Die Todesser am langen Tisch des Dunklen Lords waren in heller Aufregung. Waren die Gerüchte wahr? War Albus Dumbledore tot? Der Dunkle Lord trat an seinen Stuhl heran und lächelte.
„Albus Dumbledore ist tot!", sagte er lachend.
Das aufgeregte Gemurmel der Todesser erstarb jäh.
„Ja, ihr habt richtig gehört. Der große Hexenmeister Albus Dumbledore hat das zeitliche gesegnet!"
Voldemort lachte aus voller Kehle als könne er selbst sein Glück kaum fassen. Schließlich wurde er wieder ernst und setzte sich auf seinen angestammten Platz.
„Und das alles haben wir ihm zu verdanken!", sagte Voldemort und deutete über den Tisch auf Draco. „Mir fällt bestimmt eine schöne Belohnung für dich ein, junger Malfoy. Hauptsache ist, dass dieses Hindernis aus dem Weg geräumt wurde. Pius, wie steht es mit der Übernahme des Ministeriums?"
Pius Thicknesse war ein aristokratischer Schleimer wie er im Buch stand. Er saß da in Nadelstreifenanzug und Krawatte. Sein langes Haar zu einem Schwanz gebunden und mit einem Zwirbelbart wie bei einem schwarzen Magier aus dem Klischee eines Kinderbuches. Obendrein hatte er Jahre damit verbracht das Ministerium von Innen auszuhöhlen mit einem Netzwerk von Informanten.
„Sehr gut, mein Lord.", sagte Pius. „Rufus Scrimgeour glaubt er habe die Auroren hinter sich, doch da irrt er sich, denn es sind in Wahrheit meine Auroren."
„Dann kann es beginnen. Unverzüglich.", entgegnete Voldemort. „Jetzt bleibt nur noch ein Problem und ihr wisst alle wie dieses Problem heißt! Harry Potter! Jetzt da Dumbledore tot und das Ministerium quasi in unseren Händen ist wird er sich nicht länger verstecken können! Und selbst wenn er wegläuft! Wir jagen ihn! Zur Not bis ans Ende der Welt! Ich will diesen Jungen haben und wenn es soweit ist, dann will ich sehen wie das Licht aus seinen Augen erlischt, ist das klar? Sollte es jemand wagen ihn vor mir anzurühren, dann werde ich nicht nur ihn töten, sondern auch seine Kinder und seine Kindeskinder! Ich werde denjenigen, der sich mir widersetzt auslöschen, auf das sein Blut vollkommen aus der Geschichte getilgt wird!"
„Ja, mein Lord.", sagten die Todesser.
„Damit wäre das klar.", sagte Voldemort. „Geht nun."
Die Todesser erhoben sich und verließen den Raum.
Severus Snape brachte Draco zurück in das Haus der Malfoys. Narzissa wartete bereits auf sie. Sie umarmte ihren Sohn überschwänglich.
„Ich dachte schon euch sei etwas passiert!", sagte Narzissa.
„Alles in Ordnung.", sagte Severus.
„Der Dunkle Lord, was hat er gesagt?", fragte sie.
„Er war hocherfreut. Sicher wird man euch belohnen.", antwortete Severus.
Narzissa ließ von Draco ab und trat auf Severus zu.
„Und Lucius?", fragte sie.
„Dazu hat er nichts gesagt, aber wenn das Ministerium erst einmal in den Händen der Todesser ist wird man sicher eine Generalamnestie für alle gefangenen Getreuen des Dunklen Lords in Betracht ziehen.", sagte Severus.
Narzissa sah ihn an. Sicher ahnte sie etwas.
„Draco, bitte lass uns allein.", sagte sie zu ihrem Sohn.
Draco sah von seiner Mutter zu Severus, doch er sagte nichts, sondern ging einfach.
„Was hast du vor?", fragte Narzissa leise. „Ich kann es dir ansehen."
„Nichts, was dich oder deine Familie diskreditieren würde. Ich bin froh, meinen Teil unserer Abmachung erfüllt zu haben. Das ist alles.", sagte Severus.
Er zog den Ärmel seines Hemdes nach oben und zeigte ihr die Narbe des Unbrechbaren Schwurs.
„Damit ist unser Pakt vollendet.", sagte Narzissa.
Sie umgriff sein Handgelenk. Die Zunge aus Feuer umschlang ihrer beider Hände und löste sich schließlich auf. Die Narben, die sie beide kennzeichneten verblassten innerhalb weniger Augenblicke. Der Unbrechbare Schwur war erfüllt. Alles war getan.
Severus nickte ihr zu und drehte sich um.
„Severus ...", sagte Narzissa als er gehen wollte. „... tu nichts unvernünftiges."
„Würde ich nie.", antwortete Severus über die Schulter und verließ Malfoy Manor.
Es war ungewiss, ob sie sich je wiedersehen würden.
Severus saß an seinem Schreibtisch im Büro seines Bunkerverstecks. Vor ihm lag der Brief, den ihn Dumbledore vor seinem Tod gegeben hatte. Er hatte bis jetzt nicht den Mut gefunden ihn zu öffnen. Severus schnitt den Umschlag mit einem Messer auf und entfaltete das Pergament darin.
Werter Severus,
Wenn Sie das lesen bin ich bereits tot. Nach meinem Dahinscheiden wird Minerva meinen Posten in Hogwarts übernehmen. Ich glaube, dass Sie damit zufrieden sein werden, da Sie ja ohnehin nie wert darauf legten im schulischen Betrieb weiter zu verbleiben. Das einzige, was ich Ihnen ans Herz legen möchte – ich weiß, dass ich Sie nun zu nichts mehr zwingen kann -, dass Sie sich um Harry Potter kümmern. Voldemort wird, nun da ich nicht mehr da bin, nichts unversucht lassen ihn zur Strecke zu bringen. Der Junge braucht Ihre Hilfe genauso sehr wie Sie seine brauchen werden, auch wenn Sie das jetzt vielleicht noch nicht so sehen mögen. Beschützen Sie ihn, suchen Sie die Horcruxe und beenden Sie es ein für alle mal. Auch wenn wir unsere Differenzen hatten, ich habe Sie immer respektiert. Lassen Sie mein Opfer nicht umsonst gewesen sein.
Hochachtungsvoll,
Albus Dumbledore
Severus wusste nicht warum, aber er musste auf einmal anfangen zu weinen wie ein kleines Kind. Unter Tränen zerriss er den Brief und warf ihn in den Abfall. Er stützte sich auf seine Arme und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Severus erhob sich und ging zum Schrank. Er holte eine Flasche Whiskey daraus hervor und schenkte sich ein Glas ein, dass er sogleich auf Ex leerte.
Es klopfte an der Tür.
„Ja.", sagte Severus mit schwacher Stimme.
Jennifer trat ein. Sie sah zu ihrem Mann und nahm ihn in die Arme. Severus vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter und weinte. Sie belastete ihn nicht weiter mit Worten, sondern strich ihm nur sanft über den Kopf. Schließlich löste sich Severus von ihr und ließ sich auf dem Bett nieder. Er rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf.
„Womit habe ich das alles nur verdient?", sagte Severus leise.
Jennifer setzte sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Schultern. Sie antwortete nicht auf seine Verzweiflung, sondern hielt ihn bloß fest. Jennifer wusste, dass es keinen Sinn hatte auf ihn einzureden, wenn er in diesem Zustand war. Und so saßen sie beide für lange Zeit nur so da. Severus weinte leise vor sich hin. Seine Frau strich ihm sanft die Strähnen aus dem Gesicht und über unrasierte Wange. Sie würde nicht sagen „Alles wird gut.", denn sie wussten beide, dass es das nicht würde. Die Finsternis, die jetzt heraufzog würde alles bisher dagewesene in den Schatten stellen.
