Die ersten Wochen des Schuljahres verliefen für Severus erstaunlich ruhig. Vielleicht zu ruhig.
Entgegen aller Erwartungen bekam er keine Flut von wütenden Elternbriefen für seinen neuen Unterricht. Draco verhielt sich ebenfalls nicht besonders auffällig oder machte Anstalten auf Dumbledore loszugehen. Selbst Potter hatte nur seine übliche große Klappe. Das einzige, was Severus dieser Tage verwirrte war, dass Slughorn den Jungen ständig lobte wegen seiner außerordentlichen Leistungen im Zaubertrankunterricht. Entweder war Horace Niveau während des Ruhestands extrem abgeflacht oder etwas ging nicht mit rechten Dingen zu. Aber warum sollte jemand – ob nun Slughorn oder Dumbledore – Potter ausgerechnet in Zaubertränke bevorteilen? Für Severus blieb es ein Rätsel, aber er würde schon noch dahinter kommen was sich da abspielte.
Und so zog selbst Halloween an ihnen vorbei, ganz ohne Zwischenfälle. Severus kümmerte sich in dieser Zeit um Dumbledore und versuchte herauszufinden, was dieses Ding war, das in diesem Horcrux lebte. In seiner umfangreichen Büchersammlung fand er jedoch nichts Vergleichbares. Selbst in der verbotenen Abteilung der Bibliothek von Hogwarts wurde er nicht fündig. Vermutlich waren sie tatsächlich die Ersten, die mit so etwas je zu tun hatten.
„Machen Sie sich nichts daraus, Severus.", sagte Dumbledore immer, wenn Severus offen über dieses Etwas in seinem Arm nachgrübelte. „Wir alle finden irgendwann unseren Meister."
Diese Antwort stellte Severus jedoch nicht im Geringsten zufrieden. Es musste eine Erklärung geben warum manche dieser Seelenteile sich offenbar richtig physisch manifestierten – so wie der Tom Riddle in der Kammer des Schreckens – und andere die Gestalt dieser schwarzen Masse hatten. Eines war sicher, wenn sie weitere Horcruxe finden und zerstören wollten, dann konnten sie jeder Zeit wieder diesem Etwas begegnen und darauf wollte Severus vorbereitet sein.
So verging die Zeit, ohne das Severus etwas Nützliches tun konnte. Bis zu dem Tag an dem Minerva völlig überhastet in sein Büro gestürmt kam. Severus war gerade dabei einige überfällige Arbeiten zu korrigieren und sah überrascht auf.
Minerva trug noch ihren karierten Reisemantel und ihre Jagdmütze, die sie immer ein wenig Sherlock-Holmes-mäßig erscheinen ließen. Sie klopfte sich Schnee und Matsch ab.
„Severus, kommen Sie schnell!", sagte sie und ohne auf ihn zu warten machte sie sich schon wieder davon.
Severus sprang auf und hastete ihr hinterher.
„Darf ich fragen, was los ist?", sagte er.
„Katie Bell wurde von einer Art Fluch getroffen.", entgegnete Severus.
Minerva antwortete ihm nicht sondern führte ihn in den Krankenflügel. Dort lag die Schülerin in einem Bett umringt von Freunden sowie Hagrid und Madam Pomfrey.
„Aus dem Weg! Los, macht das ihr weg kommt!", ging Severus die Menge an, die sich hier versammelt hatte.
Katie lag wie unter Krämpfen da und wand sich voller Schmerzen. Severus hätte schwören können, dass es sich um irgendeine Art verstärkten Cruciatusfluch handelte. Man konnte die Schmerzen damit bekanntlich steigen bis das Opfer einfach daran starb. Der hier schien aber verpfuscht worden zu sein.
„Poppy, holen Sie die Riemen. Das hier wird jetzt unschön, schicken Sie die anderen weg!", wies Severus sie an.
Hagrid und Minerva scheuchten die Schüler aus dem Krankenflügel, während Pomfrey ihm mehrere dickte Lederriemen brachte. Mit den Riemen schnallte er Katie an das Bett. Einer der Gürtel war mit einem Stück Holz versehen, den er ihr in den Mund zwischen die Zähne klemmte und festschnallte damit sie nicht erstickte bei der Prozedur. Severus legte ihr die Hand auf die Stirn und drückte ihren Kopf nach unten während er ihr einen Trank zur Schmerzlinderung einflößte. Er wollte sie schließlich nicht mehr quälen als notwendig.
Normaler Weise konnte man solche Flüche nur aufheben indem man den Anwender unterbrach. Da es jedoch keinen Anwender gab musste er ihn künstlich unterbrechen. Das hieß, dass er ihr als Gegenpol zum aktuellen Fluch das gleiche antun musste. Severus zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf Katies Brust.
„Crucio!", sagte er und sie wand sich trotz, dass sie sie festgeschnallt hatten. Severus hielt den Zauber einige Sekunden aufrecht. Ihr ganzer Körper erzitterte vor Schmerzen. Sie hätte geschrien, wenn sie nicht das Stück Holz im Mund gehabt hätte. Schließlich erstarben ihre Bewegungen und sie begann wieder normal zu atmen. Severus sah wie ihr Tränen die Wange hinunter liefen.
„Alles gut, Miss Bell.", sagte Severus und lockerte die Riemen. „Poppy, kümmern Sie sich um sie. Sie braucht jetzt vor allem Ruhe."
Er wandte sich von ihr ab und sah von Hagrid zu Minerva.
„Wie hat Sie das abbekommen?", fragte er sie eindringlich.
„Kommen Sie, wir haben die Schüler noch nicht befragt.", sagte Minerva.
Sie führte ihn in ein Klassenzimmer unweit des Krankenflügels. Als Severus eintrat stöhnte er unwissentlich laut auf. Es waren Harry Potter, Ron Weasley, Hermine Granger und eine Schülerin, deren Name ihm entfallen war. Sie hielt eine Pappschachtel in ihren Händen und schien völlig durch den Wind. Das Trio jedoch war gefasst.
„Warum sind es immer Sie drei, die in so etwas immer verwickelt sind?", fragte Severus.
„Ähm, also Professor Snape, das frage ich mich auch schon lange.", gab Weasley zu bedenken.
„Was ist passiert?", fragte Severus und verschränkte die Arme vor der Brust.
Die andere Schülerin reichte ihm die Pappschachtel.
„Katie sagte sie solle das jemanden geben. Dann hat sie es aber auf gemacht."
Severus öffnete die Schachtel und sah darin ein Amulett. Sicher war es verhext worden. Er zog den Zauberstab und unterzog es einigen magischen Tests. Wer immer dieses Ding verzaubert hatte war ein mittelmäßiger Zauberer und ein Idiot obendrein.
„Wem sollte sie es geben?", fragte Minerva, während Severus das Amulett begutachtete.
„Professor Dumbledore."
„Aber wer könnte …?", fragte Minerva eher sich selbst. „Nun danke, Sie können gehen."
Das Mädchen ging, doch das Trio blieb stehen.
„Es war Malfoy!", sagte Harry Potter plötzlich.
„Ach was, Sherlock?", rutschte es Severus heraus. „Und wie kommen Sie zu dieser Annahme, Potter? Oder sind das wieder Ihre einzigartigen Gaben, die nur der Auserwählte hat?"
„Intuition.", sagte Potter.
„Weil die sich bei Ihnen ja noch nie geirrt hat, richtig?", fragte Severus schnippisch.
„Es reicht! Beide!", ging Minerva dazwischen, bevor Potter antworten konnte. „Sie gehen in ihre Gemeinschaftsräume. Das wäre alles!"
Das Trio wagte es nicht ihrer Hauslehrerin zu widersprechen und verließ den Raum.
„Ich nehme das mit ins Labor.", sagte Severus und deutete auf die Schachtel. „Aber eines kann ich Ihnen jetzt schon sagen, das hat weder der Dunkle Lord noch irgendein Todesser verzaubert, sonst wäre Katie Bell jetzt tot."
Severus verließ Minerva und steuerte die Kerker an. Auf dem Weg dahin traf er auf Draco, der wie immer mit seiner Clique unterwegs war. Als er Severus sah hörte er plötzlich auf mit seinen Kumpels herum zu flaxen und wurde sehr ernst.
„Mister Malfoy, auf ein Wort!", sagte Severus.
Draco löste sich aus der Gruppe und kam auf ihn zu.
„Was ist, Professor?", fragte er.
„Nicht hier.", sagte Severus leise und ging mit ihm in einen leeren Raum. „Damit das gleich klar ist, ich weiß von deinem Auftrag."
„Na und?", sagte Draco und versuchte es lässig klingen zu lassen.
„Na und? Für einen Auftragskiller ist das aber keine gute Mentalität.", sagte Severus und reichte ihm die Schachtel mit dem Amulett. „Ich tu dir den Gefallen und lasse das verschwinden."
Draco sah von der Schachtel zu Severus und wieder zurück. Er wurde plötzlich ganz klein und still.
„Ich kann die helfen.", sagte Severus.
„Ich brauche deine Hilfe nicht.", entgegnete Draco. „Der Dunkle Lord hat mich auserwählt!"
„Ja, und wenn du scheiterst, dann tötet er nicht nur dich, sondern auch deine Familie? Willst du das?", fragte Severus.
„An meiner Familie kann man eh nichts mehr kaputt machen.", sagte Draco trotzig.
„Spiel hier nicht den starken Mann, Draco! Das ist todernst!"
„Ich schaffe das allein!", giftete der Junge ihn an.
Ohne ein weiteres Wort stiefelte Draco aus dem Raum. Warum waren die Kinder in diesem Alter nur so verdammt dickköpfig?
Severus hatte geschworen auf Draco aufzupassen und wenn das hieß ihn vor allem vor seiner eigenen Dummheit zu schützen, dann würde er das tun. Doch er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war. Draco hatte nur diese eine Chance, danach wären er und alle die ihm nahe standen Futter für die Würmer.
Am Abend stand Severus in Dumbledores Büro und verband dem alten Mann seinen Arm. Die schwarze Masse unter seiner Haut krabbelte jede Woche einige Zentimeter und hatte nun schon fast seine Schulter erreicht.
Minerva saß in einem der Sessel am Kamin.
„Albus, wir müssen etwas tun!", sagte sie eindringlich.
„Das war ein ziemlich halbherziger Anschlagsversuch. Wenn Sie mich fragen ist unser Attentäter nicht gerade bei der Sache. Wenn ich Sie wäre, Minerva, würde ich mir mehr Sorgen um die Schüler machen. Jemand der so schlecht zielt erschießt sicher irgendwann den Falschen."
Seit Severus' Besuch von Narzissa Malfoy bekommen hatte rang er damit, ob er Dumbledore einweihen sollte. Und nach dem Gespräch mit Draco hätte er das auch beinahe getan. Der Junge wusste nicht, was er da tat. Er war verblendet von Wut und Trauer seit sein Vater im Gefängnis saß.
„Aber Sie können das doch nicht so auf die leichte Schulter nehmen!", sagte Minerva.
„Warum? Weil mich jemand umbringen will? Wenn man davon absieht, dass ich sowieso schon tot bin, dann ist das bestimmt schon der sechsundfünfzigste Versuch von irgendjemanden mich töten zu wollen, wenn ich mich nicht verzählt habe."
Severus verband Albus' Arm fertig und sah die beiden an.
„Severus, was sagen Sie eigentlich dazu?", fragte Minerva. „Sie sind doch sonst nicht so still!"
Ihm war ganz schlecht. Entweder er weihte Dumbledore ein und riskierte, dass Draco aufflog und aufgehalten wurde oder er ließ Draco machen und riskierte, dass der Junge scheiterte. Das war eine echt beschissene Wahl!
„Ich glaube, ich muss ihnen beiden etwas beichten.", sagte Severus. Er zog den Ärmel seines rechten Armes hoch und zeigte ihnen die Narbe an seinem Handgelenk.
„Ein Unbrechbarer Schwur?", fragte Albus überrascht.
„Mit Narzissa Malfoy.", erklärte Severus. „Draco ist der Attentäter. Potters Intuition ist tadellos."
„Was? Aber … Sie?", stammelte Minerva.
„Voldemort hat Draco Malfoy zum Todesser gemacht. Und er hat ihm aufgetragen Sie zu töten, Albus. Seiner Mutter und auch mir war völlig klar, dass er das unmöglich bewerkstelligen kann.", sagte Severus.
„Und Sie haben zugestimmt ihn zu schützen?", schloss Dumbledore.
„Hören Sie, wenn Draco scheitert, dann stirbt nicht nur der Junge oder ich, sondern alle die ihm nur im Geringsten nahe stehen. Der Dunkle Lord hat kein Herz für Versager."
„Ich vermute das ist eine Art Bestrafung für Lucius' Scheitern im Ministerium.", sagte Albus.
„Richtig. Lucius sitzt in Askaban. Da kommt er nicht an ihn heran. Aber seine Familie, die steht ihm zur Verfügung.", sagte Severus.
„Was wollen Sie jetzt tun?", fragte Dumbledore.
„Sagen Sie es mir, Albus. Sie sind ja derjenige, der stirbt.", antwortete Severus.
„Ihnen bleibt nur eine Wahl und das wissen Sie.", sagte Dumbledore. „Sie müssen mich umbringen."
„Das kann nicht Ihr ernst sein!?", mischte sich Minerva ein.
„Hören Sie zu.", beschwor Albus sie. „Wenn Draco scheitert sterben er und Severus und wenn wir Draco aufhalten sterben sie ebenfalls. Und selbst wenn ihn nicht Voldemort erledigt, dann wird es der Unbrechbare Schwur an seinem Arm tun. Da hat Sie die gute Narzissa aber in eine Zwickmühle gebracht."
„Ist mir auch schon aufgefallen.", bemerkte Severus.
„Sie können unmöglich in Erwägung ziehen …!", ereiferte sich Minerva.
„Wenn die Zeit gekommen ist, Severus, dann müssen Sie mich töten. Ehrlich, es ist besser so. Ich will nicht wissen was dieser Horcrux oder gar die Todesser mit mir anstellen würden. Bei Ihnen kann ich mir wenigstens sicher sein, dass es schnell und schmerzlos passiert.", sagte Dumbledore.
Severus war damit alles andere als glücklich, aber jetzt, wo er es ihm endlich gesagt hatte, fühlte er sich befreit. Er hätte ihn ungern getötet, ohne zu wissen, dass das auch sein Wille gewesen wäre.
„Ihr beide seid verrückt!", sagte Minerva und erhob sich. „Verrückt!"
Sie verließ das Büro und knallte die Tür hinter sich zu.
„Sie wird darüber hinweg kommen.", sagte Albus.
Severus hoffte das wirklich, denn nichts war schlimmer als eine Minerva McGonnagal im Blutrausch.
