Am nächsten Morgen saß Severus vor dem Unterricht im Lehrerzimmer. Er überflog die neusten Meldungen im Tagespropheten. Wie es aussah ließ Scrimgeour als Minister den harten Auroren raus hängen und ging hart gegen Todesser oder die, die er dafür hielt vor. Nach der Schlappe mit Fudge wollte das Ministerium jetzt natürlich Stärke demonstrieren. Außerdem betonten sie gefühlt jeden zweiten Tag wie sehr sie hinter dem Auserwählten Harry Potter standen. Severus konnte es beinahe nicht mehr hören. Auserwählter hier, Auserwählter da! Das bekanntwerden des vermeintlichen Inhalts der Prophezeiung hatte Potter auf die Titelseiten der Zeitungen katapultiert, obwohl sie kurz vorher noch als Lügner diffamiert hatten.
Minerva bedachte ihn die ganze Zeit mit einem finsteren Blick sagte aber kein Wort. Severus hoffte sie würde sich bald wieder einkriegen, es war ja schließlich nicht seine Schuld, dass Dumbledore dem Tode geweiht war.
Slughorn betrat das Lehrerzimmer und machte eine ausschweifende Geste.
„Liebe Kollegen", sagte er. „wie einige von Ihnen vielleicht wissen veranstalte ich ab und zu ein paar kleine Geselligkeiten und ich würde mich wirklich außerordentlich freuen, wenn Sie zu meiner diesjährigen Weihnachtsfeier kommen würden."
Severus kannte Horace noch als seinen Hauslehrer als er selbst noch in Hogwarts war. Damals suchte er sich besondere Schüler aus, die er in seinen Slug-Club einlud. Eine Art persönlicher Beliebtheitsclub von Slughorn. Severus war nie Teil davon, hatte aber auch nie Interesse daran. Und im Grunde war das auch der Grund warum Horace Slughorn hier war. Vor fast fünfzig Jahren hatte er schließlich schon einmal einen ganz besonderen Schüler in diesen Club aufgenommen: Tom Riddle. Dumbledore hoffte, dass Riddle ihn in seine Pläne zu den Horcruxen irgendwie eingeweiht hatte. Ihn vielleicht die Standorte verraten hatte oder ähnliches. Severus sah diesbezüglich eigentlich schwarz. Slughorn war ein Geselligkeitstier und vor allem konnte er kaum ein Geheimnis für sich behalten. Hätte Riddle ihm irgendwas relevantes verraten, dann wäre es ihm sicher schon längst raus gerutscht.
„Vergessen Sie nicht jemanden mitzubringen, es ist schließlich Weihnachten.", hickste Slughorn überschwänglich.
Severus faltete die Zeitung zusammen und erhob sich. Er musste ohnehin zum Unterricht und konnte so zumindest Slughorn entkommen. Er hatte mit seinem alten Lehrer bisher kaum ein Wort gewechselt und ehrlich gesagt war es ihm auch unangenehm. Severus wusste noch was er für ein Idiot als Schüler war – und er war heute noch ein Idiot, wenn man es genau nahm. Fachlich konnte ihm kaum jemand das Wasser reichen, doch menschlich hatte er schon immer Probleme gehabt. Und Slughorn war jemand, der ihm deutlich zu sehr menschelte. Als Schüler hatte er oft schlimme Auseinandersetzungen mit ihm gehabt. Meist wegen seines Verhaltens. Wenn er ihn jetzt wieder um sich hatte fühlte Severus sich als wäre er wieder ein Teenager und wartete darauf das man ihm wegen seines unmöglichen Verhaltens Punkte abzog.
Severus ging in seinen Unterrichtsraum, wo bereits die Sechstklässler auf ihn warteten. Sie waren immer noch bei den ungesagten Zaubern, doch immerhin schon beim deutlich praktischeren Teil. Viele Magier waren ohne ihren Zauberstab fast wie Invaliden. Ungesagte Zauber fühlten sich daher oft an als müsse man als Erwachsener das Laufen oder Sprechen neu lernen. Tatsächlich lernten die Schüler es verhältnismäßig schnell. Selbst Longbottom stellte sich hier recht gut an, wenn er denn mal vergaß, dass Severus im Raum war.
Heute stellte er die Schüler paarweise auf. Sie sollten sich gegenseitig ungesagt entwaffnen. Das funktionierte auch bei den meisten.
„Expilliarmus!", hörte er dann doch jemanden sagen.
Es war Potter.
„Potter, was glauben Sie warum es ungesagte Zauber heißt?", fragte Severus.
„Das ist mir so raus gerutscht.", sagte der Junge.
„Sollte es aber nicht.", kommentierte Severus.
„Ja.", knurrte Potter und rollte mit den Augen.
„Ja, Sir.", berichtigte Severus ihn.
„Sie müssen mich nicht Sir nennen.", antwortete Potter vorlaut.
Severus verpasste ihm reflexartig einen Schlag auf den Hinterkopf. Der Junge verzog das Gesicht und Severus ging weiter.
Am Ende der Stunde waren sie immerhin so weit, dass die meisten ihren ungesagten Entwaffnungszauber beherrschten. Nach der Stunde bekam Severus überraschenden Besuch von Minerva. Er bereitete sich schon darauf vor von ihr ein Donnerwetter zu hören wegen der Sache von gestern, doch erneut überraschte sie ihn.
„Wären Sie bereit mich auf die Weihnachtsfeier von Horace zu begleiten?", fragte sie.
„Bitte was?", sagte Severus völlig irritiert.
„Sie haben schon richtig gehört.", entgegnete Minerva.
„Also ich … äh ..."
„Sie können sich eh nicht drücken, schließlich hat er das gesamte Kollegium eingeladen.", sagte Minerva.
„Ich frage mich nur warum Sie damit zu mir kommen.", antwortete Severus.
„Zu wem denn sonst?", fragte Minerva zurück.
„Ich dachte nur Sie wären immer noch sauer."
„Oh, das bin ich auch. Sie und Albus bringen mich um meinen letzten noch vorhandenen Nerv! Aber ich bin auch eine Dame, wie Sie mal so schön bemerkten, und als solche kann ich eigentlich nur Sie fragen."
Severus starrte sie für einen Moment komplett abwesend an. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das erinnerte ihn an früher als die Mädchen die Jungs fragen mussten, ob sie mit einen gehen wollen. Dieses ganze zwischenmenschliche Theater brachte ihn ja immer aus der Fassung.
„Sagen Sie einfach ja.", forderte Minerva ihn auf.
„Ja?", machte Severus unsicher.
„Schön, dann wäre das geklärt.", sagte sie und ging aus dem Raum.
Severus blieb völlig verunsichert zurück.
Als Severus am Weihnachtsabend Minerva im Flur vor Slughorns Büro traf hatte er sich extra etwas in Schale geworfen. Er trug Hemd und Krawatte über das er ein schwarzes Jackett geworfen hatte und dazu seine übliche schwarze Robe. Severus wollte wenigstens so tun als gehöre er hier her.
„Sie hätten sich ruhig etwas fröhlicher kleiden können.", sagte Minerva, die in einem grünen Kleid auf ihn wartete. Ihm fiel auf, dass es das selbe Kleid war, dass sie schon vor zwei Jahren auf dem Weihnachtsball trug.
„Das ist fröhlich.", antwortete Severus.
Minerva reichte ihm ihren Arm und er ergriff ihn. Auch wenn es eigentlich sie war die ihn führte, denn Severus fühlte sich auf solchen Veranstaltungen immer gänzlich unwohl und wäre Minerva nicht gewesen, dann hätte er sich an diesem Abend wohl irgendwo in den Kerkern versteckt.
Als sie Slughorns Party betraten schallte ihnen Musik entgegen. Dicker Dunst schwebte über der Feierlichkeit. Severus ließ seinen Blick durch die Menge schweifen. Er entdecke fast alle Lehrer außer natürlich Dumbledore. Die Schüler bestanden fast alle aus Horaces Slug-Club und deren Mitbringsel. Dazu hatte er wohl noch irgendwelche Bekannten eingeladen, die Severus aber alle nichts sagten. Er entdeckte auch Potter, Weasley und Granger. Natürlich umgab sich Slughorn mit den dreien. Ihr Ruhm sollte schließlich abfärben.
„Minerva, schön Sie zu sehen.", sagte Horace mit knallrotem Kopf und einem Glas Portwein in der Hand. „Ach, und Severus … schön, schön, ich muss Ihnen jemanden zeigen."
Slughorn packte Severus an der Schulter und schob ihn durch die Menge ausgerechnet zu Harry Potter.
„Sie beide muss ich sicher nicht einander vorstellen.", sagte Horace hocherfreut.
„Hmm-hmm.", machte Severus nur. Potters Blick huschte zwischen Severus und Slughorn hin und her.
„Wussten Sie, dass Mister Potter hier der beste Schüler ist, den ich jemals in Zaubertränke unterrichtet habe?", sagte Slughorn. „Er hat mir erst neulich einen völlig tadellosen Trank des lebenden Todes gebraut! Ich fürchte, er ist sogar besser als Sie, Severus, und das will was heißen!"
„Ach was?", fragte Severus und musterte Potter.
„Ja!", pflichtete Slughorn ihm bei. „Außerordentlich, nicht wahr? Selten so ein Naturtalent erlebt!"
In Potters Blick lag etwas Unangenehmes. Nicht die übliche Verachtung mit der er Severus sonst bedachte. Viel eher schien ihm die Anwesenheit seines ehemaligen Zaubertranklehrers zu verunsichern. Severus ahnte ja schon lange das etwas mit Potters plötzlichen Wandel in dem Fach nicht stimmte. Sein Verhalten und Horace ausschweifende Erzählungen von Potters unglaublichen Talent ließen ihn erneut aufhorchen. Es war nicht logisch zu erklären wie Potter es in einem halben Jahr geschafft hatte Klassenbester zu werden, wo er doch in Severus' Unterricht gerade so das Mittelmaß geschafft hatte.
„Und Sie sind sich sicher, dass Mister Potter das ganz allein bewerkstelligt hat?", fragte Severus.
„Ich weiß, es ist schwer zu akzeptieren, dass es jemand so weit schafft ohne offensichtliche Hilfe, aber ich kann Ihnen versichern, dass Harry hier ein wahrer Meister seines Faches ist. Stimmt es nicht, Mister Potter?", sagte Slughorn beschwipst.
„Ähm, genau.", sagte Potter.
„Und so bescheiden.", fügte Slughorn hinzu.
„Horace, wenn Sie mich entschuldigen würden ...", sagte Severus und wandte sich aus Slughorns Griff.
Er ging durch die Menge zu dem Buffet und schenkte sich einen großen Scotch ein. Severus schüttelte in Gedanken den Kopf. Entweder war Slughorn komplett besoffen oder Potter hatte irgendeinen Weg gefunden ihn an der Nase herumzuführen. Klassenbester? Sogar besser als Severus? Das gehörte definitiv zu den Dingen, die schon rein physikalisch komplett unmöglich waren! Aber so was von!
„Stimmt etwas nicht mit Ihnen?", fragte Minerva, die sich zu ihm gesellte.
„Können Sie mir erklären wie es Harry Potter geschafft hat in so kurzer Zeit so ungeahnte Fähigkeiten in der Alchemie zu entwickeln?", fragte Severus und trank seinen Schnaps.
„Unglaublich, nicht wahr? Vielleicht brauchte er nur einen etwas verständigeren Lehrer?", sagte Minerva.
Severus schüttelte energisch den Kopf.
„Wenn ich eines weiß, dann das dieser Junge niemals über das Mittelmaß kommt! Lehrer hin oder her!", sagte Severus.
„Sie können ihm ruhig mal etwas Glück zugestehen.", sagte Minerva.
„Glück? Mit Glück hat das nicht das Geringste zu tun! Irgendetwas ist da mächtig faul und ich werde herausfinden was es ist!"
„Jetzt seien Sie nicht so griesgrämig!", sagte Minerva zu ihm. „Genießen Sie doch einfach die Feier."
Ein als Kellner angeheuerter Schüler brachte ihnen ein Tablett mit etwas das verdächtig nach den Hoden eines Tieres aussah.
„Sind das etwa Drachenbällchen?", fragte Minerva.
„Ja, Ma'am.", antwortete der Kellner.
Minerva schnappte sich einige davon.
„Das essen Sie nicht ernsthaft?", fragte Severus sie.
„Meine Mutter machte immer die besten Drachenbällchen weit und breit.", erklärte Minerva.
„Ihr verrückten Schotten.", meinte Severus.
„Sie war Irin.", betonte Minerva und aß ihre gerösteten Drachenhoden mit einem Genuss wie ihn wohl nur wahre Kenner erfahren konnten.
Severus bemerkte plötzlich einen Tumult weiter vorn. Der Hausmeister Filch zerrte jemanden am Kragen seines Umhangs wie einen Gefangenen zu Slughorn. Es war Draco.
„Entschuldigen Sie mich.", sagte Severus zu Minerva.
„Ich habe diesen Schüler draußen beim herumlungern erwischt!", knurrte Filch.
„Aber, aber, doch nicht so grob. Es ist Weihnachten!", sagte Slughorn, der inzwischen mehr als nur etwas beschwipst war.
„Mister Filch, entschuldigen Sie, ich kümmere mich um diesen Schüler.", sagte Severus.
„Seien Sie nicht hart zu ihm.", ermahnte ihn Slughorn.
„Was ich mit meinen Schülern mache ist immer noch meine Sache, Professor.", sagte Severus und packte Draco am Umhang. Er schob ihn nach draußen auf den Flur.
„Was sollte das gerade?", fragte Severus ihn.
„Nichts.", meinte Draco.
„Ach komm, markier nicht den harten!", sagte Severus und stieß ihn gegen die Wand.
„Was geht dich an, was ich in meiner Freizeit mache?", knurrte Draco ihn.
„Jetzt hör mal zu ...", sagte Severus scharf. „... die anderen beeindruckt es vielleicht, wenn du den harten Kerl spielst, aber bei mir kommst du damit nicht weit! Und sage ich dir nicht als Lehrer, sondern als dein Pate!"
„Du brauchst mich nicht bemuttern!", sagte Draco.
„Doch, genau das muss ich, weil du dich nämlich aufführst wie ein Kind, dass den ernst der Lage nicht begreift!"
Draco verdrehte genervt die Augen und sah zu Boden.
„Mein Angebot steht noch.", sagte Severus. „Ich kann dir helfen, aber du musst dir auch helfen lassen!"
„Und warum sollte ich?", fragte Draco stur.
Severus drückte ihn gegen die Wand.
„Ich habe deiner Mutter geschworen, dass ich dafür sorge, dass du das hier überlebst! Ich habe den Unbrechbaren geschworen! Wenn es nur darum ginge, dass du dich selbst umbringst wäre das nicht mein Problem, aber du ziehst da jeden mit rein, der dich liebt! Narzissa ist krank vor Sorge um dich und deinen Vater wegen alldem! Und du tust so als ginge dich das alles nichts an! Verflucht, benutze deinen Kopf!"
Severus ließ ihn los und ging einige Schritte auf und ab.
„Hat das Mutter so gesagt?", fragte Draco.
„Mehr als deutlich!", antwortete Severus. „Du weißt, dass du die Aufgabe die dir der Dunkle Lord gestellt hat niemals fertigbringen kannst. Und Voldemort weiß das auch. Er weiß, dass er einen dummen Jungen auf eine Selbstmordmission geschickt hat. Wahrscheinlich sitzt er jetzt gerade da und lacht sich halb tot!"
„Aber es ist meine Aufgabe.", sagte Draco leise.
„Glaubst du ernsthaft, es nützt deinem Vater auch nur irgendetwas, wenn du dich aus lauter Dummheit abschlachten lässt?", fragte Severus.
„Du glaubst also ich bin zu dumm, um das zu schaffen?"
„Nein, du bist nicht zu dumm, du bist nur zu jung.", entgegnete Severus. „Draco, begreif das doch, alles was er dir versprochen hat ist eine Lüge."
„Du glaubst also nicht an den Dunklen Lord, richtig?", fragte Draco.
„ICH GLAUBE, DASS WIR DIESEN VERDAMMTEN KRIEG ÜBERLEBEN MÜSSEN!", schrie Severus ihn an.
Draco rannte davon.
„Draco, bleib stehen! Draco!", rief Severus ihm hinterher, doch es war zu spät. Draco war fort.
