhölzer ausfindig machen können und eines der Lichter wieder an gemacht.

Ihr Magen vermeldete gähnende Leere und wenn Rahel und Jean jeden Augenblick wach würden, würde es bei ihnen genauso aussehen.

Leise um ihre Freunde nicht zu wecken, rollte sie ihre Schlafsachen wieder zusammen und packte die Rucksäcke soweit wieder normal. Dabei ließ die Agentin gleich den Kocher und das Geschirr draußen, sowie zwei Beutel des gleichen Fertiggerichts. Diese Mahlzeiten waren recht praktisch. Man brauchte nur etwas Wasser und einen Kocher. Dadurch dass die Lebensmittel gefriergetrocknet wurden, schmeckten sie nach dem erneuten aufwärmen sogar ziemlich gut und besaßen ein sehr leichtes Packgewicht.

Neben ihr regte sich Jean. Auch sein Magen knurrte laut und vermeldete: akuter Hunger. Leila wünschte ihm leise lachend einen guten Nachmittag und erklärte, dass es mittlerweile viertel vier war. Er möge doch bitte auch Rahel wecken, da es gleich Essen gäbe.

Noch nicht ganz wach, aber hungrig, grüßte der gebürtige Franzose zurück. Seine Freundin brauchte er jedoch nicht mehr wecken, denn auch sie meldete sich mit einem schlaftrunkenen „guten Nachmittag".

Noch etwas Steif und ziemlich müde rollten auch die Beiden ihre Schlafsachen zusammen. Derweil verteilte Leila das Essen auf ihre drei Schüsseln und setzte Tee auf.

„Guten Appetit."

„Danke gleichfalls", gähnte Jean.

„Was essen eigentlich die anderen", wollte Rahel wissen und setzte ebenfalls noch ein „Gleichfalls" hinterher. „Und wo sind die überhaupt?"

„Schlafen noch", antwortete ihr die jüngste gleichgültig.

„Leila, hast du nicht was vergessen", erinnerte sie ihr Kollege und deutete auf den scheinbar leeren Raum.

„Hn, oh, ja, sie schlafen in der Erde", erwiderte die jüngste als sei es selbstverständlich, wofür sie glatt eine Kopfnuss kassierte. Rahel fand das weniger selbstverständlich und wollte sofort mehr darüber wissen, während sie das kleinkindmäßige „Aua" ihrer Freundin einfach überging. Solche Plänkeleien kamen reichlich oft zwischen ihnen vor.

„Na ja, sie sind eben Karpatianer. Irgendwie setzt wohl ihre Atmung aus, währen sie schlafen und sie können augenscheinlich besser schlafen, wenn sie in der Erde liegen. Frag mich nicht wieso und was die hintergründe sind."

„Aber, wenn die Organe aussetzen, dann…"

„Das geht doch nur bei chronischer Konservierung; bei wie viel Grad warn das noch mal", mischte sich auch Jean ein.

„Circa minus 200°C, glaube ich."

„Minus 196", korrigierte Rahel.

„Was wollt ihr denn mit chronischer Konservierung", mischte sich plötzlich eine weitere Stimme ein und ließ sie alle aufschrecken.

Es war Zero, der gerade durch die Tür wieder in den Raum kam.

„Sie wollen wissen, wie das mit dem Schlafen unter der Erde funktioniert."

„Ach so. Und?"

„Nun ja", fing die Hebräerin an, wurde jedoch sofort von einem zweistimmigen „Rahel!" unterbrochen.

„Zero, du kannst sie nicht einfach zu etwas mit Biologie fragen, dann sitzen wir in drei Wochen noch – aua. Rahel, lass das, das tut weh."

Jean und Zero lachten, während ihre Freundin sie entrüstet anschaute.

„Ist doch wahr", murmelte die jüngste nur leise und brachte außer Reichweite ihrer Kolleging.

„Du solltest nicht so frech sein", steuerte der Vampir bei und ließ sich neben der jüngsten nieder.

„Bin ich ja gar nicht."

Doch der ältere schüttelte nur den Kopf.

„Wie viel hast du heute Morgen eigentlich noch mitbekommen?"

„Ich bin nicht sicher."

„Hast du…"

„Nein, ich habe mehr geschlafen, als dass ich wach war. Tee?"

„Danke, gerne."

„Was war denn heute Morgen noch", wollte Jean wissen und reichte einen kleinen Becher an Zero weiter. Dankend nahm dieser ihn entgegen und pustete etwas auf das heiße Getränk um der Antwort zu umgehen, was zur Folge hatte, dass sich alle Blicke nun auf Leila richteten.

„Sie haben sich noch eine Weile unterhalten. Irgendwann habe ich mich dann über den Krach beschwert, das muss gegen halb vier gewesen sein."

„War es", bestätigte Zero.

„Also ich habe geschlafen wie ein Stein", meinte Rahel entschuldigend lächelnd.

„Und worüber?"

Leila begann auf ihrer Unterlippe zu kauen. Sie hatte den Inhalt der Gespräche nur so halb mitbekommen und konnte sich nur wage erinnern. Doch bevor das Schweigen unangenehm werden konnte, stellte der Franzose, der wohl auch nicht sofort geschlafen hatte, noch eine Frage:

„Was ist ein Gefallener."

„Ich."

„Er", kam es zugleich mehrstimmig und wieder drehten sich die drei Kollegen um.

„Guten Abend. Kai; Jurij." Zero ließ jedoch nicht stören und trank weiter in langsamen schlucken seinen heißen Tee.

„Was genau glaubst du da zu tun", fauchte ihn der rothaarige an.

„Tee trinken", erwiderte der Vampir gelassen."

Kai schnaubte und auch von Jurij kam ein Laut, der sich verdächtig nach einem „Pf" anhörte.

Leila warf ihnen jedoch nur einen kühlen Blick zu. Dann wandte sie sich wieder ihren Freunden zu und ignorierte die beiden Erwachsenen.

„Mein Großvater hat es mir als ich klein war mit folgenden Worten erklärt: ‚Stell dir den Gefühle wie das Licht einer Wunderkerze vor. So lange die Wunderkerze brennt, sind sie da. Ist sie jedoch abgebrannt lässt man sie fallen.' Das ist sehr einfach ausgedrückt, aber man kann es damit ganz gut erklären. Ein Vampir ist wie eine abgebrannte Wunderkerze."

„Na danke", grummelte neben ihr Zero.

„Was beschwerst du dich, Großvater…"

„Ja, aber da warst du fünf."

„Na und!"

„Heißt das sie sind nicht in der Lage, sagen wir einmal traurig zu sein oder fröhlich", wollte Jean wissen, den kleinen Streit unterbrechend.

„Ja, das heißt es."

„Ich verstehe nicht", murmelte Rahel.

„Müssen sie auch nicht. Es geht sie nämlich nichts an."

„Tut es wohl. Sie sind meine besten Freunde und neben Pandoramix meine einzige Familie", entgegnete Leila unterkühlt und blitzte Kai an. Der währe beinahe erschrocken über diesen Ausbruch zurückgewichen. In seinen Augen konnte man kurz sehen, wie sehr ihn die Worte getroffen haben mussten, aber die schwarzhaarige nahm darauf er weniger Rücksicht.

„Aber Leila", versuchte der Rotschopf einzulenken, um weiteren Anfeindungen vorzubeugen.

„Nein", schnitt ihm die jüngste fast sofort das Wort ab. „Sie können nicht erwarten, dass ich in kürzester Zeit, ohne auch nur die Chance gehabt zu haben, einmal darüber nachdenken zu können, mein ganzes Leben umkremple."

„Das erwartet auch keiner", mischte sich nun eine weitere Stimme dazu.

Ray, Leila wusste nicht wie lange er schon zuhörte. Jedoch vermutete sie, dass es bereits lange genug war.

„Dann werden sie ja auch verstehen, dass ich Jean und Rahel gegenüber so gut wie keine Geheimnisse habe."

Ray seufzte ergeben und nickte.

„Ray", fuhr Kai auf.

„Kai, es ist nicht so, als ob die beiden nicht bis zu einem gewissen Grad betroffen wären und, ob es dir passt oder nicht, sie dürften wohl die einzigen sein, denen Leila vertraut."

„Aber…" Ein Finger des Schwarzhaarigen legte sich über die Lippen Kais und erstickte jeden weiteren Protest.

„Sie werden nichts verraten", sagte er und schickte mental noch hinterher: ‚Es gibt Möglichkeiten es ihnen unmöglich zu machen.'

Nun schnaubte Leila.

„Was ist, wir würden doch tatsächlich nichts weiter sagen", wollte Jean wissen, dem es langsam zu bunt wurde. Da sprach man über sie beide und dann noch so, als seien sie überhaupt nicht anwesend.

„Entschuldigung", lächelte Ray versöhnlich bekam jedoch nur einen recht kühlen Blick. „Gibt es eigentlich etwas, dass du nicht mitbekommst?"

„Ja, Gedanken, die restlos verschlossen sind und nicht uns betreffen. Und nebenbei", sie wandte sich an Kai. „Es gibt ein paar Bilder und Erinnerungen, die ich nicht sehen möchte", meinte sie in einem recht beiläufigen Ton, der Kai die Stirnrunzeln ließ.

‚Ich verzichte freiwillig auf eine Piepshow, die wohl meine Zeugung darstellt', schickte sie mental hinterher, da sie das nicht laut sagen wollte. Kai jedoch grinste breit:

„Ach, wirklich nicht", und zauberte damit ein wunderschönes rot auf Leilas Wangen.

„Nein."

„Wie viele Gedanken bekommst du mit", wollte Ray wissen, den das nun wirklich interessierte.

„Alles. Alles was Personen denken – zumindest immer wenn es mich direkt oder indirekt, sprich meine Freunde, betrifft."

„Was ist mit Berührungen?"

„Was soll damit sein."

„Für mich waren sie schmerzhaft. Jedes mal wenn ich jemanden berührte strömte jedes noch so kleine Gefühl oder Geheimnis auf mich ein."

„Nein, das ist egal."

Eine Weile blieb es still, dann vernahmen sie ein leises knacken und an einer weiteren Stelle brach das Erdreich auf.

„Guten Abend", gähnte ihnen kurz darauf ein noch recht verschlafener Wuschelkopf entgegen.

Nach und nach wachten nun auch die anderen auf und während sie darauf warteten, packten die drei Freunde schon mal ihre Sachen zusammen, zündeten die anderen Windlichter wieder an und Leila erklärte ihnen leise, was es mit den Gefallenen auf sich hatte.

Yuki, der sich irgendwann auch zu ihnen Gesellte, und dem ebenfalls der Magen knurrte, wollte Jean gerade noch etwas von ihrer Wegzehrung anbieten, als dieser lächelnd ablehnte sich aber höflich erkundigte, was die drei denn gegessen hätten. Die Antwort jedoch verwirrte ihn eher, als alles andere.

„Frühmibrot."


A/N: Frühmibrot ist nichts anderes als FRÜHstück MIttag abendBROT